Samstag, 11. Februar 2012

Das läßt sich ändern


Eine kleine Rezension über ein kleines kluges Büchlein, das unsere Gesellschaft zwar kritisiert aber dies ohne Zeigefinger tut und sogar einen Ausweg aus dem Dilemma aufzeigt. Es handelt davon, „Drinnen“ oder „Draussen“ zu sein, also Geld, Arbeit, Job und Anerkennung zu haben – oder aber nicht.

Was ich, neben der zum Nachdenken anregenden Geschichte von Adam (der von „Draussen“ kam und auch niemals „Drinnen“ sein wollte) und der ohne Namen bleibenden Ich-Erzählerin besonders mochte, war der angenehme und interessante Schreibstil. Fragen kommen ohne Fragezeichen aus und Zitate werden nicht in Anführungszeichen gequetscht, die in vielen Büchern längere Dialoge oft unangenehm unübersichtlich erscheinen lassen. Darüber, dass sich der Autorin Birgit Vanderbeke an einer einzigen Stelle dann doch einmal die üblicherweise verwendeten An- und Ausführungszeichen eingeschlichen haben, was anscheinend auch dem Lektor nicht auffiel, kann ich gern hinwegsehen.

Dafür ist die kurzweilig erzählte Handlung von einer Familie, die sich dem immer stärker um sich greifenden und ausufernden Konsumverhalten der alten Bundesrepublik verwehrt, sowie deren sympathischen Kindern, Nachbarn und Freunden einfach zu schön um wahr zu sein.

Adam hat es schon seit seiner Jugend gewusst: die Gesellschaft verblödet, ihre Menschen passen sich an, prostituieren sich, vergessen, wie man mit den eigenen Händen etwas erschaffen kann und kaufen, kaufen, kaufen. Als seine Freundin für den gemeinsamen Sohn ein Plastik-Rutschauto erwirbt, fällt er aus allen Wolken und es kommt zu einer Grundsatzdiskussion. Wunderschön jedoch, wie der Streit beendet wird, kurz bevor er richtig eskaliert: Adam sagt leise und mit weicher Stimme Ich streich den Himmel blau für Dich, ein Zitat von Ton Steine Scherben. Nur kaufen, sagte Adam sanft und bestimmt, kann ich sie nicht, nicht den Himmel, nicht den Mond und nicht die Sterne.

Und dies wird fortan zum Lebensmotto der jungen Familie. Mit einer alten Freundin, die ein wirklich altes Haus auf dem Land geerbt hat, ziehen sie auf’s Dorf und freunden sich dort auf der Suche nach einem Bohrer mit dem etwas grießgrämigen Bauer Holzapfel an, welcher fortan für die Kinder zum Ersatzopa wird. Adams unerschöpfliche schöpferische Kraft, sein unglaubliches handwerkliches Geschick und sein großer Intellekt (erkennt hier irgendwer gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Rezensenten?) verhilft dem gemeinsamen Haus zu einer Schönheitskur und dem alten Kuhstall des Bauern zu einer beträchtlichen Anzahl von Pferdeboxen für die Vierbeiner der reichen Städter, die mit ihren Jeeps am Wochenende auf’s Land flüchten. Und gleichzeitig zu neuer Lebenskraft und einer Verjüngungskur des alten Bauern, der den Hof schon abgeschrieben hatte, sich aber nun mit der Lebensenergie seiner Nachbarn ansteckt.

Nachdem Fritzi mit ihrer pragmatischen und un-dogmatischen Art ein taubstummes Kind das Sprechen und ein schreibunfähiges das Schreiben gelehrt und sich in den italienischen Ex-Programmierer, Neo-Künstler und begnadeten Koch Massimo verliebt hat, der die Wohngemeinschaft vervollkommnet und abrundet, fängt die Idee des „Basislagers“ an zu reifen. Und da ist es überhaupt kein Widerspruch, dass mit Massimo, der einst als kleiner Knabe von seiner Mama das Kochen gelernt hat und seine Mitbewohner nun auf die feinsten kulinarischen Reisen mitnimmt, der Hedonismus im Dorf einzieht. Vorher wird noch die Familie des Imbissbesitzers Özyilmaz samt Cousins und Cousinen ins Boot geholt, der in einem Nebenraum des Pferdestalls die leckersten Hühner der Welt (und das von einem Veggie!) halal schächten darf. Was sogleich von den Dorfbewohnern, die nun, nachdem es den Feind im Osten nicht mehr gibt, die ausländischen Mitbürger zum Ziel ihrer Unzufriedenheit und ihres Hasses erklärt haben, zur Anzeige gebracht wird. Dies stört indes keinen der bunt zusammen gewürfelten Gemeinschaft, die sich eine Jurte baut, auf Schuhe verzichtet, Gemüse anbaut (während aus den Ghettoblastern der türkischstämmigen Jugendlichen feinster Rap über die Streuobstwiese schallt) und mit anderen Gleichgesinnten, die sich vom Konsum-Wahn abkoppeln und selbst ernähren, vernetzt.

Ist es also doch möglich, dieses freie Leben? Frei von der allgemeinen Kaufgeihlheit, frei von Ärzten, die unsere aufgeweckten Kinder mit Ritalin vollstopfen, statt ihnen Platz zum Toben zu geben, frei von Lehrern, die durch ihre Entscheidungen Kinder nach „Drinnen“ oder „Draussen“ schicken? Es scheint so. Laßt uns die Suche nach diesem Paradies beginnen!

