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Freitag, 31. Mai 2013

Nachtzug nach Lissabon – Pascal Mercier




Der in den letzten Wochen mit großem Erfolg in den deutschen Kinos gelaufene gleichnamige Film war zweifelsohne sehenswert. Denn  in diesem Fall kam das alte Klischee nicht gänzlich zur Geltung, wonach die Verfilmung eines Romans oft hinter dem Buch selbst zurücksteht(was in diesem Fall natürlich auch an den wunderschönen Schauspielern lag). Dennoch hat die Lektüre desselben mindestens einen großen Vorteil: Man kann die Briefe und Gedanken, die der Arzt Amadeu de Prado während der Diktatur in Portugal verfasste, in aller Ruhe mehrfach lesen, genießen und darüber in Stille sinnieren. Wie sollte das im, zugegebenermaßen, sehr schönen und ästhetischen Film möglich sein?



Und allein schon diese melancholischen, zutiefst ehrlichen und extrem selbstkritischen Gedanken dieses außergewöhnlichen Mannes machen das Buch so wertvoll. Wann hat jemals schon ein Mensch so schonungslos offen mit sich und der ihn umgebenden Welt abgerechnet ohne anklagend zu werden?

Aber auch der Rahmen der Handlung stimmt nachdenklich und zugleich hoffnungsvoll für das eigene Leben: Da wird ein den alten Sprachen verfallener, hochintelligenter und von seinen Schülern geliebter, jedoch von seiner Frau vor vielen Jahren ob seiner offensichtlichen Langweiligkeit verlassener Lehrer von einer Sekunde auf die andere aus seinem gewohnten Trott gerissen. Eine junge Portugiesin hält er vom todbringenden Sprung von einer hohen Brücke ab, diese begleitet ihn darauf hin bis ins Klassenzimmer, worauf Raimund Gregorius, von der portugiesischen Aussprache der Frau hingerissen, ohne Nachzudenken sein Leben von einem Augenblick auf den anderen ändert: Er verlässt mitten im Unterricht seine verdutzten Schüler und die gewohnte Schule, seinen Alltag und seine Welt. Durch Zufall fällt ihm in einer Buchhandlung das Buch eines portugiesischen Autors in die Hände und nun gibt es für ihn nur noch eines: Diesen Mann aufspüren. Also nimmt Gregorius den nächsten Zug über die französische in die portugiesische Hauptstadt, lernt auf der Fahrt einen gehetzten aber sehr sympathischen Lissabonner Geschäftsmann kennen und quartiert sich in einem kleinen Hotel in der Altstadt ein. Von einem unsichtbaren Sog getrieben, streunt er durch die Straßen der Stadt, lernt in kürzester Zeit mehr Menschen kennen (im wortwörtlichen Sinne) als in den vielen Jahren in Bern und kommt Amadeu mit jedem Tag, den er sich von seinem eigenen Leben entfernt, ein ganzes Stück näher. Immer tiefer taucht er in dessen Welt ein, auch wenn seine erste Begegnung mit dem Portugiesen, dem er sich auf seltsame Weise zutiefst verbunden fühlt, die mit dessen Grabstein ist. Doch zwei Schwestern und zwei ehemals sehr enge Freunde leben noch, ebenso wie zwei ehemalige Freundinnen, und diese Menschen erzählen Gregorius immer mehr Details über den geheimnisvollen Mann, dessen Familie und die Gründe, warum er in der Resistance sein Leben riskierte. Die Menschen fassen Vertrauen zu dem Schweizer Lehrer, kehren in ihre längst verdrängte Vergangenheit zurück und händigen ihm verschiedene Briefe aus, mit deren Hilfe sich Gregorius ein immer genaueres Bild über das Leben und den inneren Gemütszustand seines Bruders im Geiste verschaffen kann und die ihn durch deren teilweise philosophischen Betrachtungen begeistern. Genau wie den neugierigen, suchenden Leser.

Hier werden Fragen aufgeworfen, die uns alle hin und wieder quälen, wie z.B.: „Wie unterscheidet man, ob man eine Empfindung wichtig nehmen oder sie wie eine leichtgewichtige Laune behandeln soll?“

Und wer kennt nicht diesen so logisch daherkommenden Ratschlag, man solle:„Den Augenblick leben. Es klingt so richtig und auch so schön …, aber je mehr ich es mir wünsche, desto weniger verstehe ich, was es heißt.“ ?


