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Freitag, 30. September 2011

Alles Paletti

Ein Buch, das als "superlustiges roadmovie" oben auf meiner Liste stand und das ich aus genau diesem Grund selbst verschenkt hatte. Nun fiel es wieder zurück in meine Hände (Danke...!) aber ich muß leider gleich vorweg sagen, so ganz "superlustig" war es nicht, ein schönes roadmovie jedoch voll und ganz. Und das hat mir eigentlich am Besten gefallen: Die lange Fahrt der israelischen "mover" (Umzugs-Männer) hoch und runter, hin- und zurück, quer durch die USA. Denn fast alle erwähnten Städte, Interstates, Landschaften kenne ich selber aus den 90ern, in denen ich mehrfach den gleichen Routen folgte. Aus einem anderen Grund jedoch, schließlich war ich nicht vor Russenmafia, FBI und meinem Chef auf der Flucht.

Die Mover Jonsy, Izzy und Schlomi (Letzterer der einzige der Drei, der auf Grund seines starken Glaubens die einmalige Chance zum erotischen Tour-Abschluß mit einer wunderschönen und offensiven Kundin ungenutzt vertreichen läßt) fühlen sich immer wieder von ihrem Chef Chaim, der die kleine New Yorker Umzugsfirma betreibt und dadruch einigen illegalen Israelis Wohnung, Arbeit und Geld verschafft, total ausgenutzt und verarscht. Chaim verspricht den Kunden die Lieferung ihrer Möbel binnen zweier Tage, wohlwissend, dass dies nie einzuhalten ist, da er seine Jungs voher noch schnell einen Abtecher von mehreren Tausend Kilometer machen läßt. Oder er befiehlt den movern, schnell noch ein paar Büromöbel abzuholen und scheißt sie dann zusammen, wenn sie ihm erklären, warum das nicht in einer halben Stunde zu schaffen war. Die Kerle tun einem richtig leid und so schlägt man sich sofort auf ihre Seite, als sie beschließen, endlich ein Ding zu drehen, die Bilder des alten deutschen Ehepaares irgendwo zu verscheuern, den LKW obendrauf und abzuhauen. Vorher müssen sie jedoch noch zwei Geräte abholen und ausliefern, die sich als Spielautomaten (einarmige Banditen) entpuppen, die von der russischen Mafia so manipuliert worden sind, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt etliche Millionen Dollar ausspucken werden. Was die Jungs natürlich anfangs noch nicht wissen sondern einfach versuchen, die Geräte für ein paar Tausender loszuwerden.

Und nun beginnt die Verfolgungsfahrt in Minneapolis, weil weder die Russenmafia, noch Chaim damit einverstanden sind, dass deren Pläne von diesen Typen durchkreuzt werden. Und auch das FBI schickt einen ihrer Agenten im Auto hinterher, weil man endlich die Russen dingfest machen will. Dieser trifft zwar irgendwann an einer Tankstelle die mover rein zufällig, läßt sie aber laufen, weil diese die Spielautomaten gerade mal verkauft haben, sie aber nun gleich wieder zurückholen, nachdem sie vom FBI erfahren haben, was es damit auf sich hat. Auch die Russen schaffen es irgendwann, die Jungs zu stellen, da deren Chef aber auf dem Klo zu lange braucht, werden sie einfach abgeschüttelt. Und selbst Chaim, der mit Schlomi an irgendeiner anderen rest area im Mittleren Westen auf die Jungs trifft, wird von denen schön verarscht und allein zurückgelassen, weil sich Schlomi nun endlich seinen Kumpels anschließt. Eigentlich weiß man, dass die 3 überhaupt keine Chance haben, mit dem Leben oder gar mit dem Geld davon zu kommen aber irgendwie freut man sich dann doch, wenn es am Ende noch richtig spannend wird und auf eine gute Art und Weise erzählt wird, wie sich alle Knoten irgendwie auflösen und Punkt Mitternacht die lauten Glocken in einem der zahllosen Kasinos von Las Vegas nur so bimmeln. Dass es vorher zu einer schier unglaublichen Fülle von zufälligen Begegnungen in dieser riesigen Stadt kam, was total unrealistisch ist, hat mich weniger gestört als die Kurzzusammenfassung der weiteren Ereignisse nach dem Gewinn ("... und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage"). Da gefiel mir der Ausflug zu Crazy Horse, dem Indianer, der seit -zig Jahren und wohl noch für eine halbe Ewigkeit aus einem riesigen Berg South Dakotas gesprengt und gemeißelt wird (sozusagen als Kontrast zu den 4 Präsidentenköpfen Mt. Rushmores gleich um die Ecke), den ich selbst mehrfach gesehen habe, weitaus besser: Jane, selbst Native American und kurzzeitige Begleiterin der mover, die das (Liebes)-Leben von Crazy Horse studiert und darüber berichtet, nimmt uns mit in die Vergangenheit, was zwar nicht so ganz zum Roman paßt, in mir aber einen weiteren schönen Aha-Effekt hervorief.