Donnerstag, 2. Februar 2012

Jesus liebt mich

Während ich diesen Roman von David Safier las, knickte ich, entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, nur ein einziges Eselsohr, was dieser Rezension nun auch zu lediglich einer einzigen Zitierung verhilft.

Als die Ich-Erzählerin Marie (übrigens ist mir aufgefallen, dass in den meisten Romanen der Autor seiner Hauptperson  seine eigene "Stimme" verleiht und auf diese Weise die Geschichte erzählt) bei Ihrer Trauung in der Kirche, die übrigens von keinem Geringeren als dem (ehemaligen) Erzengel Gabriel vorgenommen werden soll, einfach nur "JA" sagen muss, wie es doch schon Milliarden Menschen vor ihr getan haben, kommt sie (wie wahrscheinlich ein großer Anteil dieser Milliarden) ins Grübeln. Bevor Sie dann aufgrund ihrer Überlegungen den Mut zum "NEIN" findet (den hingegen nur die Allerwenigsten der oben erwähnten Menschenmassen aufbringen) sinniert sie über das allseits bekannte (und gefürchtete) 
"Bis das der Tod Euch scheidet..." :

"...war eine extrem weitreichende Zeitspanne. Das hatte man sich bestimmt damals ausgedacht, als die Christen eine Lebenserwartung von dreißig Jahren hatten, bevor sie in ihren Lehmhütten starben oder von einem Löwen im Cirkus Maximus verspeist wurden..."

Ist solch ein Versprechen noch zeitgemäß, wo wir heutzutage 80, 90 Jahre alt werden und es dementsprechend lange miteinander aushalten müssen? Oder ist es vielleicht gerade DESWEGEN so wichtig, dass man sich genau dieses Versprechen gibt?

Egal, mit diesem NEIN macht sie sich nun nicht nur ihren Verlobten Sven (dem sie kurze Zeit später als masochistisch veranlagtem Krankenpfleger wieder begegnet und ihm ob seiner tätlichen Spritzen-Angriffe einen kräftigen Tritt in die Eier gibt), sondern auch den Rest der Kleinstadt Malente zum Feind.

Gut nur, dass kurz darauf neben der jungen Weißrussin Swetlana, die Marie als "Wodka-Hure" betitelt, und die sich ihr seit über 20 Jahren keusch lebender Vater geangelt hat, der beeindruckende Zimmermann Joshua auftaucht. Von dessen Aussehen und insbesondere von seiner Aura und den unglaublichen Augen absolut geplättet, jedoch von seiner altmodischen, völlig ironielosen Art zu sprechen nur geringfügig verunsichert, ergreift Marie kurzerhand die Initiative und geht mit ihm dinieren. Das Joshua keine Pizza kennt (aber sofort liebt), belustigt sie nur, dass er jedoch einen Obdachlosen an den Tisch holt, um mit ihm "das Brot"  - repsektive die Pizza - zu teilen, verunsichert sie schon ein wenig mehr. Dass er sich dann von Sven, dem gehörnten Bräutigam, ordentlich verprügeln läßt (in dem er auch noch die andere Wange hin hält) findet sie dann doch nicht mehr lustig. Dennoch genießt sie den Abend und Josuhas Aufmerksamkeit auf ganz besondere Weise und verliebt sich nicht nur in seine Stimme, die er im lokalen Karaoke-Club auf betörende Weise einsetzt. Dass er sie nicht belogen hat, sondern in der Tat DER Jesus ist und nicht nur ein netter Spinner, der sich für den Messias ausgibt, glaubt sie erst, als er sie von ihrem gekenterten Tretboot über das Wasser laufend rettet. So treffend wie wohl für keine Frau zuvor trifft für Marie nun die alte Weisheit zu, dass sie sich immer in die falschen Männer verliebt.

Dumm nur, dass Gott andere Pläne hat und es sich nicht so einfach gefallen läßt, dass sich sein Sohn mit einer mittelmäßigen Mittdreißigerin einlässt, statt die Welt im Endkampf gegen Satan, der mittlerweile ebenfalls in Malente, und zwar in Form eines Schwarzen Schwans, angekommen ist, zu führen. Und so zitiert Gott nun Marie als ersten Menschen seit Moses zu sich, um sie davon zu überzeugen, die Hände von Jesus zu lassen, damit dieser seine Aufgabe erfüllen kann. Dieser Dialog (in dem Gott im Übrigen als Frau auftritt) gehört sicherlich zum Besten, was dieses Roman zu bieten hat. Denn Marie denkt nicht daran, klein beizugeben, sondern fordert Gott heraus, in dem sie ihm ein paar wichtige Fragen stellt, die dieser geduldig beantwortet: Ist Gott nun der strafende oder der liebende? (natürlich ist er beides in Einem, wußtet Ihr das nicht???) Wieso droht Gott den Menschen mit solch furchtbaren Strafen wie ewigem Fegefeuer? (weil der Erziehungsberechtigte nun mal seine Kinderchen ein wenig beeindrucken muß, um sie den rechten Weg gehen zu lehren), und warum hat er es zugelassen, dass Jesus so furchtbar leiden mußte, als man ihn ans Kreuz genagelt hat, statt ihn mittels eines Schlaftrunks friedlich aus dem irdischen Leben scheiden zu lassen? (weil es die Menschen waren - und denen wurde nun mal der freie Wille gegeben). Scheinbar hat Gott es nun mit Überzeugung (die auch ich schon immer für die beste aller Erziehungsmethoden halte) geschafft, Marie dahin zu bringen, ihren freien Willen dahingehend zu nutzen, mit Jesus "Schluss" zu machen.

