Donnerstag, 19. Januar 2012

Kafka am Strand - Haruki Murakami

Dieses war zwar mein erster „Murakami“ aber ganz gewiss nicht der letzte! Jedoch werde ich meinen nächsten nicht sofort in Angriff nehmen. Denn, obwohl mich „Kafka am Strand“ begeistert hat, benötige ich nun erst einmal ein wenig Abstand zu Murakamis phantasievoller Gedankenwelt. Denn einfach zu verstehen ist diese Geschichte keinesfalls. Sie ist eine, über die man am Liebsten mit anderen Lesern noch lange und ausführlich diskutieren möchte, genauso wie nach einem gut gemachten Film, den man zusammen im Kino sah, bei dem Fragen offen bleiben und wohl auch keine einfachen Antworten zu finden sind.

Die hier niedergeschriebene Geschichte zu beschreiben, fällt wirklich nicht leicht. Zwei Handlungsstränge verlaufen parallel, man ahnt dann auch bald einen Zusammenhang zwischen beiden, und auch die Zeitebene wechselt von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück. Aber dies ist überhaupt nicht das Verwirrende, im Gegenteil, es macht den Roman durchaus spannend. Schwierig sind zwar auch einige der Dialoge (bei mehrmaligem Lesen eröffnet sich jedoch schnell der tiefere Sinn, meistens jedenfalls) wirklich kompliziert wird es aber erst im weiteren Verlauf des Buches.

Dabei fängt alles ganz harmlos an, als man erfährt, dass der alte Nakata mit Katzen sprechen kann (später lässt er dann aber auch Blutegel und Sardinen vom Himmel regnen). Das macht ihn, der ein wenig verwirrt durchs Leben geht, irgendwie richtig sympathisch. So wie überhaupt die meisten Figuren wirklich nette, wenn auch ziemlich eigene Charaktere sind. Mystisch (und bis zum Ende nicht aufgelöst) ist die Geschichte, in der Nakata als kleiner Junge mit 30 anderen Kindern in eine Ohnmacht fällt, aus der er dann als einziger mit bleibenden Schäden (nämlich seiner auf den ersten Blick dümmlichen aber in Wahrheit wunderbar schön kindlich-naiven Art) und ohne Erinnerungen an sein vorheriges Leben erwacht. Auch der 15-jährige Kafka Tamura ist, obwohl ziemlich verschroben und einsiedlierisch, ein wirklich guter Kerl. Der stärkste 15-jährige der Welt muss er sein, sagt er sich immer wieder. Dass er überaus gern liest und viel Zeit in Bibliotheken verbringt, ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum ich ihn von Anfang an so mochte. Aus nicht näher erläuterten Gründen flieht er aus Tokyo, wo er zusammen mit seinem Vater in einem Haus lebt, diesen aber äußerst selten und nur ungern zu Gesicht bekommt. Im Bus Richtung Süden freundet er sich mit einer ebenfalls sehr sympathischen jungen Frau an. Anrührend, wie Sie, die einen festen Freund hat und daher keinesfalls fremdgehen würde, den viel jüngern Kafka in ihr Bett lässt um ihn mit ihren geschickten Händen auf liebevoller Art Erleichterung zu verschaffen. Nur um ihn daraufhin sofort wieder in seinen eigenen Schlafsack zu schicken. Dass es sich wohl um seine Schwester handelt, die vor vielen Jahren mit der Mutter das elterliche Haus verlassen hat, erfährt man später, als er von einer Art Fluch berichtet, den ihm sein Vater auferlegt hat. Darin heißt es, er werde mit seiner Schwester und mit seiner Mutter schlafen. Letzteres geschieht tatsächlich: Die grazile Saeki-san, Chefin der kleinen Privat-Bibliothek (die so wunderbar beschrieben wird, dass ich mich genau dort hin wünsche) in der Kafka Unterschlupf und für einige Wochen ein neues zu Hause findet, hat es ihm angetan, obwohl sie ca. 35 Jahre älter ist als er. Auch sie hat etwas sehr Geheimnisvolles an sich, das eng mit Kafka verbunden ist, und kommt mehrfach nachts in sein Bett. Und dies, obwohl er ahnt – und es ihr auch zu Verstehen gibt – dass sie seine Mutter ist.

Neben den äußerst seltsamen und irgendwie überirdischenen Gestalten Johnny Walker und Colonel Sanders (das ist der bärtige Mann, der an jedem Kentucky Fried Chicken Imbiss zu sehen ist) lernen wir noch zwei weitere wichtige Personen kennen. Dies sind der LKW-Fahrer Herr Hoshino und der liebenswerte Oshima, welcher in der Bibliothek arbeitet und sich sofort des dort gestrandeten jungen Kafka Tamura annimmt. Auch Oshima ist, wie eigentlich alle auftretenden Personen, anders ist als die Anderen: Sich als Mann fühlend aber in einem zierlichen Frauenkörper fast ohne Brust und ganz ohne Penis lebend, fühlt er sich zu Männern hingezogen. Ist er demnach eine schwule Frau? Ein Transvestit? Völlig egal. Oshima erklärt dem jungen Ausreisser voller Geduld die schwierigsten Zusammenhänge des Lebens und der Liebe, öffnet diesem die Augen und bringt ihn, als die Polizei ihn sucht, weil er möglicherweise etwas mit dem Mord an seinem Vater zu tun hat – was in der Tat nicht ganz von der Hand zu weisen ist – in eine abgelegene Berghütte. Ganz Einsiedler, verbringt Kafka hier viele Tage ganz allein mit Lesen, Sport, ausgedehnten Expeditionen, die ihn bis in eine Parallelwelt führen, und Träumen. Beneidenswert, dieses einfache Leben inmitten der Natur!

