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Freitag, 9. November 2012

Im Spinnhaus – Kerstin Hensel


Ein wenig half mir dieses etwas eigenartige aber auch außergewöhnliche und interessante Büchlein, mich mit der Herkunftsregion meiner Familie zu versöhnen. Das Spinnhaus steht seit 1860 tief im Erzgebirge, nahe der Kreisstadt Schwarzenberg, in der meine Eltern groß geworden sind und wo ich viele Monate meiner Kindheit verbrachte.

Vieles dort störte mich damals schon und je älter ich wurde, entdeckte ich immer mehr unangenehme Eigenarten der dortigen sächsischen Population. Viele meiner Beobachtungen fand ich nun bei der Lektüre dieses Romans bestätigt – aber ich durfte auch Charaktere kennen lernen, denen die Enge und Engstirnigkeit des Waldes ebenfalls als zu klein für ihr Leben erschienen. So wie meinen Eltern, die, Gott sei’s gedankt, rechtzeitig vor meiner lustvollen Zeugung den Absprung in die Zivilisation schafften.
 
Weder das Spinnhaus als Gebäude noch das Buch erfüllen unsere Erwartungen an die bekannten Exempel ihrer jeweiligen Gattung. Im Haus, abseits des Dorfes, wohnen von Anfang an fast ausnahmslos die Stranger der damaligen Zeit: Vertriebene, Stumme, Schrullige, Außenseiter, Alleinerziehende… Das Buch erzählt von diesen Gestalten, aber nicht chronologisch, und zumindest auf den ersten Blick fehlt den einzelnen Geschichten der Zusammenhang. Doch wird man bald feststellen, dass die Schicksale der einzelnen Familien eng miteinander verknüpft sind und so kann man Personen, die man bereits kennt später oft in einer anderen Episode wieder treffen.

Umrahmt werden die einzelnen Erzählungen vom wiederholten Auftauchen eines Bären, der immer wieder seinen Weg aus Böhmen durch den dichten Wald nach Neuwelt findet. Auch wenn dieses Szenario sehr unwahrscheinlich ist (der letzte Bär des Erzgebirges wurde bereits im frühen 18. Jahrhundert erlegt) so gibt dies doch dem Roman ob seiner damit einhergehenden Mystik auch eine ganz eigene Würze.

Doch kommen wir nun zu den eigenartigen Menschen, von denen dieses Büchlein handelt und lebt. Was wir über diese lesen, geht mitunter sehr weit über die objektive Wahrheit (mal angenommen, es gäbe diese überhaupt ) hinaus. Oft greifen Vorurteile der Mitmenschen, vom Neid böse beeinflusstes Getratsche und hinterwäldlerische Unkenntnis der Welt in die Geschehnisse mit ein. So erfahren wir, dass die 59-jährige Uhlig-Trulla, von einem Bären geschwängert, bis ins hohe Alter hinein trächtig bleibt ohne je zu gebären, wir lesen davon, wie die kleine Zschiedrich-Lotte von den alten Weibsen des Spinnhauses gequält wird, erleben mit, wie deren Tochter viele Jahre später pilzvergiftet eingeht und werden in die vielfältigsten Verstrickungen, die 2 furchtbare Weltkriege mit sich bringen, verwickelt. Es war ein schweres Leben, das die „armen Leit“ hier fristeten. Doch wenn dann Weihnachten herankommt, ahnt man etwas vom Besonderen der erzgebirgischen Adventszeit. Wenn die drei ältesten Weibsen des Spinnhauses ihre herrlich feuchten und zentimeterdick mit Zucker und Butter bestrichenen Stollen auf dem Schlitten ins „Rilpsstübel“ bugsieren, kommen auch in mir kindliche Erinnerung an abendliche Spaziergänge durch lichterbogenerleuchtete Straßen und knirschenden Schnee zum Vorschein. Dann schmecke ich das Weihnachtsgebäck förmlich und werde friedvoll.

Denn wenn ich an die Menschen und ihre Eigenarten in dieser seltsam rückständigen Region denke („Jaja, die Neecher sinn itze ieberall“) fällt mir das Versöhnliche nicht immer leicht. Auch heute noch ist es hier unabdingbar, dass die Fenster jederzeit blitzeblank geputzt sind (damit man die Nachbarn immer gut beobachten und über sie lästern kann), der Grabstein der teuerste ist und man im Advent in jedem Fenster einen Schwibbogen stehen hat. Wehe dem, der sich diesen Gesetzen widersetzt!
Doch kommt dann die Weihnachtszeit heran, wird für kurze Zeit alle Missgunst zur Seite geschoben: „Einmal im Jahr rückte man hierorts so zusammen, dass man glauben wollte, nur für diese Stunde zu existieren“.







Mittwoch, 7. November 2012

Tausend strahlende Sonnen – Khaled Hosseini


Wegen des Titels habe ich mir diesen Roman bestimmt nicht ausgeliehen, der passt weder zu mir noch zu dem vorliegenden Buch. Nein, es war der mir geläufige Name des Autors, der mich zugreifen ließ. Wer kennt nicht den anrührenden Film „Drachenläufer“, der nach einer Vorlage von Hosseini entstanden ist und der auch mich wirklich stark bewegt hat?

Der Plot ist ein ähnlicher, spielt die Handlung doch zur gleichen Zeit im selben Land (und zwar Afghanistan). Allerdings wird hier nun die Geschichte des Landes im Gegensatz zum Drachenläufer aus der Sicht zweier Frauen erzählt. Und die haben wahrlich nichts zu lachen!