Typisch Frau (dieser typisch männliche Einwurf sei mir an dieser Stelle gestattet) erklärt sie dem verblüfften Joshua nun, dass sie sich geirrt habe, und läßt ihn traurig am See zurück, nur um es sich kurz darauf anders zu überlegen und ihn abzufangen, bevor er wieder Richtung Jerusalem aufbricht, wo die Endschlacht beginnen soll. Dumm nur, dass gerade in dem Augenblick, als sie sich endlich küssen wollen, Satan mit seinen Reitern auftaucht, der, clever wie er ist, nicht nur den Ort des Geschehens von Jerusalem nach Malente, sondern auch den Beginn der Schlacht auf just diesen Moment verschiebt. Nun muss sich Jesus erst einmal mit Satan, dem Tod (der die Gestalt Maries angenommen hat), der Krankheit (Maries Schwester Kata, die einfach nur ihren beschissenen Gehirntumor loswerden wollte), dem Krieg (wer wäre hierfür besser geeignet als Maries ehemailger Verlobter Sven) und dem Hunger(Turnschuhpfarrer Dennis) auseinandersetzen.

Einzelheiten über dieses seltsame Geschehen in der Malenter Fußgängerzone, über die die Autoren der biblischen Offenbarung sicher nur ein müdes Lächeln übrig haben, erspare ich meinen Lesern an dieser Stelle. Nur so viel: Gott ist so schwer von Maries Liebe zu Jesus beeindruckt, die sich darin äußert, dass sie sich uneigennützig zwischen diesen und Satan stellt, dass er den Kampf abrupt beendet und den beiden seinen Segen gibt. Statt nun aber Jesus' Traum von einer eigenen Familie, den ihm damals schon Maria Magdalena verwehrte und der im Übrigen auch Maries Traum ist, Realität werden zu lassen, macht sie erneut eine Kehrtwende und erklärt dem nun vollends verdadderten Mann, dass beider freier Wille sich gegen diese Liebe entscheiden müsse, weil Jesus dadurch sterblich würde. Schließlich habe die ganze Menschheit einen Anspruch auf Jesus uneingeschränkte Liebe, wie könne sie diese nur allein auf sich konzentrieren?

Diese vielen Tricks und Kuhhändel, die sämtliche Protagonisten in dieser Geschichte gegenüber Gott bzw. Satan geltend machen, (und da habe ich noch nicht einmal erklärt, warum der Erzengel Gabriel seine Flügel abwarf und Mensch mit riesigen Rückennarben wurde!) erinnert mich irgendwie an einen türkischen Basar. Läßt sich Gott tatsächlich auf so etwas ein???

Jesus nun, voller Liebe zu seinem Vater, zu Marie und dem Rest der Menschheit, muss nun Maries Entscheidung respektieren  - was bleibt ihm auch anderes übrig? Hier ist er nun wirklich ganz Mensch und mir sehr nah, als er sich, verklausuliert, dieses beschissene "aber wir können ja Freunde bleiben" anhören und lächelnd "aber gern" antworten muss. Gottseidank hat er immer noch übermenschliche Fähigkeiten und so schafft er, was auf Erden sonst leider niemand kann: Mit einem keuschen Wangenkuß vertreibt er allen  Liebeskummer und Maries Trauer über diese unerfüllte Liebe ihres Lebens. Schade, dass nur Jesus solches zu tun vermag und er nie da ist, wenn man so ein Wunder benötigt...

Freitag, 20. Januar 2012

100 Tage Sex

Details über diesen Bericht zweier Amerikaner, die seit 14 Jahren zusammen leben und mit 2 kleinen Töchtern gesegnet sind, werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Lest dieses Buch!!! Auch wenn wohl niemand dieses Experiment, das durch eine dänische Männerselbsthilfegruppe inspiriert wurde, deren Mitglieder seit mindestens 100 Tagen keinen Verkehr mehr mit ihren Frauen hatten, nachvollziehen und selbst auspobieren wird (wiewohl es schon sehr verlockend klingt...), so kann jedes Paar dem hier beschriebenen Marathon eine Menge guter Ratschläge entnehmen. Nein, das Buch ist weder in sprachlicher noch in künstlerischer Hinsicht ein Reißer, und auch der Übersetzer war wohl während seiner Arbeit mehr mit seinen erotischen Phantasien beschäftigt, die unweigerlich des Lesers Gedankenwelt einnehmen, als mit der Suche nach gelungenen deutschen Entsprechungen diverser englischer Formulierungen. Daher hat er beispielsweise in regelmäßiger Abfolge immer wieder das im Englischen gebräuchliche "however" mit "Wie dem auch sei" übersetzt, was zwar nicht wirklich falsch ist aber doch schnell nerven kann. Und wer von uns kann schon eine "Pringles-Dose" mit einem erigierten Penis assoziieren? Doch diese kleinen Unachtsamkeiten spielen überhaupt keine Rolle, wenn man offen und neugierig das tatsächlich durchgeführte Experiment verfolgt und sich die vom Autor mit viel Einfühlungsvermögen erkannten und voller Offenheit plastisch dargestellten Lehren, Tipps und Anregungen für die Gestaltung einer wirklich diesen Namen verdienenden und auf lange Sicht angelegten Partnerschaft zu Eigen macht. Es geht nämlich nicht nur um die Erkenntnis, wie guter Sex funktioniert, sondern wie dieser auf die Beteiligten positiv zurückwirkt und das ganze Leben, Denken und Fühlen positiv beeinflussen kann. Ob Ihr es den beiden nun gleichtun, Euch bei der Lektüre lediglich ein wenig amüsieren oder aber versuchen wollt, das Extrakt dieses Experiments herauszulesen, auf dass es Euer Leben positiv beeinflusse, müßt Ihr selbst entscheiden. Ermutigend die abschliessenden Sätze sowohl des Buches als auch dieser Rezension: "Wir begriffen, dass es völlig unnötig war, hundert Tage hinter einander Sex zu haben. Schon dreißig Tage würden Wunder wirken. Oder zwanzig. Oder zehn."