In der Parallelgeschichte lernt der alte Nakata den jungen Herrn Hoshino kennen, der ihn von der Straße aufliest und sehr von dessen seltsamer Sprache und unkonventioneller Art beeindruckt ist. Dies führt dazu, dass er seinen LKW stehen lässt, sich bei seinem Chef abmeldet und mit Nakata zusammen auf Reisen geht. Was genau dieser sucht, weiß keiner von beiden, dass sie es zusammen finden werden, wissen alle von Anbeginn an: Nakata, Hoshimo und wir, die Leser. Es ist die Bibliothek, in der die schöne Saki-san friedlich und für immer einschlafen wird, nachdem sie ein, vor dem  Publikum nicht offenbartes, Gespräch mit Nakata geführt hat. Welcher im Übrigen anschließend ebenfalls in den ewigen Schlaf verfallen wird. Was es bedeutet, dass dann ein grünes Ungeheuer aus Nakatas totem  Mund austritt, mit dem Hoshimo kämpft, damit „der Eingang“ (in eine andere, eine parallele Welt?) wieder geschlossen wird, dies gehört zu den zahllosen, phantastischen Geheimnissen dieses fesselnden, eigenartigen, großen Buches.

Und diese Sprache!!! Wie schön Murakami über die Liebe schreibt, die Kafka zu Saeki-san empfindet: „Du malst Dir aus, was sie jetzt gerade tut… Du stellst Dir vor, dass sie allein in ihrer Wohnung ist, und siehst einzelne Szenen vor Dir – sie wäscht, sie kocht, sie putzt, sie macht Einkäufe. So lange, bis der Gedanke, dass Du hier festsitzt, Dir den Atem nimmt. Du möchtest Dich in eine kühne Krähe verwandeln und diese Berghütte verlassen. In den Himmel fliegen, über die Berge, dich vor ihrem Haus niederlassen und ihr für alle Ewigkeit zusehen“.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Das wird mein Jahr

...stand nicht auf meiner Bücherliste, weil ich weder davon gehört noch darüber gelesen hatte und mir auch niemand empfahl, es mir vorzunehmen. Nein, ich bekam Sascha Langes zweiten Roman zu Weihnachten geschenkt. Und begann mit sehr kritischer Haltung darin herumzublättern. Warum? Weil mich sein Erstlingswerk, in dem es ausschließlich um Westpakte und Depeche Mode ging, nicht nur nicht vom Hocker gerissen hatte, sondern ich ziemlich enttäuscht darüber gewesen war. Daher freue ich mich umso mehr, an dieser Stelle nun verkünden zu dürfen, dass Sascha (ein Jugendfreund, kurzzeitiger Bandgenosse und konspirativer Entwickler der von mir aufgenommenen Fotos einer Leipziger Demonstration vom Mai '89 samt Stasispitzeln) sich weiterentwickelt hat. Zwar strotzt auch dieser Wenderoman von, mir leider unbekannten, Musiktiteln und Bands. Dies spricht aber nicht unbedingt gegen den Autor (dessen hauptberufliche Historiker-Tätigkeit nun einmal mit Jugendkulturen eng verquickt ist) sondern ist sicher auch ein Zeichen meines zur damaligen Zeit noch nicht einmal ansatzweise entwickelten Musikgeschmacks. Dafür ist es mir sehr leicht gefallen, mich in die Gedanken- und Gefühlswelt des Ich-Erzählers Friedemann Blumenstrauß (für diese schöne Namens-Kreation ein großes Lob, Sascha!) hineinzuversetzen. Denn es gibt erschreckend viele Parallelen zwischen Friedemann, mir und dem Autor. Auch ich war im Sommer 1989 in Ungarn und habe mich dort mit Freunden aus der BRD (sagt man ja heute gar nicht mehr) getroffen. Auch ich war zu dieser Zeit in eine Anke verliebt. Auch ich habe heimlich und nur mit einer Taschenlampe bewaffnet ein paar Gegenstände aus einer Wohnung geholt, deren Besitzer über Ungarn in den Westen geflüchtet war, bevor die Stasi anrückte. Hier hören zwar die Gemeinsamkeiten auf, denn ich ging weder sofort nach der Maueröffnung in den Westen (hätte es aber sicher Friedemann gleich getan, wäre auch in meinem Briefkasten die Einberufung zur Nationalen Volksarmee gelandet), noch baute ich je Gras an (Friedemann war als Gärtner geradezu prädestziniert dazu, im Auftrag eines Dorgendealers den Dachboden seiner auf der Esslinger Gärtnerei, in der er arbeitete, befindlichen Wohnung mit Unmengen von Pflanzkübeln und Kunstlicht auszustatten, was ihm jedoch mehr Ärger als Glück einbrachte). Ich warf auch nie mit Pflastersteinen auf Polizisten, die ein von mir und meinen Kumpels besetztes Berliner Haus räumten und hatte nie eine ältere, erfahrene Geliebte, die mich als Grünschnabel in die Geheimnisse der Liebe einführte. Dafür mußte ich zum Glück auch nie mit ansehen, wie die Bullen mit ihren schweren Einsatzfahrzeugen meinen geliebten VW-Campingbus zerstörten. Kurzum, ein Roman für alle, die Ihre Jugend gerade abschlossen, als es mit der DDR bergab ging und die das uns damals vereinnahmende Gefühl von Freiheit aber auch das von Ernüchterung ob der Tatsache, dass "im Westen" auch nicht alles Gold ist was glänzt, noch einmal nachvollziehen möchten, ohne in Ostalgie zu verfallen. Ob auch andere Zielgruppen wirklich großen Gefallen an dieser, doch recht einfach gestrickten und ohne spannende Wendungen oder Ideen dahin plätschernden Geschichte finden werden, kann ich nicht sagen, wiewohl ich es Sascha Lange natürlich wünsche. Der Aufbau-Verlag (der zufälligerweise auch die Bücher des lokal bekannten Autoren-Vaters, Kabarettisten UND ehemaligen Gärtners (!) Bernd Lutz Lange verlegt, an den ich mich dann wohl nach Fertigstellung meines Erstlingswerkes voller Zuversicht wenden werde) wird schon gut kalkuliert haben, bevor er die Entscheidung zum Druck dieses Buches getroffen hat. Alles andere wäre reine Spekulation. Warum jedoch in einer unwichtigen Nebenrolle ein ungarischer Mann mit dem Nachnamen Minor auftaucht, das muß ich bei Gelegenheit mal beim Schrifsteller erfragen. Um einen Zufall wird es sich wohl kaum handeln, schließlich kennen wir beide eine bedeutende Persönlichkeit gleichen Namens, dessen Schwester samt Familie in Ungarn lebt. Vielleicht lüfte ich das Geheimnis an dieser Stelle einmal zu einem späteren Zeitpunkt, wohlwissend, dass es nicht wirklich von Bedeutung für dieses Buch oder diesen Blog ist.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Überflieger

Es handelt sich hier nach Die Kunst frei zu sein wohl um das zweite Sachbuch, welches an dieser Stelle rezensiert wird. Und auch der "Bestseller"-Aufkleber prangt erneut auf der Titelseite, obwohl ich doch normalerweise versuche, diesen von zu vielen Menschen gelesenen Werken eher aus dem Weg zu gehen. Aber Empfehlung bleibt Empfehlung.

