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Sonntag, 24. Juni 2012

Sechzig Lichter - Gail Jones


 Ein schönes Buch, zweifelsohne. Voller sprachlicher Bilder: Genauestens wiedergegebene Eindrücke und Beobachtungen einer der ersten Fotografinnen überhaupt. Dennoch musste ich mich schon ein wenig mühen, um bis zum Ende durchzuhalten, ich gebe es an dieser Stelle zu. Was aber den geneigten Leser nicht davon abhalten sollte, es dennoch zur Hand zu nehmen und sich der Bilderwelt der Lucy Strange hinzugeben, interessiere er sich nun für Fotografie, vergangene Zeiten, fremde Länder oder sei er einfach ein Genießer von wohlbeschriebenen Stimmungen. Auch wer außergewöhnliche und faszinierend formulierte Sätze mag, wird hier und da seine Freude finden, wenn er sich denn mitreißen lässt und es ihm gelingt abzutauchen in diese Geschichte, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf mehreren Kontinenten spielt.

Lucy und ihr geliebter Bruder Thomas wachsen im heißen Australien auf, müssen allerdings sehr frühzeitig den Tod ihrer lieben Eltern verkraften. Kurzzeitig noch einmal können sie unbeschwert ihre Kindheit genießen, als sie bei einem nahen Verwandten, dessen exotischer chinesischer Frau und deren ebenfalls angenehm unangepassten Kindern leben. Doch auch dieses Paradies wird Thomas und Lucy genommen, als sie von ihrem skurrilen Onkel Neville abgeholt und nach England gebracht werden. Das Leben im feuchten, dunklen, beengten London fordert die beiden sehr und es dauert lange, bis sich die „strangers“ in dieser fremden Welt zurechtfinden und schließlich halbwegs wohl fühlen. Als Onkel Neville seine Arbeit verliert, sucht er sein Glück immer mehr in spirituellen Handlungen und versucht sogar, auf diese Weise mit seiner Schwester, der Mutter der beiden Kinder, zu kommunizieren. Diese müssen nun für den Unterhalt der seltsamen Kleinfamilie sorgen, was beide in die moderne, zukünftige Welt einführt. Lucy in die Welt der statischen Bilder - Fotografie als Kunst - , wenn auch vorerst nur in einer Manufaktur, wo sie stundenlang Eier auftrennt, um die Grundlage für die Herstellung von  Fotopapier zu schaffen. Thomas in die Welt der bewegten Bilder, wo er zur zweiten Hand eines Laterna-Magica-Vorführers avanciert, dessen Teilhaber er schließlich wird und täglich eine große Anzahl von begeisterten Menschen in eine neue, fremde Welt entführt.

Gerade als sie sich beide in diesem Leben eingefunden haben ändert sich wieder alles, weil Neville Lucy nach Indien schickt, wo sie einen alten Freund (später werden wir erfahren, dass dieser als junger Mann in Neville verliebt war) ehelichen soll. Warum sie sich in dieses Schicksal fügt, ist nicht nachvollziehbar. Eher schon, dass sie sich auf der ewig langen Schiffspassage („Man befindet sich in einem Zustand göttlicher Gnade, wenn man von zurückgehaltenen Wassermassen umgeben schlafen darf“) mit einem verheiraten Mann einlässt und sehr schnell und sehr ausführlich die körperliche Liebe zu lieben lernt. Isaac Newton, der sie am Kai erwartet, wird sie zwar doch nicht heiraten, zu verschieden sind sich die beiden. Doch hat dieser so viel Anstand, dass er Lucy anbietet, ihr uneheliches Kind in seinem Hause zu gebären um dann mit dem Namen Newton nach England zurückzukehren. Lucy geht es in Indien wie vielen Europäern (auch ich habe ganz genau so gefühlt und gehandelt, als ich kürzlich dort war): Sie kann sich nicht daran gewöhnen, ständig bedient zu werden, ohne wenigstens voller aufrichtiger Freundlichkeit auf die Hausangestellten zuzugehen, ungeachtet deren Kaste oder gesellschaftlicher Stellung. Großzügig gefördert von Isaac, mit dem sie ein immer innigeres Verhältnis eingeht, wenn auch weder dieses vielsagende Wort noch der Begriff „Ehe“ die Form des Zusammenlebens der beiden treffend beschreibt, erlernt sie die Kunst des Fotografierens. Fortan nun kann sie zu ihren „Besonderen gesehenen Dingen“, einem kleinen Büchlein mit einer Sammlung spezieller, nur von ihr wahrgenommener und als besonders eingestufter Eindrücke, echte Abbildungen hinzufügen. Als sie schließlich nach London zurückkehrt, fällt ihr der Abschied von dem viel älteren Isaac seltsamerweise genauso schwer wie ihm die Trennung von dieser besonderen Frau.