Donnerstag, 19. Januar 2012

Kafka am Strand - Haruki Murakami

Dieses war zwar mein erster „Murakami“ aber ganz gewiss nicht der letzte! Jedoch werde ich meinen nächsten nicht sofort in Angriff nehmen. Denn, obwohl mich „Kafka am Strand“ begeistert hat, benötige ich nun erst einmal ein wenig Abstand zu Murakamis phantasievoller Gedankenwelt. Denn einfach zu verstehen ist diese Geschichte keinesfalls. Sie ist eine, über die man am Liebsten mit anderen Lesern noch lange und ausführlich diskutieren möchte, genauso wie nach einem gut gemachten Film, den man zusammen im Kino sah, bei dem Fragen offen bleiben und wohl auch keine einfachen Antworten zu finden sind.

Die hier niedergeschriebene Geschichte zu beschreiben, fällt wirklich nicht leicht. Zwei Handlungsstränge verlaufen parallel, man ahnt dann auch bald einen Zusammenhang zwischen beiden, und auch die Zeitebene wechselt von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück. Aber dies ist überhaupt nicht das Verwirrende, im Gegenteil, es macht den Roman durchaus spannend. Schwierig sind zwar auch einige der Dialoge (bei mehrmaligem Lesen eröffnet sich jedoch schnell der tiefere Sinn, meistens jedenfalls) wirklich kompliziert wird es aber erst im weiteren Verlauf des Buches.

Dabei fängt alles ganz harmlos an, als man erfährt, dass der alte Nakata mit Katzen sprechen kann (später lässt er dann aber auch Blutegel und Sardinen vom Himmel regnen). Das macht ihn, der ein wenig verwirrt durchs Leben geht, irgendwie richtig sympathisch. So wie überhaupt die meisten Figuren wirklich nette, wenn auch ziemlich eigene Charaktere sind. Mystisch (und bis zum Ende nicht aufgelöst) ist die Geschichte, in der Nakata als kleiner Junge mit 30 anderen Kindern in eine Ohnmacht fällt, aus der er dann als einziger mit bleibenden Schäden (nämlich seiner auf den ersten Blick dümmlichen aber in Wahrheit wunderbar schön kindlich-naiven Art) und ohne Erinnerungen an sein vorheriges Leben erwacht. Auch der 15-jährige Kafka Tamura ist, obwohl ziemlich verschroben und einsiedlierisch, ein wirklich guter Kerl. Der stärkste 15-jährige der Welt muss er sein, sagt er sich immer wieder. Dass er überaus gern liest und viel Zeit in Bibliotheken verbringt, ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum ich ihn von Anfang an so mochte. Aus nicht näher erläuterten Gründen flieht er aus Tokyo, wo er zusammen mit seinem Vater in einem Haus lebt, diesen aber äußerst selten und nur ungern zu Gesicht bekommt. Im Bus Richtung Süden freundet er sich mit einer ebenfalls sehr sympathischen jungen Frau an. Anrührend, wie Sie, die einen festen Freund hat und daher keinesfalls fremdgehen würde, den viel jüngern Kafka in ihr Bett lässt um ihn mit ihren geschickten Händen auf liebevoller Art Erleichterung zu verschaffen. Nur um ihn daraufhin sofort wieder in seinen eigenen Schlafsack zu schicken. Dass es sich wohl um seine Schwester handelt, die vor vielen Jahren mit der Mutter das elterliche Haus verlassen hat, erfährt man später, als er von einer Art Fluch berichtet, den ihm sein Vater auferlegt hat. Darin heißt es, er werde mit seiner Schwester und mit seiner Mutter schlafen. Letzteres geschieht tatsächlich: Die grazile Saeki-san, Chefin der kleinen Privat-Bibliothek (die so wunderbar beschrieben wird, dass ich mich genau dort hin wünsche) in der Kafka Unterschlupf und für einige Wochen ein neues zu Hause findet, hat es ihm angetan, obwohl sie ca. 35 Jahre älter ist als er. Auch sie hat etwas sehr Geheimnisvolles an sich, das eng mit Kafka verbunden ist, und kommt mehrfach nachts in sein Bett. Und dies, obwohl er ahnt – und es ihr auch zu Verstehen gibt – dass sie seine Mutter ist.

