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Samstag, 27. Oktober 2012

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Eigentlich hätte dieser wunderbar kurzweilige Roman „Tschichschtarow“ heißen müssen, nämlich genau so wie einer der beiden Helden. Doch da „Tschick“ nun mal der Spitzname des asiatisch aussehenden und sehr gut Deutsch sprechenden Russen ist, der mit dem Ich-Erzähler den besten Sommer ever erlebt, heißt nun mal auch das kleine Büchlein so.




Ich liebe ja nun einmal Roadmovies, ob nun in Buch- oder Filmform. Und so hat mich diese herrlich verrückte Story über zwei 14-Jährige, die einen alten Lada Niva „borgen“ und damit in die Walachei aufbrechen (und die sie natürlich nie erreichen werden), wirklich angesprochen. Und sie wird wohl auch jeden ansprechen, der selbst in sich den Traum vom Ausbrechen, vom Verrücktsein, von Freundschaft sowie die Liebe am Reisen in sich trägt.

Da haben also die Sommerferien angefangen, Maiks Mutter ist wieder mal in die Beauty Farm gefahren, die in Wirklichkeit eine Entzugsklinik ist, und der Vater verschwindet für zwei Wochen mit seiner blonden Assistentin, selbstverständlich nicht ohne dem jungen Mann (der die ganze Geschichte im Nachhinein erzählt) allerhand Ermahnungen sowie 200€ im noblen Einfamilienhaus zu hinterlassen. Die ganze Klasse ist zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen, außer eben den von Allen als Langweiler wahrgenommenen Maik, dem seltsamen Außenseiter Tschick und wenigen anderen. Dies bedrückt den Ich-Erzähler arg, hat er doch monatelang an einer Zeichnung gearbeitet, die er seiner großen Liebe Tatjana während eben dieser Party schenken wollte. Zum Glück weiß Tschick, wie man Ladas knackt, und so überrumpelt dieser den unglücklich Verliebten und beide fahren am Ort des Geschehens vor, übergeben die Zeichnung und verschwinden sofort wieder mit quietschenden Reifen. Überaus cool. Und dann geht’s so richtig los - und zwar gen Süden. Denn dort irgendwo ist angeblich die Walachei, in der Tschick nicht nur einen Großvater sonder auch zwei Cousinen hat („schön wie Orchideen“), die die beiden besuchen wollen. Ein wenig schwarzes Klebeband unter der Nase imitiert den nicht vorhandenen Bartwuchs, jedoch der sich leerende Tank macht den Beiden Probleme. Nicht, weil sie kein Geld zum Tanken hätten aber weil wohl jedem Tankwart die zwei Rotznasen im eigenen Auto aufgefallen wären. Also versuchen sie, aus einem geparkten Golf ein wenig Benzin abzuzapfen, was ihnen nur mit Hilfe der total verdreckten, fluchenden, neunmalklugen aber ziemlich begabten Isa gelingt. Die sie dann natürlich zum Dank auf den Rücksitz verfrachten und mitnehmen müssen. Den Gestank legt Isa während eines unfreiwilligen Bades in einem eiskalten Alpensee ab, die Haare anschließend daran mit Hilfe von Maik und das T-Shirt von ganz alleine. Was wiederum Maik nicht ganz kalt lässt und endlich ein wenig von seinen Gedanken an Tatjana ablenkt, die ihn sowieso nie beachtet hat. Es kommt zwar weder zum zwanglos von Isa angebotenen Fick noch zum ersten Zungenkuß, doch hat sich in Maik eindeutig etwas verändert.

