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Montag, 5. März 2012

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand - Jonas Jonasson

Oh wie wünschte ich mir, dass auch mein Erstlingswerk mit solch durch und durch positiven Worten bedacht werden wird, wie man sie im Folgenden als meinen Beitrag zu Jonas Jonasson’s erstem Roman finden kann! Und wie freue ich mich bereits heute auf sein zweites, derzeit in der Entstehung begriffenes Buch!

Wenn man den Titel liest, weiß man ja bereits, was hier passieren wird. Ungefähr zumindest. Aber man ahnt ja nicht, auf welche großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts man treffen, welche abenteuerlichen, wunderbar konstruierten Erlebnisse man miterleben, was man über die Weltgeschichte der letzten 80 Jahre lernen wird. Dies alles nämlich ist in der Rahmenhandlung verpackt, deren Inneres immer wieder in Rückblenden vom bewegten, mehrfach kurz vor dem gewaltsamen Ende stehenden und dann wunderbarerweise dennoch immer fortgesetzten Leben des Schweden Allan Karlson erzählt. Und dies alles in einer Sprache, die einfach Lust macht, den nächsten Satz, eine weitere Pointe, eine neuerliche Wende im Leben dieses immer positiv denkenden Rumtreibers (der sich im wahrsten Sinne des Wortes herum treiben lässt) zu verschlingen und dabei immer wieder ins Schmunzeln zu geraten. Ein Beispiel gefällig? Als ein fieser russischer General einem Untergebenen mit dem Tode droht, falls dieser es nicht schafft, Albert Einstein zu entführen, steht geschrieben: Der Leiter des Nachrichtendienstes hatte gerade eine neue Frau kennen gelernt, die besser duftete als alles andere auf der Welt. Folglich hegte er definitiv keinen Todeswunsch.

Anfangs denkt man noch: Welch Zufall, dass Allan einem echten Staatsoberhaupt begegnet. Später lächelt man dann nur noch müde über das Unwissen und den Unglauben des Staatsanwaltes, der den Hundertjährigen nach wochenlanger Jagd durch halb Schweden endlich gefunden hat und sich von diesem immer wieder von den Erlebnissen mit den einflussreichsten Menschen der vergangenen 7 Jahrzehnte berichten lassen muss. Von General Franko (dem er das Leben rettete), Oppenheimer (dem er den entscheidenden Tip für die Bombe gab), Truman (2 Flaschen Tequilla), dem iranischen Geheimdienstchef (den er quasi aus der Not heraus pulverisiert), Churchill (noch mal Lebensrettung), dem schwedischen Ministerpräsidenten (nur ein kurzes Gespräch), Stalin (den er äußerst wütend macht und dennoch weiter provoziert), Kim Jong-il (den er auf seinem Schoß tröstet) und Kim Il-sung (der ihn auf der Stelle hinrichten lassen will), Mao Tse-tung (dessen Frau er vor dem Tod und Schlimmerem bewahrt), de Gaulle (gemeinsames Abendessen) sowie den Präsidenten Johnson (Bier) und Nixon (dem er bei Kaffee und Cognac die entscheidenden Ideen für die Handlungen liefert, welche später als Watergate Skandals bezeichnet werden). Der Leser freut sich immer wieder darüber, wie all diese Männer von Welt in einem einzigen, weniger als 400 Seiten dicken Buch Platz fanden und so wunderbar miteinander verknüpft wurden, dass dem Leser völlig logisch erscheint, was er da gerade liest. Und so nimmt man Jonas Jonasson sogar die Story über Herbert Einstein (den angeblichen Halbbruder des bekannten Genies) ab, mit dem Allan 20 Jahre seines Lebens im Gulag, in Nordkorea und schließlich auf Bali verbringt und fängt erst an zu googeln, wenn man von der Vernichtung Wladiwostoks im Jahr 1953 liest (die im Übrigen - keinen, der bis hierhin die Geschichte verfolgt hat, wundert es - auf Allans Initiative hin geschehen ist) um nun endlich mit Sicherheit zu wissen: Alles Lüge, nichts ist wahr! Auch nicht die Tatsache, dass Allan erst den Amerikanern und später den Russen zur Atombombe verholfen hat. Aber vorstellbar ist all dies und das ist das Beeindruckende an diesem Roman.

Ebenso flüssig und voller Überraschungen verläuft nun auch Allans Flucht aus dem Altersheim, wo man seinen 100sten „gebührend“ feiern will, worauf der Alte überhaupt keine Lust verspürt. Auch wenn die nun begonnene Reise, die ihm die Aufmerksamkeit der Polizei und der Medien einbringt, und die ihn am Ende mit einem alten Gauner, einem Polizisten und weiteren merkwürdigen Gestalten sowie einem echten Elefanten bis nach Bali führen wird, zwischendurch dann ein wenig ins Stocken gerät (in diesem Alter braucht man eben ab und an mal eine kleine Verschnaufpause), so ist es immer wieder beeindruckend, mit welcher Phantasie der Autor die Reisegruppe dann doch immer wieder vor Unheil bewahrt. Einer der Gründe für die erfolgreiche Abwehr allen Ungemachs, in deren Verlauf allerdings 2 wirklich üble Burschen kurzerhand von Allan & Co ins Jenseits befördert werden, ist wohl des Alten großer Appetit auf Schnaps. Leicht schließt man bei einem Gläschen Bekanntschaft mit ansonsten eher muffligen Typen, versöhnt sich mit Bullen oder Bandenchefs, schmiedet Pläne oder denkt sich phantastische Geschichten für den Staatsanwalt aus: „Na bitte“ sagte Allan und blickte auf den bewusstlosen chinesischen Soldaten zu seinen Füßen. „Wenn du mit einen Schweden um die Wette saufen willst, solltest Du zumindest Finne oder Russe sein

Außer ein wenig Geschichtsunterricht enthält dieser süffisante Roman nicht wirklich viel zum Nachdenken oder Grübeln, keine versteckten Andeutungen, Lehren, Lebensweisheiten, nicht mal eine einzige Sexszene, und dennoch handelt es sich hierbei um eine absolut empfehlenswerte Lektüre! Nun ja, eines gibt es vielleicht doch, was wir uns von diesem weitgereisten, immer positiv denkenden Mann abschauen können. Es ist dies sein Lebensmotto, welches ihn immer wieder gerettet hat: Es ist wie es ist und es kommt wie es kommt.