Gregorius, auch von dessen Zweifeln und Gedanken kann man immer wieder lesen, wusste stets, und diese These hatte er immer vehement verteidigt, dass man Menschen ganz einfach in zwei Klassen einteilen kann, die Leser und die Nichtleser. Und dass es keinen größeren Unterschied zwischen Menschen gibt als eben diesen. Denn wer liest, trägt Fragen in sich und wenn er auch selten eine eindeutige Antwort bekommen mag, so trägt doch jedes Buch dazu bei, sich selbst besser verstehen zu lernen.

Die Reise in die fremde Stadt und in das Leben der dortigen Menschen führt auch in Gregorius zu selbstreflektierenden Betrachtungen seines eigenen Lebens, der Möglichkeiten, die ihm dieses bot und zu Überlegungen, wie dieses hätte verlaufen können, wenn bestimmte Entscheidungen anders gefällt worden wären. Auf der Suche nach Amadeu fragte er sich, ob es möglich sei: „…dass der beste Weg, sich seiner selbst zu vergewissern, darin bestand, einen anderen kennen und verstehen zu lernen?“

Einer der Höhepunkte des Buches ist ganz sicherlich die Abschlussrede des in einer religiösen Umgebung aufgewachsenen Amadeu am Ende seiner Schulzeit. Hier greift der Sohn eines offensichtlich von der Diktatur profitierenden Richters (später werden auch die Gründe hierfür näher beleuchtet – und wieder kann man lernen, dass es immer Gründe für unser Tun oder eben Nichttun gibt, auch wenn sie den Mitmenschen nicht bekannt sind) nicht nur das Regime an. Er, der Kathedralen und betende Menschen liebt, rechnet in einer Art und Weise mit Gott ab, die einen schwindlig machen kann. Der blutjunge Amadeu vergleicht die Allwissenheit Gottes, der jeden unserer Schritte und all unsere Gedanken kennt, mit der Brutalität der Folter, die den Inhaftierten ihren Rückzug nach innen durch Helligkeit und Schlafentzug vorenthält, was ihnen die Seele stiehlt: „Sie zerstört die Einsamkeit mit uns selbst, die wir brauchen, wie die Luft zum Atmen.“ Und er hinterfragt in seiner Rede die auch von Nichtchristen mitunter erhofften Versprechen der Ewigkeit, in dem er grandios schlussfolgert, dass diese schal und langweilig wäre, weil es vor dem Hintergrund eines ewigen Lebens keine Rolle spielte, was heute passiert: „Millionenfache Versäumnisse würden vor der Ewigkeit zu einem Nichts, und es hätte keinen Sinn, etwas zu bedauern, denn es bliebe immer Zeit, es nachzuholen. Nicht einmal in den Tag hineinleben könnten wir, denn dieses Glück zehrt vom Bewusstsein der verrinnenden Zeit, der Müßiggänger ist ein Abenteurer im Angesicht des Todes… Wenn immer und überall Zeit für alles und jedes ist: Wo sollte da noch Raum sein für die Freude an Zeitverschwendung?“


Obwohl Amadeu selbst aus berechtigtem Grund in ständiger Angst vor seinem bevorstehenden Tod lebte, reflektiert er über die Gründe, warum seine Patienten so entsetzt waren, wenn er diesen ankündigte, dass sie nicht mehr lange zu leben hätten und nimmt dem Leser gleichzeitig die Angst vor seinem eigenen Sterben: „Sie wollen nicht, dass es zu Ende sei, auch wenn sie das fehlende Leben nicht mehr vermissen können – und das wissen.“


Auch das Thema Einsamkeit teilen beide Männer. Und so liest Gregorius immer wieder die Aufzeichnungen des Portugiesen, der sich dieser Angelegenheit kurz vor seinem Tod, welcher ihn recht früh ereilte, intensiv widmete. Er meinte, dass wir Menschen unfrei wären und Sklaven unserer Umgebung, und er kämpfte mit Worten und Gedanken dagegen an: „Wenn uns die anderen Zuneigung, Achtung und Anerkennung entziehen: Warum können wir nicht einfach zu ihnen sagen: Ich brauche das alles nicht, ich genüge mir selbst?“

An anderer Stelle fragt er sich, „… ob wir nur aus Angst vor Einsamkeit so selten sagen, was wir denken? Weshalb sonst halten wir an all diesen zerrütteten Ehen, verlogenen Freundschaften …fest?“ Und dann erfasst Amadeu das Wesen der Einsamkeit einmal aus einem ganz anderen, positiven Blickwinkel, in dem er fragt, worin diese eigentlich bestehe: „In der Stille ausbleibender Vorhaltungen? In der fehlenden Notwendigkeit, mit angehaltenem Atem über das Minenfeld ehelicher Lügen … zu schleichen? In der Freiheit, beim Essen niemanden gegenüberzuhaben?“

