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Donnerstag, 14. Juni 2012

Der Zahir - Paulo Coelho

Zugegeben, auch dieser Roman von Paulo Coelho mag manchen wegen der ihm innewohnenden Spiritualität und Begeisterung für Naturreligionen ein wenig abschrecken oder zumindest einen unangenehmen Beigeschmack hinterlassen. Mich hingegen hat „Der Zahir“ sehr berührt, er hat mich erfasst und ist mit mir auf und davon geflogen. Dies mag wohl daran liegen, dass auch ich mich irgendwie auf der Suche befinde. Genauso wie der Ich-Erzähler, ein berühmter französischer Schriftsteller und sicherlich das Alter Ego von Coelho. Diesem ist die Frau abhanden gekommen, wobei anfangs unklar ist, ob sie entführt und ermordet wurde oder einfach nur das Weite gesucht hat. Letzteres entspricht wortwörtlich den Tatsachen, wie der Schriftsteller später herausfindet, als er mit einem Freund (oder dem Geliebten?) seiner Frau Esther zusammentrifft. Mikhail, ein Kasache mit Hang zum Überirdischen und der Vision, die Liebe in die Welt zu bringen, war ein sehr enger Vertrauter Esthers als diese sich von ihrem Mann, den sie sehr liebte und stets unterstützte, entfremdet und nicht verstanden fühlte und auf der Suche nach Wahrheit und Abenteuer als Kriegskorrespondentin in die Welt zog. Der Ich-Erzähler hat während seiner Einsamkeitsphase schnell herausgefunden, dass Esther und die Suche nach ihr sein ganzes Denken bestimmen und macht sie damit zu seinem ZAHIR (etwas, dass unsere Gedanken ausfüllt, bis wir uns auf nichts anderes mehr konzentrieren können, was sowohl als Wahnsinn als auch als Heiligkeit aufgefasst werden kann). Nachdem er, zwei Jahre nach ihrem Verschwinden, von Mikhail erfährt, wo sie sich aufhält, würde er sich am liebsten sofort auf den Weg zu ihr machen. Doch vorher wird er sich und sein Denken verändern müssen. Dies wird ihm schnell klar, und er nimmt diese Aufgabe gern an. Zusammen mit Mikhail, mit dem er sich dann doch anfreundet, nachdem er seine Eifersucht überwunden hat, begibt er sich auf die Suche nach der Liebe und ist sich nicht zu schade, mit Bettlern wodka-saufend durch Paris zu ziehen. Die schöne Schauspielerin Marie, die mittlerweile in sein Leben getreten ist und ihn wahrlich liebt, und zwar genau so, wie er ist (ist dies nicht bereits das Geheimnis der Liebe: nicht den Menschen verändern zu wollen, bis er ganz und gar unseren Vorstellungen entspricht sondern ihn so anzunehmen und zu respektieren, wie es seinem ICH entspricht?), merkt zwar, dass sie gegen den Zahir kaum eine Chance hat. Doch macht sie ihrem Geliebten keinerlei Vorwürfe oder Szenen, auch wenn dieser erst um zwei Uhr am Morgen besoffen und dreckig nach Hause kommt oder sich schließlich doch auf die Weite Reise in die Steppe begibt. Diese Marie, obwohl nur eine Randperson in der Handlung, gefällt mir ob ihrer selbstlosen, unaufgeregten Liebe außerordentlich gut. Aber auch Esther, die etwas Magisches an sich hat und mit Sicherheit eine tolle Aura verströmt, sowie der nachdenkende und sich verändernde Schriftsteller sind mir äußerst sympathisch. Auch wenn, oder gerade weil sie nicht so ganz in unsere Welt voller Gewissheiten und weitergegebener Erfahrungen passen sondern sich immerzu verändern, um den für sie richtigen Weg zu finden. Ähnlich wie schon Hemingway einige Jahrzehnte vorher sagt der Schriftsteller hier über sich: „Ich habe darum gekämpft, den Mut aufzubringen, die Anstellung bei der Zeitung aufzugeben und das Abenteuer einzugehen, ein Buch zu schreiben“. Nun ja, ich selbst bin noch nicht ganz so weit mit meinem Mut aber wenn ich auch noch kein Buch schreibe, so doch immerhin diese Rezension, während die halbe Welt dem Fußballvergnügen zur Europameisterschaft fröhnt. Über die Mehrheit der Menschheit sagt Coelho: „In Wirklichkeit hatten sie Angst vor jeder Art von Veränderung, die ihre gewohnte Welt erschüttern könnte“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf (auch auf meinen!). Doch sollten wir alle viel mehr Mut für Veränderung aufbringen, denn wie oft hören oder lesen wir aufmerksamen Sucher Sätze wie diesen: „Ich bereue die Augenblicke, in denen ich gelitten habe, nicht… Ich weiß, dass die Freiheit einen hohen Preis hat, einen ebenso hohen Preis wie die Versklavung; mit dem einzigen Unterschied, dass man den Preis der Freiheit freudig und mit einem Lächeln bezahlt, selbst wenn man unter Tränen lächelt“.