Zum einen lesen wir von Mariam, einem unehelich geborenen Kind, das zusammen mit seiner verbitterten Mutter vom Erzeuger in eine winzige Hütte außerhalb eines kleinen Dorfes abgeschoben wird. Schließlich hat der reiche Jalil bereits drei rechtmäßige Frauen und wollte sich womöglich den vierten und damit letzten Platz in seinem Bett sicherheitshalber noch freihalten. Man weiß ja nie, wer einem noch so über den Weg läuft. Einmal pro Woche besucht der Vater das Kind, spielt mit ihm und beschenkt es mit kleinen aber für das Mädchen unheimlich wertvollen Dingen und erkauft sich damit die Liebe der Tochter. Den Hass der Mutter hatte er sich schon vor langer Zeit unwiederbringlich zugezogen. In eine Schule darf Miriam nicht gehen, auch das Haus ihres Vaters kennt sie nicht. Ihrem größten Wunsch, einmal gemeinsam mit ihren Halbgeschwistern in dessen Kino zu gehen, kann Jalil aufgrund der  geltenden Normen nicht nachkommen und so läuft das Mädchen schließlich als 15-jährige das erste Mal alleine ins nahe gelegene Herat. Doch der Vater lässt sich verleugnen und Miriam vom Fahrer zurück in die ärmliche Hütte bringen. Dort hat die Mutter ihre Drohung wahr gemacht und sich an einem Baum erhängt. Also hilft es alles nichts, das Mädchen zieht vorübergehend ins Haus des Vaters, wird aber kurzerhand an einen 30 Jahre älteren Kabuler Schuhmacher verheiratet. Was sie in Raschids Haus und Bett nun zu erdulden hat, reicht allein schon für ein Drama erster Güte. Mit jeder Fehlgeburt verschlimmert sich Miriams Situation, schlimmste Gewalt wird Alltag und der letzte Rest Hoffnung schwindet zusehends aus ihrem Leben.

Spielend leicht schafft es Hosseini, uns in das dunkle Haus zu entführen, die düstere und bedrückende Stimmung selbst zu erleben und Miriams unglaubliche Hoffnungslosigkeit am eigenen Leib zu spüren. Man sollte daher das Buch nicht unbedingt an einem grauen Novembertag lesen sondern am Besten in der Sonne am Meer, damit man, was Miriam leider nie vergönnt war, hin und wieder den Blick schweifen lassen und in die paradiesische Realität zurückkehren kann. Denn im zweiten Teil des Buches wird uns nun die politische Situation des Landes mit all ihren Kriegen, Märtyrern, Königen, Präsidenten und falschen Hoffnungsträgern näher gebracht. Dieser Abschnitt beinhaltet eine sehr kurzweilige Abhandlung über die jüngere Geschichte Afghanistans, die anhand von Leila und deren kabuler Mittelstandsfamilie aufgezeigt wird. Ende der 80er Jahre erkennen die Russen, genauso wie einige Zeit vorher die Amerikaner in einem anderen asiatischen Land,  dass der Krieg gegen die Bevölkerung nicht zu gewinnen ist. Schlimm nur, dass die Abwesenheit der russischen Soldaten einher geht mit der Abwesenheit von Recht und Ordnung. Einschlagende Raketen, Mord und Totschlag, aufgeschlitzte Kehlen und Vergewaltigungen sind über einen mehrere Jahre andauernden Zeitraum an der Tagesordnung. So gesehen ist es vollkommen verständlich, dass sich die Menschen darauf freuen, dass die sich gegenseitig auf dem Rücken der Zivilbevölkerung bekämpfenden Warlords endlich durch die islamistischen Bartträger auf ihren roten Toyota Pickups vertrieben werden. Parallelen zur islamischen Revolution im Iran, die dem Abdanken des tyrannischen Schahs folgte, werden erkennbar, weil man wirklich nachvollziehen kann, wie sich die Menschen erst auf die Vertreibung der Russen, später auf die der Mujaheddin und die anbrechende neue Zeit freuen. Doch jedes Mal werden sie mit ihren falschen Hoffnungen enttäuscht und es kommt noch viel schlimmer. Liest man die Liste der neuen Verordnungen und Gesetze, die die Taliban kurz nach ihrer Machtübernahme veröffentlichen, kommen dem Leser unwillkürlich die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte mit ihren grausigen Rassengesetzen in Erinnerung. Nachdem erst Tarik, Leilas Jugendfreund und heimliche Liebe, ins Exil gegangen ist, packt nun schließlich auch deren Familie die Koffer. Doch leider schlägt kurz vor der Abfahrt eine Rakete ins elterliche Haus und von der Familie bleibt nichts übrig, als ein verletztes und verwaistes 14-jähriges Mädchen. Welches fortan von Miriam gesund gepflegt wird. Und von Raschid geehelicht. Denn dieser will unbedingt noch einen Sohn zeugen, hatte er doch weit vor der Hochzeit mit Miriam im Suff seinen verloren. Das erste Kind, das Leila auf die Welt bringt, ist nun aber ein Mädchen. Und es ist das Abschiedsgeschenk vom geliebten Tarik. Was Raschid zwar nicht weiß aber doch bald ahnt. Mit zielstrebigem und hartnäckigem Einsatz kommt dieser dann doch noch zu seinem Sohn, und wir müssen staunend feststellen, dass dieses Monster doch zu Gefühlen fähig ist, die irgendwie mit Liebe verwandt sind, die er natürlich ausschließlich seinem Jungen angedeihen lässt.

Wie es im Land nach Nine eleven weiterging, das wissen wir alle. Doch was die Zeit mit der mittlerweile 5-köpfigen Familie anstellte, das wird an dieser Stelle nicht en détail verraten. Es sei lediglich der Hinweis gestattet, dass die Lebenssituation der beiden Frauen, die lange brauchten, um sich einander anzunähern und schließlich herzlich zu befreunden, nicht bunter sondern eher grauer und schwärzer wurde. Zumindest bis zum finalen Höhepunkt der häuslichen Gewalt, nach dem sich dann die Wege der Familienmitglieder trennen. Allerdings bringt diese Freundschaft der Leidensgenossinnen auch einige lichte Momente mit sich. Erstmals seit dem Tod ihrer Mutter vor ca. 20 Jahren hat Miriam mit den Kindern und Leila wieder Menschen an der Seite, denen sie nicht ängstlich aus dem Weg gehen muss sondern die ihre Liebe zu schätzen wissen und dieser dadurch ein paar kurze Glücksmomente schenken, von denen sie schon ewig nicht mehr geträumt hatte. Bis dahin war sie von der Einsicht geprägt, „dass die Liebe ein gefährlicher Fehler ist und ihre Komplizin, die Hoffnung, eine trügerische Illusion“. 