Worum nun geht es in diesem Sachbuch? Um Erfolg. Warum schaffen es manche Menschen, richtige Überflieger zu werden und warum bleibt genau dies anderen vorenthalten? Die Grundaussage des Buches: Natürlich sind großer Fleiß und Intelligenz wichtige Faktoren aber darüber hinaus spielen meist mehrere Zufälle eine große Rolle, genau so wie kulturgeschichtliche Aspekte.

Die vielen Geschichten über verschiedenste Menschen lesen sich sehr gut, wenn auch manchmal die Detailverliebtheit des (erfolgreichen!) Autors ein wenig nerven kann. Aber die Beispiele sind alle aus dem Leben gegriffen und sehr gut nachvollziehbar. So wird an interessanten Beispielen und sehr anschaulich erklärt, warum erfolgreiche Unternehmer der IT-Branche in einem ziemlich kleinen Zeitfenster geboren sein mußten oder warum insbesondere die jüdischen Anwälte im Amerika der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zum Erfolg kamen. Weshalb so viele Flugzeuge der Korean Airlines abstürzten (die Copiloten hatten sich ganz einfach nicht getraut, den Chef auf einen möglicherweise lebensbedrohlichen Fehler mit der gebotenen Deutlichkeit hinzuweisen, weil die asiatische Kultur solcherlei verbietet), warum Menschen aus den Südtaaten der USA eher zu Gewalt neigen (zur Untermauerung dieser These wird ein sehr schönes Experiment beschrieben, in dem Testpersonen in der Uni so richtig fies gereizt werden und erwartungsgemäß reagieren) und wieso insbesondere die Schüler ostasiatischer Länder so gut in Mathe sind: Deren Zahlensystem hat gegenüber den meisten anderen Sprachen den Vorteil, dass es völlig logisch und ohne Ausnahmen aufgebaut ist (denken wir nur daran, dass deutsche Kinder beispielsweise "sieb-zehn" sprechen aber gleichzeitig "eins-sieben" schreiben müssen oder dass es völlig unlogisch ist, dass vor der "drei-zehn" keine "zwei-zehn" steht sondern eine "zwölf"). Meine Tochter konnte oder wollte darin zwar heute am Frühstückstisch keinerlei Probleme erkennen aber mir erscheint es schon logisch, dass Kinder im Vorteil sind, die ganz einfach im Kopf "drei-zehner und fünf-einser" zu "vier-zehner" und "drei-einser" addieren können und dabei das Ergebnis quasi automatisch ansagen können, ohne es erst wieder im Kopf zurück zu wandeln.

Sehr interessant auch die anhand von amerikanischen Studien nachgewiesene Überzeugung des Autors, dass nicht größere und hübschere Schulen den Kindern zu besseren Leistungen verhelfen sondern ganz einfach die Sommerferien verkürzt werden müßten. Es wird aufgezeigt, dass vor allem die Leistungen von Kindern der Unterschicht in den langen amerikanischen Sommerferien im Gegensatz zu denen der Mittelschicht stark nachlassen, da letztere von ihren Eltern auch in den Ferien zum Lernen angehalten werden, während die armen Kinder sich selbst überlassen sind und natürlich ohne äußere Anreize keinerlei bildungsrelevante Unternehmungen durchführen. Wer könnte es ihnen auch verdenken? Nun kann jeder selbst entscheiden, ob er sein Kind nicht doch lieber auf eine japanische Schule schicken möchte, damit es dort an 243 Tagen pro Jahr unterrichtet wird und damit jährlich über 60 Tage mehr Unterricht genießt als in den USA. Inwieweit die japanischen und koreanischen Kindern ihre Kindheit genießen, darüber schweigt sich das Buch aus, denn es hatte sich ja einem anderen Thema gewidmet.

Eine wichtige Zahl wird noch erwähnt: Die 10.000. So vieler Stunden bedarf es, um auf seinem Gebiet wirklich Außergewöhnliches zu erreichen. Bill Gates programmierte 10.000 Stunden, bevor er seine eigene Firma gründete, die Beatles spielten ebenso lange (was größtenteils der schlechten Bezahlung in den Hamburger Clubs zu verdanken war) und Mozart hatte ungefähr die gleiche Zeit Klavier gespielt und mit seinem Vater zusammen komponiert, bevor er dann die ersten eigenen Werker zustande brachte. Wer demnach über genug Intelligenz bzw. Begabung verfügt, aus der richtigen Kultur kommt, ein paar günstige Zufälle mitnimmt UND 10.000 Stunden übt - der wird ein richtiger Überflieger. Wer hingegen "nur" einen IQ von über 150 hat aber nicht ausreichend gefördert wurde bzw. Defizite in Sachen Kommunikationsfähigkeit oder Sozialkompetenz aufweist, hat kaum eine Chance, reich oder berühmt zu werden.

Viele weitere Beispiele werden in Überflieger aufgeführt, die mit Stichtagen und der Kunst des Reisanbaus zu tun haben aber wer diese Rezension gelesen hat, weiß auch so, dass er wohl kaum ein Überflieger werden wird. Denn wer will schon 10.000 Stunden lang das Gleiche machen???