Zwar stirbt Onkel Neville kurz vor Lucys Ankunft, was sie sehr traurig macht, doch heiratet Thomas bald darauf und die kleine Familie lebt in einer neuen Konstellation für eine Weile zufrieden und friedlich zusammen. Schließlich trifft Lucy, kurz bevor sie von der Schwindsucht dahingerafft wird, zufällig auf die australische Hebamme ihrer Mutter, welche sich sofort in die kleine Familie integriert und als Oma, Tante und Mutter für Lucys Tochter Ellen fungiert und auf den etwas schüchternen aber sehr liebenswerten Jacob, mit dem sie nun endlich wieder die Genüsse der (körperlichen) Liebe für eine kurze aber schöne Zeitspanne teilen kann.

Nicht die eben dargestellte Handlung an sich ist es, die das Buch lesenswert machen. Es sind kunstvolle, schwierige aber wahre und oft wunderschöne Sätze (welche mir zwar in dieser Form niemals von der Feder gehen werden, die ich aber in bestimmten Augenblicken staunend genießen und kopfnickend bestätigen kann, weil ich meine eigenen Gedanken in kunstvolle Formulierungen gekleidet hier wiederfinde), wie die folgenden, welche ich unkommentiert an den Schluss meiner Betrachtungen zu „Sechzig Lichter“ stelle, in der Hoffnung, dass sie ihre Wirkung bei Leser und Leserin nicht verfehlen werden.

„So geschieht es, durch kleine Veränderungen, die voller Möglichkeiten stecken, und durch das Eingreifen anderer oder möglicherweise auch durch unehrenhafte Absichten herbeigeführt wurden, dass sich künftige Schicksale offenbaren und Leben eine andere Richtung einschlagen“.

„Die Welt vor ihr war wie geblasenes Glas: eine flüssige Form, die sich von Atem erfüllt zu einer glänzenden neuen Form aufblähte.“

„Er offenbarte eine solche Bandbreite an Ichs, wie sie Isaac nie zuvor bei jemanden gesehen hatte.“

„Sie bekam ihre Einsamkeit schmerzlich zu spüren, das eigene Ich verdunkelte sich in der Abwesenheit von Verständnis.“

Donnerstag, 14. Juni 2012

Der Zahir - Paulo Coelho

Zugegeben, auch dieser Roman von Paulo Coelho mag manchen wegen der ihm innewohnenden Spiritualität und Begeisterung für Naturreligionen ein wenig abschrecken oder zumindest einen unangenehmen Beigeschmack hinterlassen. Mich hingegen hat „Der Zahir“ sehr berührt, er hat mich erfasst und ist mit mir auf und davon geflogen. Dies mag wohl daran liegen, dass auch ich mich irgendwie auf der Suche befinde. Genauso wie der Ich-Erzähler, ein berühmter französischer Schriftsteller und sicherlich das Alter Ego von Coelho. Diesem ist die Frau abhanden gekommen, wobei anfangs unklar ist, ob sie entführt und ermordet wurde oder einfach nur das Weite gesucht hat. Letzteres entspricht wortwörtlich den Tatsachen, wie der Schriftsteller später herausfindet, als er mit einem Freund (oder dem Geliebten?) seiner Frau Esther zusammentrifft. Mikhail, ein Kasache mit Hang zum Überirdischen und der Vision, die Liebe in die Welt zu bringen, war ein sehr enger Vertrauter Esthers als diese sich von ihrem Mann, den sie sehr liebte und stets unterstützte, entfremdet und nicht verstanden fühlte und auf der Suche nach Wahrheit und Abenteuer als Kriegskorrespondentin in die Welt zog. Der Ich-Erzähler hat während seiner Einsamkeitsphase schnell herausgefunden, dass Esther und die Suche nach ihr sein ganzes Denken bestimmen und macht sie damit zu seinem ZAHIR (etwas, dass unsere Gedanken ausfüllt, bis wir uns auf nichts anderes mehr konzentrieren können, was sowohl als Wahnsinn als auch als Heiligkeit aufgefasst werden kann). Nachdem er, zwei Jahre nach ihrem Verschwinden, von Mikhail erfährt, wo sie sich aufhält, würde er sich am liebsten sofort auf den Weg zu ihr machen. Doch vorher wird er sich und sein Denken verändern müssen. Dies wird ihm schnell klar, und er nimmt diese Aufgabe gern an. Zusammen mit Mikhail, mit dem er sich dann doch anfreundet, nachdem er seine Eifersucht überwunden hat, begibt er sich auf die Suche nach der Liebe und ist sich nicht zu schade, mit Bettlern wodka-saufend durch Paris zu ziehen. Die schöne Schauspielerin Marie, die mittlerweile in sein Leben getreten ist und ihn wahrlich liebt, und zwar genau so, wie er ist (ist dies nicht bereits das Geheimnis der Liebe: nicht den Menschen verändern zu wollen, bis er ganz und gar unseren Vorstellungen entspricht sondern ihn so anzunehmen und zu respektieren, wie es seinem ICH entspricht?), merkt zwar, dass sie gegen den Zahir kaum eine Chance hat. Doch macht sie ihrem Geliebten keinerlei Vorwürfe oder Szenen, auch wenn dieser erst um zwei Uhr am Morgen besoffen und dreckig nach Hause kommt oder sich schließlich doch auf die Weite Reise in die Steppe begibt. Diese Marie, obwohl nur eine Randperson in der Handlung, gefällt mir ob ihrer selbstlosen, unaufgeregten Liebe außerordentlich gut. Aber auch Esther, die etwas Magisches an sich hat und mit Sicherheit eine tolle Aura verströmt, sowie der nachdenkende und sich verändernde Schriftsteller sind mir äußerst sympathisch. Auch wenn, oder gerade weil sie nicht so ganz in unsere Welt voller Gewissheiten und weitergegebener Erfahrungen passen sondern sich immerzu verändern, um den für sie richtigen Weg zu finden. Ähnlich wie schon Hemingway einige Jahrzehnte vorher sagt der Schriftsteller hier über sich: „Ich habe darum gekämpft, den Mut aufzubringen, die Anstellung bei der Zeitung aufzugeben und das Abenteuer einzugehen, ein Buch zu schreiben“. Nun ja, ich selbst bin noch nicht ganz so weit mit meinem Mut aber wenn ich auch noch kein Buch schreibe, so doch immerhin diese Rezension, während die halbe Welt dem Fußballvergnügen zur Europameisterschaft fröhnt. Über die Mehrheit der Menschheit sagt Coelho: „In Wirklichkeit hatten sie Angst vor jeder Art von Veränderung, die ihre gewohnte Welt erschüttern könnte“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf (auch auf meinen!). Doch sollten wir alle viel mehr Mut für Veränderung aufbringen, denn wie oft hören oder lesen wir aufmerksamen Sucher Sätze wie diesen: „Ich bereue die Augenblicke, in denen ich gelitten habe, nicht… Ich weiß, dass die Freiheit einen hohen Preis hat, einen ebenso hohen Preis wie die Versklavung; mit dem einzigen Unterschied, dass man den Preis der Freiheit freudig und mit einem Lächeln bezahlt, selbst wenn man unter Tränen lächelt“.

