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Dienstag, 13. Dezember 2011

Überflieger

Es handelt sich hier nach Die Kunst frei zu sein wohl um das zweite Sachbuch, welches an dieser Stelle rezensiert wird. Und auch der "Bestseller"-Aufkleber prangt erneut auf der Titelseite, obwohl ich doch normalerweise versuche, diesen von zu vielen Menschen gelesenen Werken eher aus dem Weg zu gehen. Aber Empfehlung bleibt Empfehlung.

Worum nun geht es in diesem Sachbuch? Um Erfolg. Warum schaffen es manche Menschen, richtige Überflieger zu werden und warum bleibt genau dies anderen vorenthalten? Die Grundaussage des Buches: Natürlich sind großer Fleiß und Intelligenz wichtige Faktoren aber darüber hinaus spielen meist mehrere Zufälle eine große Rolle, genau so wie kulturgeschichtliche Aspekte.

Die vielen Geschichten über verschiedenste Menschen lesen sich sehr gut, wenn auch manchmal die Detailverliebtheit des (erfolgreichen!) Autors ein wenig nerven kann. Aber die Beispiele sind alle aus dem Leben gegriffen und sehr gut nachvollziehbar. So wird an interessanten Beispielen und sehr anschaulich erklärt, warum erfolgreiche Unternehmer der IT-Branche in einem ziemlich kleinen Zeitfenster geboren sein mußten oder warum insbesondere die jüdischen Anwälte im Amerika der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zum Erfolg kamen. Weshalb so viele Flugzeuge der Korean Airlines abstürzten (die Copiloten hatten sich ganz einfach nicht getraut, den Chef auf einen möglicherweise lebensbedrohlichen Fehler mit der gebotenen Deutlichkeit hinzuweisen, weil die asiatische Kultur solcherlei verbietet), warum Menschen aus den Südtaaten der USA eher zu Gewalt neigen (zur Untermauerung dieser These wird ein sehr schönes Experiment beschrieben, in dem Testpersonen in der Uni so richtig fies gereizt werden und erwartungsgemäß reagieren) und wieso insbesondere die Schüler ostasiatischer Länder so gut in Mathe sind: Deren Zahlensystem hat gegenüber den meisten anderen Sprachen den Vorteil, dass es völlig logisch und ohne Ausnahmen aufgebaut ist (denken wir nur daran, dass deutsche Kinder beispielsweise "sieb-zehn" sprechen aber gleichzeitig "eins-sieben" schreiben müssen oder dass es völlig unlogisch ist, dass vor der "drei-zehn" keine "zwei-zehn" steht sondern eine "zwölf"). Meine Tochter konnte oder wollte darin zwar heute am Frühstückstisch keinerlei Probleme erkennen aber mir erscheint es schon logisch, dass Kinder im Vorteil sind, die ganz einfach im Kopf "drei-zehner und fünf-einser" zu "vier-zehner" und "drei-einser" addieren können und dabei das Ergebnis quasi automatisch ansagen können, ohne es erst wieder im Kopf zurück zu wandeln.

Sehr interessant auch die anhand von amerikanischen Studien nachgewiesene Überzeugung des Autors, dass nicht größere und hübschere Schulen den Kindern zu besseren Leistungen verhelfen sondern ganz einfach die Sommerferien verkürzt werden müßten. Es wird aufgezeigt, dass vor allem die Leistungen von Kindern der Unterschicht in den langen amerikanischen Sommerferien im Gegensatz zu denen der Mittelschicht stark nachlassen, da letztere von ihren Eltern auch in den Ferien zum Lernen angehalten werden, während die armen Kinder sich selbst überlassen sind und natürlich ohne äußere Anreize keinerlei bildungsrelevante Unternehmungen durchführen. Wer könnte es ihnen auch verdenken? Nun kann jeder selbst entscheiden, ob er sein Kind nicht doch lieber auf eine japanische Schule schicken möchte, damit es dort an 243 Tagen pro Jahr unterrichtet wird und damit jährlich über 60 Tage mehr Unterricht genießt als in den USA. Inwieweit die japanischen und koreanischen Kindern ihre Kindheit genießen, darüber schweigt sich das Buch aus, denn es hatte sich ja einem anderen Thema gewidmet.

Eine wichtige Zahl wird noch erwähnt: Die 10.000. So vieler Stunden bedarf es, um auf seinem Gebiet wirklich Außergewöhnliches zu erreichen. Bill Gates programmierte 10.000 Stunden, bevor er seine eigene Firma gründete, die Beatles spielten ebenso lange (was größtenteils der schlechten Bezahlung in den Hamburger Clubs zu verdanken war) und Mozart hatte ungefähr die gleiche Zeit Klavier gespielt und mit seinem Vater zusammen komponiert, bevor er dann die ersten eigenen Werker zustande brachte. Wer demnach über genug Intelligenz bzw. Begabung verfügt, aus der richtigen Kultur kommt, ein paar günstige Zufälle mitnimmt UND 10.000 Stunden übt - der wird ein richtiger Überflieger. Wer hingegen "nur" einen IQ von über 150 hat aber nicht ausreichend gefördert wurde bzw. Defizite in Sachen Kommunikationsfähigkeit oder Sozialkompetenz aufweist, hat kaum eine Chance, reich oder berühmt zu werden.

Viele weitere Beispiele werden in Überflieger aufgeführt, die mit Stichtagen und der Kunst des Reisanbaus zu tun haben aber wer diese Rezension gelesen hat, weiß auch so, dass er wohl kaum ein Überflieger werden wird. Denn wer will schon 10.000 Stunden lang das Gleiche machen???

Interessant zu lesen war das Buch allemal und sicher werde ich mir einige Fakten, die mir so bis dato nicht bekannt waren, abspeichern aber jetzt freue ich mich erst mal auf meinen nächsten Roman, der schon bereit liegt und bereits ein wenig angenagt wurde.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Alle sieben Wellen

Ich war aüsserst skeptisch, ich gebe es zu. In den meisten Fällen ist der zweite Film oder das zweite Buch zum gleichen Thema doch nur ein Abklatsch des ersten. Eine Möglichkeit für den Autor, mit wenig Aufwand gutes Geld zu verdienen. Deshalb habe ich Alle sieben Wellen einige Wochen links liegen gelassen und mich lieber drei anderen Büchern mehr oder weniger parallel gewidmet. Schliesslich hatte mir Gut gegen Nordwind (die Rezension hierzu findet man weiter unten in diesem Blog) wirklich gut gefallen, das Ende war - im Gegensatz zum soeben ausgelesenen zweiten Teil - nicht vorhersehbar und irgendwie stimmig. Eben weil es sich um kein Happy End handelte. Leo kehrt nun in Band 2 nach einem guten halben Jahr von seiner Flucht aus Boston zurück und beginnt erneut, mit Emmi in einen sehr intimen Email-Kontakt zu treten. Allerdings hat er eine Amerikanerin im Gepäck bzw. in Aussicht, von der er Emmi sogleich erzählt. Wirklich gelungen ist dem Autor nun der Meinungsaustausch zum Thema "Pamela". Nachdem Leo eine Beschreibung abliefert, warum er so überzeugt von der Qualität der neuen Beziehung ist und dabei nicht mit schmalzigen bzw. für eine harmonische Zweisamkeit allgemein als anerkannt geltenden Attributen spart, kontert Emmi mit einer herrlich sarkastischen Antwort: IIIIIIIIIIIIIIH! Die mögen die gleiche Musik, die gleichen Bücher, Filme, Speisen und Bilder, haben die gleiche Gesinnung, den gleichen Witz beziehungsweise, noch schlimmer, Nicht Witz. IIIIIIIIIIIIIIIIIH! Vielleicht gehen sie schon in ein paar Wochen in hellblauen, weiss geringelten Partnerlook-Socken zum Synchron Abschlag auf den Golfplatz. Recht hat sie: Nichts ist schlimmer als Paare mit dem gleichen Aussehen, den gleichen Regenjacken, alles gleich gleich gleich. IIIIIIIIH!!!! Hier wird sie mir so richtig symphatisch. Aber auch Leos's Reaktion auf diese doch recht böse mail ist souverän, auch wenn beide im Verlaufe der über zwei Jahre andauernden Email-Beziehung des öfteren an Souveränitätsverlust leiden. Aber wer von uns tut das nicht ab und an? Das macht sie doch menschlich, die beiden Turteltauben.

Unabhängig von Pam und Bernhard (Emmis Ehemann) trifft man sich nun endlich einmal im Cafehaus (ein wenig ernüchternd allerdings, dieser Nachmittag) und dann ein zweites mal (von diesem Treffen nimmt Leo sich ein ideelles Andenken mit, dessen Beschreibung sich nicht nur für Emmi sondern auch für uns so zärtlich liest, dass es uns alle irgendwie für Leo vereinnahmt, da es selten vorkommt, dass ein Mann so sensibel und liebevoll über eine klitzekleine Berührung und was diese in ihm auslöst, berichtet). Ist es ein Fehler, dass Leo seiner Emmi nun den Brief schickt, den er im ersten Buch von Bernhard erhielt und ihr seitdem verschwiegen hatte? Dass er Emmi nun darüber aufklärt, dass Bernhard über die teils erotische, wenn auch bis dato vollkommen unschuldig-virtuelle Beziehung Bescheid wußte? Sie jedenfalls ist geschockt, sowohl über die späte Beichte von Leo als auch über das mitleiderregende Verhalten ihres Mannes und zieht sich in ihr Schneckenhaus, sprich, eine winzige Wohnung, zurück.

Doch lange kann die Funkstille zwischen Beiden nicht anhalten und so will es Emmi nun wissen: Sie "überfällt" ihren Online-Geliebten, fickt ihn kurz und schmerzlos und verschwindet wieder, nur um ihm kurz darauf das definitive ENDE an den Kopf zu werfen.

Doch der geübte Leser und Kenner der mehrfach von Beiden alternierend wiederholten Beendigungen weiß ja, dass die beiden noch lange nicht am Ende sind, und das nicht nur, weil an dieser Stelle erst knapp die Hälfte der 220 Seiten geschafft sind.

Später dann glaubt die mittlerweile in Therapie befindliche Emmi ihrer Therapeutin nur zu gern, dass ein erneuter Kontakt zu ihrem virtuellen Liebhaber ihr gut tun würde und so versucht sie alles, ihre Beziehung wieder in Gang zu bringen, bevor Pamela in gut zwei Wochen nun tatsächlich auftauchen wird. Leo allerdings, ganz der Alte, der sich trotz seiner heftigen Gefühle für Emmi nicht zwischen sie und Bernhard stellen will - schliesslich hat auch ER eine Entscheidung getroffen und damit - vorerst - Emmi aus seinen Zukunftsplänen verbannt, läßt sich nicht so Recht auf dieses Spiel ein. Dennoch ist diese Zeit vor Pam's Ankunft von großer Offenheit geprägt, was z.B. deutlich wird, wenn Emmi ihm erzählt, warum sie sich nicht gänzlich von ihrer Famile trennen kann: Für Jonas ist die Situation schlimm. Du solltest seinen Blick sehen, wenn er mich fragt: "Warum schläfst Du nicht mehr zu Hause?" Ich erwidere: "Papa und ich verstehen und momentan nicht sehr gut". Jonas:" Aber in der Nacht ist das doch egal." Ich: "Nicht, wenn man nur durch eine dünne Wand getrennt ist." Jonas:"Dann tauschen wir zwei eben Schlafzimmer". Was sagt man darauf?