Für uns hier, die wir uns nicht im Ansatz das düstere Leben von zwangsverheirateten Frauen in einer solch extrem patriarchischen Gesellschaft vorstellen können, mag dieser Satz zynisch klingen. Für die Frauen, die in ständiger Angst vor Gewalt, physischem und psychischem Schmerz leben müssen und die nicht einmal allein auf die Straße gehen können, ist jedoch die Aufgabe aller Hoffnung ein notwendiger Schutzmechanismus, um nicht zu Grunde zu gehen. Andererseits wird nur durch Hoffnung Veränderung möglich. Und diese wünsche ich diesem gequälten Land, seinen gequälten Menschen und vor Allem allen unterdrückten Frauen dieser Welt. Amen!

Freitag, 2. November 2012

Der Garten Eden – Ernest Hemingway

Genau dort, im Paradies, befindet sich unser Held. Man lehne sich in seinem Sessel zurück, schließe die Augen und stelle sich folgendes Situation vor: Es ist Sommer im Südfrankreich der 20er Jahre. David, ein amerikanische Schriftsteller, verbringt einen nicht enden wollenden Urlaub an unterschiedlichen Orten am Mittelmeer und zwar zusammen mit seiner unglaublich schönen und sexuell aktiven jungen Frau Catherine. Gleich nach dem Aufwachen lieben sich die Beiden, dann wir gut gegessen, an einer einsamen Bucht nackt geschwommen und sonnengebadet, dann werden die ersten Drinks gemixt, anschließend folgt die Siesta, die meist ebenfalls mit sexueller Aktivität eingeläutet wird. Am Nachmittag fahren die Beiden mit ihren Bugatti ins noch nahezu jungfräuliche, natürliche Cannes (oder eine beliebige andere Mittelmeerstadt), trinken in einem niedlichen Cafe ein paar weitere Drinks um dann zurück zu ihrer romantischen Unterkunft zu fahren, wo wieder gemixt, gegessen und gevögelt wird, was das Zeug hält. Finanzielle Sorgen ist David seit seiner Hochzeit los, einerseits, weil er reich geheiratet hat, andererseits, weil sein eben veröffentlichter Roman sich richtig gut verkauft. Wenn es den beiden so gefällt, packen sie ihre Sachen und fahren weiter; bis nach Madrid führt sie ihr kleiner Sommerausflug. Wenn David Lust und Muse dazu verspürt, schreibt er ein paar Stunden, schließlich freut sich Catherine auf den Bericht dieses gemeinsam verbrachten paradiesischen Sommers. Es ist in der Tat der sprichwörtliche Garten Eden, in dem sich die beiden befinden und es juckt mich, der ich auch gern schreibe, es den beiden gleich zu tun und einen ganzen Sommer auf eben diese Weise zu verbringen wie sie.

Doch wissen wir aus der Erfahrung und der Literatur, dass in jedem Paradies die Schlange ihre Verführungskünste einsetzt und ihr Unwesen treibt, auch wenn sie oft mit einer cleveren Tarnung daher kommt, damit wir ihr so vertrauen wie der Schriftsteller seiner dunkel gebräunten und unverfroren hell gefärbten Frau. Die verbotene Frucht ist im Fall der beiden Frischvermählten denn auch kein schnöder Apfel sondern sieht viel appetitlicher aus: Ein wunderschönes Mädchen (noch dazu stinkreich) gesellt sich auf Bitten und Drängen der unersättlichen Catherine zu dem glücklichen Paar, damit dieses noch ein wenig glücklicher werde. Der Traum der meisten Männer scheint für David nun mit dieser ménage à trois in Erfüllung zu gehen, auch wenn dieser sich anfangs noch sehr schwer damit tut und (wie dumm muss man sein!) dagegen wehren will. Doch weiß Catherine all ihre Wünsche gegenüber ihrem Gatten durchzusetzen und so zieht „Die Erbin“ kurzerhand mit in das kleine, abgelegene Hotel, in dem keine weiteren störenden Gäste anwesend sind. Praktischerweise verfügt Davids Arbeitszimmer über eine Tür zu dem von Marita, und so lässt er sich erweichen und tut seiner Frau den Gefallen, aller zwei Tage die Betten zu wechseln. Schnell findet er Gefallen an der ihn abgöttisch liebenden jungen Frau, welche vorher bereits mit Catherine für eine Nacht das Bett geteilt hatte, womit diese sich einen langjährigen Traum erfüllen konnte. Kaum hat er das Mädchen ein wenig genauer kennen gelernt, erliegt er einem Gefühl, welches wir wohl alle kennen und an das wir uns sehnsüchtig seufzend gern selbst zurück erinnern. Als sie einmal kurz die Bar verließ, sah er ihr Glas und „…nahm es in die Hand, hob es an die Lippen, und als es seine Lippen berührte, merkte er, dass ihn das erregte, weil es ihr Glas war.“

Doch leider, leider: Auch in dieser von beiden Frauen genau so gewünschten Dreiecksbeziehung zeigen sich schnell die ersten Risse. Catherine stichelt und stänkert immer wieder, doch meist geht es ihr dabei gar nicht in erster Linie um „Das Mädchen“, wie Marita meist genannt wird. Der Leser versteht genau so wenig wie die 3 Beteiligten, was genau Catherine stört, war sie es doch, die dieses Abenteuer zu Dritt initiiert und eingefädelt hat. Als dann das erste Mal von einem eidgenössischen Arzt die Rede ist, zu dem David seine Frau begleiten möchte, ahnt man, dass diese von einer psychischen Krankheit betroffen sein könnte, die Siegmund Freud vielleicht als Hysterie bezeichnet hätte. Oder hieß das Nymphomanie? Wahrscheinlich war es Keines von Beidem oder Beides in Einem doch überlassen wir die genaue Diagnose den Psychiatern. Wir erfahren also auch bei dieser Frau nicht, was in ihr vorgeht, was sie antreibt, warum sie so handelt und ob sie überhaupt von einer Krankheit heimgesucht wurde. Immer wieder bereut sie ihre bösen Worte und mutiert wieder zu der verständnisvollen, liebenden und charmanten modernen Frau, die sie zweifelsohne ist.