Neben den äußerst seltsamen und irgendwie überirdischenen Gestalten Johnny Walker und Colonel Sanders (das ist der bärtige Mann, der an jedem Kentucky Fried Chicken Imbiss zu sehen ist) lernen wir noch zwei weitere wichtige Personen kennen. Dies sind der LKW-Fahrer Herr Hoshino und der liebenswerte Oshima, welcher in der Bibliothek arbeitet und sich sofort des dort gestrandeten jungen Kafka Tamura annimmt. Auch Oshima ist, wie eigentlich alle auftretenden Personen, anders ist als die Anderen: Sich als Mann fühlend aber in einem zierlichen Frauenkörper fast ohne Brust und ganz ohne Penis lebend, fühlt er sich zu Männern hingezogen. Ist er demnach eine schwule Frau? Ein Transvestit? Völlig egal. Oshima erklärt dem jungen Ausreisser voller Geduld die schwierigsten Zusammenhänge des Lebens und der Liebe, öffnet diesem die Augen und bringt ihn, als die Polizei ihn sucht, weil er möglicherweise etwas mit dem Mord an seinem Vater zu tun hat – was in der Tat nicht ganz von der Hand zu weisen ist – in eine abgelegene Berghütte. Ganz Einsiedler, verbringt Kafka hier viele Tage ganz allein mit Lesen, Sport, ausgedehnten Expeditionen, die ihn bis in eine Parallelwelt führen, und Träumen. Beneidenswert, dieses einfache Leben inmitten der Natur!

In der Parallelgeschichte lernt der alte Nakata den jungen Herrn Hoshino kennen, der ihn von der Straße aufliest und sehr von dessen seltsamer Sprache und unkonventioneller Art beeindruckt ist. Dies führt dazu, dass er seinen LKW stehen lässt, sich bei seinem Chef abmeldet und mit Nakata zusammen auf Reisen geht. Was genau dieser sucht, weiß keiner von beiden, dass sie es zusammen finden werden, wissen alle von Anbeginn an: Nakata, Hoshimo und wir, die Leser. Es ist die Bibliothek, in der die schöne Saki-san friedlich und für immer einschlafen wird, nachdem sie ein, vor dem  Publikum nicht offenbartes, Gespräch mit Nakata geführt hat. Welcher im Übrigen anschließend ebenfalls in den ewigen Schlaf verfallen wird. Was es bedeutet, dass dann ein grünes Ungeheuer aus Nakatas totem  Mund austritt, mit dem Hoshimo kämpft, damit „der Eingang“ (in eine andere, eine parallele Welt?) wieder geschlossen wird, dies gehört zu den zahllosen, phantastischen Geheimnissen dieses fesselnden, eigenartigen, großen Buches.

Und diese Sprache!!! Wie schön Murakami über die Liebe schreibt, die Kafka zu Saeki-san empfindet: „Du malst Dir aus, was sie jetzt gerade tut… Du stellst Dir vor, dass sie allein in ihrer Wohnung ist, und siehst einzelne Szenen vor Dir – sie wäscht, sie kocht, sie putzt, sie macht Einkäufe. So lange, bis der Gedanke, dass Du hier festsitzt, Dir den Atem nimmt. Du möchtest Dich in eine kühne Krähe verwandeln und diese Berghütte verlassen. In den Himmel fliegen, über die Berge, dich vor ihrem Haus niederlassen und ihr für alle Ewigkeit zusehen“.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Das wird mein Jahr

