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Freitag, 21. Oktober 2011

Der Pianist

Dieses Buch zu rezensieren steht mir nicht zu, niemand sollte sich über Schreibstil und „story“ dieser bekannten und wahren Geschichte auslassen. Wohl aber darf und soll man sie denen nahe bringen, die weder dem bekannten Film zum Buch von Roman Polanski noch dieser Autobiographie selbst bisher Beachtung schenkten.

Weitaus wichtiger und spannender erscheint es mir, die Gedanken und Lehren des Wolf Biermann ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen, die dieser tragischen und doch für das letzte Jahrhundert typischen Geschichte hintenan stehen.

Der polnische Pianist Wladyslaw Szpilman, jüdischer Herkunft und in Warschau lebend, hat sein Überleben (und gleichzeitig das Sterben der Seinen) sofort nach dem Krieg niedergeschrieben, was eine außerordentliche und mutige, gleichwohl sehr erfolgreiche Art und Weise der Verarbeitung des Erlebten widerspiegelt.

Wie schon erwähnt, werde ich an dieser Stelle keine grausamen Details dieses extrem harten und letztendlich erfolgreichen Kampfes gegen die Deutschen (Jawohl, gegen die Deutschen, denn gegen unsere Großväter musste er um sein Leben kämpfen und ebendiese Großväter nahmen selbiges seinen Eltern, Geschwistern, Freunden und vielen anderen Millionen Menschen auf unbeschreiblich brutale Art und Weise) nacherzählen. Dieses Buch muss man einfach selbst lesen!

Gutbürgerlichen Verhältnissen entstammend studierte Szpilman 2 Jahre lang im Vorkriegs-Berlin, was ihn dazu verleitete, all die schlimmen Vorboten so lange es ging zur Seite zu drängen und nicht wahrhaben zu wollen, dass ebendiese Deutschen, die so wunderbare Kunst und Musik hervorbrachten, tatsächlich mordend und rücksichtslos Jagd auf Juden machen würden. Aber vielleicht war gerade diese Einstellung der Schlüssel zum Überleben. Er floh nicht, wie viele Freunde, aus Warschau, als die Deutschen die Stadt einzunehmen drohten, er ließ sich mit einer halben Million Menschen im Getto einsperren (im Übrigen für mich erneut Grund genug, diese Bezeichnung niemals mehr für Neubaugebiete europäischer Großstädte, die evtl. einen großen Prozentsatz ausländischer Bewohner beherbergen, zu benutzen), er versteckte sich nicht vor der jüdischen Polizei, als diese sein Haus leerte, um alle Bewohner zum Umschlagplatz zu bringen. Dass er dort dann zufällig kurz vor dem Einstieg in die berüchtigten Waggons zurückgepfiffen wurde, kann man Schicksal oder Zufall nennen, für ihn war dies der Moment, wo er anfing, mit allen Mitteln um sein Überleben zu kämpfen. Wo er sich in den folgenden 3 Jahren überall versteckte, was er erlitt, wie er dem Hunger, der Kälte, der Langeweile trotzte, kann man detailliert und plastisch selbst nachlesen. Wie oft er dabei dem Tod von der Schippe sprang, welchen Mut er bewies und wie er am Ende dann durch einen kleinen Fehler seinerseits fast noch von einem polnischen Soldaten erschossen worden wäre, geht einem unheimlich nahe. Versuche man doch einmal, nur einen Tag so zu verbringen, wie er viele Monate hinweg mit knurrendem Magen und erbärmlich frierend seinen Geist und seinen Körper am Leben hielt: Stundenlang ging er in Gedanken Takt für Takt alle Partituren durch, die er je gespielt hatte, rief sich alle je gelesenen Bücher detailliert in Erinnerung und gab sich selber Englischunterricht. Ja, Zufall mag es gewesen sein, dass gerade Szpilman überlebte aber es gehörte eben auch ein unheimlich wacher Geist und eine riesige Portion Willen dazu, den wohl nur Wenige aufzubringen in der Lage sind.

Versöhnlich mutet es dann an, dass der Pianist gegen Ende des Krieges gerade durch einen deutschen Offizier gerettet wird. Traurig hingegen, was man in Biermanns Erläuterungen dann zum Tod des Deutschen lesen muss, der nicht „nur“ einen Juden sondern derer mehrere im Verlauf des Krieges gerettet hatte. Aber so ist das eben, wenn man eine reale Geschichte liest. Diese endet eben, wie das Leben im Allgemeinen, nicht in jedem Fall mit einem Happy End, wie es die sogenannten Bestseller oft abbilden.
Nicht weniger eindrucksvoll sind die ebenfalls abgedruckten Tagebuchauszüge des Wilm Hosenfeld, die dieser im Übrigen mit der Wehrmachtspost während des Krieges zu seiner Familie schickte. Ein wirklich bedeutender, jedoch kein im wahrsten Sinne des Wortes „wahnsinnig“ mutiger Mann wird uns hier nähergebracht, von dessen Schlage es einiger mehr bedurft hätte, diesen Wahnsinn im Keime zu ersticken.