Beneiden kann man David dennoch, nicht nur um seine erotischen Erlebnisse sondern auch um seine Einstellung zu dieser von der Gesellschaft abgelehnten und von den Meisten als unmöglich erachteten Konstellation, nämlich der gleichwertigen und gleichzeitigen Liebe zu zwei verschiedenen Menschen: „Er dachte ganz arglos an die Beiden, ohne irgendwelche Probleme mit Liebe oder Zuneigung oder Verpflichtungen zu wälzen oder über Geschehens oder Zukünftiges, über gegenwärtige oder zukünftige Schwierigkeiten nachzudenken, sondern er dachte einfach nur, wie sehr er sie vermisste.“

Auch hat mich fasziniert (und damit auf den Boden der Realität zurück geholt), dass nicht erst in unserer von sexueller Medienflut bestimmten Gesellschaft die Hauptantriebskraft für die meisten Handlungen der meisten Menschen direkt oder indirekt von sexuellen Wünschen und Begehrlichkeiten hervorgebracht wird. Nein, auch schon vor 100 Jahren und höchstwahrscheinlich schon seit wir in Höhlen um das Feuer herum hockten, war und ist die (körperliche) Liebe die stärkste, wenn auch nicht die einzige Antriebskraft für uns Menschen, auch wenn uns das vielleicht nicht immer so bewusst ist. Nur fühlen wir uns heutzutage viel offener und experimentierfreudiger als wir es unseren Vorfahren zugestehen – was mitnichten zutreffend ist, wie sich hier wieder einmal zeigt.

Unseren Schriftsteller scheint die freie und oft praktizierte Liebe im sommerlichen Südfrankreich zu neuen Glanzleistungen zu animieren. Er unterbricht seinen Bericht über dieses Sommerabenteuer und schafft es, mehrere Stories niederzuschreiben, die er schon lange mit sich herumträgt. Ein weiterer Beweis für die Schaffenskraft sexueller Energie. Und ein weiterer Beweis für Hemingways Genialität (der sich durch diesen posthum veröffentlichen Roman wohl in David ein Denkmal geschaffen hat). Es gelingt den beiden Männern, uns in kürzester Zeit von der warmen Steinterrasse des Sommerdomizils ins heiße Afrika und zurück zu beamen. Hier nämlich handelt die gewichtigste seiner Kurzgeschichten: Zusammen mit seinem Vater hatte der kleine David dort an einer detailliert nachzulesenden Elefantenjagd teilgenommen, welche inklusive Ausflüge in die kindliche Gefühlswelt äußerst spannend und unglaublich plastisch nacherzählt wird. Wie hierbei die Gedanken des jungen Elefantenjägers und des erwachsenen Schriftstellers fein ineinander gewoben wiedergegeben werden, zeugt von der wahren Kunst des Schreibens.

Dumm nur, dass Catherine in einem neuerlichen Anfall nicht nur die Rezensionen über Davids kürzlich veröffentlichtes Werk verbrennt (ein Frevel an sich, entwürdigt sie hierdurch doch die Zunft der Kritiker!). Nein, sie macht auch vor den gerade abgeschlossenen Stories nicht halt und lässt nur den begonnenen Reisebericht übrig. Diesen zu veröffentlichen ist nunmehr ihre vordringlichste Aufgabe und sie legt sich ordentlich ins Zeug, wofür wir ihr sehr dankbar sein können, halten wir ihn doch gerade jetzt in unseren Händen.

Nun tut sich der Kritiker natürlich ein wenig schwer, den berühmten Nobelpreisträger Hemingway auch wirklich zu kritisieren. Ansatzpunkte fände er schon einige: So fühlt sich der Roman zumindest in der ersten Hälfte teilweise ein wenig langatmig an und die meiner Meinung nach zu häufig benutzten französischen Vokabeln tragen Ihres dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Zumindest für Menschen ohne frankophonen Hintergrund dürfte so manche Passage recht unverständlich bleiben. Doch sei’s drum: Auch wenn über weite Strecken nicht viel mehr zu lesen ist als ein Bericht über Schwimmen, Essen, Ficken und Saufen, so sollte man immer bedenken, dass es im erträumten Garten Eden nun einmal genau so zugeht. Wozu die Geschichte also unnötig aufblähen? Zumal einige Dialoge wahrhaftig großartig sind. Immer wieder ist es überaus beeindruckend, die Wortwechsel zwischen Catherine und David mitzuverfolgen. Dessen unglaubliche emotionale Beherrschung gegenüber seinem Teufel (wie er seine Frau zu Recht von Anfang an immer wieder nennt, ohne zu ahnen, wie treffend diese Bezeichnung wirklich ist) sollte uns allen als Beispiel für edle  Konversation dienen. Selbst nach wüsten Beleidigungen und sogar unmittelbar nach der erschütternden Erkenntnis, dass all seine Stories unwiederbringlich verloren sind, begegnet David der Zerstörerin mit einer solchen Ruhe und Nonchalance, wie sie wohl keiner von uns in einer ähnlichen Situation aufbrächte.

Erneut hat mir übrigens ein Hemingway allerhand wertvolle Ratschläge zum Schreiben vermittelt. Während sich David beim Schreiben immer wieder in die Zeit der Jagd mit seinem übermächtigen Vater hineinversetzt, lässt er uns auch an seinen Gedanken hinsichtlich des Niederschreibens von Vergangenem teilhaben. Doch wer diese Tipps nun aufsaugen und für sich selbst verwendet möchte, sollte „Der Garten Eden“ lieber selbst zur Hand nehmen. Dieser Ratschlag gilt natürlich auch für alle, die es interessiert, ob und wie die Geschichte von David und seinen beiden hübschen Frauen nun ausgeht.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Die lang quälende Frage: Ade Bessarabien - Ursula Oelschlägel

Dass mein erstes Auftragswerk dem Auftraggeber so gar nicht gefallen wird, tut mir zwar sehr leid, doch darf man einen Kritiker nicht um seine Meinung bitten, wenn man keine Kritik verträgt.