...stand nicht auf meiner Bücherliste, weil ich weder davon gehört noch darüber gelesen hatte und mir auch niemand empfahl, es mir vorzunehmen. Nein, ich bekam Sascha Langes zweiten Roman zu Weihnachten geschenkt. Und begann mit sehr kritischer Haltung darin herumzublättern. Warum? Weil mich sein Erstlingswerk, in dem es ausschließlich um Westpakte und Depeche Mode ging, nicht nur nicht vom Hocker gerissen hatte, sondern ich ziemlich enttäuscht darüber gewesen war. Daher freue ich mich umso mehr, an dieser Stelle nun verkünden zu dürfen, dass Sascha (ein Jugendfreund, kurzzeitiger Bandgenosse und konspirativer Entwickler der von mir aufgenommenen Fotos einer Leipziger Demonstration vom Mai '89 samt Stasispitzeln) sich weiterentwickelt hat. Zwar strotzt auch dieser Wenderoman von, mir leider unbekannten, Musiktiteln und Bands. Dies spricht aber nicht unbedingt gegen den Autor (dessen hauptberufliche Historiker-Tätigkeit nun einmal mit Jugendkulturen eng verquickt ist) sondern ist sicher auch ein Zeichen meines zur damaligen Zeit noch nicht einmal ansatzweise entwickelten Musikgeschmacks. Dafür ist es mir sehr leicht gefallen, mich in die Gedanken- und Gefühlswelt des Ich-Erzählers Friedemann Blumenstrauß (für diese schöne Namens-Kreation ein großes Lob, Sascha!) hineinzuversetzen. Denn es gibt erschreckend viele Parallelen zwischen Friedemann, mir und dem Autor. Auch ich war im Sommer 1989 in Ungarn und habe mich dort mit Freunden aus der BRD (sagt man ja heute gar nicht mehr) getroffen. Auch ich war zu dieser Zeit in eine Anke verliebt. Auch ich habe heimlich und nur mit einer Taschenlampe bewaffnet ein paar Gegenstände aus einer Wohnung geholt, deren Besitzer über Ungarn in den Westen geflüchtet war, bevor die Stasi anrückte. Hier hören zwar die Gemeinsamkeiten auf, denn ich ging weder sofort nach der Maueröffnung in den Westen (hätte es aber sicher Friedemann gleich getan, wäre auch in meinem Briefkasten die Einberufung zur Nationalen Volksarmee gelandet), noch baute ich je Gras an (Friedemann war als Gärtner geradezu prädestziniert dazu, im Auftrag eines Dorgendealers den Dachboden seiner auf der Esslinger Gärtnerei, in der er arbeitete, befindlichen Wohnung mit Unmengen von Pflanzkübeln und Kunstlicht auszustatten, was ihm jedoch mehr Ärger als Glück einbrachte). Ich warf auch nie mit Pflastersteinen auf Polizisten, die ein von mir und meinen Kumpels besetztes Berliner Haus räumten und hatte nie eine ältere, erfahrene Geliebte, die mich als Grünschnabel in die Geheimnisse der Liebe einführte. Dafür mußte ich zum Glück auch nie mit ansehen, wie die Bullen mit ihren schweren Einsatzfahrzeugen meinen geliebten VW-Campingbus zerstörten. Kurzum, ein Roman für alle, die Ihre Jugend gerade abschlossen, als es mit der DDR bergab ging und die das uns damals vereinnahmende Gefühl von Freiheit aber auch das von Ernüchterung ob der Tatsache, dass "im Westen" auch nicht alles Gold ist was glänzt, noch einmal nachvollziehen möchten, ohne in Ostalgie zu verfallen. Ob auch andere Zielgruppen wirklich großen Gefallen an dieser, doch recht einfach gestrickten und ohne spannende Wendungen oder Ideen dahin plätschernden Geschichte finden werden, kann ich nicht sagen, wiewohl ich es Sascha Lange natürlich wünsche. Der Aufbau-Verlag (der zufälligerweise auch die Bücher des lokal bekannten Autoren-Vaters, Kabarettisten UND ehemaligen Gärtners (!) Bernd Lutz Lange verlegt, an den ich mich dann wohl nach Fertigstellung meines Erstlingswerkes voller Zuversicht wenden werde) wird schon gut kalkuliert haben, bevor er die Entscheidung zum Druck dieses Buches getroffen hat. Alles andere wäre reine Spekulation. Warum jedoch in einer unwichtigen Nebenrolle ein ungarischer Mann mit dem Nachnamen Minor auftaucht, das muß ich bei Gelegenheit mal beim Schrifsteller erfragen. Um einen Zufall wird es sich wohl kaum handeln, schließlich kennen wir beide eine bedeutende Persönlichkeit gleichen Namens, dessen Schwester samt Familie in Ungarn lebt. Vielleicht lüfte ich das Geheimnis an dieser Stelle einmal zu einem späteren Zeitpunkt, wohlwissend, dass es nicht wirklich von Bedeutung für dieses Buch oder diesen Blog ist.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Überflieger

Es handelt sich hier nach Die Kunst frei zu sein wohl um das zweite Sachbuch, welches an dieser Stelle rezensiert wird. Und auch der "Bestseller"-Aufkleber prangt erneut auf der Titelseite, obwohl ich doch normalerweise versuche, diesen von zu vielen Menschen gelesenen Werken eher aus dem Weg zu gehen. Aber Empfehlung bleibt Empfehlung.

Worum nun geht es in diesem Sachbuch? Um Erfolg. Warum schaffen es manche Menschen, richtige Überflieger zu werden und warum bleibt genau dies anderen vorenthalten? Die Grundaussage des Buches: Natürlich sind großer Fleiß und Intelligenz wichtige Faktoren aber darüber hinaus spielen meist mehrere Zufälle eine große Rolle, genau so wie kulturgeschichtliche Aspekte.

Die vielen Geschichten über verschiedenste Menschen lesen sich sehr gut, wenn auch manchmal die Detailverliebtheit des (erfolgreichen!) Autors ein wenig nerven kann. Aber die Beispiele sind alle aus dem Leben gegriffen und sehr gut nachvollziehbar. So wird an interessanten Beispielen und sehr anschaulich erklärt, warum erfolgreiche Unternehmer der IT-Branche in einem ziemlich kleinen Zeitfenster geboren sein mußten oder warum insbesondere die jüdischen Anwälte im Amerika der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zum Erfolg kamen. Weshalb so viele Flugzeuge der Korean Airlines abstürzten (die Copiloten hatten sich ganz einfach nicht getraut, den Chef auf einen möglicherweise lebensbedrohlichen Fehler mit der gebotenen Deutlichkeit hinzuweisen, weil die asiatische Kultur solcherlei verbietet), warum Menschen aus den Südtaaten der USA eher zu Gewalt neigen (zur Untermauerung dieser These wird ein sehr schönes Experiment beschrieben, in dem Testpersonen in der Uni so richtig fies gereizt werden und erwartungsgemäß reagieren) und wieso insbesondere die Schüler ostasiatischer Länder so gut in Mathe sind: Deren Zahlensystem hat gegenüber den meisten anderen Sprachen den Vorteil, dass es völlig logisch und ohne Ausnahmen aufgebaut ist (denken wir nur daran, dass deutsche Kinder beispielsweise "sieb-zehn" sprechen aber gleichzeitig "eins-sieben" schreiben müssen oder dass es völlig unlogisch ist, dass vor der "drei-zehn" keine "zwei-zehn" steht sondern eine "zwölf"). Meine Tochter konnte oder wollte darin zwar heute am Frühstückstisch keinerlei Probleme erkennen aber mir erscheint es schon logisch, dass Kinder im Vorteil sind, die ganz einfach im Kopf "drei-zehner und fünf-einser" zu "vier-zehner" und "drei-einser" addieren können und dabei das Ergebnis quasi automatisch ansagen können, ohne es erst wieder im Kopf zurück zu wandeln.

