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Samstag, 4. August 2012

Im Durcheinanderland der Liebe – Francois Lelord

Ja, dieser Mann kann schreiben! Insbesondere über die Liebe und das Leben. Und das interessiert uns ja wohl alle! Ein lustiger Zufall wollte es, dass ich beim Ausleih dieses schönen kleinen Büchleins eine Bekannte traf, die selbiges als Hörbuchausgabe in den Händen hielt. Auf meine neckische Frage, wieso sie sich als Mutter von 4 Kindern für die Liebe und das mit ihr verbundene Durcheinander interessiere, antwortete sie (meines Erachtens wahrheitsgemäß), dass sie es lediglich für ihre Tochter ausleihe, da sie doch über solcherlei Themen hinweg sei… Dieses kluge und sehr schön zu lesende Werk ist meines Erachtens jedoch nicht nur für 14-Jährige Pubertierende sondern für jegliche Altersgruppen geeignet, weshalb ich es allen Lesern wärmstens ans Herz lege.

Denn man kann durch die Sichtweise des von der Uno und einem Ölkonzern nach Paris eingeladenen Inuk (Heißt es nicht Inuit? Dachte ich auch. Aber ein einzelner dieser Volksgruppe wird nun mal mit diesem hier benutzten Wort beschrieben) allerhand über die westliche Kultur und insbesondere über den hiesigen Umgang zwischen Männlein und Weiblein erfahren. Natürlich lernen wir auch, wie es bei diesem Naturvolk zugeht, was sicherlich interessant aber nicht das Hauptanliegen des vorliegenden Werkes ist. Viel spannender ist der Blick auf uns selbst, der uns durch Uli, so heißt der kräftige, große und schöne junge Mann, offenbart wird.

Wem Lelords vorangegangene und im gleichen Blog besprochene Bücher mit Hektor als Protagonisten und Erzähler gefallen haben, der wird auch seine Freude am „Durcheinanderland der Liebe“ haben. Der Schreibstil ist recht ähnlich, die Themen sind es gleichermaßen und man ist immer wieder erstaunt darüber, wie einfach der Autor die großen Themen unserer Zeit in einfache Sätze verpackt, wobei er sowohl Fragen aufwirft als auch Antworten zu geben versucht. Hektor und Ulik verbindet, dass sie beide sehr genügsame und freundliche Menschen sind, die keinerlei Schwierigkeiten haben, Gesprächs- (und Liebes-) Partner zu finden. In den Dialogen mit diesen Menschen werden dann diese Fragen wunderbar einfach formuliert und allgemeingültige Beobachtungen zum Ausdruck gebracht.

Neben der prägnanten Art und Weise, schwierige Sachverhalte in einfachen Worten auszudrücken, vermag es Lelord, uns mit sehr schönen Bildern zu verzücken und mit diesen Vergleichen aus der Welt der Inuit bestimmte Probleme oder Fragestellungen aus der westlichen Welt anschaulich darzustellen. So schreibt er beispielsweise, als es um die Frage des besten Zeitpunktes für Uliks Rückreise geht: Diese sei „…wie der Kamm eines Gletschers, von dem man zu spät bemerkt, dass man ihn nicht überqueren kann, und das, wo der Tag schon zu weit fortgeschritten ist, um noch den Rückweg anzutreten.“

Ulik, der zum ersten Mal außerhalb seiner ihm bekannten Kultur zurechtkommen muss (die in gewisser Weise mit der unsrigen vergleichbar ist, wie sie bis zum Beginn der Industrialisierung hier vorzufinden war), findet schnell heraus: „dass das Leben eines Mannes ganz schön kompliziert war im Land der Kablunak“ (also der Weißen). Diese Feststellung trifft er, nachdem der Glückliche innerhalb kürzester Zeit intime Bekanntschaft mit mehreren hinreißenden Frauen gemacht hat, was natürlich nicht ohne Komplikationen für seine und die Gefühlswelt der Betroffenen bleiben konnte, und er untermauert sie mit eigenen Gedanken wie diesem: „Sie schien jedes Mal glücklich zu sein, wenn er selbst glücklich war. Das ist Liebe, dachte er plötzlich und es war für ihn ein kleiner Schock.“