Donnerstag, 8. September 2011

Mein Name ist Luz

Durch Zufall fand ich dieses Buch in der Bibo und habe mich erst ein wenig
schwer getan mit dem Thema: Militärdiktatur in Argentinien.
Aber das Buch war, zumindest teilweise, so fesselnd und spannend
geschrieben, dass ich total mitgefiebert habe. Außerdem ist es auf eine sehr
interessante Art geschrieben. Die Erzählperspektive ändert sich mit jedem Absatz oder Kapitel, man springt unversehens vom Heute in die Vergangenheit und ahnt
zwar einiges, weiß aber nicht wirklich, wie die vergangene Geschichte
abgelaufen ist.
Zuerst dachte ich, dass ein ganzes Buch für die Suche einer Frau, die ihrer
echten Mutter kurz nach der Geburt weggenommen wurde, um in der Familie der
Tochter eines Offiziers aufzuwachsen, nach ihren wahren Eltern, viel zu dick
aufgetragen ist und bestimmt langweilig werden würde. Aber schnell musste
ich feststellen, dass ich mit dieser arroganten Haltung schwer daneben lag.
Schon allein die lange Zeit, in der Luz überhaupt nicht wusste, dass sie
nicht das leibliche Kind ihrer Eltern war und auch nicht ahnte, was während
der Militärdiktatur in ihrem Land ohne ihr Wissen alles Schlimmes geschehen
war, nimmt die Hälfte des Buches ein. Wie sie sich dann langsam der Wahrheit
nähert und Stück für Stück dem großen Geheimnis auf die Spur kommt, ist
wirklich sehr bewegend geschrieben.
Ihre Suche begann, als sie sich in Ramiro verliebte, der selber das Kind
eines Vermissten war. Durch ihn erfuhr sie erst, wer ihr Großvater
eigentlich war und was er für eine Rolle dieser in der Militärdiktatur gespielt hatte. Ramiro ekelte sich Luz’ vor ihrer Familie aber liebte sie. Auch Luz ekelte sich vor ihrer eigenen Familie und liebte Ramiro und musste sich deshalb zumindest zeitweise von ihm trennen. Erst als sie ein Kind von ihm bekam, wurden ihre Ahnungen immer mehr zur Gewissheit und sie begann, Nachforschungen über ihre Herkunft anzustellen, bis sie dann in Madrid ihren wahren Vater trifft, dem sie die ganze Geschichte erzählt. Dieser wusste die vielen Jahre überhaupt nichts von einem Kind, da man ihm im Gefängnis erzählt hatte, dass seine Freundin einen toten Jungen geboren hätte. Daher suchte er auch nie nach ihr und erschwerte Luz somit die Suche nach ihm ungemein. Die starken Eifersuchtsgefühle, die ihr Vater gegenüber dem (mittlerweile selber ermordeten) „Papa“ von Luz hegte, wies diese immer wieder mit großer Entschiedenheit zurück, was mich sehr beeindruckt hat. Sie verteidigt ihn immer wieder und man kann Seelenqualen beider Männer auf sehr plastische Weise nachvollziehen. Beide waren sie, jeweils auf andere Weise, Opfer der Diktatur geworden.

Montag, 5. September 2011

Der Klavierstimmer

ist ein ruhiges Buch, das schon ganz schön Zeit gekostet und nicht immer dazu verführt hat, mich in jeder freien Minute darauf zu stürzen.
Dennoch, oder gerade deshalb, habe ich es bis zum Ende gelesen und hatte dann bei den letzten Zeilen, dem unvermeidlichen Abschied der Liebenden („Du musst über die Straße, sagte er“. „Ja“ sagte sie“ und der Bus zum Flughafen ist hier entlang“. Sie küssten sich auf die Wange. „Salut“ sagten sie gleichzeitig) fast ein paar Tränchen in den Augen. So eine Situation wünscht man keinem, der liebt, wissend, dass sie tausendfach täglich überall auf der Welt real ist.