Interessant zu lesen war das Buch allemal und sicher werde ich mir einige Fakten, die mir so bis dato nicht bekannt waren, abspeichern aber jetzt freue ich mich erst mal auf meinen nächsten Roman, der schon bereit liegt und bereits ein wenig angenagt wurde.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Alle sieben Wellen

Ich war aüsserst skeptisch, ich gebe es zu. In den meisten Fällen ist der zweite Film oder das zweite Buch zum gleichen Thema doch nur ein Abklatsch des ersten. Eine Möglichkeit für den Autor, mit wenig Aufwand gutes Geld zu verdienen. Deshalb habe ich Alle sieben Wellen einige Wochen links liegen gelassen und mich lieber drei anderen Büchern mehr oder weniger parallel gewidmet. Schliesslich hatte mir Gut gegen Nordwind (die Rezension hierzu findet man weiter unten in diesem Blog) wirklich gut gefallen, das Ende war - im Gegensatz zum soeben ausgelesenen zweiten Teil - nicht vorhersehbar und irgendwie stimmig. Eben weil es sich um kein Happy End handelte. Leo kehrt nun in Band 2 nach einem guten halben Jahr von seiner Flucht aus Boston zurück und beginnt erneut, mit Emmi in einen sehr intimen Email-Kontakt zu treten. Allerdings hat er eine Amerikanerin im Gepäck bzw. in Aussicht, von der er Emmi sogleich erzählt. Wirklich gelungen ist dem Autor nun der Meinungsaustausch zum Thema "Pamela". Nachdem Leo eine Beschreibung abliefert, warum er so überzeugt von der Qualität der neuen Beziehung ist und dabei nicht mit schmalzigen bzw. für eine harmonische Zweisamkeit allgemein als anerkannt geltenden Attributen spart, kontert Emmi mit einer herrlich sarkastischen Antwort: IIIIIIIIIIIIIIH! Die mögen die gleiche Musik, die gleichen Bücher, Filme, Speisen und Bilder, haben die gleiche Gesinnung, den gleichen Witz beziehungsweise, noch schlimmer, Nicht Witz. IIIIIIIIIIIIIIIIIH! Vielleicht gehen sie schon in ein paar Wochen in hellblauen, weiss geringelten Partnerlook-Socken zum Synchron Abschlag auf den Golfplatz. Recht hat sie: Nichts ist schlimmer als Paare mit dem gleichen Aussehen, den gleichen Regenjacken, alles gleich gleich gleich. IIIIIIIIH!!!! Hier wird sie mir so richtig symphatisch. Aber auch Leos's Reaktion auf diese doch recht böse mail ist souverän, auch wenn beide im Verlaufe der über zwei Jahre andauernden Email-Beziehung des öfteren an Souveränitätsverlust leiden. Aber wer von uns tut das nicht ab und an? Das macht sie doch menschlich, die beiden Turteltauben.

Unabhängig von Pam und Bernhard (Emmis Ehemann) trifft man sich nun endlich einmal im Cafehaus (ein wenig ernüchternd allerdings, dieser Nachmittag) und dann ein zweites mal (von diesem Treffen nimmt Leo sich ein ideelles Andenken mit, dessen Beschreibung sich nicht nur für Emmi sondern auch für uns so zärtlich liest, dass es uns alle irgendwie für Leo vereinnahmt, da es selten vorkommt, dass ein Mann so sensibel und liebevoll über eine klitzekleine Berührung und was diese in ihm auslöst, berichtet). Ist es ein Fehler, dass Leo seiner Emmi nun den Brief schickt, den er im ersten Buch von Bernhard erhielt und ihr seitdem verschwiegen hatte? Dass er Emmi nun darüber aufklärt, dass Bernhard über die teils erotische, wenn auch bis dato vollkommen unschuldig-virtuelle Beziehung Bescheid wußte? Sie jedenfalls ist geschockt, sowohl über die späte Beichte von Leo als auch über das mitleiderregende Verhalten ihres Mannes und zieht sich in ihr Schneckenhaus, sprich, eine winzige Wohnung, zurück.

Doch lange kann die Funkstille zwischen Beiden nicht anhalten und so will es Emmi nun wissen: Sie "überfällt" ihren Online-Geliebten, fickt ihn kurz und schmerzlos und verschwindet wieder, nur um ihm kurz darauf das definitive ENDE an den Kopf zu werfen.

Doch der geübte Leser und Kenner der mehrfach von Beiden alternierend wiederholten Beendigungen weiß ja, dass die beiden noch lange nicht am Ende sind, und das nicht nur, weil an dieser Stelle erst knapp die Hälfte der 220 Seiten geschafft sind.

Später dann glaubt die mittlerweile in Therapie befindliche Emmi ihrer Therapeutin nur zu gern, dass ein erneuter Kontakt zu ihrem virtuellen Liebhaber ihr gut tun würde und so versucht sie alles, ihre Beziehung wieder in Gang zu bringen, bevor Pamela in gut zwei Wochen nun tatsächlich auftauchen wird. Leo allerdings, ganz der Alte, der sich trotz seiner heftigen Gefühle für Emmi nicht zwischen sie und Bernhard stellen will - schliesslich hat auch ER eine Entscheidung getroffen und damit - vorerst - Emmi aus seinen Zukunftsplänen verbannt, läßt sich nicht so Recht auf dieses Spiel ein. Dennoch ist diese Zeit vor Pam's Ankunft von großer Offenheit geprägt, was z.B. deutlich wird, wenn Emmi ihm erzählt, warum sie sich nicht gänzlich von ihrer Famile trennen kann: Für Jonas ist die Situation schlimm. Du solltest seinen Blick sehen, wenn er mich fragt: "Warum schläfst Du nicht mehr zu Hause?" Ich erwidere: "Papa und ich verstehen und momentan nicht sehr gut". Jonas:" Aber in der Nacht ist das doch egal." Ich: "Nicht, wenn man nur durch eine dünne Wand getrennt ist." Jonas:"Dann tauschen wir zwei eben Schlafzimmer". Was sagt man darauf?

