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Samstag, 15. März 2014

Das Minarettverbot - Max Müller



Minarettverbot

Der im Jahr 2009 nach einem Plebiszit in die Schweizer Verfassung aufgenommene Zusatzartikel „Der Bau von Minaretten ist verboten“ könnte dazu verleiten, die Schweiz als unmodern oder gar fremdenfeindlich anzusehen.

  Plakat des Egerkinger-Komitees zur Minarett-Initiative

Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn wer nun denkt, die neutralen Schweizer hätten mit ihrem Votum angebliche Aversionen gegen ihre islamischen Mitbürger zum Ausdruck bringen wollen, interpretiert den klug inszenierten Minarettstreit unserer ausgekochten Nachbarn fehl. Die generelle Ablehnung jeglicher Bauanträge für die muslimischen Kirchtürme hat nämlich nur ein Ziel: Den Schutz der islamischen Mitmenschen vor eventuellen Übergriffen von Wutbürgern, die der (angeblich) drohenden Überfremdung Einhalt gebieten wollen. Erneut hat sich auch bei diesem Referendum der Stadt-Land-Graben deutlich offenbart: Obwohl schon in den Städten eine kleine Mehrheit für das Minarettverbot stimmte, waren weitaus mehr Minarettgegner unter der konservativen ländlichen Bevölkerung auszumachen. Aber auch der sogenannte Röstigraben (die Grenze zwischen frankophoner und germanischer Bevölkerungsmehrheit) trat wie bei vielen derartigen Volksbefragungen erneut klar zutage. Ob unsere deutschstämmigen Brüder und Schwestern durch ihr minarettskeptisches Abstimmungsverhalten nun ihre wahre Fratze gezeigt haben oder ob sie einfach nur besonders clevere Multikultis sind, bleibt herauszufinden.

Den aufgebrachten Leipzigern, die jüngst gegen den Bau einer Moschee im Stadtteil Gohlis demonstrierten, sollte man jedenfalls mit auf den Weg geben: Versucht doch nicht den Bau des Gebetshauses zu verhindern, sondern setzt euch dafür ein, dass er ein hübsches und weithin sichtbares Minarett bekommt. Man weiß ja nie, ob sich irgendwann der Wind wieder einmal dreht und dann findet sich der Weg leichter.







Dienstag, 4. März 2014

Der Mann, der Balzacs Romane schrieb - Jürg Beeler

Pyromanie und strauchelnde Außenseiter haben es Jürg Beeler angetan. Auch in seinem mittlerweile sechsten Roman baut der Schweizer Autor aus diesen beiden Grundstoffen eine subtile Geschichte, die vom Handlungsverlauf her eigentlich kaum der Rede wert ist.




Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, doch mag es für manchen Nichtraucher, der sich die verqualmten Kneipen nie und nimmer zurück wünscht, ein wenig befremdlich wirken, dass für den Protagonisten mit dem „Nikotinedikt“ eine Welt zusammen bricht. Zum dritten Mal übrigens, denn dies geschah bereits, als sein Zwillingsbruder David ihm vor einigen Jahrzehnten die Frau ausgesponnen hatte und dann erneut, als die Bibliothek, in der Jan Panowski mitten in der Nacht ganz allein arbeitete, abbrannte. Der seit diesem Vorfall zurückgezogen lebende Ich-Erzähler hat es also wirklich nicht leicht im Leben, doch wirkt er auf den Leser längst nicht so sympathisch wie beispielsweise der Exstudent Niko in dem wunderbaren Film „Oh Boy“. Doch zurück zu Jan und seinen Problemen, schließlich ist dies hier keine Filmkritik sondern eine Buchrezension. Obwohl dem Autor immer wieder hübsche Formulierungen gelangen ( „… ich hatte vor der moralischen Instanz einer dreisten Kellnerin kapituliert.“) und er von einigen wirklich netten Ideen beflügelt wurde, fehlt es dem Roman sowohl an Handlung als Tiefgang. Wenn der alte Balzac dem alternden Bibliothekar Lebensweisheiten wie diese souffliert: „Doch Geld ausgeben, das man nicht hat, ist eine Kunst, die nur ein sublimer Geist beherrscht….“ könnte man in Verzückung zustimmend nicken. Oder man könnte sich all der Prolls entsinnen, die ihre Schrankwand auf Pump finanzieren und dann die Banken und Möbelhäuser dafür verantwortlich machen, dass sie nun kein Geld für Schnaps mehr haben.
Die eigentliche Handlung – Jan erfährt vom Tod des als Schriftsteller berühmt gewordenen und von ihm gehassten Zwillingsbruders und reist nach Paris, um nicht an dessen Beerdigung teilzunehmen - ist nur Mittel zum Zweck. Nämlich um dem Leser aufzuzeigen, wie heimisch sich Jürg Beeler in den Cafés und Museen von Paris fühlt und wie gut er mit dem Werk des Honore dé Balzac vertraut ist.
Doch vielleicht irrt der Rezensent ja auch in seiner Einschätzung des hier besprochenen Werkes und verkennt dessen Genialität. Möglicherweise sind ja andere Leser von Balzacs „Inspirationsmesser“ begeistert: Der berühmte Schriftsteller, so will es die vorliegende Geschichte, konnte am Verhältnis zwischen nächtlich getrunkenem Kaffee und ausgeschiedenem Urin überprüfen, wie viele Seiten er in der Nacht geschafft hatte. Durch einfaches Nachzählen wäre ihm dies sicherlich auch möglich gewesen, doch wäre diese Anekdote dann ebenso ungeboren geblieben wie die, welche Victor Hugo mittels des bereits erwähnten Pißkrugs zum Trottel macht. Wen diese interessiert der kaufe sich das Buch!