Aber meine große Liebe ist ja auch nicht meine eigene Schwester: Patrice und Patricia haben sich als Kinder und Jugendliche immer so gut verstanden, dass sie wussten, was der andere dachte, welche Gesten wann zum Einsatz kommen würden, wie der andere roch. Sie verbrachten sehr viel Zeit miteinander, teilten u.a. die Leidenschaft für’s Kino aber konnten mit Musik nichts anfangen. Ihr Vater war Klavierstimmer bei Steinway (der Eine mit dem perfekten Gehör) und komponierte in seiner freien Zeit 16 Opern. Keine wurde je aufgeführt, was
ihn immer verzweifelter werden lies. Bis dann endlich der Brief aus Monte Carlo kam, dass seine Oper vom Kolhaas den Preis gewonnen habe und aufgeführt werden würde. Er konnte ja nicht wissen, dass diesem Brief ein Erpressungsversuch seiner eigenen Frau, die vor Jahren ein Verhältnis mit dem jetzt in der Jury sitzenden weltbekannten Tenor hatte (welches im Übrigen die bereits erwähnten Zwillinge hervorbrachte, was der Vater zwar immer wusste aber niemals auch nur ansatzweise thematisiert hätte) zu Grunde lag. 6 Jahre zuvor waren die Zwillinge aus der Berliner Villa Hals über Kopf geflüchtet; nach einer gemeinsamen Liebesnacht die einzige Möglichkeit, sich aus dem Wege zu gehen und zu versuchen, ein wenig zu vergessen bzw. trotz der großen Anziehungskraft voneinander loszukommen.

Als der Vater im Gefängnis sitzt, da er angeblich den berühmten Tenor während der Aufführung erschossen hatte, treffen sich die beiden Geschwister im Elternhaus wieder und beschließen, ihre Erlebnisse und Gedanken, die sie während der langen Trennungszeit hatten, aufzuschreiben und dem anderen zu vermachen. Diese „Tagebücher“, voll von Erlebnissen, Gefühlen, Gedanken und Erklärungen, bilden das Buch, in dem sie immer wechselseitig
aneinandergereiht die ganze Geschichte der Familie bis hin zum Todesschuss
(der übrigens NICHT vom verbitterten Vater durchgeführt wurde) in der Berliner Oper und der darauf folgenden Aufarbeitung erzählen. Mich hat insbesondere im ersten Teil die große Nähe der beiden Geschwister berührt, die Vertrautheit, die Liebe.

Samstag, 3. September 2011

Die Kunst frei zu sein

Mit großem Interesse und voller Neugier habe ich das „Handbuch für ein
schönes Leben
“ über eine relativ lange Zeit hinweg gelesen und dabei
wirklich vieles Interessante für mich und mein Leben gefunden. Oft konnte
ich nur zustimmend nicken, manchmal leicht zweifelnd fragen, ob diese
Vorschläge auch für mein Leben funktionieren, und an einigen Stellen habe ich
einfach nur die naive Art bestaunt, mit der Tom Hodkinson auf das
Mittelalter zurückblickt und dem Leser zu vermitteln sucht, dass damals
alles besser, die Menschen, auch die Leibeigenen, viel freier und
glücklicher gelebt hätten als wir heute und dass die ach so schlimme
Reformation diesem schönen Leben mit seinem Puritanismus ein jähes Ende
gesetzt hätte. Aber wenn man mal die Frage nach dem Reichtum der
mittelalterlichen Allgemeinbevölkerung ausklammert, ist es zumindest einmal ein neuer Denkanstoß, wenn die negativen Seiten der Reformation und die
puritanisch-freudlose Art eines John Wesley-Methodismus hinterfragt werden,
die für mich bisher nie auch nur den kleinsten negativen Anstrich hatten.