Emmi versucht, sicher auch, weil sie Leo als an Pamela vorerst verloren glaubt, einen Neuanfang mit Bernhard, fährt allein mit ihm in den Urlaub, zieht zurück in die gemeinsame Wohnung, doch der Leser ahnt, worauf das alles hinausläuft. Denn insgeheim, manchmal auch ein wenig direkter, hofft sie, auch wenn sie es weder sich selbst noch Leo eingesteht, dass dessen perfekte Partnerschaft mit Pamela doch nicht so perfekt verlaufen wird. Sie fährt, wer könnte es ihr verübeln, zweigleisig und hat dann am Ende des Buches, nach mehreren rotweingeschwängerten Emails von Leo (welche Emmi am meisten liebt) und teils bissigen, süffisanten, zickigen und nachdenklichen Antworten ihrerseits die Gleise in Richtung Happy End gestellt. Viele dieser Dialoge sind wirklich intelligent geschrieben und kreativ im Umgang mit der Sprache und den verschiedensten Sonderzeichen ausgeführt. Wortschöpfungen wie Betrefffetischismus oder Betroffenheitsmasochismus sind einfach nur schön.

Was es mit den sieben Wellen auf sich hat? Als geübter Wellensurfer weiß auch ich davon zu berichten, dass Meereswellen immer im set kommen, und die Erfahrung der Fischer auf Gomera, wo Emmi mit ihrem Bernhard Urlaub macht, sagt, das jede siebte Welle eine gewaltige ist. Eine, die die Kraft für Veränderung in sich trägt. Hierüber philosphieren die beiden ein wenig und kommen auch zu dem Schluss, dass diese besondere Welle nicht unbedingt dann in unser Leben kommt, wenn wir auf sie warten. Oft herrscht eben doch Windstille. Was ja nicht unbedingt etwas Negatives sein muss. Vielen genügt ein stetiger und ruhiger Verlauf des Lebens ohne große Veränderungen. Für Viele läßt es sich bei Windstille sehr gut leben. Damit geht allerdings jeder von uns auf seine Weise um: Für den leichten Seegang muß man der richtige Typ sein. Die einen erleben Windstille als innere Ruhe, die anderen als ewige Flaute. Wie verhält es sich bei Dir???

Sonntag, 27. November 2011

Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage

Was hatte ich mich auf die Lektüre dieses Buches gefreut, bei der man laut Klappentext ständig seine Lachtränen abwischen muss. Und da es in der Leipziger Bibliothek nicht vorhanden war, hielt ich kurz bei Lehmanns und freute mich, dass ich es dort sofort mitnehmen konnte.

Aber leider hielt auch dieses mal der Inhalt nicht wirklich, was der Titel versprach. Ich könnte ja nun zynisch werden und selbstgefällig darauf verweisen, dass selber Schuld ist, wer sich Buchtips aus dem Fernsehen holt (es kam tatsächlich vor längerer Zeit genau aus diesem Grund auf meine Liste, weil ein Herr Lippe davon ausserordentlich schwärmte), aber ich überlasse es jedem selbst festzustellen, dass Fernsehen Zeitverschwendung ist und es nun einmal einen unauflösbaren Widerspruch zwischen TV-Konsum und Literatur gibt.

Zurück zum Buch, welches nun auch wieder nicht so schlimm ist, dass ich es überhaupt nicht weiterempfehlen möchte. Im Gegenteil, ich kann mir gut vorstellen, dass einigen Lesern dieses Blogs diese kalendarisch nach Jahren geordneten Kapitel über das Leben im (West) Deutschland der Siebziger Jahre bis 2003 gut gefallen werden, weil die Verknüpfungen zwischen politischen bzw. gesellschaftlichen Ereignissen mit den Erlebnissen des Autors und seiner "Bagage" in vielen von uns alte Erinnerungen weckt. Daher sei Euch an dieser Stelle zugerufen: Kommet her, boirget das Buch von mir und nehmt es mit nach Hause! Die einzelnen Kapitel lesen sich gut, ab und an kann man in der Tat schmunzeln aber es fesselt den Leser nicht. Dafür ist es auch für den arbeitenden und am Abend ermüdeten Leser recht einfach zu handhaben, und wem Generation Golf gut gefiel, der wird auch hier seinen Spass haben.

Fast Jedes Kapitel beginnt mit einem: "Am Tag als... " Das liest sich dann beispielsweise folgendermaßen: "Am Tag, als Ayatollah Kohmeini persischen Boden betrat hatte ich meinen ersten Samenerguss." (weiß jemand von der männlichen Leserschaft tatsächlich noch den genauen Tag oder wenigstens das Jahr an dem mit diesem Ereignis das Unheil in Gestalt des Sexualtriebes über ihn hereinbrach?) oder "Am Tag als Janis Joplin starb unterschrieb mein Vater den Kaufvertrag für unser Reihenhaus". Abweichungen hat der Lektor auch zugelassen, weshalb uns beispielsweise auch folgender gewollt philosophisch anmutende Kapitelbeginn amüsieren oder zum Nachdenken anregen soll: "In dem Moment, da ein Mensch seiner Jugend Lebewohl sagt, hört er auf, sich für die spannenden Dinge in der Welt zu interessieren." Blödsinn! Vielleicht beweist mir dieser Satz aber auch, dass ich immer noch genauso jung bin, wie ich mich fühle.

Leider kann ich auch die wirklich schön formulierte Abhandlung zum Thema Küssen nur teilweise gelten lassen, was jedoch kein Manko des Buches sondern möglicherweise eines meiner Jugend ist: "Nie wieder habe ich solch erfrischende Küsse geschmeckt. Sie waren ein einziges Gute-Laune-Versprechen. Und sie versprühten Frühlingsgefühle, die noch frei von jener Hitze waren, die mit den Hormonen kommt...Später, in der Pubertät, verliert der Kuss seine Unschuld...Er ist der Türöffner zu größeren Vergnügungen. Also denken wir beim Küssen ans Fummeln, beim Fummeln ans Vögeln und beim Vögeln daran, wen wir sonst noch alles Vögeln könnten" Ja, hier ist schön in Worte gekleidet, was im Hintergrund abläuft, wenn sich Lippen und Zungen begegnen.

Überhaupt ist es, aber das lässt ja bereits der Titel erahnen, ein ziemlich sexlastiges (jedoch kein erotisches!) Buch, was ja nicht unbedingt negativ zu werten ist. Wenn man jedoch lesen muss, dass sich die Mutter des Ich-Erzählers nicht daran erinnern kann, wann sie das letzte mal ehelichen Verkehr gehabt hatte, fragt man sich schon, welche intime Freundschaft ihn mit seiner Mutter verband, dass er solche Details aus ihrem Leben kennt und beschreibt. Auch viele andere 'pikante' Dinge über Schwester, Onkel, Cousine und Co., über die er sich ausgiebig hermacht, können nur erfunden sein, weil er sie niemals von den betreffenden Personen erfahren hätte, was an sich nicht schlimm ist, jedoch einen schlechten von einem gute Roman unterscheidet, bei dem man dem Autor so ziemlich die ganze Geschichte als wahr abkaufen würde.

Dort wo ich herkomme, waren die Geschlechterrollen in den Siebzigern noch klar verteilt. Anders im  Westdeutschland des Schriftstellers. Dort erging es anscheinend den Menschen schon damals so wie heute vielen von uns: " Die Frauen wussten nicht mehr, was sie wollen sollten und die Männer nicht mehr, was sie wollen durften."

Doch warum soll, nur weil wir keine Studenten mehr sind, für uns nicht mehr gelten, was der Erzähler beschreibt, wenn er von seinem Zusammenleben mit Sonja berichtet? Ich denke, genau so kann es Menschen jeden Alters, zumindest zeitweise ergehen, wenn sich nur die richtige Paarung findet: "Sie küsst mich in eine andere Welt. In dieser Welt gibt es keine Erinnerungen an ein früheres Leben oder an ein zukünftiges. Die Frage, ob wir jetzt gleich oder erst in zwei Stunden miteinander schlafen, ist wichtiger als die, womit wir in 5 Jahren unseren Unterhalt bestreiten."

Viele gesellschaftliche und private Ereignisse sind schon mit einer guten Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit treffend beschrieben, was der Grund dafür ist, dass dieses Buch mit Sicherheit seine Leserschaft finden wird. Aber warum müssen auf diesen reichlich 200 Seiten, die man recht schnell hinter sich bringt, drei Personen aus dem nächsten Verwandtenkreis sterben, die das Buch gut und gerne überleben hätten dürfen, ohne dass es dadurch weniger witzig geworden wäre? Vielleicht sollte ganz einfach ein bisschen Tragik dem Buch eine ernsthaftere Note verleihen? Sei's drum, die freiwillig ins Wasser gegangene Cousine, die während eines lustigen Familienstreites einem Herzversagen erlegene und der an einer Überdosis Viagra und der damit verbundenen Blutarmut im Gehirn verreckte Onkel sind sowieso genauso erfunden wie Rumpelstilzchen und so macht es keinen Unterschied, ob sie noch unter uns weilen oder nicht.

Wichtiger erscheint mir da doch die alles auf den Punkt bringende These:

Coito, ergo sum. Ich Bumse, also bin ich.

Sonntag, 20. November 2011

Mister Pip

Ein kleiner Roman über ein junges Mädchen auf einer entlegenen Pazifikinsel, die dort Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts in einer derart altertümlichen und einsamen Gesellschaft lebt, von der wir alle gar nicht dachten, dass es diese überhaupt noch gibt. Für uns scheinen in dem kleinen Dorf paradiesische Zustände zu herrschen: Jeden Tag Sonne, Strand und Meer, Wasserfälle, ausreichend Süßwasserbäche, Früchte und Fisch so viel man zum Leben braucht. Auch für die schwarze Bevölkerung gibt es an der Eintönigkeit ihres Lebens, dass ihnen so viel wertvoller und sinnreicher vorkommt, als das der Weißen, nicht viel auszusetzen. Zumindest war das so, bevor die Rebellen anfingen, gegen die schlimmen Zustände in der Kupfermine aufzubegehren, bevor die Rothäute (eine Armee einer benachbarten Insel) kamen, um Dörfer abzubrennen, Menschen zu morden und die Insel komplett zu blockieren.

Der einzige verbliebene Weisse (Missionare, Lehrer, Krankenschwestern gibt es längst nicht mehr), ein skuriler Typ, der manchmal mit einer roten Clownsnase im Gesicht einen Wagen durch's Dorf zieht, auf dem seine einheimische Frau thront, woran schon längst niemand mehr Anstoß nimmt, macht es sich zur Aufgabe, den Kindern des Dorfes in dieser Situation durch Schulunterricht die Eintönigkeit ein wenig zu lindern und ihnen dabei seine Lebenserfahrungen nahezubringen. Dies tut er nicht in Form des klassischen Schulunterrichts sondern auf zweierlei Art: Er bittet die Mütter, Tanten und Großmütter der Kinder in das Schulhaus, damit diese den Kindern ihre wichtigsten Lebensweisheiten mitteilen. So erfahren diese vom Leben und Werden des Herzsamens (ein gutes Mittel gegen die Moskitos), dass man einen Tintenfisch tötet, indem man über den Augen in ihn hineinbeißt, wie die Krabben am Strand das Wetter vorhersagen, von den unterschiedlichsten Winden, die es auf der Insel gibt (der Lieblingswind der darüber berichtenden Frau heißt "Frauensanft"), dass der Glaube wie Sauerstoff sei und dass der Farbe Blau Zauberkräfte innewohnen (schließlich verwandle sie sich beim Auftreffen auf ein Riff in die Farbe Weiss). Aber ergänzend zu diesen, auf traditionelle Weise weitergegebenen und für das Überleben auf solch einem Flecken Erde sicherlich nützlichen Dingen, bestand der Unterricht darin, dass der Lehrer Mr. Watts den Kindern aus Charles Dickens' Roman "Große Erwartungen" vorlas. Und sie damit in eine Welt entführte, von der sie bisher überhaupt nichts ahnten. Hier konnten sie Zuflucht in einem anderen Land suchen und so ihren Verstand retten. Alle Kinder hingen Mr. Watts an den Lippen aber insbesondere Mathilda war so begeistert vom Leben des Pip, der Ende des 19. Jahrhunderts in England vom Waisenjungen, der all seine Liebe der kalten Estrella vor die Füße legte, zu einem Leben in Reichtum und Laster verführt wurde. Pip wurde Mathildas bester Freund, sie identifizierte sich so stark mit ihm, dass sie seinen Namen mit Herzmuscheln im Sand abbildete und in Gedanken nur noch bei ihm war. Was einerseits ihrer Mutter, einer sehr gläubigen Frau, auf- und missfiel und andererseits den Rothäuten, die auf der Suche nach Rebellen mit Hubschraubern ins Dorf kamen und Mathildas "Schrein" im Sand erblickten. Sie wollten diesen Mr. Pip unbedingt finden, konnten jedoch nur dessen Schöpfer, Mr. Dickens, in Wirklichkeit der weiße Lehrer, auftreiben. Ein Mißverständnis, dem anfangs alle Habseligkeiten der Dorfbewohner, später deren Häuser und zuletzt auch das Leben eines Jungen, des Lehrers und Mathildas Mutter zum Opfer fielen. Müßig darüber nachzudenken, dass letztendlich Mathildas Mutter selber, die sich mit Mr. Watts wegen dessen atheistischer Einstellung überworfen hatte, Schuld an dieser ganzen Misere war, da sie den einzigen Beweis dafür, dass Mr. Pip nur eine Romanfigur, jedoch keiner der Rebellen war, im Form des Buches aus der Schule gestohlen hatte.