Doch wollen wir mit dem wenigen Positiven beginnen, das ich über dieses Buch, das weder dem Genre eines Romans noch dem einer Autobiographie gerecht wird, sondern eindeutig in die Kategorie „Nichtschriftsteller schreibt Nichtssagendes über sein Leben“ gehört, zu sagen habe. Für die Familienmitglieder der Autorin mag sich diese Aneinanderreihung von Verwandten-Besuchen mit Eierlikör-Orgien und Urlaubsfahrten in die ach so weite Welt vielleicht interessant lesen, alle anderen sollten bloß die Augen davon lassen. Nun gut, sicher mag der letzte Teil des Buches für alle, die selbst Vertreibung erlebt haben oder aus den Erzählungen der Alten kennen, interessant sein. Ich gebe zu, dass ich dieses letzte Drittel dann schon ziemlich flott weggelesen habe und die Erlebnisse der Mutter der Autorin schon recht interessant fand. Hat die „Schriftstellerin“, die mit „Anführungszeichen“ nur so um sich schmeißt und diese an allen unpassenden „Stellen“ einsetzt, vielleicht aber doch absichtlich gehandelt, als sie die „lang quälende Frage“ künstlich so in die Länge zog? Wollte sie eine Metapher schaffen zum nicht enden wollenden und grausamen Flüchtlings-Treck, den ihre Vorfahren gingen, die als Deutsche unter Russen und Rumänen lebten und 1940 zurück ins Kerndeutschland mussten? Wollte sie demnach auch den Leser auf eine ewig lange und quälende (sowie gleichermaßen vollkommen überflüssige) Reise schicken? Nein, diese Clevernis muss ich ihr leider absprechen. Dazu ist das vorliegende Werk einfach zu schlecht. Nicht nur inhaltlich sondern ebenso hinsichtlich des immer wieder fehlerhaften Ausdrucks, der jegliches schriftstellerisches Können vermissen lässt und eher an das Tagebuch einer 14-Jährigen erinnert. Und dann noch diese absolut unmögliche Interpunktion! Das Buch wimmelt von falsch gesetzten Kommata, Frage- und Ausrufezeichen wie ein Ameisenhaufen von Insekten! Das kann doch nicht sein?! Eine Seite mutet uns gar drei aufeinanderfolgende, normale Aussage-Sätze zu, die alle mit einem „!“ beendet wurden! Warum?! Sicher geschah dies, um dem inhaltslosen Stoff den Anstrich von Bedeutung und Wichtigkeit zu geben. Doch wer möchte wirklich wissen, welche Familienmitglieder zum Geburtstag der Oma erschienen und wann diese sich von ihrem Mittagsschlaf erhob?

Eine gute Seite hatte für mich allerdings die Lektüre dieses Buches doch noch: Ich weiß jetzt, dass auch mein Buch von einem Verlag angenommen und herausgegeben werden würde. Allerdings werde ich mir dann, wenn es so weit ist, einen Verlag suchen, der einen Lektor beschäftigt, der mich auf inhaltliche und sonstige Fehler hinweist. Mir wäre es einfach zu peinlich, ein Werk von solcher Qualität in den Druck und unters Volk zu geben.

Und hier jetzt noch für alle Interessierten die Beantwortung der lang quälenden Frage, die zweifelsohne für die Autorin und deren Leben von existenzieller Bedeutung war, und die ich mir nicht anmaße, in irgendeiner Art und Weise kleinzureden: Wer ist ihr leiblicher Vater? Es war ein russischer Offizier, der die damals 20 Jährige Mutter am Ende des Krieges mehrfach vergewaltigte bevor diese dann 1948 einen gutaussehenden Kriegsheimkehrer kennenlernte, der die Geschwister zeugte und keine Unterschiede zwischen diesen und der kleinen Ursula machte. Doch nur weil diese ewig lange brauchte, um ihrer Mutter endlich die Frage zu stellen, musste sie uns doch nicht auf solch langweilige Art durch ihr kleinbürgerliches Spießerleben führen. Oder?!

Samstag, 27. Oktober 2012

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Eigentlich hätte dieser wunderbar kurzweilige Roman „Tschichschtarow“ heißen müssen, nämlich genau so wie einer der beiden Helden. Doch da „Tschick“ nun mal der Spitzname des asiatisch aussehenden und sehr gut Deutsch sprechenden Russen ist, der mit dem Ich-Erzähler den besten Sommer ever erlebt, heißt nun mal auch das kleine Büchlein so.




Ich liebe ja nun einmal Roadmovies, ob nun in Buch- oder Filmform. Und so hat mich diese herrlich verrückte Story über zwei 14-Jährige, die einen alten Lada Niva „borgen“ und damit in die Walachei aufbrechen (und die sie natürlich nie erreichen werden), wirklich angesprochen. Und sie wird wohl auch jeden ansprechen, der selbst in sich den Traum vom Ausbrechen, vom Verrücktsein, von Freundschaft sowie die Liebe am Reisen in sich trägt.

Da haben also die Sommerferien angefangen, Maiks Mutter ist wieder mal in die Beauty Farm gefahren, die in Wirklichkeit eine Entzugsklinik ist, und der Vater verschwindet für zwei Wochen mit seiner blonden Assistentin, selbstverständlich nicht ohne dem jungen Mann (der die ganze Geschichte im Nachhinein erzählt) allerhand Ermahnungen sowie 200€ im noblen Einfamilienhaus zu hinterlassen. Die ganze Klasse ist zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen, außer eben den von Allen als Langweiler wahrgenommenen Maik, dem seltsamen Außenseiter Tschick und wenigen anderen. Dies bedrückt den Ich-Erzähler arg, hat er doch monatelang an einer Zeichnung gearbeitet, die er seiner großen Liebe Tatjana während eben dieser Party schenken wollte. Zum Glück weiß Tschick, wie man Ladas knackt, und so überrumpelt dieser den unglücklich Verliebten und beide fahren am Ort des Geschehens vor, übergeben die Zeichnung und verschwinden sofort wieder mit quietschenden Reifen. Überaus cool. Und dann geht’s so richtig los - und zwar gen Süden. Denn dort irgendwo ist angeblich die Walachei, in der Tschick nicht nur einen Großvater sonder auch zwei Cousinen hat („schön wie Orchideen“), die die beiden besuchen wollen. Ein wenig schwarzes Klebeband unter der Nase imitiert den nicht vorhandenen Bartwuchs, jedoch der sich leerende Tank macht den Beiden Probleme. Nicht, weil sie kein Geld zum Tanken hätten aber weil wohl jedem Tankwart die zwei Rotznasen im eigenen Auto aufgefallen wären. Also versuchen sie, aus einem geparkten Golf ein wenig Benzin abzuzapfen, was ihnen nur mit Hilfe der total verdreckten, fluchenden, neunmalklugen aber ziemlich begabten Isa gelingt. Die sie dann natürlich zum Dank auf den Rücksitz verfrachten und mitnehmen müssen. Den Gestank legt Isa während eines unfreiwilligen Bades in einem eiskalten Alpensee ab, die Haare anschließend daran mit Hilfe von Maik und das T-Shirt von ganz alleine. Was wiederum Maik nicht ganz kalt lässt und endlich ein wenig von seinen Gedanken an Tatjana ablenkt, die ihn sowieso nie beachtet hat. Es kommt zwar weder zum zwanglos von Isa angebotenen Fick noch zum ersten Zungenkuß, doch hat sich in Maik eindeutig etwas verändert.