Sehr interessant auch die anhand von amerikanischen Studien nachgewiesene Überzeugung des Autors, dass nicht größere und hübschere Schulen den Kindern zu besseren Leistungen verhelfen sondern ganz einfach die Sommerferien verkürzt werden müßten. Es wird aufgezeigt, dass vor allem die Leistungen von Kindern der Unterschicht in den langen amerikanischen Sommerferien im Gegensatz zu denen der Mittelschicht stark nachlassen, da letztere von ihren Eltern auch in den Ferien zum Lernen angehalten werden, während die armen Kinder sich selbst überlassen sind und natürlich ohne äußere Anreize keinerlei bildungsrelevante Unternehmungen durchführen. Wer könnte es ihnen auch verdenken? Nun kann jeder selbst entscheiden, ob er sein Kind nicht doch lieber auf eine japanische Schule schicken möchte, damit es dort an 243 Tagen pro Jahr unterrichtet wird und damit jährlich über 60 Tage mehr Unterricht genießt als in den USA. Inwieweit die japanischen und koreanischen Kindern ihre Kindheit genießen, darüber schweigt sich das Buch aus, denn es hatte sich ja einem anderen Thema gewidmet.

Eine wichtige Zahl wird noch erwähnt: Die 10.000. So vieler Stunden bedarf es, um auf seinem Gebiet wirklich Außergewöhnliches zu erreichen. Bill Gates programmierte 10.000 Stunden, bevor er seine eigene Firma gründete, die Beatles spielten ebenso lange (was größtenteils der schlechten Bezahlung in den Hamburger Clubs zu verdanken war) und Mozart hatte ungefähr die gleiche Zeit Klavier gespielt und mit seinem Vater zusammen komponiert, bevor er dann die ersten eigenen Werker zustande brachte. Wer demnach über genug Intelligenz bzw. Begabung verfügt, aus der richtigen Kultur kommt, ein paar günstige Zufälle mitnimmt UND 10.000 Stunden übt - der wird ein richtiger Überflieger. Wer hingegen "nur" einen IQ von über 150 hat aber nicht ausreichend gefördert wurde bzw. Defizite in Sachen Kommunikationsfähigkeit oder Sozialkompetenz aufweist, hat kaum eine Chance, reich oder berühmt zu werden.

Viele weitere Beispiele werden in Überflieger aufgeführt, die mit Stichtagen und der Kunst des Reisanbaus zu tun haben aber wer diese Rezension gelesen hat, weiß auch so, dass er wohl kaum ein Überflieger werden wird. Denn wer will schon 10.000 Stunden lang das Gleiche machen???

Interessant zu lesen war das Buch allemal und sicher werde ich mir einige Fakten, die mir so bis dato nicht bekannt waren, abspeichern aber jetzt freue ich mich erst mal auf meinen nächsten Roman, der schon bereit liegt und bereits ein wenig angenagt wurde.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Alle sieben Wellen

Ich war aüsserst skeptisch, ich gebe es zu. In den meisten Fällen ist der zweite Film oder das zweite Buch zum gleichen Thema doch nur ein Abklatsch des ersten. Eine Möglichkeit für den Autor, mit wenig Aufwand gutes Geld zu verdienen. Deshalb habe ich Alle sieben Wellen einige Wochen links liegen gelassen und mich lieber drei anderen Büchern mehr oder weniger parallel gewidmet. Schliesslich hatte mir Gut gegen Nordwind (die Rezension hierzu findet man weiter unten in diesem Blog) wirklich gut gefallen, das Ende war - im Gegensatz zum soeben ausgelesenen zweiten Teil - nicht vorhersehbar und irgendwie stimmig. Eben weil es sich um kein Happy End handelte. Leo kehrt nun in Band 2 nach einem guten halben Jahr von seiner Flucht aus Boston zurück und beginnt erneut, mit Emmi in einen sehr intimen Email-Kontakt zu treten. Allerdings hat er eine Amerikanerin im Gepäck bzw. in Aussicht, von der er Emmi sogleich erzählt. Wirklich gelungen ist dem Autor nun der Meinungsaustausch zum Thema "Pamela". Nachdem Leo eine Beschreibung abliefert, warum er so überzeugt von der Qualität der neuen Beziehung ist und dabei nicht mit schmalzigen bzw. für eine harmonische Zweisamkeit allgemein als anerkannt geltenden Attributen spart, kontert Emmi mit einer herrlich sarkastischen Antwort: IIIIIIIIIIIIIIH! Die mögen die gleiche Musik, die gleichen Bücher, Filme, Speisen und Bilder, haben die gleiche Gesinnung, den gleichen Witz beziehungsweise, noch schlimmer, Nicht Witz. IIIIIIIIIIIIIIIIIH! Vielleicht gehen sie schon in ein paar Wochen in hellblauen, weiss geringelten Partnerlook-Socken zum Synchron Abschlag auf den Golfplatz. Recht hat sie: Nichts ist schlimmer als Paare mit dem gleichen Aussehen, den gleichen Regenjacken, alles gleich gleich gleich. IIIIIIIIH!!!! Hier wird sie mir so richtig symphatisch. Aber auch Leos's Reaktion auf diese doch recht böse mail ist souverän, auch wenn beide im Verlaufe der über zwei Jahre andauernden Email-Beziehung des öfteren an Souveränitätsverlust leiden. Aber wer von uns tut das nicht ab und an? Das macht sie doch menschlich, die beiden Turteltauben.