Als sich der Schriftsteller wegen eines Vortrages in einer alten, im Verlaufe der letzten Jahrhunderte immer wieder umgebauten Kathedrale genauer umschaut und seine Gedanken schweifen lässt, wird ihm etwas Wichtiges bewusst, wenn ich auch meine Zweifel anmelden möchte, ob sich diese Aussagen tatsächlich auf alle Menschen anwenden lassen: „ Ich gleiche dieser Kathedrale, wir alle gleichen ihr. Wir wachsen, verändern unsere Form, treffen manchmal auf Schwächen, die korrigiert werden müssen, und wählen nicht immer die beste Lösung, aber wir machen weiter, versuchen aufrecht und korrekt zu sein, nicht um der Wände oder Türen oder Fenster willen, sondern wegen des leeren Raums im Inneren, in dem wir anbeten und verehren, was uns teuer und wichtig ist.

Und nachdem der Bücherschreiber erkannt hatte, dass auch er diesem Weg der Veränderung folgen, sich für neue Gedanken, Gefühle, Menschen öffnen und den Resignationspunkt, den es im Leben eines Jeden gibt, überwinden muss, fühlte er sich auf einmal frei und glücklich, obwohl er immer noch ohne seine Esther, seinen Zahir, war: „Ich tat Dinge, die ich seit Jahren nicht mehr getan hatte, schuf in meiner Seele Raum für neue Erfahrungen…probierte neue Dinge aus, die mich vielleicht nicht unbedingt interessierten, die aber zumindest anders waren.“. Und er fand heraus, dass: „das Alter nur den Rhythmus derer verlangsamt, die nie den Mut hatten, ihren eigenen Rhythmus zu finden“.

Die Liebe, ihr Verlust und die Suche nach derselben beschäftigen Coelho in vielen seiner Bücher. In „Elf Minuten“, einem durchaus spannenden und Horizonte erweiternden Roman, kam sie mir manches Mal ein wenig zu naiv daher. „Der Zahir“ hingegen zeigt, dass es sich immer lohnt, die Resignation hinter sich zu lassen und um die Liebe zu kämpfen, auch wenn es oft weh tut: „Leid lässt sich nur vermeiden, wenn man überhaupt nicht liebt“. Doch müssen wir unsere gewohnte Art zu lieben verändern, ihre wahres Wesen erkennen, denn: „…wie wir heute lieben kommt auf eine Minute Frieden eine Stunde Angst.

Obwohl keiner der Protagonisten in diesem Buch das Zeitliche segnet und das Schlusswort dieser Rezension eigentlich nicht vom Tod sondern vom Leben handeln sollte, möchte ich die folgenden 6 Worte, die gewissermaßen das Ergebnis und der Lohn der mutigen Suche sind, an diese Stelle setzen, verbunden mit der Hoffnung, dass man sie einst für jeden von uns wird anwenden können (und welche auch meinen Grabstein zieren sollen, wenn ich es denn verdiene): „Er war lebendig als er starb.“