In den wenigen Wochen aber, in denen die Kinder in die Welt des Mr. Pip eintauchten, lernten sie für's Leben. Wie dieser so hatte auch Mr. Watts eine gänzlich andere Welt hinter sich gelassen. Zwei (Häuser, Menschen, Länder, ...) sind nie dieselben. Man gewinnt beim Verlieren und umgekehrt. 

Die Kinder erlebten zum ersten mal (und viele von ihnen sicherlich zum einzigen mal), was Literatur für unser Leben bedeuten kann, dass es Zauberei gleich kommt, wenn ein kleines schwarzes Mädchen in die Haut eines anderen schlüpfen kann, sogar wenn diese weiß ist und einem Jungen gehört.

Auch für uns, die wir mit der Lust am Lesen und der Befriedigung, die sich unserer durch das Erleben von und das Eintauchen in die Literatur bemächtigt, vertraut sind, hält dieses kleine große Buch einige wichtige Wahrheiten bereit:
Man glaubt gar nicht, wie wichtig und notwendig eine Haarbürste und eine Zahnbürste sind. Man merkt nicht, was ein Teller oder eine Schale Wert sind, bis man keine mehr hat. Andererseits war uns neu, was man mit einer einzigen Kokusnuss alles machen kann.

Und auch folgende Erfahrung, die die Dorfbewohner machten, als die lange erwarteten Rothäute dann "endlich" wieder auftauchten, um mit ihren Machten den Lehrer zu zerstückeln, kommt uns, allerdings in anderen Zusammenhängen, sehr bekannt vor und gilt für fast alle Lebensbereiche:
Es gibt Tage, an denen die Feuchtigkeit steigt und steigt und immer schwerer wird, bis sie schließlich niederbricht. Dann regnet es, und man kann wieder atmen.

Mittwoch, 2. November 2011

Und Nietzsche weinte

Was für ein Buch! Wahrlich keine leichte Kost aber lohnenswert und sehr bereichernd, was uns Nietzsche, Freud und der Wiener Arzt Dr. Breuer hier zu sagen haben. Auch wenn es sich hierbei um einen Roman und keine Autobiografie handelt, und die langen Dialoge, die man oft mehrfach lesen muss, um sie wirklich zu verinnerlichen, sicherlich nicht genau so stattgefunden haben, so ist es doch gut vorstellbar, dass diese Gespräche zwischen den Beteiligten so oder ähnlich geführt worden sind. Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt: Die betörende Russin Lou Salome (wie alle anderen Protagonisten eine historisch belegte grossartige Persönlichkeit) überzeugt Kraft Ihrer einnehmenden, unkonventionellen und fordernden Art den Wiener Arzt Dr. Breuer, dass dieser ihren Freund Friedrich Nietzsche in Wien behandeln möge. Nietzsche leidet seit Jahren unter heftigsten, sehr lang anhaltenden Migräne-Attacken, die weniger starke Menschen längst umgebracht hätten. Keiner der vielen von ihm aufgesuchten Ärzte konnte ihm bisher helfen und nun soll es Dr. Breuer richten. Dieser fühlt sich von der Russin geschmeichelt und überredet Nietzsche mit unglaublicher Geduld und Überzeugunskunst zu einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt, in dem er vorgibt, er brauche Nietzsches Rat und Hilfe bezüglich ungenlöster persönlicher Probleme. Nur weil Breuer sehr erfolgreich einen neuerlichen Migräneanfall Nietzsches viel schneller und erfolgreicher zu lindern in der Lage ist, als es alle anderen Ärzte und deren Medizin bisher vermocht hatten, stimmt dieser schliesslich zu und macht sich mit grossem Eifer an die "Behandlung" von Breuer. Dieser hat endlich einen Menschen gefunden, dem er ausführlich von seiner Obsession für die ehemalige Patientin Bertha (die im Übrigen den gleichen Namen wie Breuers früh verstorbene Mutter hat, wie Nietzsche zu gegeben Zeitpunkt feststellt) berichten, ja beichten kann. Schnell stellen beide Männer fest, dass sie die gleichen Fragen nach dem Sinn des Lebens in sich tragen, von einem ähnlich starken Freiheitsdrang beseelt sind und sich den geltenden Konventionen nur ungern beugen, wobei auch klar wird, dass Nietzsche hier weitaus weniger bereit ist, Kompromisse einzugehen, als Breuer (in dem auch ich mich in gewisser Weise Wieder finden kann). Die Grundidee des Arztes, während der "Redekur" genannten Gespräche oder Sitzungen langsam die Zunge des Philosophen zu lockern und so den Gründen seiner schweren Krankheit auf den Leib zu rücken, wird von dessen extremer Verschlossenheit konterkariert, da Nietzsche fortan den Arzt als Patienten sieht und dementsprechend behandelt. Doch mit jeder Sitzung, die allesamt philosophischen Diskussionen entsprechen, verstärkt sich die Freundschaft zwischen den Beiden, und so gelingt es Nietzsche, den Kern der Breuerschen Probleme offen zu legen und damit den Anstoss zu dessen Selbstheilung zu geben, welche in einer Trance-ähnlichen Erfahrung während einer Hypnose durch Siegmund Freud geschieht. Kaum hat Breuer erkannt, dass sein Problem weder die Ehe mit seiner schönen Frau Matthilde und der damit verbundenen Pflichten, die in ihm ein Gefühl der Unfreiheit hervorrufen, noch die Besessenheit zu Bertha zu Grunde liegen bzw. dass diese nur die Symptome weiter zurück liegender, nicht aufgearbeiteter Probleme darstellen, schafft es Breuer, dem begeisterten Nietzsche, den ähnliche Probleme quälen, endlich die Zunge zu lockern. Weinend berichtet dieser nun endlich, wie auch ihn die Russin Lou in ihren Bann zog. Als er dann von Breuer erfährt, dass Lou diesen mit den gleichen Gesten und Berührungen zu verführen verstanden hat (allerdings nicht im sprichwörtlichen Sinne), geht es ihm wie Breuer, der seine Bertha während der Hypnose in den Händen eines anderen Arztes gesehen hatte: Beiden Männern wurde bewusst, dass sie für die jeweilige Frau längst nicht das bedeutet hatten, wessen sie sich lange Zeit so sicher gewesen, dass sie für diese auswechselbar statt unvergleichlich waren. Was für ein nachvollziehbarer, welche heilvoller Schock!

Und hier jetzt einige Textbeispiele, die allesamt von der großen Intelligenz und der Suche nach DER Wahrheit künden:

Sterben ist schwer. Ich habe stets empfunden, dass das Vorrecht der Toten ist, nicht mehr sterben zu müssen.

Er (Nietzsche) behauptet, um die Wahrheit zu finden, müsse man zuerst sich selbst ganz kennen. Und dazu müsse man seinen gewohnten Sehwinkel verlassen, sein Jahrhundert, sein Heimatland - um sich selbst dann aus der Ferne zu studieren.

Niemand tut etwas ausschliesslich für andere. Alles tun ist auf sich selbst gerichtet, aller Dienst dient dem Selbst, alle Liebe ist Selbstliebe....

Nietzsche sagt zu Breuer: Was Sie lieben ist die angenehme Empfindung, die eine solche Liebe in Ihnen selbst weckt! Man liebt zuletzt seine Begierde, nicht das Begehrte!

Zitat Nietzsche: Er (Breuer) möchte meinen Weg entdecken und ihn selber gehen. Noch versteht er nicht, dass es meinen und deinen Weg gibt, nicht aber DEN Weg....Er will nur das JA, das Zustimmende der Wahl, nichts vom Nein, vom Verzicht. Er ist ein Selbstbetrüger. Er trifft Entscheidungen, will jedoch nicht derjenige gewesen sein, der entschied. Er weiss, dass er unglücklich ist, doch er will nicht sehen, dass er ob des Falschen unglücklich ist.

Breuer sagt: Das Leben ist eine Prüfung ohne richtige Antworten. Hätte ich mein Leben noch einmal zu leben, ich fürchte, ich würde alles genauso machen, die nämlichen Fehler machen. Stellen Sie sich einen Mann mittleren Alters vor, der von einem Flaschengeiste aufgesucht wird, welcher ihm in Aussicht stellt, sein Leben noch einmal leben zu dürfen...Er stellt fest, dass er das gleiche Leben lebt, die gleichen Entscheidungen trifft, die gleichen Fehler begeht, den gleichen Zielen und Göttern huldigt…Ziele entspringen der Kultur, der Atmosphäre, mit der Luft atmet man sie ein. Alle Knaben mit denen ich aufwuchs, hatten die gleichen Ziele... Der einzelne wählt seine Lebensziele nicht bewusst, sie sind Wechselfälle und Umstände der Zeit. Darauf Nietzsche: Einst riet ein weiser jüdischer Lehrmeister seinen Jüngern, wenn sie frei werden wollten, müsse ihnen die Stunde kommen, wo sie vor ihren Liebsten flöhen.

Ein sicheres Leben ist gefährlich. Ich laufe Gefahr, mein wahres Selbst zu verlieren, nicht der zu werden, der ich bin. Doch wer bin ich?

Dostojewski sagt, es gibt Dinge, die gesteht man nur Freunden; andere nicht einmal diesen, und dann gebe es noch Dinge, die man nicht einmal sich selbst gestehe!

Nietzsche: Stirb zur rechten Zeit! Wer zur rechten Zeit stirbt, wer vollbringend lebt, für den verliert der Tod seinen Schrecken. Wer nie zur rechten Zeit lebt, wird nie zur rechten Zeit sterben können. Daraufhin Breuer: Nein, ich habe nicht gewollt! Nein, ich habe das Leben nicht gelebt, das ich hätte leben wollen! Ich habe das Leben gelebt, das mir bestimmt wurde. Ich - mein wahres Ich - bin in meinem Leben eingeschlossen.

Und hier die wohl wichtigste Aussage des Buches, die aufzeigt, dass Nietzsche nicht nur eine wirklich fatalistische Weltanschauung vertritt, die u.U. in Depressionen führt, sondern eine, die in gewisser Weise allen Menschen einen Ausweg aufzeigen kann. Natürlich muß man auch weiterhin immer wieder das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen, soweit es eben möglich ist, gewisse Dinge jedoch als gegeben hinnehmen. Diese Grenze zu finden, das ist das Schwierige, die größte Herausforderung:

Amor fati: Liebe dein Schicksal. Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt darin, das Unumgängliche zu wollen und dann das gewollte zu lieben. Die Verzweiflung überwinden, in dem man das "so war es" zum "so wollte ich es" macht.