Die Rumtreiber werden während ihrer gerade mal eine Woche dauernden Reise durch die deutsche Provinz von den Schönheiten der Natur überwältigt (ein großes Plus in diesem Roman sind die ganz klasse beschriebenen diesbezüglichen Beobachtungen), von einem alten Einsiedler mit einem Luftgewehr beschossen, von Polizisten gejagt, von einer skeptischen Krankenschwester verhört und von einem Schweinetransporter nahezu gekillt und erleben somit in dieser Zeit mehr als Mancher von uns in einem ganzen Leben. Maiks Vater ist wahrlich not amused über diesen Ausflug, doch kann er den Jungen selbst mit Drohungen und Schlägen nicht davon bringen, seinen mittlerweile zum wirklich echten Freund mutierten Kompagnon vor Gericht zu verraten. Und so beginnt das neue Schuljahr ganz anders als das alte geendet hat: Tatjana zeigt das erste mal überhaupt Interesse an dem von Unfällen geschundenen Maik und die ganze Klasse wird Zeuge davon, wie zwei echte Bullen mit Handschellen und Wumme diesen zu einem ungeklärten Lada-Diebstahl befragen. Vortrefflich diese Szene, als der mittlerweile gar nicht mehr so ängstliche Teenie die beiden benutzt, um der halben Schule trotz weicher Knie zu zeigen, dass er eigentlich ein echt cooler Typ ist. Als dann noch ein Brief von Isa eintrifft, die ihn unter der Weltuhr am Alex treffen will, kann man fast schon von einem Happy End sprechen. Und zwar von einem der Sorte: Alles ist möglich, male Dir selber aus, wie es weitergehen wird. Auch wenn dieses Ende dann lediglich darin besteht, dass Maik sich mit seiner Mutter (die im Übrigen trotz ihrer Alkoholsucht eine ziemlich coole Frau zu sein scheint) solidarisiert und Fernseher, Blumentöpfe sowie verschiedenste Möbel in den Pool wirft, während zwei dumm aus der Wäsche glotzende Gesetzeshüter ratlos am Beckenrand stehen.

Nun könnte man meinen, dass Maik und Tschick einfach nur zwei dumme Volltrottel wären, die zu blöd sind, sich eine Landkarte zu kaufen und auch nicht so ganz genau wissen, wie man mit Hilfe einer Uhr herausfindet, wo nun eigentlich Süden ist. Doch sind die beiden weder blöd noch gefühllos, im Gegenteil: Sie genießen ganz bewusst ihre neu errungene Freiheit, die Natur, ihr seltsames aber spannendes Leben.

Köstlich die Szenen, als die beiden sich über Tschicks Herkunft unterhalten und darüber diskutieren, dass es zwar keine englischen Franzosen, sehr wohl jedoch jüdische Zigeuner gibt. Oder wenn sie sich während einer sternenklaren Nacht gegenseitig versichern, dass der Anblick der immer größer werdenden Sternenpracht besser sei als Fernsehen (nicht ohne die Anmerkung zu machen, dass Fernsehen aber auch gut sei). Herrlich zu lesen ist das Gespinne darüber, dass auf einem fernen Planeten gerade zwei junge Rieseninsekten mit einem geklauten Helikopter unterwegs sind. Und dass nur diese beiden daran glauben, dass es irgendwo da draußen einen Planten gibt, auf dem gerade zwei junge Menschen mit einem geklauten Auto unterwegs sind. Für alle anderen Insekten ist das natürlich eine Horror-Vorstellung (weil ja diese Menschen nicht schleimig sind wie sie selbst).

Als der sonst so selbstsichere Tschick am Ende der Reise seinem Kumpel ein wenig beschämt und umständlich erklärt, dass er nicht so auf Mädchen stehe, denkt dieser in seinem Kopf etwas, das ich mir ganz genau so auch schon oft vorgestellt habe. Selber schwul zu werden wäre: „…jetzt wirklich die Lösung aller Probleme gewesen…aber ich mochte Mädchen irgendwie lieber.“

Maiks Mutter hatte vor vielen Jahren einmal zwei Sätze gesprochen, die im Kopf ihres Sohnes haften blieben (was beweißt, dass man nicht nur aus Büchern etwas lernen kann sondern hin und wieder auch von seinen Eltern). Da ich mich diesen Aussagen voll und ganz anschließe, stelle ich sie nun ans Ende dieser Besprechung. Auf dass sie jeder beherzigen möge:

„Erstens, man kann über alles reden. Und zweitens, was die Leute denken ist scheißegal.“

Montag, 22. Oktober 2012

Der weite Weg nach Hause – Rose Tremain



Liebe Leser und Blogverfolger: Hier ist endlich mal wieder eine uneingeschränkte Leseempfehlung für Euch! Und dies, obwohl der vorliegende Roman nicht auf meiner stetig anwachsenden Liste lesendwerter Bücher stand sondern mir durch Zufall in die Hände fiel. Oder WEIL…!

Dabei ist weder die Sprache des Buches besonders ausgefeilt, noch kommen exzessive Gewalt oder ausufernde Erotikszenen vor, die Geschichte ist nicht besonders lustig oder spannend erzählt, und es werden auch nicht mehrere Handlungsstränge oder Zeitebenen geschickt miteinander verwebt. Selbst zum Lieblingsthema Liebe wird der Leser kaum Neues erfahren. Nein, diesem Buch reicht eine ganz klassisch dem Zeitstrahl folgend erzählte, mehr oder weniger stringente Geschichte aus, um den Leser in seinen Bann zu ziehen. Ob es hierbei von Vorteil ist, wenn man, genau wie der Protagonist Lev, aus dem ehemals sozialistischen Lager stammt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Dennoch half mir meine Vergangenheit an mancher Stelle, mich in den mir gleichaltrigen sympathischen Reisenden hineinzuversetzen.