Süß aber auch irgendwie nachdenklich stimmend ist auch die Erkenntnis von Ulik hinsichtlich der westlichen Frau (die sicherlich in ähnlicher Weise auch auf deren männliches Pendant anwendbar ist), welche „Mann um Mann kennenlernen musste, bis sie endlich den ‚richtigen‘ gefunden hatte. Und was machte sie, wenn sie nach dem vierten plötzlich merkte, dass eigentlich schon der erste der ‚richtige‘ gewesen war?“

Obwohl die Liebe und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern im Vordergrund dieses Buches stehen, wird während einer Diskussion mit den Mitarbeitern der Erdölfördergesellschaft ein weiteres sehr interessantes Thema angesprochen und Ulik wird zu den Traditionen seines Volkes hinsichtlich der Jagd befragt. Die ursprüngliche Absicht des Firmenchefs war, seinen Mitarbeitern zu vermitteln, wie wichtig Teamwork sei und dass alle davon profitieren würden. Doch geht dieser Schuss eindeutig nach hinten los, nachdem ein Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft die Frage nach der Aufteilung der Jagdbeute stellt. Ein wenig naiv antwortet Ulik vollkommen unbefangen, dass diese bei den Inuit immer nach der der Anzahl der Kinder, die in einer Familie leben, aufgeteilt wird und nicht vom Können und dem Erfolg des jeweiligen Jägers abhängt. Dass der Vorstandsvorsitzende und seine kleineren Häuptlinge es gar nicht lustig finden, als der Untergebene erneut ansetzt und sich rückversichert, in dem er fragt, ob es vorstellbar wäre, dass der beste Jäger hundertmal mehr bekommt als ein normaler Jäger, ist sicherlich nachzuvollziehen, denn Ulik antwortet wahrheitsgemäß, dass durch solch eine Handlungsweise lediglich Hass entstünde und das Zusammenleben unmöglich wäre. Aber wir wissen ja alle, dass eine Firma keine Familie ist und dass der Versuch des Kommunismus, wie er augenscheinlich in dem kleinen Inuit-Dorf  noch herrschte, bereits großflächig und bravourös gescheitert ist.


Auch wenn wohl keiner von uns Lesern sich wünscht, in solch einem kalten Land zu leben wie Ulik, wo man sich ständig mit einer dicken Kleidungsschicht einhüllen muss und Liebe nur im Dunklen unter einer dicken Decke im Kreise seiner schlafenden Familie vollzieht, so kann man zumindest im Ansatz einen Vorteil solch einer Lebensweise nachvollziehen: Hier bei uns ist es schon manchmal ein wenig verwirrend, betörend und gegebenenfalls sogar verunsichernd für uns Männer, im Sommer die vielen Frauen mit kurzen Sommerkleidchen ihre hübschen Körper zur Schau stellen zu sehen, und so können viele von uns Uliks Frage sicherlich sehr gut mit einem Seufzen nachvollziehen: „Wie sollte man sich bei all diesen ungebundenen Frauen mit einer einzigen begnügen, wie konnte man jener treu bleiben, die einem gehörte?“  Und so fragt sich Ulik weiterhin, während er die herrlichen Beine seiner Pariser Freundin, die einen wunderbar kurzen Rock trägt, bewundert: „Warum mussten sich die Frauen hier in Paris ausgerechnet immer das anziehen, womit sie die Männer am meisten durcheinanderbringen konnten? Und welches Ziel mochten sie damit verfolgen, wo sie doch gelernt hatten, ohne Mann auszukommen? Ihr Körper scheint etwas anderes zu sagen als ihr Verstand…“

Doch natürlich geht es dem von fast allen französischen Frauen geliebten und begehrten Naturburschen so, wie den hier lebenden Männern, die immer wieder resigniert feststellen dürfen:  „…immer hatten die Kablunak Frauen einem etwas vorzuwerfen! Man trank zu viel, man schaute zu viel fern. Kablunak-Frauen waren sehr raffiniert in ihrer Kleiderwahl, aber sehr wenig raffiniert in ihrer Art, einen Mann zu kritisieren.“