Brillant ist dann die Schlussfolgerung, die das Potenzial in sich trägt, für viele dieser Ängstlichen ein Tor zu öffnen und damit eine Möglichkeit aufzeigt, die wohl kaum jemand schon so treffend formuliert hat:

„Und warum sind wir eigentlich so sicher, dass uns die anderen nicht beneideten, wenn sie sähen, wie groß unsere Freiheit geworden ist? Und dass sie nicht daraufhin unsere Gesellschaft suchten?“

„Nachtzug nach Lissabon“ ist kein Reiseführer der schönen alten Stadt an der Mündung des Tejo – aber das Buch macht Lust auf eine Reise dorthin. Es ist ein Mut machendes Buch, auch wenn viele der Gedanken ausgesprochen düster daherkommen. Denn zugleich vermag es uns Ängste zu nehmen (vor der Einsamkeit, vor dem Tod, vor der Fremde) und es regt unsere Gedanken an, es lädt ein, auch unser Leben zu überdenken und zeigt, dass es niemals zu spät ist, etwas zu verändern, spannende Menschen und neue Freunde kennenzulernen. Und es bietet, im Gegensatz zum Film, kein Happy End, auch wenn man es sich als Leser wirklich ersehnt. Was allein schon ein gewichtiger Grund für dessen Lektüre ist!

Mittwoch, 15. Mai 2013

Roman eines Schicksallosen – Imre Kertész




Wie kann man über die Schrecken von Auschwitz, die doch nun wirklich nicht in Worte zu fassen sind, nur so schreiben? Wie kann einer, der direkt aus einem Budapester Bus heraus deportiert worden ist, über seine Erlebnisse mit einer derart naiven Sichtweise berichten, dass sein eigenes ungläubiges Staunen ob der Unmöglichkeit seiner Erlebnisse in jedem Satz offensichtlich wird, ohne dass der Leser das Buch entgeistert zurück ins Regal stellt? Was Imre Kertész hier vor Jahrzehnten niederschrieb, ist nicht nur bewegende Weltliteratur, sondern gleichzeitig einzigartiges Zeugnis menschlicher Größe!



 
Der „Roman eines Schicksallosen“ reiht sich nicht nur ein in die ehemaligen Pflichtlektüren „Werner Holt“ und „Das siebte Kreuz“, er berichtet nicht anhand einer teilweise erfundenen Geschichte wie in „Die Mütze“ über die Schrecken der KZs, sondern er schafft etwas, was einzigartig in der Holocaustliteratur ist: Er macht das Lesen dieser Unglaublichkeiten erträglich und, man darf es eigentlich kaum schreiben: fast schon angenehm. Es ist wohl diese besondere Art der Ironie in Kertész’ Sprache, die dieses Faszinosum ermöglicht und wofür wir ihm dankbar sein sollten. Man kann natürlich vom grausamen Hunger in anklagenden Worten berichten,  aber man kann auch durch viel subtilere Sätze wie diesen, der überhaupt nichts schönredet, die Gefühle und Erfahrungen der Häftlinge deutlich machen:
„Überhaupt war ich von der Verpflegungsordnung in Auschwitz einigermaßen befremdet  so hatte ich dann bis zum dritten Tag schon eingehend Bekanntschaft mit dem ärgerlichen Gefühl des Hungers gemacht …“