Kommen wir zum Inhalt der Geschichte, die als modernes Märchen beworben wird. Doch halt: Ein Märchen geht doch immer irgendwie richtig gut aus und alle leben bis ans Ende ihrer Tage glücklich zusammen. Dieser Satz fehlt am Ende dieses Buches – ein weiterer Pluspunkt auf meinem ganz persönlichen Punktekonto. Doch müssen im Märchen die Helden nicht vor dem Happy End vielerlei Gefahren und Abenteuer bestehen, kommen ihnen nicht oftmals Gedanken des Aufgebens? Genau! Und so geht es Lev auch:

Aufgegeben hatte er, nachdem seine wunderschöne Frau Marina, mit der er in einem kleinen Dorf in einer der ehemaligen Sowjetrepubliken zusammengelebt hatte, an Leukämie gestorben war. Keiner, dem nicht Ähnliches widerfahren ist, kann nachvollziehen, wie man sich in solch einer Situation fühlt und wie man damit umgeht. Lev lag tage- und wochenlang trauernd in der Hängematte im Haus seiner Mutter, bevor er dann den Entschluss traf, sein Leben nun selbst in die Hand zu nehmen und sich in einen Bus nach London setzte. Hier in diesem Bus nun, auf dieser endlos langen Fahrt, setzt die Erzählung ein (weshalb wir auch von der Vergangenheitsform in den Präsens wechseln wollen) und hier in diesem Bus hätte sich Levs Schicksal bereits zum Guten wenden können, hätte er nicht noch zu sehr um Marina getrauert. Später, so können wir nur ahnen, wird ihm schmerzlich bewusst, dass er einen seiner größten Fehler begeht und die ihm von seiner Sitznachbarin Lydia angebotene Freundschaft ablehnt. Diese Lydia hätte ich sehr gern kennen gelernt. Sie ist nicht wirklich attraktiv (einer der Gründe, warum Lev immer auf Abstand bleibt) aber immer wieder hilfsbereit, vergebend, freundlich und nachsichtig mit Lev. Diese Lydia wird später, wenn sie ihr eigenes Glück gefunden hat, zu Lev einen Satz sagen, der zeigt, was in diesem traurigen Mann alles steckt, wie er auf andere wirken kann, ohne es selbst zu wissen: „Natürlich waren Sie es, Lev, der die Erinnerung an das, was ich für einen Mann empfinden kann, wieder in mir geweckt hat. Ich weiß, dass Sie nie etwas für mich empfunden haben aber das ist nicht wichtig“.

Die ersten Tage und Wochen in London, als Lev einen Preisschock nach dem anderen erlebt, in einem Kellerloch unter der Straße schläft, von Polizisten aufgeschreckt und von einem netten Araber mit kostenlos Kaffee und Döner bewirtet wird, sind so unglaublich plastisch beschrieben, dass ich mich bei der Lektüre sofort an meinen ersten London-Aufenthalt im Sommer 1990 erinnert fühlte. Genau wie Lev hatte ich mich auf dem großen, hellen Schiff nach England total verloren gefühlt (und war gleichzeitig extrem fasziniert) und kam dann völlig unvorbereitet und ohne Plan in dieser turbulenten Stadt an. Wen wundert’s also, dass ich mich sofort mit Lev verbrüderte und fortan an seiner Seite durch Ralph Mc Tells’s „Streets of London“ wanderte?

Sehr präzise werden des Neuankömmlings Eindrücke und Gefühle geschildert, als er nach ein paar erbärmlichen Tagen in das Haus von Lydias Gastgebern eintritt: Er fühlt sich, als hätte er soeben die Schwelle zum Paradies überschritten: Das Essen, dass ihm serviert wird, ist so unglaublich neu und gut, dass er es am Liebsten ganz genauso bis ans Ende seines Lebens essen würde, so wunderbar schmeckt es ihm. Wer nun je in einem englischen Reihenhaus stand und wer jemals die englische Küche hautnah erleben musste, der bekommt eine Ahnung davon, wie dunkel es in Lev’s Innerem aussah und wo er wirklich her kam.

Mit Hilfe von Lydia findet der arbeitswillige und lernbereite Lev schnell eine Stelle im Luxusrestaurant von GK Ashe, wo er als „Schwester“ (so heißen hier die dauernd wechselnden menschlichen Spülmaschinen) endlos lange und quälende Schichten an seiner 2,5m langen edelstahlgänzenden Abtropffläche schrubbt. Und den Fußboden. Die Gaskocher, die Arbeitsplatten, alles. Und das, nachdem gegen 1Uhr am Morgen alle anderen Mitarbeiter längst nach Hause gegangen sind. Es ist eine brutale Arbeit und die 7₤ brutto, die er in jeder grausamen Stunde verdient, reichen längst nicht so lange, wie ihm sein bester Freund Rudi zu Hause hatte weismachen wollen. Dennoch zieht nun endlich so etwas wie ein geregeltes Leben ein, denn Lev findet beim von Frau und Tochter verlassenen Christy nicht nur ein Kinderbett mit Giraffenbettwäsche für sein wahrlich müdes Haupt, sondern auch so etwas wie Freundschaft und ein wenig Wärme. Und dies, obwohl die Wohnung kahl und kalt wirkt, so wie die eines verlassenen Mannes eben, der sich komplett aufgegeben hat. Lev schafft es nun, ein wenig Geld zu Mutter und Tochter nach Hause zu schicken und immer wieder mit seinem besten Freund Rudi zu telefonieren, den ständig Sorgen um seinen „Tschewi“ (einen 25 Jahre alter Chevrolet) quälen. Und zu guter Letzt überwindet Lev mit der etwas molligen aber überaus quirligen, ja teilsweise wahrlich wilden Sophie, die ebenfalls im GK Ashe arbeitet, zumindest zeitweise seine Trauer über den Verlust der Frau und der Heimat. Es geht weiter bergauf im Leben des Immigranten, als er vom Besitzer des Restaurants befördert wird und fortan Gemüse für die Köche vorbereiten darf. Auch dies ein Knochenjob, der keine Gnade kennt aber einer, bei dem in Lev etwas beginnt: Er begeistert sich für die Idee des Kochens, schaut sich die Tricks der Köche ab und macht sich vielerlei Notizen. Schließlich ist das Restaurant, in dem er hier arbeitet, vom Niveau her soweit von den ihm bekannten Gaststätten seiner Heimat entfernt wie Marilyn Monroes süßer Arsch von Helmut Kohls fettem Hintern.