Nun aber zu Wolf Biermanns 49 außerordentlich klugen Anmerkungen, bzw. einer kleiner Auswahl daraus

Den Warschauer Getto-Aufstand und dessen mutige Kämpfer betrachtend stellt Biermann fest: Es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse. Ob einer … in der Gaskammer starb oder … mit der Pistole in der Hand… wer will da eine moralische Rangliste behaupten? Und erst hier, als Biermann es noch einmal explizit erwähnt, wird dem Leser bewusst, dass auch Szpilman, der nicht gerade aufmüpfige und durch seinen Mut und seine Opferbereitschaft auffällige Pianist, einer der Helden des Aufstandes ist, da er sein Leben riskierte, als auch er Waffen ins Getto schmuggelte. Doch diese Tat stellt er nicht zur Schau, er erwähnt sie nebenbei. Was für eine Leistung, wo es doch in solch einer Situation, die wir uns nie vorstellen könnten, nur allzu menschlich wäre, an sich und nur an sich zu denken, an das eigene Überleben. Wie viele ungezählte Helden haben diesen Aufstand unterstützt, und doch, auch diejenigen, die nicht den Mut oder die Kraft dazu hatten, sind heldenhaft aber so entsetzlich sinnlos gestorben.

Wohltuend auch Biermanns Feststellung, dass zwar im Regelfall ein Lump auch im Gefängnis oder Getto einer bleibe, dass es aber etliche vormalige Ganoven gab, die im Getto oder Lager tapferer und hilfreicher waren, als allerhand gelernte gutbürgerliche Edelmenschen. Welche er allerdings nicht im Geringsten verurteilt, auch Biermann stünde das, wie keinem von uns, zu. Er schreibt nur: Den Obermoralisten will ich sehn, der Genugtuung daraus zieht, dass auch all diese abstoßenden Überlebenskünstler (hier meint er insbesondere die Kolloborateure, die Profiteure und Schergen der jüdischen Polizei, Spitzel usw.) am Ende in den Massengräbern landeten. Nicht SIE waren in irgendeiner Weise „Schuld“ an ihrem Unglück und dem ihrer „Opfer“, nein, andere haben sie dazu getrieben, so zu werden, wie sie waren und auf ihre Art ums Überleben zu kämpfen. Das sollte uns immer wieder bewusst sein!

Eine sehr interessante Frage auch, die Biermann seziert, ist die nach Geschehenlassen und Hoffen versus Auflehnung und Kampf. Auf dem Umschlagplatz, kurz vor der Deportierung, diskutiert Szpilmans Vater mit einem befreundeten Zahnarzt, warum sich die halbe Million Menschen im Getto nicht auf die Deutschen stürzt und das Getto sprengt oder wenigstens so stirbt, dass sie nicht zum Schandfleck der Geschichte wird. Der Vater des Autors, der kurz danach sterben wird, entgegnet, dass sie keine Helden seien und das Risiko vorziehen, auf die zehn Prozent Lebenschance zu hoffen, die mit dem Abtransport verbunden ist. Biermann dazu: Zahnarzt und Vater Szpilman haben beide recht. Recht hat er!
Es gibt nun mal unzählige Situationen, auch wenn sie dieser Tragik vollkommen entbehren und nicht im Geringsten mit der Entscheidung der jüdischen Gettobevölkerung zu vergleichen, sehr wohl aber für den Einzelnen oft entscheidend für den weiteren Lebensweg sind, für die kein „Richtig“ oder „Falsch“ gilt. Wenn man trotz vielfacher Versuche und Imaginationen nicht abschätzen kann, was einen nach einer bestimmten Entscheidung erwartet, kann man eben auch die falsche treffen. Oder gar keine. Was unter Umständen auch eine Art Entscheidung sein kann. Es gibt Momente oder Situationen, wo alles Abwägen von Fakten und Durchspielen von Szenarien nicht zum Ergebnis führt oder wo die Vor- und Nachteile der verschiedenen Wege nicht klar gegeneinander ausgespielt werden können. Dann bleibt einem immer noch die Hoffnung, von der Nietzsche zwar behauptet, dass sie das übelste aller Übel sei, weil sie die Qual der Menschen verlängere, was uns jedoch nicht davon abhalten sollte, diese immer in uns zu bewahren. Der beste Gegenbeweis zu Nietzsches Theorie ist die Hoffnung der jüdischen Waisenkinder, als diese singend (!) und fröhlich (!) hübsch angezogen in die Waggons kletterten, da ihnen der unglaublich starke und wirklich heldenhafte Janusz Korczak bis zuletzt vorgegaugelt hatte, dass sie nun endlich ins gelobte Kinderland fahren würden, wo Milch und Honig fließen. Kann man sich vorstellen, wie viel Kraft dazugehört, den fast verhungerten Kindern auf ihrem letzten Weg eine solche Illusion einzugeben, wohl wissend, dass nicht nur sie sondern man selbst auch seine letzten Stunden auf dieser Erde erlebt?! Aber welchen Wert diese Hoffnung für die Kinder hatte, eben weil sie deren Qualen nicht verlängerte, sondern ihnen im Gegenteil die Angst vor dem nahm, was auf sie zukam! Von solchen Heldentaten zu erfahren lässt auch mich hoffen…

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