Freitag, 21. Oktober 2011

Der Pianist

Dieses Buch zu rezensieren steht mir nicht zu, niemand sollte sich über Schreibstil und „story“ dieser bekannten und wahren Geschichte auslassen. Wohl aber darf und soll man sie denen nahe bringen, die weder dem bekannten Film zum Buch von Roman Polanski noch dieser Autobiographie selbst bisher Beachtung schenkten.

Weitaus wichtiger und spannender erscheint es mir, die Gedanken und Lehren des Wolf Biermann ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen, die dieser tragischen und doch für das letzte Jahrhundert typischen Geschichte hintenan stehen.

Der polnische Pianist Wladyslaw Szpilman, jüdischer Herkunft und in Warschau lebend, hat sein Überleben (und gleichzeitig das Sterben der Seinen) sofort nach dem Krieg niedergeschrieben, was eine außerordentliche und mutige, gleichwohl sehr erfolgreiche Art und Weise der Verarbeitung des Erlebten widerspiegelt.

Wie schon erwähnt, werde ich an dieser Stelle keine grausamen Details dieses extrem harten und letztendlich erfolgreichen Kampfes gegen die Deutschen (Jawohl, gegen die Deutschen, denn gegen unsere Großväter musste er um sein Leben kämpfen und ebendiese Großväter nahmen selbiges seinen Eltern, Geschwistern, Freunden und vielen anderen Millionen Menschen auf unbeschreiblich brutale Art und Weise) nacherzählen. Dieses Buch muss man einfach selbst lesen!

Gutbürgerlichen Verhältnissen entstammend studierte Szpilman 2 Jahre lang im Vorkriegs-Berlin, was ihn dazu verleitete, all die schlimmen Vorboten so lange es ging zur Seite zu drängen und nicht wahrhaben zu wollen, dass ebendiese Deutschen, die so wunderbare Kunst und Musik hervorbrachten, tatsächlich mordend und rücksichtslos Jagd auf Juden machen würden. Aber vielleicht war gerade diese Einstellung der Schlüssel zum Überleben. Er floh nicht, wie viele Freunde, aus Warschau, als die Deutschen die Stadt einzunehmen drohten, er ließ sich mit einer halben Million Menschen im Getto einsperren (im Übrigen für mich erneut Grund genug, diese Bezeichnung niemals mehr für Neubaugebiete europäischer Großstädte, die evtl. einen großen Prozentsatz ausländischer Bewohner beherbergen, zu benutzen), er versteckte sich nicht vor der jüdischen Polizei, als diese sein Haus leerte, um alle Bewohner zum Umschlagplatz zu bringen. Dass er dort dann zufällig kurz vor dem Einstieg in die berüchtigten Waggons zurückgepfiffen wurde, kann man Schicksal oder Zufall nennen, für ihn war dies der Moment, wo er anfing, mit allen Mitteln um sein Überleben zu kämpfen. Wo er sich in den folgenden 3 Jahren überall versteckte, was er erlitt, wie er dem Hunger, der Kälte, der Langeweile trotzte, kann man detailliert und plastisch selbst nachlesen. Wie oft er dabei dem Tod von der Schippe sprang, welchen Mut er bewies und wie er am Ende dann durch einen kleinen Fehler seinerseits fast noch von einem polnischen Soldaten erschossen worden wäre, geht einem unheimlich nahe. Versuche man doch einmal, nur einen Tag so zu verbringen, wie er viele Monate hinweg mit knurrendem Magen und erbärmlich frierend seinen Geist und seinen Körper am Leben hielt: Stundenlang ging er in Gedanken Takt für Takt alle Partituren durch, die er je gespielt hatte, rief sich alle je gelesenen Bücher detailliert in Erinnerung und gab sich selber Englischunterricht. Ja, Zufall mag es gewesen sein, dass gerade Szpilman überlebte aber es gehörte eben auch ein unheimlich wacher Geist und eine riesige Portion Willen dazu, den wohl nur Wenige aufzubringen in der Lage sind.

Versöhnlich mutet es dann an, dass der Pianist gegen Ende des Krieges gerade durch einen deutschen Offizier gerettet wird. Traurig hingegen, was man in Biermanns Erläuterungen dann zum Tod des Deutschen lesen muss, der nicht „nur“ einen Juden sondern derer mehrere im Verlauf des Krieges gerettet hatte. Aber so ist das eben, wenn man eine reale Geschichte liest. Diese endet eben, wie das Leben im Allgemeinen, nicht in jedem Fall mit einem Happy End, wie es die sogenannten Bestseller oft abbilden.
Nicht weniger eindrucksvoll sind die ebenfalls abgedruckten Tagebuchauszüge des Wilm Hosenfeld, die dieser im Übrigen mit der Wehrmachtspost während des Krieges zu seiner Familie schickte. Ein wirklich bedeutender, jedoch kein im wahrsten Sinne des Wortes „wahnsinnig“ mutiger Mann wird uns hier nähergebracht, von dessen Schlage es einiger mehr bedurft hätte, diesen Wahnsinn im Keime zu ersticken.

Nun aber zu Wolf Biermanns 49 außerordentlich klugen Anmerkungen, bzw. einer kleiner Auswahl daraus

Den Warschauer Getto-Aufstand und dessen mutige Kämpfer betrachtend stellt Biermann fest: Es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse. Ob einer … in der Gaskammer starb oder … mit der Pistole in der Hand… wer will da eine moralische Rangliste behaupten? Und erst hier, als Biermann es noch einmal explizit erwähnt, wird dem Leser bewusst, dass auch Szpilman, der nicht gerade aufmüpfige und durch seinen Mut und seine Opferbereitschaft auffällige Pianist, einer der Helden des Aufstandes ist, da er sein Leben riskierte, als auch er Waffen ins Getto schmuggelte. Doch diese Tat stellt er nicht zur Schau, er erwähnt sie nebenbei. Was für eine Leistung, wo es doch in solch einer Situation, die wir uns nie vorstellen könnten, nur allzu menschlich wäre, an sich und nur an sich zu denken, an das eigene Überleben. Wie viele ungezählte Helden haben diesen Aufstand unterstützt, und doch, auch diejenigen, die nicht den Mut oder die Kraft dazu hatten, sind heldenhaft aber so entsetzlich sinnlos gestorben.

Wohltuend auch Biermanns Feststellung, dass zwar im Regelfall ein Lump auch im Gefängnis oder Getto einer bleibe, dass es aber etliche vormalige Ganoven gab, die im Getto oder Lager tapferer und hilfreicher waren, als allerhand gelernte gutbürgerliche Edelmenschen. Welche er allerdings nicht im Geringsten verurteilt, auch Biermann stünde das, wie keinem von uns, zu. Er schreibt nur: Den Obermoralisten will ich sehn, der Genugtuung daraus zieht, dass auch all diese abstoßenden Überlebenskünstler (hier meint er insbesondere die Kolloborateure, die Profiteure und Schergen der jüdischen Polizei, Spitzel usw.) am Ende in den Massengräbern landeten. Nicht SIE waren in irgendeiner Weise „Schuld“ an ihrem Unglück und dem ihrer „Opfer“, nein, andere haben sie dazu getrieben, so zu werden, wie sie waren und auf ihre Art ums Überleben zu kämpfen. Das sollte uns immer wieder bewusst sein!

Eine sehr interessante Frage auch, die Biermann seziert, ist die nach Geschehenlassen und Hoffen versus Auflehnung und Kampf. Auf dem Umschlagplatz, kurz vor der Deportierung, diskutiert Szpilmans Vater mit einem befreundeten Zahnarzt, warum sich die halbe Million Menschen im Getto nicht auf die Deutschen stürzt und das Getto sprengt oder wenigstens so stirbt, dass sie nicht zum Schandfleck der Geschichte wird. Der Vater des Autors, der kurz danach sterben wird, entgegnet, dass sie keine Helden seien und das Risiko vorziehen, auf die zehn Prozent Lebenschance zu hoffen, die mit dem Abtransport verbunden ist. Biermann dazu: Zahnarzt und Vater Szpilman haben beide recht. Recht hat er!
Es gibt nun mal unzählige Situationen, auch wenn sie dieser Tragik vollkommen entbehren und nicht im Geringsten mit der Entscheidung der jüdischen Gettobevölkerung zu vergleichen, sehr wohl aber für den Einzelnen oft entscheidend für den weiteren Lebensweg sind, für die kein „Richtig“ oder „Falsch“ gilt. Wenn man trotz vielfacher Versuche und Imaginationen nicht abschätzen kann, was einen nach einer bestimmten Entscheidung erwartet, kann man eben auch die falsche treffen. Oder gar keine. Was unter Umständen auch eine Art Entscheidung sein kann. Es gibt Momente oder Situationen, wo alles Abwägen von Fakten und Durchspielen von Szenarien nicht zum Ergebnis führt oder wo die Vor- und Nachteile der verschiedenen Wege nicht klar gegeneinander ausgespielt werden können. Dann bleibt einem immer noch die Hoffnung, von der Nietzsche zwar behauptet, dass sie das übelste aller Übel sei, weil sie die Qual der Menschen verlängere, was uns jedoch nicht davon abhalten sollte, diese immer in uns zu bewahren. Der beste Gegenbeweis zu Nietzsches Theorie ist die Hoffnung der jüdischen Waisenkinder, als diese singend (!) und fröhlich (!) hübsch angezogen in die Waggons kletterten, da ihnen der unglaublich starke und wirklich heldenhafte Janusz Korczak bis zuletzt vorgegaugelt hatte, dass sie nun endlich ins gelobte Kinderland fahren würden, wo Milch und Honig fließen. Kann man sich vorstellen, wie viel Kraft dazugehört, den fast verhungerten Kindern auf ihrem letzten Weg eine solche Illusion einzugeben, wohl wissend, dass nicht nur sie sondern man selbst auch seine letzten Stunden auf dieser Erde erlebt?! Aber welchen Wert diese Hoffnung für die Kinder hatte, eben weil sie deren Qualen nicht verlängerte, sondern ihnen im Gegenteil die Angst vor dem nahm, was auf sie zukam! Von solchen Heldentaten zu erfahren lässt auch mich hoffen…

Montag, 17. Oktober 2011

Wirst Du da sein?

Genauso hatte ich es mir gedacht, während ich das, zugegeben, teilweise interessant und spannend geschriebene Buch über eine Zeitreise las: Ein sogenannter Bestseller, schnell zu lesen und für ein Massenpublikum gedacht. Das war mir so gar nicht klar gewesen, als ich das Buch in der Bibliothek einsammelte, ohne dass es auf meiner Empfehlungsliste gestanden hätte. Erst nach Beendigung der Lektüre las ich, dass dieser Roman wochenlang auf der französischen Bestseller-Liste gestanden hatte.

Ist die Liebe stärker als der Tod? prangt in dicken Lettern auf dem Buchrücken, und wer die 300 Seiten gelesen hat, kann nun seufzend wünschen, auch er oder sie könnte nicht nur Reisen in die Vergangenheit unternehmen sondern dort auch Schicksal spielen.

Und da kommen wir eigentlich auch schon zum Kern meiner Kritik (die in diesem Fall tatsächlich den touch von etwas Negativem hat): Wirst Du da sein hat leider nicht diese subtile, feinfühlige und hintergründige Art, die mir an der Frau des Zeitreisenden so gut gefallen hat, durch die man immer wieder zum Nachdenken und Zurückblättern angeregt wurde. Nein, auch wenn es der Autor vortäuscht, er hat sich nicht wirklich mit den Finessen und Widersprüchen, die eine Zeitreise mit sich bringt, beschäftigt. Stattdessen versucht er, dem Leser mit ein paar Sätzen aus Wikipedia zum Thema Schlaf und Traum kurz zu erklären, wie es gelingen kann, durch Schlucken einer kleinen Pille für kurze Zeit 30 Jahre zurückzureisen.

