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Montag, 22. Oktober 2012

Der weite Weg nach Hause – Rose Tremain



Liebe Leser und Blogverfolger: Hier ist endlich mal wieder eine uneingeschränkte Leseempfehlung für Euch! Und dies, obwohl der vorliegende Roman nicht auf meiner stetig anwachsenden Liste lesendwerter Bücher stand sondern mir durch Zufall in die Hände fiel. Oder WEIL…!

Dabei ist weder die Sprache des Buches besonders ausgefeilt, noch kommen exzessive Gewalt oder ausufernde Erotikszenen vor, die Geschichte ist nicht besonders lustig oder spannend erzählt, und es werden auch nicht mehrere Handlungsstränge oder Zeitebenen geschickt miteinander verwebt. Selbst zum Lieblingsthema Liebe wird der Leser kaum Neues erfahren. Nein, diesem Buch reicht eine ganz klassisch dem Zeitstrahl folgend erzählte, mehr oder weniger stringente Geschichte aus, um den Leser in seinen Bann zu ziehen. Ob es hierbei von Vorteil ist, wenn man, genau wie der Protagonist Lev, aus dem ehemals sozialistischen Lager stammt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Dennoch half mir meine Vergangenheit an mancher Stelle, mich in den mir gleichaltrigen sympathischen Reisenden hineinzuversetzen.

Kommen wir zum Inhalt der Geschichte, die als modernes Märchen beworben wird. Doch halt: Ein Märchen geht doch immer irgendwie richtig gut aus und alle leben bis ans Ende ihrer Tage glücklich zusammen. Dieser Satz fehlt am Ende dieses Buches – ein weiterer Pluspunkt auf meinem ganz persönlichen Punktekonto. Doch müssen im Märchen die Helden nicht vor dem Happy End vielerlei Gefahren und Abenteuer bestehen, kommen ihnen nicht oftmals Gedanken des Aufgebens? Genau! Und so geht es Lev auch:

Aufgegeben hatte er, nachdem seine wunderschöne Frau Marina, mit der er in einem kleinen Dorf in einer der ehemaligen Sowjetrepubliken zusammengelebt hatte, an Leukämie gestorben war. Keiner, dem nicht Ähnliches widerfahren ist, kann nachvollziehen, wie man sich in solch einer Situation fühlt und wie man damit umgeht. Lev lag tage- und wochenlang trauernd in der Hängematte im Haus seiner Mutter, bevor er dann den Entschluss traf, sein Leben nun selbst in die Hand zu nehmen und sich in einen Bus nach London setzte. Hier in diesem Bus nun, auf dieser endlos langen Fahrt, setzt die Erzählung ein (weshalb wir auch von der Vergangenheitsform in den Präsens wechseln wollen) und hier in diesem Bus hätte sich Levs Schicksal bereits zum Guten wenden können, hätte er nicht noch zu sehr um Marina getrauert. Später, so können wir nur ahnen, wird ihm schmerzlich bewusst, dass er einen seiner größten Fehler begeht und die ihm von seiner Sitznachbarin Lydia angebotene Freundschaft ablehnt. Diese Lydia hätte ich sehr gern kennen gelernt. Sie ist nicht wirklich attraktiv (einer der Gründe, warum Lev immer auf Abstand bleibt) aber immer wieder hilfsbereit, vergebend, freundlich und nachsichtig mit Lev. Diese Lydia wird später, wenn sie ihr eigenes Glück gefunden hat, zu Lev einen Satz sagen, der zeigt, was in diesem traurigen Mann alles steckt, wie er auf andere wirken kann, ohne es selbst zu wissen: „Natürlich waren Sie es, Lev, der die Erinnerung an das, was ich für einen Mann empfinden kann, wieder in mir geweckt hat. Ich weiß, dass Sie nie etwas für mich empfunden haben aber das ist nicht wichtig“.

Die ersten Tage und Wochen in London, als Lev einen Preisschock nach dem anderen erlebt, in einem Kellerloch unter der Straße schläft, von Polizisten aufgeschreckt und von einem netten Araber mit kostenlos Kaffee und Döner bewirtet wird, sind so unglaublich plastisch beschrieben, dass ich mich bei der Lektüre sofort an meinen ersten London-Aufenthalt im Sommer 1990 erinnert fühlte. Genau wie Lev hatte ich mich auf dem großen, hellen Schiff nach England total verloren gefühlt (und war gleichzeitig extrem fasziniert) und kam dann völlig unvorbereitet und ohne Plan in dieser turbulenten Stadt an. Wen wundert’s also, dass ich mich sofort mit Lev verbrüderte und fortan an seiner Seite durch Ralph Mc Tells’s „Streets of London“ wanderte?