Am Ende eines jeden Kapitels versucht der Autor in einem Satz die
Grundessenz des gesagten zusammenzufassen, was zwar nicht immer gelingt bzw. sehr teilweise sehr seltsam ausgedrückt ist, aber dennoch eine schöne
Gedankenstütze bietet. Deshalb an dieser Stelle die 29 Kapitelüberschriften
und die zusammenfassenden Anleitungen für ein glückliches Leben:

1. Verjag die Angst, sei sorglos: Fahr Rad
2. Wirf die Fesseln der Langeweile ab: Spiel Ukulele
3. Die Tyrannei der Rechnungen und die Freiheit des Einfachen: Kündige alle Daueraufträge
4. Pfeif auf die Karriere und all ihre leeren Versprechungen: Finde Deine Begabung
5. Raus aus der Stadt: Pachte einen Schrebergarten
6. Schluss mit dem Klassenkampf: sei ein Bohemien
7. Wirf Deine Uhr weg: Schmeiß deine Uhr auf den Müll
8. Hör auf mit dem Konkurrenzkampf: Gründe eine Gilde
9. Entkomme den Schulden: Zerschneide deine Kreditkarte
10. Tod dem Einkaufen oder Flucht aus dem Gefängnis der Konsumsucht: Wirf den Fernseher weg

11. Spreng die Ketten der Furcht: Fahr mit dem Feuerwagen
12. Vergiss die Regierung: Hör auf zu wählen
13. Leg Dein Schuldbewusstsein ab und befreie Deinen Geist: Sag ja
14. Das Ende der Hausarbeit oder die Macht des Kerzenscheins: Zünde eine Kerze an
15. Schluss mit der Einsamkeit: Öffne deine Türen
16. Unterwirf dich nicht länger der Maschine, benutze Deine Hände: Benutze eine Sense
17. Ein Lob auf die Melancholie: Schmeiß deine Tabletten weg
18. Jammer nicht, sei fröhlich: Sei dankbar für das, was du hast
19. Leb ohne Hypothek, sei ein beschwingter Wanderer: Teile dein zuhause mit andern
20. Die Anti-Kleinfamilie: Lass die Kinder in Ruhe
21. Entwaffne den Schmerz: Akzeptiere die Mühsal
22. Hör auf, dich um Deine Rente zu sorgen, lebe: Sag ja zum Leben
23. Verlass die Welt der Grobheit, tritt in eine neue Ära der
Liebenswürdigkeit, Höflichkeit und Anmut ein: Sei anmutig
24. Selbstgefällige Puritaner müssen sterben: Wir sind nichts
25. Befreie dich von den Supermärkten: Pflanz Gemüse an
26. Die Herrschaft des Hässlichen ist vorbei, lang leben Schönheit, Qualität und Brüderlichkeit!: Ein hoch auf den Meisel
27. Stürze die Tyrannei des Reichtums: Wünsch dir weniger
28. Verschwende nichts, sei Sparsam: Schaufel Scheiße
29. Hör auf zu arbeiten, fang an zu leben: Spiele


Die Einteilung des Lebens in Arbeitszeit und Freizeit bemängelt der Autor
und ermuntert alle Leser, mit weniger Geld auszukommen, wodurch man auch
viel weniger arbeiten müsse. Und vor Allem soll man nur das tun, was einem
wirklich Spaß und Freude macht. Um herauszufinden, was das ist, soll man
mindestens 6 Monate, besser ein Jahr lang, gar nichts tun. Er vergleicht
diese Suche nach seiner Begabung mit einem Garten, den man übernimmt und den man ein Jahr lang erst mal überhaupt nicht bearbeiten soll, um zu sehen, was denn überhaupt alles so in seinem Boden ist und gedeiht, bevor man ihn dann sanft anfasst. Ein sehr treffender Vergleich, suche doch auch ich nach einer Arbeit, die mich wirklich ausfüllt und befriedigt und wusste bisher nie, wie ich diese finde: Ein Jahr Pause (evtl. bei Inge in NZ) und ich weiß, was ich
kann und was ich will. Laßt uns experimentieren, um herauszufinden, was der
richtige Weg für uns ist:
„Abgesehen von dem Nutzen des Wortes „Experiment“  als Euphemismus macht es Spaß, sein Leben in eine Reihe von Experimenten zu verwandeln. Es kommt nicht darauf an, ob es scheitert – du versuchst einfach ein anderes." Ach, wenn es nur so einfach wäre… Wichtig ist es, bei alledem niemals irgendwelche Schuldgefühle zuzulassen (übrigens wird an anderer Stelle nachgewiesen, dass Schuldbewusstsein ein erlerntes, kein angeborenes Gefühl ist); wir sind nicht davon abhängig, was andere über uns denken sondern nur uns selbst Rechenschaft schuldig.

