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Donnerstag, 2. August 2012

Mann und Frau – Zeruya Shalev


Schon länger hatte ich kein Buch mehr gelesen, dessen Handlung in Israel spielt und so lieh ich mir vor dem Sommerurlaub in der Bibliothek dieses aus. Schließlich stand es auch auf meiner immer länger werdenden Bücherliste und klang zudem noch sehr vielversprechend. Doch ist es für die Handlung vollkommen unbedeutend, wo sich diese kleine Familie, von der hier berichtet wird, auseinanderlebt. Ganz genauso spielt sich dieses Drama in Berlin, New York, Moskau oder Tokio ab, millionenfach und immer wieder.

Der Einstieg in diese Geschichte ist nicht ganz leicht zu finden. Vielleicht liegt es am Stil der Schriftstellerin, die jegliche Anführungszeichen, welche normalerweise Dialoge kennzeichnen, einfach weglässt und diese stattdessen einfach in ihre Überlegungen und Beobachtungen einbaut. Vielleicht liegt es auch an der düsteren Stimmung, die aufkommt, wenn gleich zu Beginn von der seltsamen Krankheit des Ehemanns der Ich-Erzählerin berichtet wird. Udi kann seine Beine nicht bewegen, doch findet man im Krankenhaus keinerlei physische Störung, stattdessen will man ihn auf die psychiatrische Abteilung verlegen, wovon er absolut nichts wissen will. Eine kurze Zeit lang geht es ihm scheinbar besser, worauf das Ehepaar einen Kurztrip ins israelische Hinterland unternimmt. Eigentlich wollten sie hier ihre Liebe auffrischen, doch es will nicht so recht gelingen. Wie bei vielen Paaren, die schon eine halbe Ewigkeit zusammen sind (die beiden hier sind es, seit sie 12 waren), hat jede Situation so oder so ähnlich bereits mehrfach stattgefunden und ist mit Erinnerungen verknüpft, die nicht nur positiv sein müssen. Und genau das formuliert Udi nach einem erfolglosen Versuch, sich im Bett zu versöhnen mit den Worten: „… vielleicht brauchst Du einen neuen Mann…mit mir kannst Du Dir selbst nicht entkommen, ich erinnere Dich an jede Minuten Deines Lebens….Es verletzt mich, dass Du mich nicht wirklich willst, sondern mir nur einen Gefallen tust, damit sich meine Laune bessert…“

Trotz der angespannten Situation erleben sie einen nicht alltäglichen Sex und wundern sich Beide über das eben Erlebte, doch schon am nächsten Morgen sieht die Welt wieder grau und trostlos aus und Udi erklärt, dass er sofort nach Hause müsse. Hier liegt er nun im abgedunkelten Schlafzimmer für viele Wochen, und seine Frau Na’ama versucht ihn gesund zu pflegen. Allerdings stößt sie dabei immer wieder an ihre Grenzen und fragt sich, wer dieser Mann für sie ist und was er ihr bedeutet. Hinzu kommen Probleme mit der knapp 10-jährigen Tochter Nogi, die sich immer mehr von ihren Freundinnen und ihrer Mutter entfernt und sich immer weiter vor ihr verschließt. Und auch in dem Heim für ungewollt Schwangere, in dem Na’ama arbeitet, läuft es immer schlechter, kurz gesagt: Ihr läuft das Leben aus dem Ruder, sie ist verzweifelt und wünscht sich ihr altes Leben zurück, obwohl sie weiß, dass auch das lediglich ein schlechter Kompromiss war.

Als sich irgendwann dann eine ruhige, junge und selbstsichere Naturheilkundlerin nicht nur des Kranken annimmt, sondern auch Na’ama selbst (worüber diese sich zuerst sehr verwundert zeigt), wird dieser zu deren Erstaunen erklärt, dass Udis gesundheitliche Probleme nicht für sich allein stehen sondern im Zusammenhang mit der ganzen Familie betrachtet (und geheilt) werden müssen. Die junge Frau spricht davon, dass wir unsere Einstellung zum Leben ändern müssen. Wir Menschen sind wie der Himmel, der die an ihm vorbeiziehenden und sich immerzu ändernden Wolken nur betrachten, diese aber nicht aufhalten kann. Genauso müssen wir leben, in dem wir endlich nicht mehr versuchen sollten, unsere Freunde, Partner, noch nicht mal unsere Kinder aufhalten oder gar stoppen zu wollen. Wenn wir lernen loszulassen, können wir die große Freiheit gewinnen und aus uns strahlt die göttliche Freiheit. Später im Buch erfahren wir dann, wie Na’ama diese Lehren in die Tat umsetzt und wie sich dadurch nicht nur für sie vieles zum Positiven verändert. Na’ama spürt, dass die junge Frau allein die Familie retten kann und fühlt sich von deren Worten angezogen, auch wenn sie nicht alles versteht, was diese ihr zu erklären versucht. Und auch mir gefällt dieser Satz, den die junge Sohara ausspricht eigentlich so gar nicht, obwohl ich doch instinktiv seinen Wahrheitsgehalt spüre: „Man verändert sich nur durch Leiden, das Leiden spornt unsere geistigen Fähigkeiten an, es provoziert und, zwingt uns dazu, das Wunder frei zu lassen, das sich in uns verbirgt.“