Sehr präzise werden des Neuankömmlings Eindrücke und Gefühle geschildert, als er nach ein paar erbärmlichen Tagen in das Haus von Lydias Gastgebern eintritt: Er fühlt sich, als hätte er soeben die Schwelle zum Paradies überschritten: Das Essen, dass ihm serviert wird, ist so unglaublich neu und gut, dass er es am Liebsten ganz genauso bis ans Ende seines Lebens essen würde, so wunderbar schmeckt es ihm. Wer nun je in einem englischen Reihenhaus stand und wer jemals die englische Küche hautnah erleben musste, der bekommt eine Ahnung davon, wie dunkel es in Lev’s Innerem aussah und wo er wirklich her kam.

Mit Hilfe von Lydia findet der arbeitswillige und lernbereite Lev schnell eine Stelle im Luxusrestaurant von GK Ashe, wo er als „Schwester“ (so heißen hier die dauernd wechselnden menschlichen Spülmaschinen) endlos lange und quälende Schichten an seiner 2,5m langen edelstahlgänzenden Abtropffläche schrubbt. Und den Fußboden. Die Gaskocher, die Arbeitsplatten, alles. Und das, nachdem gegen 1Uhr am Morgen alle anderen Mitarbeiter längst nach Hause gegangen sind. Es ist eine brutale Arbeit und die 7₤ brutto, die er in jeder grausamen Stunde verdient, reichen längst nicht so lange, wie ihm sein bester Freund Rudi zu Hause hatte weismachen wollen. Dennoch zieht nun endlich so etwas wie ein geregeltes Leben ein, denn Lev findet beim von Frau und Tochter verlassenen Christy nicht nur ein Kinderbett mit Giraffenbettwäsche für sein wahrlich müdes Haupt, sondern auch so etwas wie Freundschaft und ein wenig Wärme. Und dies, obwohl die Wohnung kahl und kalt wirkt, so wie die eines verlassenen Mannes eben, der sich komplett aufgegeben hat. Lev schafft es nun, ein wenig Geld zu Mutter und Tochter nach Hause zu schicken und immer wieder mit seinem besten Freund Rudi zu telefonieren, den ständig Sorgen um seinen „Tschewi“ (einen 25 Jahre alter Chevrolet) quälen. Und zu guter Letzt überwindet Lev mit der etwas molligen aber überaus quirligen, ja teilsweise wahrlich wilden Sophie, die ebenfalls im GK Ashe arbeitet, zumindest zeitweise seine Trauer über den Verlust der Frau und der Heimat. Es geht weiter bergauf im Leben des Immigranten, als er vom Besitzer des Restaurants befördert wird und fortan Gemüse für die Köche vorbereiten darf. Auch dies ein Knochenjob, der keine Gnade kennt aber einer, bei dem in Lev etwas beginnt: Er begeistert sich für die Idee des Kochens, schaut sich die Tricks der Köche ab und macht sich vielerlei Notizen. Schließlich ist das Restaurant, in dem er hier arbeitet, vom Niveau her soweit von den ihm bekannten Gaststätten seiner Heimat entfernt wie Marilyn Monroes süßer Arsch von Helmut Kohls fettem Hintern.

Alles Bestens also im Leben des Einwanderers, der scheinbar nun wirklich im Westen angekommen ist? Keineswegs: Gerüchte über den Bau eines Staudamms, der sein Heimatdorf ertränken wird, ständige Vorwürfe seiner Mutter, flehentliche Bitten seiner kleinen Tochter, doch bald wieder nach Hause zu kommen und schließlich Rudis Kapitulation dem Tschewi und sich selbst gegenüber, machen Lev schwer zu schaffen. Sein schlechtes Verhalten zur immer wieder aktiv werdenden Lydia und zu der sich mittlerweile in Künstlerkreisen bewegenden Sophie führt bald zum Verwürfnis mit beiden Frauen. Nur das Glück seines Vermieters Christy, der sich in eine reife Inderin verliebt (wer je den anmutigen, braunen Bauch einer indischen Schönheit unter deren Sari hervorlugen sah und aus nächster Nähe bewundern durfte, wird wissen, wovon ich hier schreibe) schwächt an dieser Stelle die immer wieder dem Buch eigene Melancholie ein wenig ab. Niemand, am aller wenigsten wohl Christy selbst, hätte je zu hoffen gewagt, dass er noch einmal vom Liebesglück kosten dürfe.