Während eines Meinungsaustausches mit seinem Freund Thibeaut, dem Klavierspieler und Frauenversteher, in dem sich die Beiden bei Wein und Whiskey darüber unterhalten, dass jede zweite Frau in Paris allein wohnt, was Ulik nun überhaupt nicht verstehen kann (andererseits ungemein aufregend und vielversprechend findet) lernt der Inuk: „Es gibt Millionen Frauen wie sie. Nicht sexy genug, um einen Mann besonders zu interessieren, aber ausreichend intelligent, um kompliziert zu sein.“ Sicherlich kein von allen Leserinnen geteilter Standpunkt aber immerhin ein schöner Versuch, dem allgegenwärtigen Singledasein auf die Schliche zu kommen. Dennoch versucht Ulik herauszufinden, was der Grund dafür ist, dass in der westlichen Welt so viele Ehen geschieden werden und weshalb so viele Menschen entweder unglücklich zusammen- oder aber unglücklich allein leben. Er lernt während seiner vielen Interviews, Fernsehauftritte und Diskussionen mit FreundInnen: „…dass man ein paar Frustrationen in Kauf nehmen muss, wenn man möchte, dass eine Ehe hält.“ Ob es nun richtig ist, dies zu tun oder lieber, wie es immer öfter der Fall ist, auf diese Frustrationen zu verzichten und dafür die Einsamkeit in Kauf zu nehmen, kann er nicht wirklich beantworten. Das muss ja auch ein Jeder und eine Jede für sich selbst herausfinden. Dennoch spürt man immer wieder, dass Ulik sich selbst fragt, welche Gesellschaftsform nun die bessere (für ihn) ist und ob er je wieder in seinem dunklen, kalten Iglu glücklich sein könnte (obwohl dort doch die bezaubernde und von ihm über Alles geliebte Navaranava auf ihn wartet). Der Klavierlehrer bringt dann all diese Fragen, die doch so viele Menschen quälen, auf einen Punkt, in dem er nüchtern (nicht im wirklichen Sinne sondern sprachlich gesehen!) und mit einem Augenzwinkern feststellt: „Letztendlich haben sich die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in den vergangenen zweihundert Jahren mehr verändert als in den hunderttausend Jahren davor; es ist also nicht verwunderlich, wenn wir noch ein bisschen orientierungslos sind.“ Was soll der Rezensent dem noch hinzufügen?

Donnerstag, 2. August 2012

Mann und Frau – Zeruya Shalev


Schon länger hatte ich kein Buch mehr gelesen, dessen Handlung in Israel spielt und so lieh ich mir vor dem Sommerurlaub in der Bibliothek dieses aus. Schließlich stand es auch auf meiner immer länger werdenden Bücherliste und klang zudem noch sehr vielversprechend. Doch ist es für die Handlung vollkommen unbedeutend, wo sich diese kleine Familie, von der hier berichtet wird, auseinanderlebt. Ganz genauso spielt sich dieses Drama in Berlin, New York, Moskau oder Tokio ab, millionenfach und immer wieder.

Der Einstieg in diese Geschichte ist nicht ganz leicht zu finden. Vielleicht liegt es am Stil der Schriftstellerin, die jegliche Anführungszeichen, welche normalerweise Dialoge kennzeichnen, einfach weglässt und diese stattdessen einfach in ihre Überlegungen und Beobachtungen einbaut. Vielleicht liegt es auch an der düsteren Stimmung, die aufkommt, wenn gleich zu Beginn von der seltsamen Krankheit des Ehemanns der Ich-Erzählerin berichtet wird. Udi kann seine Beine nicht bewegen, doch findet man im Krankenhaus keinerlei physische Störung, stattdessen will man ihn auf die psychiatrische Abteilung verlegen, wovon er absolut nichts wissen will. Eine kurze Zeit lang geht es ihm scheinbar besser, worauf das Ehepaar einen Kurztrip ins israelische Hinterland unternimmt. Eigentlich wollten sie hier ihre Liebe auffrischen, doch es will nicht so recht gelingen. Wie bei vielen Paaren, die schon eine halbe Ewigkeit zusammen sind (die beiden hier sind es, seit sie 12 waren), hat jede Situation so oder so ähnlich bereits mehrfach stattgefunden und ist mit Erinnerungen verknüpft, die nicht nur positiv sein müssen. Und genau das formuliert Udi nach einem erfolglosen Versuch, sich im Bett zu versöhnen mit den Worten: „… vielleicht brauchst Du einen neuen Mann…mit mir kannst Du Dir selbst nicht entkommen, ich erinnere Dich an jede Minuten Deines Lebens….Es verletzt mich, dass Du mich nicht wirklich willst, sondern mir nur einen Gefallen tust, damit sich meine Laune bessert…“