Emmi versucht, sicher auch, weil sie Leo als an Pamela vorerst verloren glaubt, einen Neuanfang mit Bernhard, fährt allein mit ihm in den Urlaub, zieht zurück in die gemeinsame Wohnung, doch der Leser ahnt, worauf das alles hinausläuft. Denn insgeheim, manchmal auch ein wenig direkter, hofft sie, auch wenn sie es weder sich selbst noch Leo eingesteht, dass dessen perfekte Partnerschaft mit Pamela doch nicht so perfekt verlaufen wird. Sie fährt, wer könnte es ihr verübeln, zweigleisig und hat dann am Ende des Buches, nach mehreren rotweingeschwängerten Emails von Leo (welche Emmi am meisten liebt) und teils bissigen, süffisanten, zickigen und nachdenklichen Antworten ihrerseits die Gleise in Richtung Happy End gestellt. Viele dieser Dialoge sind wirklich intelligent geschrieben und kreativ im Umgang mit der Sprache und den verschiedensten Sonderzeichen ausgeführt. Wortschöpfungen wie Betrefffetischismus oder Betroffenheitsmasochismus sind einfach nur schön.

Was es mit den sieben Wellen auf sich hat? Als geübter Wellensurfer weiß auch ich davon zu berichten, dass Meereswellen immer im set kommen, und die Erfahrung der Fischer auf Gomera, wo Emmi mit ihrem Bernhard Urlaub macht, sagt, das jede siebte Welle eine gewaltige ist. Eine, die die Kraft für Veränderung in sich trägt. Hierüber philosphieren die beiden ein wenig und kommen auch zu dem Schluss, dass diese besondere Welle nicht unbedingt dann in unser Leben kommt, wenn wir auf sie warten. Oft herrscht eben doch Windstille. Was ja nicht unbedingt etwas Negatives sein muss. Vielen genügt ein stetiger und ruhiger Verlauf des Lebens ohne große Veränderungen. Für Viele läßt es sich bei Windstille sehr gut leben. Damit geht allerdings jeder von uns auf seine Weise um: Für den leichten Seegang muß man der richtige Typ sein. Die einen erleben Windstille als innere Ruhe, die anderen als ewige Flaute. Wie verhält es sich bei Dir???

Sonntag, 27. November 2011

Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage

Was hatte ich mich auf die Lektüre dieses Buches gefreut, bei der man laut Klappentext ständig seine Lachtränen abwischen muss. Und da es in der Leipziger Bibliothek nicht vorhanden war, hielt ich kurz bei Lehmanns und freute mich, dass ich es dort sofort mitnehmen konnte.

Aber leider hielt auch dieses mal der Inhalt nicht wirklich, was der Titel versprach. Ich könnte ja nun zynisch werden und selbstgefällig darauf verweisen, dass selber Schuld ist, wer sich Buchtips aus dem Fernsehen holt (es kam tatsächlich vor längerer Zeit genau aus diesem Grund auf meine Liste, weil ein Herr Lippe davon ausserordentlich schwärmte), aber ich überlasse es jedem selbst festzustellen, dass Fernsehen Zeitverschwendung ist und es nun einmal einen unauflösbaren Widerspruch zwischen TV-Konsum und Literatur gibt.

Zurück zum Buch, welches nun auch wieder nicht so schlimm ist, dass ich es überhaupt nicht weiterempfehlen möchte. Im Gegenteil, ich kann mir gut vorstellen, dass einigen Lesern dieses Blogs diese kalendarisch nach Jahren geordneten Kapitel über das Leben im (West) Deutschland der Siebziger Jahre bis 2003 gut gefallen werden, weil die Verknüpfungen zwischen politischen bzw. gesellschaftlichen Ereignissen mit den Erlebnissen des Autors und seiner "Bagage" in vielen von uns alte Erinnerungen weckt. Daher sei Euch an dieser Stelle zugerufen: Kommet her, boirget das Buch von mir und nehmt es mit nach Hause! Die einzelnen Kapitel lesen sich gut, ab und an kann man in der Tat schmunzeln aber es fesselt den Leser nicht. Dafür ist es auch für den arbeitenden und am Abend ermüdeten Leser recht einfach zu handhaben, und wem Generation Golf gut gefiel, der wird auch hier seinen Spass haben.

Fast Jedes Kapitel beginnt mit einem: "Am Tag als... " Das liest sich dann beispielsweise folgendermaßen: "Am Tag, als Ayatollah Kohmeini persischen Boden betrat hatte ich meinen ersten Samenerguss." (weiß jemand von der männlichen Leserschaft tatsächlich noch den genauen Tag oder wenigstens das Jahr an dem mit diesem Ereignis das Unheil in Gestalt des Sexualtriebes über ihn hereinbrach?) oder "Am Tag als Janis Joplin starb unterschrieb mein Vater den Kaufvertrag für unser Reihenhaus". Abweichungen hat der Lektor auch zugelassen, weshalb uns beispielsweise auch folgender gewollt philosophisch anmutende Kapitelbeginn amüsieren oder zum Nachdenken anregen soll: "In dem Moment, da ein Mensch seiner Jugend Lebewohl sagt, hört er auf, sich für die spannenden Dinge in der Welt zu interessieren." Blödsinn! Vielleicht beweist mir dieser Satz aber auch, dass ich immer noch genauso jung bin, wie ich mich fühle.

Leider kann ich auch die wirklich schön formulierte Abhandlung zum Thema Küssen nur teilweise gelten lassen, was jedoch kein Manko des Buches sondern möglicherweise eines meiner Jugend ist: "Nie wieder habe ich solch erfrischende Küsse geschmeckt. Sie waren ein einziges Gute-Laune-Versprechen. Und sie versprühten Frühlingsgefühle, die noch frei von jener Hitze waren, die mit den Hormonen kommt...Später, in der Pubertät, verliert der Kuss seine Unschuld...Er ist der Türöffner zu größeren Vergnügungen. Also denken wir beim Küssen ans Fummeln, beim Fummeln ans Vögeln und beim Vögeln daran, wen wir sonst noch alles Vögeln könnten" Ja, hier ist schön in Worte gekleidet, was im Hintergrund abläuft, wenn sich Lippen und Zungen begegnen.