Schön auch, wie Tom davon erzählt, dass er allen Menschen mit Achtung und
Respekt gegenübertritt und eigentlich irgendwie alle liebt (außer Spießer
und Puritaner)
„: …als Müßiggänger und Anarchist liebe ich Menschen aus
allen Schichten, die für die Freiheit kämpfen. Ich liebe die Aristokraten,
ich liebe die Unterschicht, und ich liebe die bourgoise Boheme. Ich liebe
die Drogensüchtigen. Es ist ganz einfach, sich den Auserwählten, den
Farbenfrohen, den Kreativen anzuschließen. Schaff Deine eigene Welt. Wirf
den Groll ab. Verdränge den Gedanken des
„Müssens“. Du musst gar nichts tun. Du besitzt Willensfreiheit. Übe sie aus!

An mehreren Stellen habe ich mich mit meinen Ansichten sofort
wiederentdeckt, z.B. wenn er über das Fernsehen und die damit verbundene
Zeitverschwendung herzieht, wenn vorgeschlagen wird, die Kinder in Ruhe zu
lassen und nicht ständig zu bevormunden und zu bespaßen, oder wenn er
vorschlägt, Deine teure Armbanduhr wegzuwerfen (ich habe seit 15 Jahren
keine und bin doch immer pünktlich). Sein Argument: Wie kann man nur
für das Tragen des Symbols der Sklaverei so viel Geld ausgeben und damit das zu einem Statussymbol erheben, was uns an das moderne Industrietempo fesselt? Und vollkommen zu Recht prangert er die heute allgemein akzeptierte Floskel
„Zeit ist Geld“ als Sünde an, denn wie kann man die Zeit, dieses Gottesgeschenk, das jeder Mensch jeden Tag neu erhält, mit Geld abwiegen wollen? Banker, die sich auf unsere Kosten bereichern und selbst aus Krisen, in denen wir unserbescheidenes Vermögen verlieren, bereichert hervorgehen, werden von uns verehrt. Verachten sollten wir sie und ihnen durch unseren Müßiggang beweisen, dass wir die glücklicheren Menschen sind (wenn es nur so wäre…!). Nicht Geld und Wohlstand sollten unsere Ziele sein, sondern zu lieben, freudig zu leben, das Leben zu genießen!

Leidenschaftlich wird auch gegen die übliche Kleinfamilie gewettert, in der
4 Personen, sie sich nicht leiden können, unter einem Dach zusammen leben.
„Die moderne Familie steht lediglich für eine finanzielle Belastung – mit
anderen Worten, sie ist das Motiv dafür, Beschäftigungen zu übernehmen, die
uns nicht gefallen. Ab und zu die Familie in kleinere Gruppen zu spalten,
weil sich die Kinder dann vorbildlich benehmen, ist auch mir schon als
probates Mittel gegen Kinderstreß aufgefallen. Und wenn Du so oft wie möglich Leute mit anderen Kindern einlädst, kannst du zusammen mit ihnen in der Küche bechern, während die ganze Bande im Haus oder Garten gemeinsam
rumtobt! Wir sollten Gemeinschaften gründen, ständig Freunde zu Besuch
haben und mit ihnen gemeinsam essen, trinken und feiern (wir sollten z.B. in
eine Wagenburg ziehen ;-))

Ein Widerspruch in diesem Buch besteht sicherlich darin, dass einerseits für
das Anschaffen eines eigenen Hauses mit Garten (zum Gemüseanbau) plädiert
wird, andererseits aber gegen
„Sklavenarbeit“ (30-40 Stunden im Büro) und
Hypotheken. Ein wenig naiv aber durchaus sympathisch dann die
Schlussfolgerung:
„…(du sollst begreifen), dass Schulden nicht wirklich
existieren, denn wie kannst Du durch ein Fantasieprodukt versklavt werden?
Pfeif auf die Wucherer. Warum solltest du Dir etwas aus ihnen machen? Sie
sind ja sowieso zur Hölle verdammt! Grinse über ihre Drohbriefe, lache über
ihre kümmerlichen Gestalten, kichere über ihr langweiliges Leben und die
Verdammung, die sie erwartet
“.