Als dann jedoch die Kündigung seines Küchenjobs über Lev kommt, haut er ab aus der Großstadt und zieht zu einem immer lachenden chinesischen Schwulenpäärchen in einen abgefuckten Wohnwagen, der mitten im Feld eines Gemüsebauern steht. Dort verdingt sich Lev nun als Spargelpflücker (auch um diesen Job beneide ich ihn keinesfalls) doch wird er auch hier nie wirklich ankommen. Trotz der liebevollen Behandlung durch die beiden süßen Chinesen. Aber: Während der endlosen Stunden bei monotoner Arbeit hinter dem stinkenden Traktor keimt und wächst Lev’s Idee, mit der er alle seine Probleme lösen möchte.

Zurück in London geht es dann zumindest finanziell wieder bergauf, weil er nun als Kellner in einem griechischen Restaurant arbeitet. Durch einem Zweitjob als Küchenchef im Altenheim (ebenfalls 7 Tage die Woche!) verbessert sich seine penunsiäre Situation drastisch und zum ersten Mal in dieser Geschichte überspringt nun die Autorin eine große Zeitspanne: Plötzlich sehen wir Lev an einem eiskalten Wintermorgen in sein Dorf laufen, der Tschewi und Rudi fahren erst an ihm vorbei, bevor sie dann schließlich doch stoppen, das völlig unerwartete Widersehen wird mit Wodka gefeiert und Lev’s Plan wird konkretisiert. Geld ist ja nun durch monatelanges Malochen ausreichend vorhanden. Weitere Details dieser wunderschön traurigen und dennoch Mut machenden Geschichte will ich an dieser Stelle gar nicht ausführen, und auch meine Bemerkung zum fehlenden Happy End mag ich hier nicht konkretisieren.

Was wir in diesem Roman finden, was wir aus diesem Buch mitnehmen können ist die Hoffnung, dass das Leben im Fluss ist und sich immer wieder verändert. Und dass es nun mal eine Gesetzmäßigkeit ist, dass auf gute Zeiten schlechte folgen werden. Aber, und das ist das Wichtigste: Diese Aussage gilt ebenso gegenteilig! Sehr gefühlvoll wird der Leser in Lev’s Leben sowie in dessen Gefühls- und Gedankenwelt eingewoben. Als der Dönerverkäufer den von seinen ersten Londoner Eindrücken völlig überwältigten Lev beim Trauern um sein vergangenes Leben und um seine Marina (die mit ihm schlief, wie eine Zigeunerin) ertappt und sagt: „Wenn Männer weinen, ist es nie wegen nichts…“ können einem schon mal die Augen feucht werden. Da stört es nicht wirklich, dass die Autorin unseren Lev einige Male mit starkem Akzent sprechen lässt, obwohl er über weite Strecken der Geschichte des Englischen (respektive Deutschen) sehr wohl fehlerfrei mächtig ist. Auch die Tatsache, dass der Bau des Staudamms und die folgende Flutung der umliegenden Dörfer innerhalb weniger Monate zustande kommt, ist wohl eher der Tatsache geschuldet, dass die Autorin sich nicht mit den Trockenzeiten von Beton auskennt als dem unermüdlichen Arbeitswillen der postsowjetischen Arbeiter und daher ohne Weiteres verschmerzbar.

Ob der geneigte Leser die in diesem Fall eher negativ angehauchte Aussage: „Träume machten einen leichtsinnig, schickten einen auf Pfade, die man normalerweise nicht einschlagen würde“ nicht vielleicht auch ins Positive transformieren möchte, sei diesem selbst überlassen. Ich habe meine Entscheidung in der Bewertung dieses Satzes jedenfalls spontan getroffen und halte nun zu ihr! Ebenso, wenn auch mit weniger Inbrunst, verfechte ich auch die an einer anderen Stelle getroffene Lebensweisheit, dass es: „... wichtig für jeden Menschen ist, wenigstens eine große Idee im Leben zu haben“.

Kurz vor dem Ende der Geschichte, als Lev, immer wieder auf Lydias Besuch hoffend, seinem Freund Rudi alles über seine Beziehung (oder sollte man besser sagen: Nichtbeziehung?) zu dieser Frau erzählt, entgegnet Rudi den weisen Satz: „Sie kommt nicht, weil sie sich vor dem fürchtet, was sie noch für dich empfindet. Also musst Du es einfach akzeptieren und vergessen ...“ So wahr dieser Ratschlag auch sein mag: Ich kenne meinen Lev mittlerweile so gut, dass ich weiß, dass er sie eben NICHT vergessen und stattdessen bis an sein Lebensende darauf warten wird, dass Lydia sich wieder zeigt. Genauso wie er immerfort von den herrlichen Nächten mit Sophie träumen wird. Er ist eben nicht nur ein zupackender Macher sondern auch ein unvernünftiger Spinner. Wofür ich ihn liebe.

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