Überhaupt ist es, aber das lässt ja bereits der Titel erahnen, ein ziemlich sexlastiges (jedoch kein erotisches!) Buch, was ja nicht unbedingt negativ zu werten ist. Wenn man jedoch lesen muss, dass sich die Mutter des Ich-Erzählers nicht daran erinnern kann, wann sie das letzte mal ehelichen Verkehr gehabt hatte, fragt man sich schon, welche intime Freundschaft ihn mit seiner Mutter verband, dass er solche Details aus ihrem Leben kennt und beschreibt. Auch viele andere 'pikante' Dinge über Schwester, Onkel, Cousine und Co., über die er sich ausgiebig hermacht, können nur erfunden sein, weil er sie niemals von den betreffenden Personen erfahren hätte, was an sich nicht schlimm ist, jedoch einen schlechten von einem gute Roman unterscheidet, bei dem man dem Autor so ziemlich die ganze Geschichte als wahr abkaufen würde.

Dort wo ich herkomme, waren die Geschlechterrollen in den Siebzigern noch klar verteilt. Anders im  Westdeutschland des Schriftstellers. Dort erging es anscheinend den Menschen schon damals so wie heute vielen von uns: " Die Frauen wussten nicht mehr, was sie wollen sollten und die Männer nicht mehr, was sie wollen durften."

Doch warum soll, nur weil wir keine Studenten mehr sind, für uns nicht mehr gelten, was der Erzähler beschreibt, wenn er von seinem Zusammenleben mit Sonja berichtet? Ich denke, genau so kann es Menschen jeden Alters, zumindest zeitweise ergehen, wenn sich nur die richtige Paarung findet: "Sie küsst mich in eine andere Welt. In dieser Welt gibt es keine Erinnerungen an ein früheres Leben oder an ein zukünftiges. Die Frage, ob wir jetzt gleich oder erst in zwei Stunden miteinander schlafen, ist wichtiger als die, womit wir in 5 Jahren unseren Unterhalt bestreiten."

Viele gesellschaftliche und private Ereignisse sind schon mit einer guten Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit treffend beschrieben, was der Grund dafür ist, dass dieses Buch mit Sicherheit seine Leserschaft finden wird. Aber warum müssen auf diesen reichlich 200 Seiten, die man recht schnell hinter sich bringt, drei Personen aus dem nächsten Verwandtenkreis sterben, die das Buch gut und gerne überleben hätten dürfen, ohne dass es dadurch weniger witzig geworden wäre? Vielleicht sollte ganz einfach ein bisschen Tragik dem Buch eine ernsthaftere Note verleihen? Sei's drum, die freiwillig ins Wasser gegangene Cousine, die während eines lustigen Familienstreites einem Herzversagen erlegene und der an einer Überdosis Viagra und der damit verbundenen Blutarmut im Gehirn verreckte Onkel sind sowieso genauso erfunden wie Rumpelstilzchen und so macht es keinen Unterschied, ob sie noch unter uns weilen oder nicht.

Wichtiger erscheint mir da doch die alles auf den Punkt bringende These:

Coito, ergo sum. Ich Bumse, also bin ich.

Sonntag, 20. November 2011

Mister Pip

Ein kleiner Roman über ein junges Mädchen auf einer entlegenen Pazifikinsel, die dort Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts in einer derart altertümlichen und einsamen Gesellschaft lebt, von der wir alle gar nicht dachten, dass es diese überhaupt noch gibt. Für uns scheinen in dem kleinen Dorf paradiesische Zustände zu herrschen: Jeden Tag Sonne, Strand und Meer, Wasserfälle, ausreichend Süßwasserbäche, Früchte und Fisch so viel man zum Leben braucht. Auch für die schwarze Bevölkerung gibt es an der Eintönigkeit ihres Lebens, dass ihnen so viel wertvoller und sinnreicher vorkommt, als das der Weißen, nicht viel auszusetzen. Zumindest war das so, bevor die Rebellen anfingen, gegen die schlimmen Zustände in der Kupfermine aufzubegehren, bevor die Rothäute (eine Armee einer benachbarten Insel) kamen, um Dörfer abzubrennen, Menschen zu morden und die Insel komplett zu blockieren.

Der einzige verbliebene Weisse (Missionare, Lehrer, Krankenschwestern gibt es längst nicht mehr), ein skuriler Typ, der manchmal mit einer roten Clownsnase im Gesicht einen Wagen durch's Dorf zieht, auf dem seine einheimische Frau thront, woran schon längst niemand mehr Anstoß nimmt, macht es sich zur Aufgabe, den Kindern des Dorfes in dieser Situation durch Schulunterricht die Eintönigkeit ein wenig zu lindern und ihnen dabei seine Lebenserfahrungen nahezubringen. Dies tut er nicht in Form des klassischen Schulunterrichts sondern auf zweierlei Art: Er bittet die Mütter, Tanten und Großmütter der Kinder in das Schulhaus, damit diese den Kindern ihre wichtigsten Lebensweisheiten mitteilen. So erfahren diese vom Leben und Werden des Herzsamens (ein gutes Mittel gegen die Moskitos), dass man einen Tintenfisch tötet, indem man über den Augen in ihn hineinbeißt, wie die Krabben am Strand das Wetter vorhersagen, von den unterschiedlichsten Winden, die es auf der Insel gibt (der Lieblingswind der darüber berichtenden Frau heißt "Frauensanft"), dass der Glaube wie Sauerstoff sei und dass der Farbe Blau Zauberkräfte innewohnen (schließlich verwandle sie sich beim Auftreffen auf ein Riff in die Farbe Weiss). Aber ergänzend zu diesen, auf traditionelle Weise weitergegebenen und für das Überleben auf solch einem Flecken Erde sicherlich nützlichen Dingen, bestand der Unterricht darin, dass der Lehrer Mr. Watts den Kindern aus Charles Dickens' Roman "Große Erwartungen" vorlas. Und sie damit in eine Welt entführte, von der sie bisher überhaupt nichts ahnten. Hier konnten sie Zuflucht in einem anderen Land suchen und so ihren Verstand retten. Alle Kinder hingen Mr. Watts an den Lippen aber insbesondere Mathilda war so begeistert vom Leben des Pip, der Ende des 19. Jahrhunderts in England vom Waisenjungen, der all seine Liebe der kalten Estrella vor die Füße legte, zu einem Leben in Reichtum und Laster verführt wurde. Pip wurde Mathildas bester Freund, sie identifizierte sich so stark mit ihm, dass sie seinen Namen mit Herzmuscheln im Sand abbildete und in Gedanken nur noch bei ihm war. Was einerseits ihrer Mutter, einer sehr gläubigen Frau, auf- und missfiel und andererseits den Rothäuten, die auf der Suche nach Rebellen mit Hubschraubern ins Dorf kamen und Mathildas "Schrein" im Sand erblickten. Sie wollten diesen Mr. Pip unbedingt finden, konnten jedoch nur dessen Schöpfer, Mr. Dickens, in Wirklichkeit der weiße Lehrer, auftreiben. Ein Mißverständnis, dem anfangs alle Habseligkeiten der Dorfbewohner, später deren Häuser und zuletzt auch das Leben eines Jungen, des Lehrers und Mathildas Mutter zum Opfer fielen. Müßig darüber nachzudenken, dass letztendlich Mathildas Mutter selber, die sich mit Mr. Watts wegen dessen atheistischer Einstellung überworfen hatte, Schuld an dieser ganzen Misere war, da sie den einzigen Beweis dafür, dass Mr. Pip nur eine Romanfigur, jedoch keiner der Rebellen war, im Form des Buches aus der Schule gestohlen hatte.