Als sich der Schriftsteller wegen eines Vortrages in einer alten, im Verlaufe der letzten Jahrhunderte immer wieder umgebauten Kathedrale genauer umschaut und seine Gedanken schweifen lässt, wird ihm etwas Wichtiges bewusst, wenn ich auch meine Zweifel anmelden möchte, ob sich diese Aussagen tatsächlich auf alle Menschen anwenden lassen: „ Ich gleiche dieser Kathedrale, wir alle gleichen ihr. Wir wachsen, verändern unsere Form, treffen manchmal auf Schwächen, die korrigiert werden müssen, und wählen nicht immer die beste Lösung, aber wir machen weiter, versuchen aufrecht und korrekt zu sein, nicht um der Wände oder Türen oder Fenster willen, sondern wegen des leeren Raums im Inneren, in dem wir anbeten und verehren, was uns teuer und wichtig ist.

Und nachdem der Bücherschreiber erkannt hatte, dass auch er diesem Weg der Veränderung folgen, sich für neue Gedanken, Gefühle, Menschen öffnen und den Resignationspunkt, den es im Leben eines Jeden gibt, überwinden muss, fühlte er sich auf einmal frei und glücklich, obwohl er immer noch ohne seine Esther, seinen Zahir, war: „Ich tat Dinge, die ich seit Jahren nicht mehr getan hatte, schuf in meiner Seele Raum für neue Erfahrungen…probierte neue Dinge aus, die mich vielleicht nicht unbedingt interessierten, die aber zumindest anders waren.“. Und er fand heraus, dass: „das Alter nur den Rhythmus derer verlangsamt, die nie den Mut hatten, ihren eigenen Rhythmus zu finden“.

Die Liebe, ihr Verlust und die Suche nach derselben beschäftigen Coelho in vielen seiner Bücher. In „Elf Minuten“, einem durchaus spannenden und Horizonte erweiternden Roman, kam sie mir manches Mal ein wenig zu naiv daher. „Der Zahir“ hingegen zeigt, dass es sich immer lohnt, die Resignation hinter sich zu lassen und um die Liebe zu kämpfen, auch wenn es oft weh tut: „Leid lässt sich nur vermeiden, wenn man überhaupt nicht liebt“. Doch müssen wir unsere gewohnte Art zu lieben verändern, ihre wahres Wesen erkennen, denn: „…wie wir heute lieben kommt auf eine Minute Frieden eine Stunde Angst.

Obwohl keiner der Protagonisten in diesem Buch das Zeitliche segnet und das Schlusswort dieser Rezension eigentlich nicht vom Tod sondern vom Leben handeln sollte, möchte ich die folgenden 6 Worte, die gewissermaßen das Ergebnis und der Lohn der mutigen Suche sind, an diese Stelle setzen, verbunden mit der Hoffnung, dass man sie einst für jeden von uns wird anwenden können (und welche auch meinen Grabstein zieren sollen, wenn ich es denn verdiene): „Er war lebendig als er starb.“

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