Trotz der angespannten Situation erleben sie einen nicht alltäglichen Sex und wundern sich Beide über das eben Erlebte, doch schon am nächsten Morgen sieht die Welt wieder grau und trostlos aus und Udi erklärt, dass er sofort nach Hause müsse. Hier liegt er nun im abgedunkelten Schlafzimmer für viele Wochen, und seine Frau Na’ama versucht ihn gesund zu pflegen. Allerdings stößt sie dabei immer wieder an ihre Grenzen und fragt sich, wer dieser Mann für sie ist und was er ihr bedeutet. Hinzu kommen Probleme mit der knapp 10-jährigen Tochter Nogi, die sich immer mehr von ihren Freundinnen und ihrer Mutter entfernt und sich immer weiter vor ihr verschließt. Und auch in dem Heim für ungewollt Schwangere, in dem Na’ama arbeitet, läuft es immer schlechter, kurz gesagt: Ihr läuft das Leben aus dem Ruder, sie ist verzweifelt und wünscht sich ihr altes Leben zurück, obwohl sie weiß, dass auch das lediglich ein schlechter Kompromiss war.

Als sich irgendwann dann eine ruhige, junge und selbstsichere Naturheilkundlerin nicht nur des Kranken annimmt, sondern auch Na’ama selbst (worüber diese sich zuerst sehr verwundert zeigt), wird dieser zu deren Erstaunen erklärt, dass Udis gesundheitliche Probleme nicht für sich allein stehen sondern im Zusammenhang mit der ganzen Familie betrachtet (und geheilt) werden müssen. Die junge Frau spricht davon, dass wir unsere Einstellung zum Leben ändern müssen. Wir Menschen sind wie der Himmel, der die an ihm vorbeiziehenden und sich immerzu ändernden Wolken nur betrachten, diese aber nicht aufhalten kann. Genauso müssen wir leben, in dem wir endlich nicht mehr versuchen sollten, unsere Freunde, Partner, noch nicht mal unsere Kinder aufhalten oder gar stoppen zu wollen. Wenn wir lernen loszulassen, können wir die große Freiheit gewinnen und aus uns strahlt die göttliche Freiheit. Später im Buch erfahren wir dann, wie Na’ama diese Lehren in die Tat umsetzt und wie sich dadurch nicht nur für sie vieles zum Positiven verändert. Na’ama spürt, dass die junge Frau allein die Familie retten kann und fühlt sich von deren Worten angezogen, auch wenn sie nicht alles versteht, was diese ihr zu erklären versucht. Und auch mir gefällt dieser Satz, den die junge Sohara ausspricht eigentlich so gar nicht, obwohl ich doch instinktiv seinen Wahrheitsgehalt spüre: „Man verändert sich nur durch Leiden, das Leiden spornt unsere geistigen Fähigkeiten an, es provoziert und, zwingt uns dazu, das Wunder frei zu lassen, das sich in uns verbirgt.“

Schließlich ist es so weit: Udi erklärt Na’ama, dass er weggehen wird. Es folgt ein unglaublich fesselnder und realistischer Dialog zwischen den Beiden, umrahmt von den Gedanken, die sich die vor dem Verlassenwerden fürchtende Ehefrau macht, die sich mit vielerlei Argumenten dagegen wehrt, was hier jetzt geschieht und wovor sie so eine unglaubliche Angst hat. Jeder Leser, ob Mann oder Frau, kann in dieser Diskussion beide Seiten sehr gut nachvollziehen, sich mit beiden Personen identifizieren und deren Rechtfertigung für die eigene Sicht verstehen und nachvollziehen. Hier liegt die große Stärke des vorliegenden Buches: Es wird nicht, wie bei einer weiblichen Autorin vielleicht zu erwarten gewesen wäre, die Rolle der verlassenen Ehefrau in den Vordergrund gestellt, nein, auch die Gründe des Mannes, die seiner Entscheidung vorausgingen, werden sehr detailliert, gründlich und nachvollziehbar dargestellt. Es ist eben nicht so einfach, wie viele denken, nämlich dass sich Männer in einem bestimmten Alter (Stichwort Midlifecrisis) ohne viel zu überlegen eine jüngere Frau suchen um in deren Armen noch einmal Bestätigung für ihre Jugendlichkeit und Männlichkeit zu finden. Wer die wirklichen Gründe erfahren möchte, warum Männer (und natürlich auch so manche Frau) Ihre Familie im Stich lassen um fortan ihren eigenen Weg zu gehen (welcher dann meist gar nicht in die Freiheit führt sondern in ein ähnlich festgelegtes Leben mit den gleichen Problemen), der sollte unbedingt „Mann und Frau“ lesen. Das Buch hilft uns einerseits die Falle zu erkennen, in der wir uns befinden, wenn wir immer an den alten Verhaltensmustern festhalten, andererseits können wir durch diese Lektüre uns endlich in unser Gegenüber hineinversetzen und lernen, die andere Seite und deren Gefühlswelt besser zu verstehen.