In den wenigen Wochen aber, in denen die Kinder in die Welt des Mr. Pip eintauchten, lernten sie für's Leben. Wie dieser so hatte auch Mr. Watts eine gänzlich andere Welt hinter sich gelassen. Zwei (Häuser, Menschen, Länder, ...) sind nie dieselben. Man gewinnt beim Verlieren und umgekehrt. 

Die Kinder erlebten zum ersten mal (und viele von ihnen sicherlich zum einzigen mal), was Literatur für unser Leben bedeuten kann, dass es Zauberei gleich kommt, wenn ein kleines schwarzes Mädchen in die Haut eines anderen schlüpfen kann, sogar wenn diese weiß ist und einem Jungen gehört.

Auch für uns, die wir mit der Lust am Lesen und der Befriedigung, die sich unserer durch das Erleben von und das Eintauchen in die Literatur bemächtigt, vertraut sind, hält dieses kleine große Buch einige wichtige Wahrheiten bereit:
Man glaubt gar nicht, wie wichtig und notwendig eine Haarbürste und eine Zahnbürste sind. Man merkt nicht, was ein Teller oder eine Schale Wert sind, bis man keine mehr hat. Andererseits war uns neu, was man mit einer einzigen Kokusnuss alles machen kann.

Und auch folgende Erfahrung, die die Dorfbewohner machten, als die lange erwarteten Rothäute dann "endlich" wieder auftauchten, um mit ihren Machten den Lehrer zu zerstückeln, kommt uns, allerdings in anderen Zusammenhängen, sehr bekannt vor und gilt für fast alle Lebensbereiche:
Es gibt Tage, an denen die Feuchtigkeit steigt und steigt und immer schwerer wird, bis sie schließlich niederbricht. Dann regnet es, und man kann wieder atmen.

Mittwoch, 2. November 2011

Und Nietzsche weinte

Was für ein Buch! Wahrlich keine leichte Kost aber lohnenswert und sehr bereichernd, was uns Nietzsche, Freud und der Wiener Arzt Dr. Breuer hier zu sagen haben. Auch wenn es sich hierbei um einen Roman und keine Autobiografie handelt, und die langen Dialoge, die man oft mehrfach lesen muss, um sie wirklich zu verinnerlichen, sicherlich nicht genau so stattgefunden haben, so ist es doch gut vorstellbar, dass diese Gespräche zwischen den Beteiligten so oder ähnlich geführt worden sind. Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt: Die betörende Russin Lou Salome (wie alle anderen Protagonisten eine historisch belegte grossartige Persönlichkeit) überzeugt Kraft Ihrer einnehmenden, unkonventionellen und fordernden Art den Wiener Arzt Dr. Breuer, dass dieser ihren Freund Friedrich Nietzsche in Wien behandeln möge. Nietzsche leidet seit Jahren unter heftigsten, sehr lang anhaltenden Migräne-Attacken, die weniger starke Menschen längst umgebracht hätten. Keiner der vielen von ihm aufgesuchten Ärzte konnte ihm bisher helfen und nun soll es Dr. Breuer richten. Dieser fühlt sich von der Russin geschmeichelt und überredet Nietzsche mit unglaublicher Geduld und Überzeugunskunst zu einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt, in dem er vorgibt, er brauche Nietzsches Rat und Hilfe bezüglich ungenlöster persönlicher Probleme. Nur weil Breuer sehr erfolgreich einen neuerlichen Migräneanfall Nietzsches viel schneller und erfolgreicher zu lindern in der Lage ist, als es alle anderen Ärzte und deren Medizin bisher vermocht hatten, stimmt dieser schliesslich zu und macht sich mit grossem Eifer an die "Behandlung" von Breuer. Dieser hat endlich einen Menschen gefunden, dem er ausführlich von seiner Obsession für die ehemalige Patientin Bertha (die im Übrigen den gleichen Namen wie Breuers früh verstorbene Mutter hat, wie Nietzsche zu gegeben Zeitpunkt feststellt) berichten, ja beichten kann. Schnell stellen beide Männer fest, dass sie die gleichen Fragen nach dem Sinn des Lebens in sich tragen, von einem ähnlich starken Freiheitsdrang beseelt sind und sich den geltenden Konventionen nur ungern beugen, wobei auch klar wird, dass Nietzsche hier weitaus weniger bereit ist, Kompromisse einzugehen, als Breuer (in dem auch ich mich in gewisser Weise Wieder finden kann). Die Grundidee des Arztes, während der "Redekur" genannten Gespräche oder Sitzungen langsam die Zunge des Philosophen zu lockern und so den Gründen seiner schweren Krankheit auf den Leib zu rücken, wird von dessen extremer Verschlossenheit konterkariert, da Nietzsche fortan den Arzt als Patienten sieht und dementsprechend behandelt. Doch mit jeder Sitzung, die allesamt philosophischen Diskussionen entsprechen, verstärkt sich die Freundschaft zwischen den Beiden, und so gelingt es Nietzsche, den Kern der Breuerschen Probleme offen zu legen und damit den Anstoss zu dessen Selbstheilung zu geben, welche in einer Trance-ähnlichen Erfahrung während einer Hypnose durch Siegmund Freud geschieht. Kaum hat Breuer erkannt, dass sein Problem weder die Ehe mit seiner schönen Frau Matthilde und der damit verbundenen Pflichten, die in ihm ein Gefühl der Unfreiheit hervorrufen, noch die Besessenheit zu Bertha zu Grunde liegen bzw. dass diese nur die Symptome weiter zurück liegender, nicht aufgearbeiteter Probleme darstellen, schafft es Breuer, dem begeisterten Nietzsche, den ähnliche Probleme quälen, endlich die Zunge zu lockern. Weinend berichtet dieser nun endlich, wie auch ihn die Russin Lou in ihren Bann zog. Als er dann von Breuer erfährt, dass Lou diesen mit den gleichen Gesten und Berührungen zu verführen verstanden hat (allerdings nicht im sprichwörtlichen Sinne), geht es ihm wie Breuer, der seine Bertha während der Hypnose in den Händen eines anderen Arztes gesehen hatte: Beiden Männern wurde bewusst, dass sie für die jeweilige Frau längst nicht das bedeutet hatten, wessen sie sich lange Zeit so sicher gewesen, dass sie für diese auswechselbar statt unvergleichlich waren. Was für ein nachvollziehbarer, welche heilvoller Schock!

