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Samstag, 15. Oktober 2011

Gut gegen Nordwind

Mit dem Titel konnte ich genau so wenig anfangen wie die Leser dieses Blogs. Dabei kann es sich ja wirklich um jede Art von Buch, Roman, Krimi, Novelle, Kitsch oder was auch immer handeln. Aber nichts von alldem ist diese Sammlung von Emails. Was? Lauter Emails? Haben wir alle mehr als genug und viel zu viele jeden Tag auf unserem Rechner. Klingt langweilig! Langweilig? Höchst spannend und wirklich eindrucksvoll ist dieses ungewöhmliche Buch. Nichts passiert darin und doch geschieht so vieles:

Zwei Menschen verlieben sich. Ja, zugegeben, dies passiert vielen Glücklichen tausendfach täglich irgendwo auf dieser Welt. Oft spielen mittlerweile auch Emails eine entscheidende Rolle dabei. Doch nach 2 oder drei elektronischen Briefchen mit dem oder der Unbekannten wird in der Realität doch schnell ein Foto ausgetauscht bzw. man trifft sich bald ohne Bildbetrachtung (um es spannend zu lassen). Nicht so in "Gut gegen Nordwind". Hier verliebt sich Leo in Emmi und Emm in Leo ohne dass sich die beiden je gesehen haben, ohne das Aussehen des Anderen zu kennen, ohne zu wissen, was der andere für Kleidung trägt, was er ausstrahlt, wie seine Augen aussehen, ja noch nicht einmal ob er eine Brille trägt oder einen Bart. Geschweige denn, wie er oder sie riecht. Nein, die beiden verlieben sich durch Worte, teilweise sehr offene Worte, teilweise sehr gefühlvolle und intime Worte, teils beileidigte und beleidigende Worte. Wegen eines einfachen Zufalls, durch den sie, die zufällig in der gleichen Stadt leben (noch ein Zufall - aber bedarf es nicht einer Menge Zufälle, damit die richtigen Menschen zueinander finden? Gibt es überhaupt die einzig richtige Paarung zweier menschlicher Geschöpfe? Oder sind diese tausendfach möglich, wären wir alle nicht mit einem anderen Menschen genauso glücklich oder unglücklich, wie wir es sind, wenn andere Zufälle unser Schicksal beeinflußt hätten?), kommen die beiden in Kontakt und bauen diesen schnell aus. Weil beide etwas suchen? Weil beide etwas suchen! Leo sucht einen Weg, um sich endlich irgendwie von seiner Marlene zu lösen, Emmi sucht unbewußt nach ein wenig Spannung neben ihrem Familienleben samt "glücklicher" Ehe. Später wird sie Leo schreiben. Ich bin glücklich verheiratet aber fühle mich unglücklich dabei. Das ist, glaube ich, ein Widerspruch. Der Widerspruch sind Sie, Leo.
Ohne dass die beiden dabei anfangs an körperliche Begehren denken, wird der Wunsch danach bald immer größer und äußert sich am intensivsten, wenn beide ein Glas Wein bzw. Whiskey zusammen trinken. Zusammen? Beide sitzen dabei allein vor ihrem Computer und zeigen dem jeweils anderen in ihren Emails ihre Wünsche ganz offen: Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist Küssen mit dem Kopf".
Und das machen Sie dann auch. Sie küssen sich, virtuell.

Ist es so etwas wie eine Sucht, die die beiden befällt? Eine Sucht nach Emails? Wie soll man sonst beschreiben, was Emmi an Leo schreibt: So beginnt ein guter Tag. Ich mache die Mailbox auf und es leuchtet mir eine Nachricht von Leo Leike entgegen. Gestern: Schlechter Tag. Kein bisschen Mail von Leo. Kein gar nichts. Kein überhaupt nichts. Kein bisschen was von Leo. Was soll aus so einem Tag werden?

Ob die beiden sich treffen, was aus ihrer virtuellen Liebe wird, was die Famile von Emmi dazu sagt, das werde ich an dieser Stelle garantiert nicht darlegen. Dass in diesem angenehm zu lesenden Buch auch einige schöne Wortspiele und Lebensweisheiten per Email ausgetauscht werden, das kann ich hingegen gern verraten. Wer alten Zeiten nachtrauert der ist alt und trauert. Das klingt doch wirklich schön und ist voller Wahrheit.

Vielleicht handelt es sich bei diesem als "Roman" betitelten Buch ja um einen Phantasy-Roman, auch wenn mit "Phantasy" gemeinhin ganz andere Literatur betitelt wird. Ob es uns auch in der realen Wirklichkeit möglich wäre, ein Jahr lang solch intensiven und intimen Kontakt zu pflegen, wie die beiden es tun, ohne der Verlockung nach einem realen Treffen und echten Küssen nachzugeben - das wäre noch zu testen.

Woher der Titel "Gut gegen Nordwind" kommt? Nun gut, es sei an dieser Stelle verraten. Leo gibt Emmi den Ratschlag, sich mit den Füßen zum Fenster hin in ihr Bett zu legen (ihr Mann schläft in einem eigenen!), als diese über den kalten Zug klagt, immer dann, wenn der Wind aus Norden weht.

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