So nämlich macht es der krebskranke Arzt Elliot, der sich seit dem Tod seiner großen Liebe Ilena große Vorwürfe macht und nicht so recht glücklich werden will, obwohl er doch alles hat, was er zum Glücklichsein braucht (Haus, Auto, Weingut, Tochter, Erfolg im Beruf… - also nur wenig mehr, als das, was auch uns nicht zum Glücklichsein reichen will). Er nimmt die kleine Tablette und begegnet kurz darauf seinem um 30 Jahre jüngeren ICH, wobei es dabei fast zu einer Schlägerei kommt, weil man sich nicht kennt und auch nicht über den Weg traut. Durch Nasenbluten kündigt sich nach 20 Minuten das Ende dieser Reise an (wie originell!) aber zum Glück gibt es ja insgesamt 10 von diesen Wunderpillen. Aber nur 9 Zeitreisen, die Elliot unternehmen muss, um dem jungen Arzt zu helfen, Ilena vor einem grausamen Tod im Orca-Schwimmbecken zu bewahren. Dumm nur, dass diese beschließt, sich stattdessen von der Golden Gate Bridge zu stürzen, nachdem Elliot Ihr auf Geheiß des Älteren den Laufpaß gibt. Denn der alte Elliot will keinesfalls auf Entstehung und Geburt seiner wunderbaren Tochter Angie verzichten, die ja nun mal ohne Zutun von Ilena entstanden war. Aber wie es der Zufall so will (bzw. der geniale Autor) trifft man sich im OP-Saal wieder und flickt die Schwerverletzte, die bereits zum zweiten Mal gestorben war, quasi rückwirkend zusammen und ermöglicht ihr nun endgültig das Überleben. Hätte man es damit nicht genug sein lassen können? Nein, das reicht noch nicht. Das Buch sollte ja auch ein Bestseller werden, wozu ja wohl ein ordentliches Happy End gehört!

Aber trotz aller Kritik, nach einem anstrengenden Tag kann man sich schon gut in diese Geschichte vertiefen, auch liest sie sich ganz gut, wenn im Hintergrund ein Fernseher Unruhe verbreitet oder lärmende Kinder im Schwimmbad herumtoben. Und es entspricht ja auch irgendwo unser aller Wunsch, eine einmal gemacht Entscheidung oder einen Fehler zu revidieren und Gott zu spielen. Da kann man dann auch einmal darüber hinweg sehen, dass die Geschichte ein wenig platt wurde, als auf einer Seite der gleiche „Gag“ zweimal gemacht wurde, in dem im Jahr 1976 sowohl der Apple-Computer als auch der damals noch unbekannte Stephen King auftauchen, begleitet von den Zweifeln des jungen Elliot, ob wohl einer von beiden auch in der Zukunft noch bekannt sein würden. Dass dann im gleichen Jahr das Handy des aus dem Jahr 2006 angereisten Alten klingelt und die Mailbox eine Nachricht aus der Zukunft überbringt, ist dann schon wirklicher Dummfang, wissen doch nicht nur die Nachrichtentechniker unter uns, dass es dazu eines realen Funknetzes bedarf.

Gut, wollen wir zum Schluss noch ein paar versöhnliche Töne anschlagen: Jedes Kapitel ist mit einem Zitat einer mehr oder weniger bekannten Persönlichkeit überschrieben, wovon das eine oder andere schon zum Nachdenken anregt bzw. eine Wahrheit mit gut gewählten Worten ausdrückt. Aber keines dieser Zitate entsprang ja auch der Feder des Romanautors. Beispiele gefällig?

Bewahre Dir Deine Träume, Du kannst nie wissen, wann Du sie nach einmal brauchst.

Ich dränge den Tod zurück, indem ich lebe, leide, mich betrüge, riskiere, gebe und verliere.

Man braucht nur wenige Freunde und Bücher, doch die müssen gut sein.

Samstag, 15. Oktober 2011

Gut gegen Nordwind

Mit dem Titel konnte ich genau so wenig anfangen wie die Leser dieses Blogs. Dabei kann es sich ja wirklich um jede Art von Buch, Roman, Krimi, Novelle, Kitsch oder was auch immer handeln. Aber nichts von alldem ist diese Sammlung von Emails. Was? Lauter Emails? Haben wir alle mehr als genug und viel zu viele jeden Tag auf unserem Rechner. Klingt langweilig! Langweilig? Höchst spannend und wirklich eindrucksvoll ist dieses ungewöhmliche Buch. Nichts passiert darin und doch geschieht so vieles:

Zwei Menschen verlieben sich. Ja, zugegeben, dies passiert vielen Glücklichen tausendfach täglich irgendwo auf dieser Welt. Oft spielen mittlerweile auch Emails eine entscheidende Rolle dabei. Doch nach 2 oder drei elektronischen Briefchen mit dem oder der Unbekannten wird in der Realität doch schnell ein Foto ausgetauscht bzw. man trifft sich bald ohne Bildbetrachtung (um es spannend zu lassen). Nicht so in "Gut gegen Nordwind". Hier verliebt sich Leo in Emmi und Emm in Leo ohne dass sich die beiden je gesehen haben, ohne das Aussehen des Anderen zu kennen, ohne zu wissen, was der andere für Kleidung trägt, was er ausstrahlt, wie seine Augen aussehen, ja noch nicht einmal ob er eine Brille trägt oder einen Bart. Geschweige denn, wie er oder sie riecht. Nein, die beiden verlieben sich durch Worte, teilweise sehr offene Worte, teilweise sehr gefühlvolle und intime Worte, teils beileidigte und beleidigende Worte. Wegen eines einfachen Zufalls, durch den sie, die zufällig in der gleichen Stadt leben (noch ein Zufall - aber bedarf es nicht einer Menge Zufälle, damit die richtigen Menschen zueinander finden? Gibt es überhaupt die einzig richtige Paarung zweier menschlicher Geschöpfe? Oder sind diese tausendfach möglich, wären wir alle nicht mit einem anderen Menschen genauso glücklich oder unglücklich, wie wir es sind, wenn andere Zufälle unser Schicksal beeinflußt hätten?), kommen die beiden in Kontakt und bauen diesen schnell aus. Weil beide etwas suchen? Weil beide etwas suchen! Leo sucht einen Weg, um sich endlich irgendwie von seiner Marlene zu lösen, Emmi sucht unbewußt nach ein wenig Spannung neben ihrem Familienleben samt "glücklicher" Ehe. Später wird sie Leo schreiben. Ich bin glücklich verheiratet aber fühle mich unglücklich dabei. Das ist, glaube ich, ein Widerspruch. Der Widerspruch sind Sie, Leo.
Ohne dass die beiden dabei anfangs an körperliche Begehren denken, wird der Wunsch danach bald immer größer und äußert sich am intensivsten, wenn beide ein Glas Wein bzw. Whiskey zusammen trinken. Zusammen? Beide sitzen dabei allein vor ihrem Computer und zeigen dem jeweils anderen in ihren Emails ihre Wünsche ganz offen: Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist Küssen mit dem Kopf".
Und das machen Sie dann auch. Sie küssen sich, virtuell.

Ist es so etwas wie eine Sucht, die die beiden befällt? Eine Sucht nach Emails? Wie soll man sonst beschreiben, was Emmi an Leo schreibt: So beginnt ein guter Tag. Ich mache die Mailbox auf und es leuchtet mir eine Nachricht von Leo Leike entgegen. Gestern: Schlechter Tag. Kein bisschen Mail von Leo. Kein gar nichts. Kein überhaupt nichts. Kein bisschen was von Leo. Was soll aus so einem Tag werden?

Ob die beiden sich treffen, was aus ihrer virtuellen Liebe wird, was die Famile von Emmi dazu sagt, das werde ich an dieser Stelle garantiert nicht darlegen. Dass in diesem angenehm zu lesenden Buch auch einige schöne Wortspiele und Lebensweisheiten per Email ausgetauscht werden, das kann ich hingegen gern verraten. Wer alten Zeiten nachtrauert der ist alt und trauert. Das klingt doch wirklich schön und ist voller Wahrheit.

Vielleicht handelt es sich bei diesem als "Roman" betitelten Buch ja um einen Phantasy-Roman, auch wenn mit "Phantasy" gemeinhin ganz andere Literatur betitelt wird. Ob es uns auch in der realen Wirklichkeit möglich wäre, ein Jahr lang solch intensiven und intimen Kontakt zu pflegen, wie die beiden es tun, ohne der Verlockung nach einem realen Treffen und echten Küssen nachzugeben - das wäre noch zu testen.

Woher der Titel "Gut gegen Nordwind" kommt? Nun gut, es sei an dieser Stelle verraten. Leo gibt Emmi den Ratschlag, sich mit den Füßen zum Fenster hin in ihr Bett zu legen (ihr Mann schläft in einem eigenen!), als diese über den kalten Zug klagt, immer dann, wenn der Wind aus Norden weht.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown

Was für ein wunderbares Buch! Ein richtiger Geheimtip, auch wenn er hiermit öffentlich gemacht wird. Endlich mal wieder eine Geschichte, die mich so richtig begeisterte, welche ich verschlungen habe. Und das Beste daran: Die Erlebnisse des Teddybären Henry N. (wie "nearly") Brown sind nicht etwa erfunden. Nein! Sie wurden dem Chef des Thiele-Verlages direkt vom Bären ins Ohr geflüstert. Und wer die Geschichte(n) liest, wird schnell erkennen, dass es sich keinesfalls um erfundene Begebenheiten handeln kann.

Henry, der 1921 im englischen Bath von Alice genäht wird und von nun an das Geschehen um ihn herum mit großer Intelligenz und sehr viel Einfühlungsvermögen beobachtet (etwas anderes bleibt ihm ja auch nicht übrig), spricht mir immer wieder aus der Seele. Ja, ich fühle mich ihm wirklich seelenverwand. Wie treffsicher, nachdenklich und liebevoll er von seiner 80 Jahre währenden Odysee durch halb Europa berichtet, dabei den Ersten Weltkrieg schrammt, den zweiten direkt beschreibt, die Nachkriegszeit in Deutschland beleuchtet, die Studentenunruhen Ende der 60er hautnah miterlebt, das sozialistische Ungarn besucht und schließlich fast dem Terrorismus-Wahn nach dem 11. September zum Opfer fällt, ist sehr plastisch und kurzweilig als Erstlingswerk von Helene Bubenezer niedergeschrieben worden, die damit ihrem Verleger, der ja kein Schriftsteller ist, einen großen Dienst erwiesen hat. Endlich wird in einem Roman gewürdigt, was Teddybären auf selbstlose Art und Weise für Kinder (aber auch für Jugendliche und Erwachsene!) leisten, in dem sie vor Allem Liebe und Trost spenden. Wie sagt Henry (der natürlich noch etliche andere Namen von seinen zahlreichen Besitzern erhält) doch so schön: "Jede Angst, mit der man mich drückt, ist so durchdringend, wie Furcht nur sein kann. Und von mir wird nicht weniger erwartet, als sie augenblicklich zu lindern und zu trösten. Mit hat nie jemand Theater vorgespielt, niemand hat mir je gefallen wollen (Anmerkung des Rezensenten: Das ist dann wohl das Geheminis der wahren Liebe!!!), niemand hat mich je belogen. Man muß schon ein Bär sein, um ehrliche Antworten zu bekommen - aber getröstet wird man nie."
Fast wäre dem armen Teddy diese unendlich große Liebe dann doch noch zum Verhängnis geworden, als beim Durchleuchten am Flughafen eben diese den Beamten auffiel und sie mit dem Teppichmesser anrückten. Aber das ist fast schon eine andere Geschichte, denn sie bildet sozusagen den Rahmen der Teddybärenreise.