Und hier jetzt einige Textbeispiele, die allesamt von der großen Intelligenz und der Suche nach DER Wahrheit künden:

Sterben ist schwer. Ich habe stets empfunden, dass das Vorrecht der Toten ist, nicht mehr sterben zu müssen.

Er (Nietzsche) behauptet, um die Wahrheit zu finden, müsse man zuerst sich selbst ganz kennen. Und dazu müsse man seinen gewohnten Sehwinkel verlassen, sein Jahrhundert, sein Heimatland - um sich selbst dann aus der Ferne zu studieren.

Niemand tut etwas ausschliesslich für andere. Alles tun ist auf sich selbst gerichtet, aller Dienst dient dem Selbst, alle Liebe ist Selbstliebe....

Nietzsche sagt zu Breuer: Was Sie lieben ist die angenehme Empfindung, die eine solche Liebe in Ihnen selbst weckt! Man liebt zuletzt seine Begierde, nicht das Begehrte!

Zitat Nietzsche: Er (Breuer) möchte meinen Weg entdecken und ihn selber gehen. Noch versteht er nicht, dass es meinen und deinen Weg gibt, nicht aber DEN Weg....Er will nur das JA, das Zustimmende der Wahl, nichts vom Nein, vom Verzicht. Er ist ein Selbstbetrüger. Er trifft Entscheidungen, will jedoch nicht derjenige gewesen sein, der entschied. Er weiss, dass er unglücklich ist, doch er will nicht sehen, dass er ob des Falschen unglücklich ist.

Breuer sagt: Das Leben ist eine Prüfung ohne richtige Antworten. Hätte ich mein Leben noch einmal zu leben, ich fürchte, ich würde alles genauso machen, die nämlichen Fehler machen. Stellen Sie sich einen Mann mittleren Alters vor, der von einem Flaschengeiste aufgesucht wird, welcher ihm in Aussicht stellt, sein Leben noch einmal leben zu dürfen...Er stellt fest, dass er das gleiche Leben lebt, die gleichen Entscheidungen trifft, die gleichen Fehler begeht, den gleichen Zielen und Göttern huldigt…Ziele entspringen der Kultur, der Atmosphäre, mit der Luft atmet man sie ein. Alle Knaben mit denen ich aufwuchs, hatten die gleichen Ziele... Der einzelne wählt seine Lebensziele nicht bewusst, sie sind Wechselfälle und Umstände der Zeit. Darauf Nietzsche: Einst riet ein weiser jüdischer Lehrmeister seinen Jüngern, wenn sie frei werden wollten, müsse ihnen die Stunde kommen, wo sie vor ihren Liebsten flöhen.

Ein sicheres Leben ist gefährlich. Ich laufe Gefahr, mein wahres Selbst zu verlieren, nicht der zu werden, der ich bin. Doch wer bin ich?

Dostojewski sagt, es gibt Dinge, die gesteht man nur Freunden; andere nicht einmal diesen, und dann gebe es noch Dinge, die man nicht einmal sich selbst gestehe!

Nietzsche: Stirb zur rechten Zeit! Wer zur rechten Zeit stirbt, wer vollbringend lebt, für den verliert der Tod seinen Schrecken. Wer nie zur rechten Zeit lebt, wird nie zur rechten Zeit sterben können. Daraufhin Breuer: Nein, ich habe nicht gewollt! Nein, ich habe das Leben nicht gelebt, das ich hätte leben wollen! Ich habe das Leben gelebt, das mir bestimmt wurde. Ich - mein wahres Ich - bin in meinem Leben eingeschlossen.

Und hier die wohl wichtigste Aussage des Buches, die aufzeigt, dass Nietzsche nicht nur eine wirklich fatalistische Weltanschauung vertritt, die u.U. in Depressionen führt, sondern eine, die in gewisser Weise allen Menschen einen Ausweg aufzeigen kann. Natürlich muß man auch weiterhin immer wieder das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen, soweit es eben möglich ist, gewisse Dinge jedoch als gegeben hinnehmen. Diese Grenze zu finden, das ist das Schwierige, die größte Herausforderung:

Amor fati: Liebe dein Schicksal. Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt darin, das Unumgängliche zu wollen und dann das gewollte zu lieben. Die Verzweiflung überwinden, in dem man das "so war es" zum "so wollte ich es" macht.