Obwohl in dem vorliegenden Buch gegen Maschinen (Rasenmäher, Geschirrspüler, Autos, Fernseher) plädiert und unser gesamtes Konsumverhalten grundlegend in Frage gestellt wird, werden Genüsse und Annehmlichkeiten keineswegs verachtet:
„Entscheidend ist nicht, dass man alle Genüsse aufgibt, sondern dass man die Herrschaft über sie behält“. Wie bei vielen Dingen, geht es also erst einmal um unsere prinzipielle Einstellung. „Es ist wichtig, zwischen den realen, physischen Genüssen (Speisen, Getränke) und der bloßen Verheißung von Genüssen zu unterschieden, die durch Werbung vermittelt wird.“ Wir begehren Dinge, von denen wir annehmen, dass sie uns glücklicher machen werden und sind dann enttäuscht, wenn wir uns diese Dinge zugelegt haben und doch nicht recht zufrieden damit sind. Wie wahr, wie wahr!

Dass die Pharmaindustrie mit ihren Versprechungen vom schmerzfreien Leben
durch Einnahme vieler verschiedener Pillen gegen alle möglichen
„Krankheiten“ eine ganz schlimme Rolle inmitten der vielen Konsumangebote
spielt, wissen wir alle oder ahnen es zumindest. Dennoch kann ich die Argumentation, auf (fast) alle medizinische Behandlung und Arznei zu verzichten, nicht so unterschreiben. Doch die Freiheit eines jeden Einzelnen besteht ja gerade darin, sich die für ihn passenden Thesen herauszusuchen, anzueignen und zu verinnerlichen. Wenn mir Tabletten gegen eine Erkältung helfen und ich meist dadurch gar nicht erst richtig krank werde, warum sollte ich es dann sein lassen?

Schön auch die Ansicht zum Thema Hausarbeit, die auch eine
Einstellungsfrage ist und an der man seine Freude haben kann, wie es an
mehreren Beispielen gezeigt wird. Insofern ist dieser Satz sicher auch halb
ironisch gemeint, was ihn nicht weniger richtig werden lässt:
„Letzten Endes
könnte das Reinemachen einfach eine Beleuchtungsfrage sein. Wer ein sauberes Haus haben möchte, sollte einfach die Lichter ausknipsen und eine Kerze anzünden.


Ähnlich verhält es sich mit dem Gedicht
„Regime de vivre“ von Wilmot:


Ich steh
’ auf um elf, ich esse um zwei,

Ich betrink
’ mich vor sieben; und wenn das vorbei,

Ruf
’ ich meine Hure, und aus Angst vor schlimmem Los

Ergieß ich mich in ihre Hand und spuck
’ in ihren Schoß.






Literatur/Internet:

Beat, Alan: A start in smallholding

Hoffmann, abbie: Revolution for the hell of it (Nieder mit den Spießern)

Rubin, Jerry: Do it!
(Bibel der Hippies, bekifft lesen!)

<http://www.idler.co.uk/> www.idler.co.uk

www.longnow.org <http://www.longnow.org/>

www.lazywoman.com <http://www.lazywoman.com/>

www.sqat.net <http://www.sqat.net/>

www.theplayethic.com <http://www.theplayethic.com/>

Befreiung

In kürzester Zeit sofort nach Ende des 2. Weltkrieges geschrieben
verarbeitet der Autor in diesem Buch seine Erlebnisse während der letzten
Jahre, wie im Nachwort anhand mehrerer Beispiele deutlich gemacht wird.
Befreiung beginnt und endet mit ebendiesem Geschehnis, wie es die junge
Erzsébet im von den Russen belagerten und schliesslich eingenommenen
Budapest um Weihnachten 1943 erlebt. Während sie im Luftschutzkeller
sitzt (zum ersten Mal habe ich bei der Lektüre detaillierte Einblicke in das
Leben der Menschen unter der Erde, wie es sich so oder ähnlich millionenfach
tatsächlich ereignet hat, erhalten) wird ihre Geschichte seit der Okkupation
Ungarns durch die Deutschen 10 Monate vorher, erzählt. Und die ihres Vaters,
eines anerkannten aber von den Deutschen gesuchten Wissenschaftlers, der
sich mit Hilfe seiner Tochter an unterschiedlichen Orten versteckt und nur
äußerst knapp und durch großen Zufall der Gestapo bzw. deren ungarischen
Gehilfen, den Pfeilkreuzlern, entkommt. Die letzten 3 Wochen verbringt er in
einem äußerst engen Kellerverlies, in das er mit 6 anderen Versteckten
eingemauert wurde. Ob er tatsächlich überlebt hat, wird zwar nicht explizit
erwähnt (das Buch endet in dem Moment, in dem Erzsébet aus
Ihrem“ Keller zu
seinem“ geht, nachdem die Straße von den Russen befreit wurde), darf aber
angenommen werden. Beeindruckend waren für mich die Gedanken und Gefühle der
jungen Frau im expliziten Moment der Befreiung, die sehr detailliert
beschrieben werden, was nur gelingen kann, wenn man Gleiches erlebt hat.
Etwas Altes war zu Ende, etwas Neues beginnt und genau dazwischen erlebt sie
ganz klar den Moment der Befreiung als eine konkrete Zeitspanne, obwohl doch
die Gegenwart eigentlich überhaupt nicht zu fassen ist (ist sie doch im
Moment, in dem wir uns darüber klar zu werden versuchen, bereits
Vergangenheit). Natürlich hat sie keine Ahnung, was genau die Befreiung mit
sich bringt und ob die Zukunft tatsächlich besser wird als die
Vergangenheit. Aber sie ersehnt wie alle anderen, auch die Pfeilkreuzler,
Deutschen, Versteckten, die Arbeiter und die Aristokraten, die Bürgerliche,
die Reichen und die Armen, diesen Moment und erlebt ihn dann ganz bewusst.
Überhaupt besticht die Beschreibung des Lebens im Keller, wo alle diese
unterschiedlichsten Leute zusammen leben müssen, durch die Darstellung der
Umgangsformen untereinander und der zur Schau gestellten Freundlichkeit, die
die Oberschicht, jetzt zum gleichen Los wie die Ärmsten verbannt, gegenüber
diesen in Erwartung neuer Kräfte- und Gesellschaftsverhältnisse, an den Tag
legt.