Böswillige Kritiker könnten dem Schriftsteller möglicherweise entgegenhalten, er wäre nicht einmal 4 Tage in Auschwitz gewesen und hätte keine Ahnung vom Lagerleben und ‑sterben. Doch was 3,5 Tage sowie die unvorstellbaren "Reiseumstände" in einem Menschen anrichten und auszulösen vermögen, davon kann sich wohl heute kein Mensch eine Vorstellung machen. Und schließlich war Buchenwald auch kein Urlaub vom Grauen, auch wenn manche Aussagen ganz bewusst diesen Eindruck erwecken wollen; nicht um das Verbrechen KZ zu relativieren, sondern nur um die absolute Perversion der Menschenvernichtung zu untermauern: „Ich kann sagen,  auch ich habe Buchenwald bald liebgewonnen“.
Klug und mit einer gewissen Spur von Humor berichtet der Held (wann, wenn nicht hier dürfte man dieses Wort benutzen?!) von seinem Unbehagen hinsichtlich seiner Herkunft. Als nicht praktizierender Jude hatte er nie Jiddisch gelernt, weshalb er von den Juden im Lager genauso geschnitten wurde wie von seinen Mitmenschen als Träger des gelben Sterns in den Straßen von Budapest. Er fühlte sich in beiden Situationen als der Ausgegrenzte, als „Der Jude“. Dabei fragte er sich, wieso seine Mitgefangenen „… derart unsinnig auf etwas bestanden, das ihnen ja sehr viel mehr zum Schaden gereichte und bei dem sie doch so viel mehr draufzahlten, als sie herausholten …“
Der Protagonist wurde bald nach seiner Ankunft in Buchenwald zum Arbeiten ins Außenlager Zeitz geschickt, wo er schließlich wegen eitriger Abszesse auf der Krankenstation landet. Halbtot wird der junge Mann schließlich zurück ins Hauptlager gebracht, er weiß, dass das Leben vorbei ist, und er hat sich mit dieser Tatsache eigentlich schon abgefunden. Doch dann sieht er (neben verdächtigen Rauchschwaden) auch dampfende Kessel mit Essbarem und so regt sich ein letzter Überlebenswille, dem Hunger geschuldet: „in mir war die verstohlene, sich ihrer Unsinnigkeit gewissermaßen selbst schämende und doch immer hartnäckiger werdende Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören: ein bisschen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“ Niemand darf so einen Satz schreiben! Niemand außer den Überlebenden, einem wie Kertész, dem es gerade durch solche Sätze gelingt, den durch späte Geburt gesegneten den Lageralltag für die Nachwelt sichtbar zu machen, ohne den Horror auch nur im Mindesten kleinzureden.
Wegen dieser absolut gelungenen autobiographischen Erzählung, die uns heute so weit entfernt und vollkommen irreal erscheint, sollte jeder Schüler den „Roman eines Schicksallosen“ lesen. Auch jeder ehemalige Schüler!

Samstag, 4. Mai 2013

Pol Pots Lächeln - Peter Fröberg Idling



Ich sah, was ich sah!

In Pol Pots Lächeln wird Georges Orwells „1984“ zur Realität

Da reisen im Jahr 1978 vier schwedische Linksintellektuelle durch das unter Pol Pot so genannte „Demokratische Kampuchea“, das damals völlig abgeriegelt war, und sehen überhaupt nichts vom allseits gegenwärtigen Massenmord. Wie verblendet kann man nur sein?, könnte man fragen. Oder man könnte sich auf die Spur der vier Schweden machen, sie zu ihren Erlebnissen befragen, Zeitzeugen treffen, Bibliotheken durchforsten sowie die Vorgeschichte der Reise und des Landes beleuchten. Und eben das hat Peter Fröberg Idling getan. Herausgekommen ist ein überaus kluges, akribisch recherchiertes und einfühlsames Buch voller Hintergrundinformationen zur damaligen Situation.
Hier wird nichts schöngeredet oder verharmlost. Der Autor ergründet die Sichtweise der Linken auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges und bringt die Revolution in Kambodscha in einen Zusammenhang mit der Weltgeschichte.


 
Heute sind uns die brutalen Methoden Pol Pots bekannt. Wir wissen, dass „Die Organisation“ den Platz von Familie, Monarchie und Religion einnahm, alle Städte räumte, kleine Kinder von ihren Eltern trennte und dass Folter und Hinrichtungen zum System gehörten. Aber damals standen vor dem Hintergrund flächendeckender Bombardements der USA mit unzähligen Opfern und einer anschließenden Phase von Korruption und Zerfall vor ihrer Revolution 1975 die Roten Khmer eben nicht für Völkermord und Barbarei sondern für Moderne und Freiheit.

Dennoch: Wie gelang es, die schwedische Delegation so zu täuschen, dass diese anschließend alle Schreckensmeldungen von Geflüchteten in Zweifel zog und ein überaus optimistisches Bild über die Lage im Land verbreitete?

Diese Frage zu beantworten ist das Hauptanliegen des Autors, der sich mühsam aber zielstrebig einer Erklärung annähert und anhand von konkreten Beispielen tiefsinnig analysiert, warum selbst die höchsten Führer mit Potemkinschen Dörfern getäuscht wurden, wenn sie durchs Land reisten - und was die Statisten erwartete, sollte deren Vorstellung nicht glaubwürdig sein.

So verurteilt Idling die Schweden auch nicht, vielmehr fragt er, was künftige Generationen uns einmal vorwerfen werden, wenn sie uns Zeitungsmelden von Heute vorlegen, in denen täglich von Hunger, Krieg und Ungerechtigkeiten berichtet wird: „Aber hier steht doch alles, wie könnt ihr denn sagen, dass ihr es nicht verstanden habt?“

Peter Fröberg Idling: Pol Pots Lächeln: Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer. Aus dem Schwedischen von Andrea Fredriksson-Zederbauer. Frankfurt am Main: Edition Büchergilde. 351 S., 22,95€