Alles Bestens also im Leben des Einwanderers, der scheinbar nun wirklich im Westen angekommen ist? Keineswegs: Gerüchte über den Bau eines Staudamms, der sein Heimatdorf ertränken wird, ständige Vorwürfe seiner Mutter, flehentliche Bitten seiner kleinen Tochter, doch bald wieder nach Hause zu kommen und schließlich Rudis Kapitulation dem Tschewi und sich selbst gegenüber, machen Lev schwer zu schaffen. Sein schlechtes Verhalten zur immer wieder aktiv werdenden Lydia und zu der sich mittlerweile in Künstlerkreisen bewegenden Sophie führt bald zum Verwürfnis mit beiden Frauen. Nur das Glück seines Vermieters Christy, der sich in eine reife Inderin verliebt (wer je den anmutigen, braunen Bauch einer indischen Schönheit unter deren Sari hervorlugen sah und aus nächster Nähe bewundern durfte, wird wissen, wovon ich hier schreibe) schwächt an dieser Stelle die immer wieder dem Buch eigene Melancholie ein wenig ab. Niemand, am aller wenigsten wohl Christy selbst, hätte je zu hoffen gewagt, dass er noch einmal vom Liebesglück kosten dürfe.

Als dann jedoch die Kündigung seines Küchenjobs über Lev kommt, haut er ab aus der Großstadt und zieht zu einem immer lachenden chinesischen Schwulenpäärchen in einen abgefuckten Wohnwagen, der mitten im Feld eines Gemüsebauern steht. Dort verdingt sich Lev nun als Spargelpflücker (auch um diesen Job beneide ich ihn keinesfalls) doch wird er auch hier nie wirklich ankommen. Trotz der liebevollen Behandlung durch die beiden süßen Chinesen. Aber: Während der endlosen Stunden bei monotoner Arbeit hinter dem stinkenden Traktor keimt und wächst Lev’s Idee, mit der er alle seine Probleme lösen möchte.

Zurück in London geht es dann zumindest finanziell wieder bergauf, weil er nun als Kellner in einem griechischen Restaurant arbeitet. Durch einem Zweitjob als Küchenchef im Altenheim (ebenfalls 7 Tage die Woche!) verbessert sich seine penunsiäre Situation drastisch und zum ersten Mal in dieser Geschichte überspringt nun die Autorin eine große Zeitspanne: Plötzlich sehen wir Lev an einem eiskalten Wintermorgen in sein Dorf laufen, der Tschewi und Rudi fahren erst an ihm vorbei, bevor sie dann schließlich doch stoppen, das völlig unerwartete Widersehen wird mit Wodka gefeiert und Lev’s Plan wird konkretisiert. Geld ist ja nun durch monatelanges Malochen ausreichend vorhanden. Weitere Details dieser wunderschön traurigen und dennoch Mut machenden Geschichte will ich an dieser Stelle gar nicht ausführen, und auch meine Bemerkung zum fehlenden Happy End mag ich hier nicht konkretisieren.

Was wir in diesem Roman finden, was wir aus diesem Buch mitnehmen können ist die Hoffnung, dass das Leben im Fluss ist und sich immer wieder verändert. Und dass es nun mal eine Gesetzmäßigkeit ist, dass auf gute Zeiten schlechte folgen werden. Aber, und das ist das Wichtigste: Diese Aussage gilt ebenso gegenteilig! Sehr gefühlvoll wird der Leser in Lev’s Leben sowie in dessen Gefühls- und Gedankenwelt eingewoben. Als der Dönerverkäufer den von seinen ersten Londoner Eindrücken völlig überwältigten Lev beim Trauern um sein vergangenes Leben und um seine Marina (die mit ihm schlief, wie eine Zigeunerin) ertappt und sagt: „Wenn Männer weinen, ist es nie wegen nichts…“ können einem schon mal die Augen feucht werden. Da stört es nicht wirklich, dass die Autorin unseren Lev einige Male mit starkem Akzent sprechen lässt, obwohl er über weite Strecken der Geschichte des Englischen (respektive Deutschen) sehr wohl fehlerfrei mächtig ist. Auch die Tatsache, dass der Bau des Staudamms und die folgende Flutung der umliegenden Dörfer innerhalb weniger Monate zustande kommt, ist wohl eher der Tatsache geschuldet, dass die Autorin sich nicht mit den Trockenzeiten von Beton auskennt als dem unermüdlichen Arbeitswillen der postsowjetischen Arbeiter und daher ohne Weiteres verschmerzbar.

Ob der geneigte Leser die in diesem Fall eher negativ angehauchte Aussage: „Träume machten einen leichtsinnig, schickten einen auf Pfade, die man normalerweise nicht einschlagen würde“ nicht vielleicht auch ins Positive transformieren möchte, sei diesem selbst überlassen. Ich habe meine Entscheidung in der Bewertung dieses Satzes jedenfalls spontan getroffen und halte nun zu ihr! Ebenso, wenn auch mit weniger Inbrunst, verfechte ich auch die an einer anderen Stelle getroffene Lebensweisheit, dass es: „... wichtig für jeden Menschen ist, wenigstens eine große Idee im Leben zu haben“.

Kurz vor dem Ende der Geschichte, als Lev, immer wieder auf Lydias Besuch hoffend, seinem Freund Rudi alles über seine Beziehung (oder sollte man besser sagen: Nichtbeziehung?) zu dieser Frau erzählt, entgegnet Rudi den weisen Satz: „Sie kommt nicht, weil sie sich vor dem fürchtet, was sie noch für dich empfindet. Also musst Du es einfach akzeptieren und vergessen ...“ So wahr dieser Ratschlag auch sein mag: Ich kenne meinen Lev mittlerweile so gut, dass ich weiß, dass er sie eben NICHT vergessen und stattdessen bis an sein Lebensende darauf warten wird, dass Lydia sich wieder zeigt. Genauso wie er immerfort von den herrlichen Nächten mit Sophie träumen wird. Er ist eben nicht nur ein zupackender Macher sondern auch ein unvernünftiger Spinner. Wofür ich ihn liebe.