Und auf einmal ist er dann tatsächlich weg. Es folgt eine sich über sehr viele Seiten erstreckende Beschreibung der Zeit nach dem Verlassenwerden, die wirklich nahegeht. Ich habe schon von Frauen gehört, die diese Situation mit einer Krebsdiagnose verglichen oder die diese Wochen und Monate nach der Trennung so beschrieben haben, als wären sie tot gewesen. Doch die eindrückliche, plastische Erzählart von Shalev bringt diese Situation dem Leser so nah, als sei er selbst der oder die Verlassene

In schaurig-schönen Bildern beschreibt uns die Autorin, wie sich Na‘ama nun fühlt, was sie tut (oder auch nicht) und wie fortan der Alltag der Restfamilie abläuft. Welch schöne Metapher findet sie für die Sprachlosigkeit, die sie quält während sie die ersten Tage allein mit ihrer Tochter und ihrer Mutter ohne Uri verbringt: „…nur die notwendigsten Worte kommen aus dem trockenen Mund wie Korken aus dem engen Hals einer Weinflasche, Korken, die eher zerbröckeln, als dass sie sich herausziehen lassen.“

Genauso unerwartet wie für den Leser ist es auch für Na’ama selbst, dass sie nur kurze Zeit nach dem Weggang Udis auf einen Mann trifft, dem sie eigentlich die kalte Schulter zeigen müsste (ist er doch der verheiratete Vater eines bald auf die Welt kommenden Kindes seiner sehr jungen, sehr verzweifelten Geliebten und damit der Klientin von Na’ama). Das erste Mal überhaupt in ihrem Leben schläft sie mit einem anderen Mann und fühlt staunend: „…seine Berührung ist angenehm, keine Distanz vergiftet mich. Ich wundere mich, wie einfach das ist, mit einem Fremden Liebe zu machen, ohne die ganze Last und den Groll des gemeinsamen Lebens, warum bin ich nie darauf gekommen, dass nur ein Fremder wirklich lieben kann?“

Einer der Schlüsselsätze in diesem Buch fiel in der Nacht nach Udis Weggang und war das Eingeständnis von Na’amas Mutter, die seinerzeit ihren Ehemann sitzen gelassen hatte - ein Trauma, das die Tochter ihr Leben lang mit sich herumgeschleppt hat und das sicherlich einen großen Anteil an der gescheiterten Beziehung zu Udi hatte. Die Mutter bringt hierin zum Ausdruck, dass „es besser ist, auf der Seite des Verlassenen zu stehen… denn es ist viel einfacher, wenn ein anderer für Dich entscheidet.“ Die alte Frau erklärt ihrer Tochter und uns Lesern, dass sich derjenige, für den entschieden wird, viel schneller erholen, darüber hinwegkommen und sich ein besseres Leben erlauben wird, als der Entscheider. Dieser wird lange, wenn nicht gar für immer, mit Schuldgefühlen und Zweifeln leben, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat. Diese Theorie ist zwar auch fragwürdig, da derjenige, der keinerlei Entscheidung trifft sich unter Umständen ebenfalls ein ganzes Leben mit der Frage quälen wird, ob er nicht hätte eine treffen sollen, als es noch nicht zu spät war aber wie in fast jedem Buch, das wir in die Hände bekommen, ist es eben auch hier so, dass uns keine für uns passende Antwort auf die wichtigen Lebensfragen fertig vorgelegt wird sondern dass wir durch die Erfahrungen anderer zum Nachdenken angeregt werden. Deshalb lese ich so gern! Und deshalb sollt auch Ihr „Mann und Frau“ lesen!