Von Bath ging es mit dem Zug nach London, wo er Alice verloren ging. Henry kam in das große Haus der Zwillinge Lili und Leo Brown, wo er sich nach kurzer Eingewöhnungsphase überaus heimisch fühlte (kann das Zufall sein bei dem Nachnamen?), und mit denen er sogar bis nach New York reiste. Die wildesten Spiele und Erlebnisse hatte er dann mit Robert in Paris, bis die Deutschen einmarschierten von denen ihn einer fand (was den Bären dazu brachte, seine Vorurteile anderen gegenüber gründlich zu revidieren) und mit zu seiner Liebsten nach Deutschland nahm, bevor er nach Norwegen versetzt wurde, wohin der Bär ihn mit Marlenes Hilfe begleitete. Dort freundete sich die kleine Guri mit ihm an, durfte ihn aber nicht behalten, weil er in einem Paket zusammen mit anderen persönlichen Sachen von Fritz zurück nach Deutschland geschickt wurde. Auch dort meinte es das Schicksal während eines alliierten Bomebangriffes leider nicht so gut mit seiner Eigentümerin und so kam er zu deren Verwandschaft auf ein kleines deutsches Dorf, wo er endlich wieder zu Ruhe kommen konnte. Schlimme Zeiten erlebte Henry dann auf einem französischen Weingut, wo er nicht nur hilflos zuschauen mußte, wie seine kleine Besitzerin von ihrem Vater geschlagen wurde sondern wo er selber fast in einem Weinfaß ertrank, was die Mutter von Isabelle, bei der Henry die längste Zeit seines Lebens verbrachte und der er überaus nahe stand, dazu veranlaßte, ihn zu waschen und an den Ohren aufzuhängen (wahrscheinlich liegt in diesem dramatischen Ereignis ein wichtiger Grund meiner tiefen Verbundenheit mit Henry, mußte doch auch ich in meiner Kindheit eines Tages alle meine Kuscheltiere aufgehängt in meinem Zimmer vorfinden, was mich nachhaltig geprägt hat). Für Isabelle hat Henry in Rom als Mon Ami sein größtes Werk der Liebe vollbracht: Hier erkannte ihn der schöne Gianni wieder, als er in die Wohnung der Mädchen-WG kam, in der auch Isabelle ein Zimmer hatte, was allerdings auf Einladung von Francesca geschah. Noch bevor ein Unglück geschehen konnte (in diesem Fall: Ein Kuß oder noch größere Nähe bringende Taten hinsichtlich Francesca) verliess Gianni fluchtartig das Haus. Nun wusste er, dass seine geliebte Isabelle, die er Jahre zuvor in Florenz kennen- und lieben gelernt hatte und auf tragische Weise gleich wieder verlor, hier wohnte. Natürlich hatte Henry der Bär damals gleich gewußt, dass Gianni der Richtige für seine Isabelle war - Bärenintuition eben. Nachdem Gianni den Bären wiedererkannt hatte und geflohen war, dauerte es natürlich nicht lange, und die beiden waren ein Paar, heirateten und bekamen die kleine Giulia. Diese allerdings hatte eine so große Auswahl an Spielzeug, dass Mon Ami kaum mithalten konnte und schließlich in einer italienischen Pension "vergessen" wurde, wo er zwar eine neue Heimat fand aber seiner Aufgabe nur in begrenztem Umfang nachkommen konnte. So richtig schwer hatte es Henry dann in der Schweiz bei Laura und deren sich ewig streitenden Eltern, wo ihm wirklich Zweifel an der Menschheit kamen. In Budapest durfte er dann aber wieder voll und ganz Bär sein und die zarte, an Leukämie erkrankte Nina bis in den letzten und ewigen Schlaf hinein trösten, was ihm zwar einerseits gut tat aber auch (zum Glück nur fast) das Herz brach. Bei Ninas alter Großmutter in Wien verbrachte er dann noch einmal über 9 sehr ruhige Jahre bevor er nach deren Tod noch eine Weile im Schaufenster des Wiener Trödelladens stand, in dem ihn dann die Schriftstellerin (oder war es der Verleger selbst?) fand. Wäre diese nur nicht mit dem Flugzeug zurück nach Deutschland geflogen...!

 Welch beweges Leben! Beneidenswert. Bemitleidenswert.

Sind Teddybären eigentlich von "Geburt" an so weise oder erwerben sie, ähnlich uns Menschen, Erfahrungen, die sie prägen und ziehen daraus iher Schlüsse? Woher haben sie dieses unglaubliche Einfühlungsvermögen, was nur wenigen unserer Spezies innewohnt? Und wie schafft es Henry, so schnell in die Seele des alten Mannes auf der Überfahrt nach New York blicken, der sich selbst nicht versteht, dem das Leben Angst macht, der in sich selbst gefangen ist, Frieden sucht und sich wünscht, jemand würde ihn endlich verstehen. Zu ihm sagt der Bär: "Warum befreist Du Dich nicht?" Ja, Henry, wenn das so einfach wäre. Das müßtest Du als Bär doch wissen, dass man manchmal einfach nicht so handeln kann, wie man will. Du hast das selbst erkannt, Du fühlst wie der alte Mann, wie noch einige andere Menschen auf dieser Welt, Du verstehst sie. Sehr passend Deine Antwort auf des alten Mannes Lebensfragen: "Wir sitzen im gleichen Boot". Nicht mehr lange, leider...

Neben dem Nicht-Sprechen und Sich-nicht-bewegen-können unterscheidet den Bären ein weiteres Handicap von uns Menschen: "Ein Bär weint nach innen". Nein, leicht habt Ihr Teddys es wirklich nicht immer. Was uns dann doch wieder eint. So geht es Euch wie uns mit dem Glück: "Ich war glücklich. Und es war ziemlich anstrengend, glücklich zu sein, denn prompt bekam ich Angst, dieses Glück könnte enden. So ist das mit dem Glück, es ist eine flüchtige Angelegenheit." Laß dir gesagt sein, Henry, der Augenblick macht das Leben aus. Genieße ihn jetzt, denke nicht zu sehr an das Morgen. Lebe (oh: Entschuldigung) heute!


Bei allen Gemeinsamkeiten, die ich zwischen Henry und mir entdecken konnte (und es waren erschreckend - oder sollte ich besser sagen Gottseidank! - viele), eines unterscheidet uns dann doch: Henrys Abscheu gegen Katzen. Verdenken kann ich es ihm nicht, wurde er doch gleich nach seiner Entstehung bei Alice von deren Katze malträtiert und attackiert (ohne sich wehren zu können) und mußte noch oft als Spielball bzw. Kratzbaum diverser Katzentiere herhalten, während ich immerzu ein lautes Schnurren im Ohr hatte, als ich seine Geschichte las und Tiger warm auf meinen Oberschenkeln fühlte. Sei's drum. Henry, wir wären zwei wirklich gute Freunde gewesen, hätten Dich die Launen des Zufalls in meine Hände getragen. Aber zum Glück gibt es ja auch noch andere Menschen die so ticken wie Du und ich, lieber Henry N. Brown. Wofür ich sehr dankbar bin.

Freitag, 30. September 2011

Alles Paletti

Ein Buch, das als "superlustiges roadmovie" oben auf meiner Liste stand und das ich aus genau diesem Grund selbst verschenkt hatte. Nun fiel es wieder zurück in meine Hände (Danke...!) aber ich muß leider gleich vorweg sagen, so ganz "superlustig" war es nicht, ein schönes roadmovie jedoch voll und ganz. Und das hat mir eigentlich am Besten gefallen: Die lange Fahrt der israelischen "mover" (Umzugs-Männer) hoch und runter, hin- und zurück, quer durch die USA. Denn fast alle erwähnten Städte, Interstates, Landschaften kenne ich selber aus den 90ern, in denen ich mehrfach den gleichen Routen folgte. Aus einem anderen Grund jedoch, schließlich war ich nicht vor Russenmafia, FBI und meinem Chef auf der Flucht.

Die Mover Jonsy, Izzy und Schlomi (Letzterer der einzige der Drei, der auf Grund seines starken Glaubens die einmalige Chance zum erotischen Tour-Abschluß mit einer wunderschönen und offensiven Kundin ungenutzt vertreichen läßt) fühlen sich immer wieder von ihrem Chef Chaim, der die kleine New Yorker Umzugsfirma betreibt und dadruch einigen illegalen Israelis Wohnung, Arbeit und Geld verschafft, total ausgenutzt und verarscht. Chaim verspricht den Kunden die Lieferung ihrer Möbel binnen zweier Tage, wohlwissend, dass dies nie einzuhalten ist, da er seine Jungs voher noch schnell einen Abtecher von mehreren Tausend Kilometer machen läßt. Oder er befiehlt den movern, schnell noch ein paar Büromöbel abzuholen und scheißt sie dann zusammen, wenn sie ihm erklären, warum das nicht in einer halben Stunde zu schaffen war. Die Kerle tun einem richtig leid und so schlägt man sich sofort auf ihre Seite, als sie beschließen, endlich ein Ding zu drehen, die Bilder des alten deutschen Ehepaares irgendwo zu verscheuern, den LKW obendrauf und abzuhauen. Vorher müssen sie jedoch noch zwei Geräte abholen und ausliefern, die sich als Spielautomaten (einarmige Banditen) entpuppen, die von der russischen Mafia so manipuliert worden sind, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt etliche Millionen Dollar ausspucken werden. Was die Jungs natürlich anfangs noch nicht wissen sondern einfach versuchen, die Geräte für ein paar Tausender loszuwerden.

Und nun beginnt die Verfolgungsfahrt in Minneapolis, weil weder die Russenmafia, noch Chaim damit einverstanden sind, dass deren Pläne von diesen Typen durchkreuzt werden. Und auch das FBI schickt einen ihrer Agenten im Auto hinterher, weil man endlich die Russen dingfest machen will. Dieser trifft zwar irgendwann an einer Tankstelle die mover rein zufällig, läßt sie aber laufen, weil diese die Spielautomaten gerade mal verkauft haben, sie aber nun gleich wieder zurückholen, nachdem sie vom FBI erfahren haben, was es damit auf sich hat. Auch die Russen schaffen es irgendwann, die Jungs zu stellen, da deren Chef aber auf dem Klo zu lange braucht, werden sie einfach abgeschüttelt. Und selbst Chaim, der mit Schlomi an irgendeiner anderen rest area im Mittleren Westen auf die Jungs trifft, wird von denen schön verarscht und allein zurückgelassen, weil sich Schlomi nun endlich seinen Kumpels anschließt. Eigentlich weiß man, dass die 3 überhaupt keine Chance haben, mit dem Leben oder gar mit dem Geld davon zu kommen aber irgendwie freut man sich dann doch, wenn es am Ende noch richtig spannend wird und auf eine gute Art und Weise erzählt wird, wie sich alle Knoten irgendwie auflösen und Punkt Mitternacht die lauten Glocken in einem der zahllosen Kasinos von Las Vegas nur so bimmeln. Dass es vorher zu einer schier unglaublichen Fülle von zufälligen Begegnungen in dieser riesigen Stadt kam, was total unrealistisch ist, hat mich weniger gestört als die Kurzzusammenfassung der weiteren Ereignisse nach dem Gewinn ("... und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage"). Da gefiel mir der Ausflug zu Crazy Horse, dem Indianer, der seit -zig Jahren und wohl noch für eine halbe Ewigkeit aus einem riesigen Berg South Dakotas gesprengt und gemeißelt wird (sozusagen als Kontrast zu den 4 Präsidentenköpfen Mt. Rushmores gleich um die Ecke), den ich selbst mehrfach gesehen habe, weitaus besser: Jane, selbst Native American und kurzzeitige Begleiterin der mover, die das (Liebes)-Leben von Crazy Horse studiert und darüber berichtet, nimmt uns mit in die Vergangenheit, was zwar nicht so ganz zum Roman paßt, in mir aber einen weiteren schönen Aha-Effekt hervorief.