Auch Ersebets Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten und wie sie
damit umgeht, ist sehr berührend aber nicht sentimental oder anklagend
geschildert. Und wenn sie nur kurze Zeit später ihrem soeben erschossenen
Vergewaltiger das Blut vom Kopf wäscht, bevor sie dann endgültig ihren Vater
holen geht, unterstreicht sie ihre wenige Stunden zuvor gegenüber einem
jüdischen Professor im Keller verteidigte Einstellung, nach der die Menschen
durch dieses extreme Leid und die schlimmen Erfahrungen ihre Lehren ziehen
und sich bessern werden müssen, durch ihre vergebende Handlung an dem toten
Körper.

Hektor und die Entdeckung der Zeit

Dies ist meine schwierigste Buchzusammenfassung bisher. Obwohl ich eigentlich genug Zeit hatte, das Buch über die Zeit zu lesen (nachdem ich vor einiger Zeit schon ein anderes Buch über Hektor und seine Suche nach dem Glück las, dessen Rezension Ihr hier bald finden werden könnt), schwirrten am Ende meine Gedanken nur so und ich gebe zu, dass ich fast froh war, das Buch schliessen zu können um mir leichtere Kost vorzunehmen.
Klasse geschrieben ist das Buch allemal, Francois Lelord hat wirklich eine wunderbare Sprache gefunden, die wichtigsten Fragen unserer Zeit in Romanform anzugehen. Aber in seiner Suche nach dem Glück gelang es ihm anscheinend besser, Antworten für Suchende zu finden. Vielleicht ist ja auch das Thema "Glück" einfacher anzugehen als die "Zeit"???
Berichtet wird von verschiedenen Patienten und Freunden des Psychaters Hektor, die alle so ihre Probleme oder aber auch schon gewisse Antworten auf die Fragen der Zeit und deren Verstreichen haben. Einer mißt seine verbleibende Lebenszeit in Hundeleben, manchen vergeht sie zu schnell, anderen zu langsam. Es wird diskutiert (wie es schon so viele Philosophen getan haben, mit äußerst unterschiedlichen Ergebnissen), ob es überhaupt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt. Denn die Vergangenheit ist genauso wie die Zukunft JETZT gerade nicht existent, also exisitert sie wohl nicht? Aber die Gegenwart ist doch in dem Moment, in dem wir darüber nachdenken, bereits Vergangenheit, also gibt es im Grunde keine Gegenwart? Für Tiere hingegen gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft, sie leben nur im Hier und Jetzt. Aber wollen wir das überhaupt? Schön in diesem Zusammenhang ist der Vergleich mit Musik. Diese ist ja nur in Erwartung der (nahen) Zukunft sowie im Erinnern an die (eben erst gewesene) Vergangenheit wirklich schön. Ein einzelner Moment, aus einem Musikstück herausgeschnitten, wäre ja nicht wirklich Musik. Verhält es mit unserem Leben nicht vielleicht ähnlich? Oder gibt es gar Parallelwelten, in denen unser Leben zur gleichen Zeit ganz anders verläuft? Ist unser Leben nur der Traum eines Träumenden? Dass die Zeit für verschiedenen Menschen (und auch für die gleichen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten) ganz unterschiedlich lange dauert, haben wir sicher alle schon erahnt oder erfahren. Dass sie aber ganz obektiv an unterschiedlichen Orten mit anderer Geschwindigkeit verläuft, das sagen uns die Physiker (Stichwort Relativitätstheorie). Deren Ideen sind anhand von Experimenten überprüfbar, die Ideen der vielen Philisophen sind es nicht.