Unabhängig von Pam und Bernhard (Emmis Ehemann) trifft man sich nun endlich einmal im Cafehaus (ein wenig ernüchternd allerdings, dieser Nachmittag) und dann ein zweites mal (von diesem Treffen nimmt Leo sich ein ideelles Andenken mit, dessen Beschreibung sich nicht nur für Emmi sondern auch für uns so zärtlich liest, dass es uns alle irgendwie für Leo vereinnahmt, da es selten vorkommt, dass ein Mann so sensibel und liebevoll über eine klitzekleine Berührung und was diese in ihm auslöst, berichtet). Ist es ein Fehler, dass Leo seiner Emmi nun den Brief schickt, den er im ersten Buch von Bernhard erhielt und ihr seitdem verschwiegen hatte? Dass er Emmi nun darüber aufklärt, dass Bernhard über die teils erotische, wenn auch bis dato vollkommen unschuldig-virtuelle Beziehung Bescheid wußte? Sie jedenfalls ist geschockt, sowohl über die späte Beichte von Leo als auch über das mitleiderregende Verhalten ihres Mannes und zieht sich in ihr Schneckenhaus, sprich, eine winzige Wohnung, zurück.

Doch lange kann die Funkstille zwischen Beiden nicht anhalten und so will es Emmi nun wissen: Sie "überfällt" ihren Online-Geliebten, fickt ihn kurz und schmerzlos und verschwindet wieder, nur um ihm kurz darauf das definitive ENDE an den Kopf zu werfen.

Doch der geübte Leser und Kenner der mehrfach von Beiden alternierend wiederholten Beendigungen weiß ja, dass die beiden noch lange nicht am Ende sind, und das nicht nur, weil an dieser Stelle erst knapp die Hälfte der 220 Seiten geschafft sind.

Später dann glaubt die mittlerweile in Therapie befindliche Emmi ihrer Therapeutin nur zu gern, dass ein erneuter Kontakt zu ihrem virtuellen Liebhaber ihr gut tun würde und so versucht sie alles, ihre Beziehung wieder in Gang zu bringen, bevor Pamela in gut zwei Wochen nun tatsächlich auftauchen wird. Leo allerdings, ganz der Alte, der sich trotz seiner heftigen Gefühle für Emmi nicht zwischen sie und Bernhard stellen will - schliesslich hat auch ER eine Entscheidung getroffen und damit - vorerst - Emmi aus seinen Zukunftsplänen verbannt, läßt sich nicht so Recht auf dieses Spiel ein. Dennoch ist diese Zeit vor Pam's Ankunft von großer Offenheit geprägt, was z.B. deutlich wird, wenn Emmi ihm erzählt, warum sie sich nicht gänzlich von ihrer Famile trennen kann: Für Jonas ist die Situation schlimm. Du solltest seinen Blick sehen, wenn er mich fragt: "Warum schläfst Du nicht mehr zu Hause?" Ich erwidere: "Papa und ich verstehen und momentan nicht sehr gut". Jonas:" Aber in der Nacht ist das doch egal." Ich: "Nicht, wenn man nur durch eine dünne Wand getrennt ist." Jonas:"Dann tauschen wir zwei eben Schlafzimmer". Was sagt man darauf?

Emmi versucht, sicher auch, weil sie Leo als an Pamela vorerst verloren glaubt, einen Neuanfang mit Bernhard, fährt allein mit ihm in den Urlaub, zieht zurück in die gemeinsame Wohnung, doch der Leser ahnt, worauf das alles hinausläuft. Denn insgeheim, manchmal auch ein wenig direkter, hofft sie, auch wenn sie es weder sich selbst noch Leo eingesteht, dass dessen perfekte Partnerschaft mit Pamela doch nicht so perfekt verlaufen wird. Sie fährt, wer könnte es ihr verübeln, zweigleisig und hat dann am Ende des Buches, nach mehreren rotweingeschwängerten Emails von Leo (welche Emmi am meisten liebt) und teils bissigen, süffisanten, zickigen und nachdenklichen Antworten ihrerseits die Gleise in Richtung Happy End gestellt. Viele dieser Dialoge sind wirklich intelligent geschrieben und kreativ im Umgang mit der Sprache und den verschiedensten Sonderzeichen ausgeführt. Wortschöpfungen wie Betrefffetischismus oder Betroffenheitsmasochismus sind einfach nur schön.

Was es mit den sieben Wellen auf sich hat? Als geübter Wellensurfer weiß auch ich davon zu berichten, dass Meereswellen immer im set kommen, und die Erfahrung der Fischer auf Gomera, wo Emmi mit ihrem Bernhard Urlaub macht, sagt, das jede siebte Welle eine gewaltige ist. Eine, die die Kraft für Veränderung in sich trägt. Hierüber philosphieren die beiden ein wenig und kommen auch zu dem Schluss, dass diese besondere Welle nicht unbedingt dann in unser Leben kommt, wenn wir auf sie warten. Oft herrscht eben doch Windstille. Was ja nicht unbedingt etwas Negatives sein muss. Vielen genügt ein stetiger und ruhiger Verlauf des Lebens ohne große Veränderungen. Für Viele läßt es sich bei Windstille sehr gut leben. Damit geht allerdings jeder von uns auf seine Weise um: Für den leichten Seegang muß man der richtige Typ sein. Die einen erleben Windstille als innere Ruhe, die anderen als ewige Flaute. Wie verhält es sich bei Dir???