Schließlich ist es so weit: Udi erklärt Na’ama, dass er weggehen wird. Es folgt ein unglaublich fesselnder und realistischer Dialog zwischen den Beiden, umrahmt von den Gedanken, die sich die vor dem Verlassenwerden fürchtende Ehefrau macht, die sich mit vielerlei Argumenten dagegen wehrt, was hier jetzt geschieht und wovor sie so eine unglaubliche Angst hat. Jeder Leser, ob Mann oder Frau, kann in dieser Diskussion beide Seiten sehr gut nachvollziehen, sich mit beiden Personen identifizieren und deren Rechtfertigung für die eigene Sicht verstehen und nachvollziehen. Hier liegt die große Stärke des vorliegenden Buches: Es wird nicht, wie bei einer weiblichen Autorin vielleicht zu erwarten gewesen wäre, die Rolle der verlassenen Ehefrau in den Vordergrund gestellt, nein, auch die Gründe des Mannes, die seiner Entscheidung vorausgingen, werden sehr detailliert, gründlich und nachvollziehbar dargestellt. Es ist eben nicht so einfach, wie viele denken, nämlich dass sich Männer in einem bestimmten Alter (Stichwort Midlifecrisis) ohne viel zu überlegen eine jüngere Frau suchen um in deren Armen noch einmal Bestätigung für ihre Jugendlichkeit und Männlichkeit zu finden. Wer die wirklichen Gründe erfahren möchte, warum Männer (und natürlich auch so manche Frau) Ihre Familie im Stich lassen um fortan ihren eigenen Weg zu gehen (welcher dann meist gar nicht in die Freiheit führt sondern in ein ähnlich festgelegtes Leben mit den gleichen Problemen), der sollte unbedingt „Mann und Frau“ lesen. Das Buch hilft uns einerseits die Falle zu erkennen, in der wir uns befinden, wenn wir immer an den alten Verhaltensmustern festhalten, andererseits können wir durch diese Lektüre uns endlich in unser Gegenüber hineinversetzen und lernen, die andere Seite und deren Gefühlswelt besser zu verstehen.

Und auf einmal ist er dann tatsächlich weg. Es folgt eine sich über sehr viele Seiten erstreckende Beschreibung der Zeit nach dem Verlassenwerden, die wirklich nahegeht. Ich habe schon von Frauen gehört, die diese Situation mit einer Krebsdiagnose verglichen oder die diese Wochen und Monate nach der Trennung so beschrieben haben, als wären sie tot gewesen. Doch die eindrückliche, plastische Erzählart von Shalev bringt diese Situation dem Leser so nah, als sei er selbst der oder die Verlassene

In schaurig-schönen Bildern beschreibt uns die Autorin, wie sich Na‘ama nun fühlt, was sie tut (oder auch nicht) und wie fortan der Alltag der Restfamilie abläuft. Welch schöne Metapher findet sie für die Sprachlosigkeit, die sie quält während sie die ersten Tage allein mit ihrer Tochter und ihrer Mutter ohne Uri verbringt: „…nur die notwendigsten Worte kommen aus dem trockenen Mund wie Korken aus dem engen Hals einer Weinflasche, Korken, die eher zerbröckeln, als dass sie sich herausziehen lassen.“

Genauso unerwartet wie für den Leser ist es auch für Na’ama selbst, dass sie nur kurze Zeit nach dem Weggang Udis auf einen Mann trifft, dem sie eigentlich die kalte Schulter zeigen müsste (ist er doch der verheiratete Vater eines bald auf die Welt kommenden Kindes seiner sehr jungen, sehr verzweifelten Geliebten und damit der Klientin von Na’ama). Das erste Mal überhaupt in ihrem Leben schläft sie mit einem anderen Mann und fühlt staunend: „…seine Berührung ist angenehm, keine Distanz vergiftet mich. Ich wundere mich, wie einfach das ist, mit einem Fremden Liebe zu machen, ohne die ganze Last und den Groll des gemeinsamen Lebens, warum bin ich nie darauf gekommen, dass nur ein Fremder wirklich lieben kann?“

Einer der Schlüsselsätze in diesem Buch fiel in der Nacht nach Udis Weggang und war das Eingeständnis von Na’amas Mutter, die seinerzeit ihren Ehemann sitzen gelassen hatte - ein Trauma, das die Tochter ihr Leben lang mit sich herumgeschleppt hat und das sicherlich einen großen Anteil an der gescheiterten Beziehung zu Udi hatte. Die Mutter bringt hierin zum Ausdruck, dass „es besser ist, auf der Seite des Verlassenen zu stehen… denn es ist viel einfacher, wenn ein anderer für Dich entscheidet.“ Die alte Frau erklärt ihrer Tochter und uns Lesern, dass sich derjenige, für den entschieden wird, viel schneller erholen, darüber hinwegkommen und sich ein besseres Leben erlauben wird, als der Entscheider. Dieser wird lange, wenn nicht gar für immer, mit Schuldgefühlen und Zweifeln leben, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat. Diese Theorie ist zwar auch fragwürdig, da derjenige, der keinerlei Entscheidung trifft sich unter Umständen ebenfalls ein ganzes Leben mit der Frage quälen wird, ob er nicht hätte eine treffen sollen, als es noch nicht zu spät war aber wie in fast jedem Buch, das wir in die Hände bekommen, ist es eben auch hier so, dass uns keine für uns passende Antwort auf die wichtigen Lebensfragen fertig vorgelegt wird sondern dass wir durch die Erfahrungen anderer zum Nachdenken angeregt werden. Deshalb lese ich so gern! Und deshalb sollt auch Ihr „Mann und Frau“ lesen!

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