Die Rumtreiber werden während ihrer gerade mal eine Woche dauernden Reise durch die deutsche Provinz von den Schönheiten der Natur überwältigt (ein großes Plus in diesem Roman sind die ganz klasse beschriebenen diesbezüglichen Beobachtungen), von einem alten Einsiedler mit einem Luftgewehr beschossen, von Polizisten gejagt, von einer skeptischen Krankenschwester verhört und von einem Schweinetransporter nahezu gekillt und erleben somit in dieser Zeit mehr als Mancher von uns in einem ganzen Leben. Maiks Vater ist wahrlich not amused über diesen Ausflug, doch kann er den Jungen selbst mit Drohungen und Schlägen nicht davon bringen, seinen mittlerweile zum wirklich echten Freund mutierten Kompagnon vor Gericht zu verraten. Und so beginnt das neue Schuljahr ganz anders als das alte geendet hat: Tatjana zeigt das erste mal überhaupt Interesse an dem von Unfällen geschundenen Maik und die ganze Klasse wird Zeuge davon, wie zwei echte Bullen mit Handschellen und Wumme diesen zu einem ungeklärten Lada-Diebstahl befragen. Vortrefflich diese Szene, als der mittlerweile gar nicht mehr so ängstliche Teenie die beiden benutzt, um der halben Schule trotz weicher Knie zu zeigen, dass er eigentlich ein echt cooler Typ ist. Als dann noch ein Brief von Isa eintrifft, die ihn unter der Weltuhr am Alex treffen will, kann man fast schon von einem Happy End sprechen. Und zwar von einem der Sorte: Alles ist möglich, male Dir selber aus, wie es weitergehen wird. Auch wenn dieses Ende dann lediglich darin besteht, dass Maik sich mit seiner Mutter (die im Übrigen trotz ihrer Alkoholsucht eine ziemlich coole Frau zu sein scheint) solidarisiert und Fernseher, Blumentöpfe sowie verschiedenste Möbel in den Pool wirft, während zwei dumm aus der Wäsche glotzende Gesetzeshüter ratlos am Beckenrand stehen.

Nun könnte man meinen, dass Maik und Tschick einfach nur zwei dumme Volltrottel wären, die zu blöd sind, sich eine Landkarte zu kaufen und auch nicht so ganz genau wissen, wie man mit Hilfe einer Uhr herausfindet, wo nun eigentlich Süden ist. Doch sind die beiden weder blöd noch gefühllos, im Gegenteil: Sie genießen ganz bewusst ihre neu errungene Freiheit, die Natur, ihr seltsames aber spannendes Leben.

Köstlich die Szenen, als die beiden sich über Tschicks Herkunft unterhalten und darüber diskutieren, dass es zwar keine englischen Franzosen, sehr wohl jedoch jüdische Zigeuner gibt. Oder wenn sie sich während einer sternenklaren Nacht gegenseitig versichern, dass der Anblick der immer größer werdenden Sternenpracht besser sei als Fernsehen (nicht ohne die Anmerkung zu machen, dass Fernsehen aber auch gut sei). Herrlich zu lesen ist das Gespinne darüber, dass auf einem fernen Planeten gerade zwei junge Rieseninsekten mit einem geklauten Helikopter unterwegs sind. Und dass nur diese beiden daran glauben, dass es irgendwo da draußen einen Planten gibt, auf dem gerade zwei junge Menschen mit einem geklauten Auto unterwegs sind. Für alle anderen Insekten ist das natürlich eine Horror-Vorstellung (weil ja diese Menschen nicht schleimig sind wie sie selbst).

Als der sonst so selbstsichere Tschick am Ende der Reise seinem Kumpel ein wenig beschämt und umständlich erklärt, dass er nicht so auf Mädchen stehe, denkt dieser in seinem Kopf etwas, das ich mir ganz genau so auch schon oft vorgestellt habe. Selber schwul zu werden wäre: „…jetzt wirklich die Lösung aller Probleme gewesen…aber ich mochte Mädchen irgendwie lieber.“

Maiks Mutter hatte vor vielen Jahren einmal zwei Sätze gesprochen, die im Kopf ihres Sohnes haften blieben (was beweißt, dass man nicht nur aus Büchern etwas lernen kann sondern hin und wieder auch von seinen Eltern). Da ich mich diesen Aussagen voll und ganz anschließe, stelle ich sie nun ans Ende dieser Besprechung. Auf dass sie jeder beherzigen möge:

„Erstens, man kann über alles reden. Und zweitens, was die Leute denken ist scheißegal.“

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