Donnerstag, 8. September 2011

Mein Name ist Luz

Durch Zufall fand ich dieses Buch in der Bibo und habe mich erst ein wenig
schwer getan mit dem Thema: Militärdiktatur in Argentinien.
Aber das Buch war, zumindest teilweise, so fesselnd und spannend
geschrieben, dass ich total mitgefiebert habe. Außerdem ist es auf eine sehr
interessante Art geschrieben. Die Erzählperspektive ändert sich mit jedem Absatz oder Kapitel, man springt unversehens vom Heute in die Vergangenheit und ahnt
zwar einiges, weiß aber nicht wirklich, wie die vergangene Geschichte
abgelaufen ist.
Zuerst dachte ich, dass ein ganzes Buch für die Suche einer Frau, die ihrer
echten Mutter kurz nach der Geburt weggenommen wurde, um in der Familie der
Tochter eines Offiziers aufzuwachsen, nach ihren wahren Eltern, viel zu dick
aufgetragen ist und bestimmt langweilig werden würde. Aber schnell musste
ich feststellen, dass ich mit dieser arroganten Haltung schwer daneben lag.
Schon allein die lange Zeit, in der Luz überhaupt nicht wusste, dass sie
nicht das leibliche Kind ihrer Eltern war und auch nicht ahnte, was während
der Militärdiktatur in ihrem Land ohne ihr Wissen alles Schlimmes geschehen
war, nimmt die Hälfte des Buches ein. Wie sie sich dann langsam der Wahrheit
nähert und Stück für Stück dem großen Geheimnis auf die Spur kommt, ist
wirklich sehr bewegend geschrieben.
Ihre Suche begann, als sie sich in Ramiro verliebte, der selber das Kind
eines Vermissten war. Durch ihn erfuhr sie erst, wer ihr Großvater
eigentlich war und was er für eine Rolle dieser in der Militärdiktatur gespielt hatte. Ramiro ekelte sich Luz’ vor ihrer Familie aber liebte sie. Auch Luz ekelte sich vor ihrer eigenen Familie und liebte Ramiro und musste sich deshalb zumindest zeitweise von ihm trennen. Erst als sie ein Kind von ihm bekam, wurden ihre Ahnungen immer mehr zur Gewissheit und sie begann, Nachforschungen über ihre Herkunft anzustellen, bis sie dann in Madrid ihren wahren Vater trifft, dem sie die ganze Geschichte erzählt. Dieser wusste die vielen Jahre überhaupt nichts von einem Kind, da man ihm im Gefängnis erzählt hatte, dass seine Freundin einen toten Jungen geboren hätte. Daher suchte er auch nie nach ihr und erschwerte Luz somit die Suche nach ihm ungemein. Die starken Eifersuchtsgefühle, die ihr Vater gegenüber dem (mittlerweile selber ermordeten) „Papa“ von Luz hegte, wies diese immer wieder mit großer Entschiedenheit zurück, was mich sehr beeindruckt hat. Sie verteidigt ihn immer wieder und man kann Seelenqualen beider Männer auf sehr plastische Weise nachvollziehen. Beide waren sie, jeweils auf andere Weise, Opfer der Diktatur geworden.

Montag, 5. September 2011

Der Klavierstimmer

ist ein ruhiges Buch, das schon ganz schön Zeit gekostet und nicht immer dazu verführt hat, mich in jeder freien Minute darauf zu stürzen.
Dennoch, oder gerade deshalb, habe ich es bis zum Ende gelesen und hatte dann bei den letzten Zeilen, dem unvermeidlichen Abschied der Liebenden („Du musst über die Straße, sagte er“. „Ja“ sagte sie“ und der Bus zum Flughafen ist hier entlang“. Sie küssten sich auf die Wange. „Salut“ sagten sie gleichzeitig) fast ein paar Tränchen in den Augen. So eine Situation wünscht man keinem, der liebt, wissend, dass sie tausendfach täglich überall auf der Welt real ist.

Aber meine große Liebe ist ja auch nicht meine eigene Schwester: Patrice und Patricia haben sich als Kinder und Jugendliche immer so gut verstanden, dass sie wussten, was der andere dachte, welche Gesten wann zum Einsatz kommen würden, wie der andere roch. Sie verbrachten sehr viel Zeit miteinander, teilten u.a. die Leidenschaft für’s Kino aber konnten mit Musik nichts anfangen. Ihr Vater war Klavierstimmer bei Steinway (der Eine mit dem perfekten Gehör) und komponierte in seiner freien Zeit 16 Opern. Keine wurde je aufgeführt, was
ihn immer verzweifelter werden lies. Bis dann endlich der Brief aus Monte Carlo kam, dass seine Oper vom Kolhaas den Preis gewonnen habe und aufgeführt werden würde. Er konnte ja nicht wissen, dass diesem Brief ein Erpressungsversuch seiner eigenen Frau, die vor Jahren ein Verhältnis mit dem jetzt in der Jury sitzenden weltbekannten Tenor hatte (welches im Übrigen die bereits erwähnten Zwillinge hervorbrachte, was der Vater zwar immer wusste aber niemals auch nur ansatzweise thematisiert hätte) zu Grunde lag. 6 Jahre zuvor waren die Zwillinge aus der Berliner Villa Hals über Kopf geflüchtet; nach einer gemeinsamen Liebesnacht die einzige Möglichkeit, sich aus dem Wege zu gehen und zu versuchen, ein wenig zu vergessen bzw. trotz der großen Anziehungskraft voneinander loszukommen.

Als der Vater im Gefängnis sitzt, da er angeblich den berühmten Tenor während der Aufführung erschossen hatte, treffen sich die beiden Geschwister im Elternhaus wieder und beschließen, ihre Erlebnisse und Gedanken, die sie während der langen Trennungszeit hatten, aufzuschreiben und dem anderen zu vermachen. Diese „Tagebücher“, voll von Erlebnissen, Gefühlen, Gedanken und Erklärungen, bilden das Buch, in dem sie immer wechselseitig
aneinandergereiht die ganze Geschichte der Familie bis hin zum Todesschuss
(der übrigens NICHT vom verbitterten Vater durchgeführt wurde) in der Berliner Oper und der darauf folgenden Aufarbeitung erzählen. Mich hat insbesondere im ersten Teil die große Nähe der beiden Geschwister berührt, die Vertrautheit, die Liebe.

Samstag, 3. September 2011

Die Kunst frei zu sein

Mit großem Interesse und voller Neugier habe ich das „Handbuch für ein
schönes Leben
“ über eine relativ lange Zeit hinweg gelesen und dabei
wirklich vieles Interessante für mich und mein Leben gefunden. Oft konnte
ich nur zustimmend nicken, manchmal leicht zweifelnd fragen, ob diese
Vorschläge auch für mein Leben funktionieren, und an einigen Stellen habe ich
einfach nur die naive Art bestaunt, mit der Tom Hodkinson auf das
Mittelalter zurückblickt und dem Leser zu vermitteln sucht, dass damals
alles besser, die Menschen, auch die Leibeigenen, viel freier und
glücklicher gelebt hätten als wir heute und dass die ach so schlimme
Reformation diesem schönen Leben mit seinem Puritanismus ein jähes Ende
gesetzt hätte. Aber wenn man mal die Frage nach dem Reichtum der
mittelalterlichen Allgemeinbevölkerung ausklammert, ist es zumindest einmal ein neuer Denkanstoß, wenn die negativen Seiten der Reformation und die
puritanisch-freudlose Art eines John Wesley-Methodismus hinterfragt werden,
die für mich bisher nie auch nur den kleinsten negativen Anstrich hatten.

Am Ende eines jeden Kapitels versucht der Autor in einem Satz die
Grundessenz des gesagten zusammenzufassen, was zwar nicht immer gelingt bzw. sehr teilweise sehr seltsam ausgedrückt ist, aber dennoch eine schöne
Gedankenstütze bietet. Deshalb an dieser Stelle die 29 Kapitelüberschriften
und die zusammenfassenden Anleitungen für ein glückliches Leben:

1. Verjag die Angst, sei sorglos: Fahr Rad
2. Wirf die Fesseln der Langeweile ab: Spiel Ukulele
3. Die Tyrannei der Rechnungen und die Freiheit des Einfachen: Kündige alle Daueraufträge
4. Pfeif auf die Karriere und all ihre leeren Versprechungen: Finde Deine Begabung
5. Raus aus der Stadt: Pachte einen Schrebergarten
6. Schluss mit dem Klassenkampf: sei ein Bohemien
7. Wirf Deine Uhr weg: Schmeiß deine Uhr auf den Müll
8. Hör auf mit dem Konkurrenzkampf: Gründe eine Gilde
9. Entkomme den Schulden: Zerschneide deine Kreditkarte
10. Tod dem Einkaufen oder Flucht aus dem Gefängnis der Konsumsucht: Wirf den Fernseher weg

11. Spreng die Ketten der Furcht: Fahr mit dem Feuerwagen
12. Vergiss die Regierung: Hör auf zu wählen
13. Leg Dein Schuldbewusstsein ab und befreie Deinen Geist: Sag ja
14. Das Ende der Hausarbeit oder die Macht des Kerzenscheins: Zünde eine Kerze an
15. Schluss mit der Einsamkeit: Öffne deine Türen
16. Unterwirf dich nicht länger der Maschine, benutze Deine Hände: Benutze eine Sense
17. Ein Lob auf die Melancholie: Schmeiß deine Tabletten weg
18. Jammer nicht, sei fröhlich: Sei dankbar für das, was du hast
19. Leb ohne Hypothek, sei ein beschwingter Wanderer: Teile dein zuhause mit andern
20. Die Anti-Kleinfamilie: Lass die Kinder in Ruhe
21. Entwaffne den Schmerz: Akzeptiere die Mühsal
22. Hör auf, dich um Deine Rente zu sorgen, lebe: Sag ja zum Leben
23. Verlass die Welt der Grobheit, tritt in eine neue Ära der
Liebenswürdigkeit, Höflichkeit und Anmut ein: Sei anmutig
24. Selbstgefällige Puritaner müssen sterben: Wir sind nichts
25. Befreie dich von den Supermärkten: Pflanz Gemüse an
26. Die Herrschaft des Hässlichen ist vorbei, lang leben Schönheit, Qualität und Brüderlichkeit!: Ein hoch auf den Meisel
27. Stürze die Tyrannei des Reichtums: Wünsch dir weniger
28. Verschwende nichts, sei Sparsam: Schaufel Scheiße
29. Hör auf zu arbeiten, fang an zu leben: Spiele


Die Einteilung des Lebens in Arbeitszeit und Freizeit bemängelt der Autor
und ermuntert alle Leser, mit weniger Geld auszukommen, wodurch man auch
viel weniger arbeiten müsse. Und vor Allem soll man nur das tun, was einem
wirklich Spaß und Freude macht. Um herauszufinden, was das ist, soll man
mindestens 6 Monate, besser ein Jahr lang, gar nichts tun. Er vergleicht
diese Suche nach seiner Begabung mit einem Garten, den man übernimmt und den man ein Jahr lang erst mal überhaupt nicht bearbeiten soll, um zu sehen, was denn überhaupt alles so in seinem Boden ist und gedeiht, bevor man ihn dann sanft anfasst. Ein sehr treffender Vergleich, suche doch auch ich nach einer Arbeit, die mich wirklich ausfüllt und befriedigt und wusste bisher nie, wie ich diese finde: Ein Jahr Pause (evtl. bei Inge in NZ) und ich weiß, was ich
kann und was ich will. Laßt uns experimentieren, um herauszufinden, was der
richtige Weg für uns ist:
„Abgesehen von dem Nutzen des Wortes „Experiment“  als Euphemismus macht es Spaß, sein Leben in eine Reihe von Experimenten zu verwandeln. Es kommt nicht darauf an, ob es scheitert – du versuchst einfach ein anderes." Ach, wenn es nur so einfach wäre… Wichtig ist es, bei alledem niemals irgendwelche Schuldgefühle zuzulassen (übrigens wird an anderer Stelle nachgewiesen, dass Schuldbewusstsein ein erlerntes, kein angeborenes Gefühl ist); wir sind nicht davon abhängig, was andere über uns denken sondern nur uns selbst Rechenschaft schuldig.

Schön auch, wie Tom davon erzählt, dass er allen Menschen mit Achtung und
Respekt gegenübertritt und eigentlich irgendwie alle liebt (außer Spießer
und Puritaner)
„: …als Müßiggänger und Anarchist liebe ich Menschen aus
allen Schichten, die für die Freiheit kämpfen. Ich liebe die Aristokraten,
ich liebe die Unterschicht, und ich liebe die bourgoise Boheme. Ich liebe
die Drogensüchtigen. Es ist ganz einfach, sich den Auserwählten, den
Farbenfrohen, den Kreativen anzuschließen. Schaff Deine eigene Welt. Wirf
den Groll ab. Verdränge den Gedanken des
„Müssens“. Du musst gar nichts tun. Du besitzt Willensfreiheit. Übe sie aus!

An mehreren Stellen habe ich mich mit meinen Ansichten sofort
wiederentdeckt, z.B. wenn er über das Fernsehen und die damit verbundene
Zeitverschwendung herzieht, wenn vorgeschlagen wird, die Kinder in Ruhe zu
lassen und nicht ständig zu bevormunden und zu bespaßen, oder wenn er
vorschlägt, Deine teure Armbanduhr wegzuwerfen (ich habe seit 15 Jahren
keine und bin doch immer pünktlich). Sein Argument: Wie kann man nur
für das Tragen des Symbols der Sklaverei so viel Geld ausgeben und damit das zu einem Statussymbol erheben, was uns an das moderne Industrietempo fesselt? Und vollkommen zu Recht prangert er die heute allgemein akzeptierte Floskel
„Zeit ist Geld“ als Sünde an, denn wie kann man die Zeit, dieses Gottesgeschenk, das jeder Mensch jeden Tag neu erhält, mit Geld abwiegen wollen? Banker, die sich auf unsere Kosten bereichern und selbst aus Krisen, in denen wir unserbescheidenes Vermögen verlieren, bereichert hervorgehen, werden von uns verehrt. Verachten sollten wir sie und ihnen durch unseren Müßiggang beweisen, dass wir die glücklicheren Menschen sind (wenn es nur so wäre…!). Nicht Geld und Wohlstand sollten unsere Ziele sein, sondern zu lieben, freudig zu leben, das Leben zu genießen!

Leidenschaftlich wird auch gegen die übliche Kleinfamilie gewettert, in der
4 Personen, sie sich nicht leiden können, unter einem Dach zusammen leben.
„Die moderne Familie steht lediglich für eine finanzielle Belastung – mit
anderen Worten, sie ist das Motiv dafür, Beschäftigungen zu übernehmen, die
uns nicht gefallen. Ab und zu die Familie in kleinere Gruppen zu spalten,
weil sich die Kinder dann vorbildlich benehmen, ist auch mir schon als
probates Mittel gegen Kinderstreß aufgefallen. Und wenn Du so oft wie möglich Leute mit anderen Kindern einlädst, kannst du zusammen mit ihnen in der Küche bechern, während die ganze Bande im Haus oder Garten gemeinsam
rumtobt! Wir sollten Gemeinschaften gründen, ständig Freunde zu Besuch
haben und mit ihnen gemeinsam essen, trinken und feiern (wir sollten z.B. in
eine Wagenburg ziehen ;-))

Ein Widerspruch in diesem Buch besteht sicherlich darin, dass einerseits für
das Anschaffen eines eigenen Hauses mit Garten (zum Gemüseanbau) plädiert
wird, andererseits aber gegen
„Sklavenarbeit“ (30-40 Stunden im Büro) und
Hypotheken. Ein wenig naiv aber durchaus sympathisch dann die
Schlussfolgerung:
„…(du sollst begreifen), dass Schulden nicht wirklich
existieren, denn wie kannst Du durch ein Fantasieprodukt versklavt werden?
Pfeif auf die Wucherer. Warum solltest du Dir etwas aus ihnen machen? Sie
sind ja sowieso zur Hölle verdammt! Grinse über ihre Drohbriefe, lache über
ihre kümmerlichen Gestalten, kichere über ihr langweiliges Leben und die
Verdammung, die sie erwartet
“.

Obwohl in dem vorliegenden Buch gegen Maschinen (Rasenmäher, Geschirrspüler, Autos, Fernseher) plädiert und unser gesamtes Konsumverhalten grundlegend in Frage gestellt wird, werden Genüsse und Annehmlichkeiten keineswegs verachtet:
„Entscheidend ist nicht, dass man alle Genüsse aufgibt, sondern dass man die Herrschaft über sie behält“. Wie bei vielen Dingen, geht es also erst einmal um unsere prinzipielle Einstellung. „Es ist wichtig, zwischen den realen, physischen Genüssen (Speisen, Getränke) und der bloßen Verheißung von Genüssen zu unterschieden, die durch Werbung vermittelt wird.“ Wir begehren Dinge, von denen wir annehmen, dass sie uns glücklicher machen werden und sind dann enttäuscht, wenn wir uns diese Dinge zugelegt haben und doch nicht recht zufrieden damit sind. Wie wahr, wie wahr!

Dass die Pharmaindustrie mit ihren Versprechungen vom schmerzfreien Leben
durch Einnahme vieler verschiedener Pillen gegen alle möglichen
„Krankheiten“ eine ganz schlimme Rolle inmitten der vielen Konsumangebote
spielt, wissen wir alle oder ahnen es zumindest. Dennoch kann ich die Argumentation, auf (fast) alle medizinische Behandlung und Arznei zu verzichten, nicht so unterschreiben. Doch die Freiheit eines jeden Einzelnen besteht ja gerade darin, sich die für ihn passenden Thesen herauszusuchen, anzueignen und zu verinnerlichen. Wenn mir Tabletten gegen eine Erkältung helfen und ich meist dadurch gar nicht erst richtig krank werde, warum sollte ich es dann sein lassen?

Schön auch die Ansicht zum Thema Hausarbeit, die auch eine
Einstellungsfrage ist und an der man seine Freude haben kann, wie es an
mehreren Beispielen gezeigt wird. Insofern ist dieser Satz sicher auch halb
ironisch gemeint, was ihn nicht weniger richtig werden lässt:
„Letzten Endes
könnte das Reinemachen einfach eine Beleuchtungsfrage sein. Wer ein sauberes Haus haben möchte, sollte einfach die Lichter ausknipsen und eine Kerze anzünden.


Ähnlich verhält es sich mit dem Gedicht
„Regime de vivre“ von Wilmot:


Ich steh
’ auf um elf, ich esse um zwei,

Ich betrink
’ mich vor sieben; und wenn das vorbei,

Ruf
’ ich meine Hure, und aus Angst vor schlimmem Los

Ergieß ich mich in ihre Hand und spuck
’ in ihren Schoß.






Literatur/Internet:

Beat, Alan: A start in smallholding

Hoffmann, abbie: Revolution for the hell of it (Nieder mit den Spießern)

Rubin, Jerry: Do it!
(Bibel der Hippies, bekifft lesen!)

<http://www.idler.co.uk/> www.idler.co.uk

www.longnow.org <http://www.longnow.org/>

www.lazywoman.com <http://www.lazywoman.com/>

www.sqat.net <http://www.sqat.net/>

www.theplayethic.com <http://www.theplayethic.com/>

Befreiung

In kürzester Zeit sofort nach Ende des 2. Weltkrieges geschrieben
verarbeitet der Autor in diesem Buch seine Erlebnisse während der letzten
Jahre, wie im Nachwort anhand mehrerer Beispiele deutlich gemacht wird.
Befreiung beginnt und endet mit ebendiesem Geschehnis, wie es die junge
Erzsébet im von den Russen belagerten und schliesslich eingenommenen
Budapest um Weihnachten 1943 erlebt. Während sie im Luftschutzkeller
sitzt (zum ersten Mal habe ich bei der Lektüre detaillierte Einblicke in das
Leben der Menschen unter der Erde, wie es sich so oder ähnlich millionenfach
tatsächlich ereignet hat, erhalten) wird ihre Geschichte seit der Okkupation
Ungarns durch die Deutschen 10 Monate vorher, erzählt. Und die ihres Vaters,
eines anerkannten aber von den Deutschen gesuchten Wissenschaftlers, der
sich mit Hilfe seiner Tochter an unterschiedlichen Orten versteckt und nur
äußerst knapp und durch großen Zufall der Gestapo bzw. deren ungarischen
Gehilfen, den Pfeilkreuzlern, entkommt. Die letzten 3 Wochen verbringt er in
einem äußerst engen Kellerverlies, in das er mit 6 anderen Versteckten
eingemauert wurde. Ob er tatsächlich überlebt hat, wird zwar nicht explizit
erwähnt (das Buch endet in dem Moment, in dem Erzsébet aus
Ihrem“ Keller zu
seinem“ geht, nachdem die Straße von den Russen befreit wurde), darf aber
angenommen werden. Beeindruckend waren für mich die Gedanken und Gefühle der
jungen Frau im expliziten Moment der Befreiung, die sehr detailliert
beschrieben werden, was nur gelingen kann, wenn man Gleiches erlebt hat.
Etwas Altes war zu Ende, etwas Neues beginnt und genau dazwischen erlebt sie
ganz klar den Moment der Befreiung als eine konkrete Zeitspanne, obwohl doch
die Gegenwart eigentlich überhaupt nicht zu fassen ist (ist sie doch im
Moment, in dem wir uns darüber klar zu werden versuchen, bereits
Vergangenheit). Natürlich hat sie keine Ahnung, was genau die Befreiung mit
sich bringt und ob die Zukunft tatsächlich besser wird als die
Vergangenheit. Aber sie ersehnt wie alle anderen, auch die Pfeilkreuzler,
Deutschen, Versteckten, die Arbeiter und die Aristokraten, die Bürgerliche,
die Reichen und die Armen, diesen Moment und erlebt ihn dann ganz bewusst.
Überhaupt besticht die Beschreibung des Lebens im Keller, wo alle diese
unterschiedlichsten Leute zusammen leben müssen, durch die Darstellung der
Umgangsformen untereinander und der zur Schau gestellten Freundlichkeit, die
die Oberschicht, jetzt zum gleichen Los wie die Ärmsten verbannt, gegenüber
diesen in Erwartung neuer Kräfte- und Gesellschaftsverhältnisse, an den Tag
legt.

Auch Ersebets Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten und wie sie
damit umgeht, ist sehr berührend aber nicht sentimental oder anklagend
geschildert. Und wenn sie nur kurze Zeit später ihrem soeben erschossenen
Vergewaltiger das Blut vom Kopf wäscht, bevor sie dann endgültig ihren Vater
holen geht, unterstreicht sie ihre wenige Stunden zuvor gegenüber einem
jüdischen Professor im Keller verteidigte Einstellung, nach der die Menschen
durch dieses extreme Leid und die schlimmen Erfahrungen ihre Lehren ziehen
und sich bessern werden müssen, durch ihre vergebende Handlung an dem toten
Körper.