Dass Hektors kleine Weltreisen (auf der Suche nach einem sehr alten, verschwundenen buddistischen Mönch, von dem er die Antworten auf seine Fragen erwartete) und Erlebnisse teilweise ein wenig ins mystische abdriften und an mancher Stelle nicht immer logisch erscheinen kann man hinnehmen. Ich sehe es eher darin begründet, dass ein zweites Buch zu einem ähnlichen Thema mit sehr ähnlichen stilistischen Mitteln schnell ein Abklatsch seines Vorgängers wird. Ein wenig schade zwar aber doch kein Grund, dieses Buch nicht zu empfehlen.
Die vielen Fragen und Denkanstöße, die dem Leser mitgegeben werden, führe ich an dieser Stelle nicht alle auf. Einzig diese Aufforderung, deren Befolgung uns allen gut zu Gesicht stehen würde, möchte ich notieren:
Wenn Sie eine betagte Person sehen, sollten sie sich immer vorstellen, wie sie einmal als junger Mensch gewesen sein mochte.
Gut gefällt mir auch die Ansicht eines neuen Bekannten von Hektor, der sagte: Um das Verinnen der Zeit gut zu verkraften, muß man das Glück haben, die Lust an bestimmten Dingen genau dann zu verlieren, in der man auch die Fähigkeit zu ihrer Ausführung verliert.
Und noch ein schöner Satz, der eine für uns alle so wichtige Wahrheit in wenige Worte fasst: In der Liebe ist alles eine Übereinstimmung der Zeiten.
Aber die allerwichtigste Quintessens für mich, zumindest jetzt, direkt nach Abschluß der Lektüre, lautet (wie ich schon seit einiger Zeit ahne um sie nun wiederum bestätigt zu finden): Um einen Augenblick wirklich auszukosten, muss man sich ganz von ihm erfüllen lassen und darf sich nicht wegen anderer Dinge den Kopf zerbrechen. Na das ist doch schon mal was - und vielleicht auch nicht ganz so schwierig wie die vielen philosophischen Fragen nach der Zeit und deren Verinnen.

Die Bücherdiebin

Ein wunderbares Buch von einem wunderbaren Mädchen und einer schönen, traurigen Freundschaft. Der Bruder von Liesel stirbt mitten im Krieg, als die Mutter, die die beiden Kinder nicht ernähren kann, diese zu einer Pflegefamilie nach Bayern schaffen will. Dort wird Liesel von einer unglaublich verbitterten und rüden Frau und deren freundlichem Mann empfangen. Sie entwickelt eine Freundschaft zu Rudi, dem Nachbarsjungen, mit dem sie gefährliche und verbotene Abenteuer, wie Äpfel-Klauen (im Krieg tatsächlich kein Kavaliersdelikt) und Bücher stehlen, unternimmt. Bücher faszinieren Liesel immer mehr, sie liest jedes Buch mehrfach und verschlingt die wenigen ihr zugänglichen Exemplare. Als eines Tages ein auf der Flucht befindlicher Jude auftaucht und im Keller einquartiert wird, kann Liesel nicht mal ihrem besten Freund Rudi (Saumensch!) etwas davon sagen. Sie bemerkt, dass in ihrer Pflegemutter ein weicher Kern steckt, und diese ihr Leben riskiert, um den Juden zu retten. Jeder Leser spürt instinktiv, dass Rudi und Liesel wie füreinander geschaffen sind und später auf jeden Fall ein Paar werden müssen. Doch Liesel erlaubt Rudi keinen einzigen Kuß, obwohl er alles dafür tun würde. Man fiebert mit der Familie mit, als ein Parteimitglied auf der Suche nach Luftschutzräumen den Keller inspiziert und die 3 oben in der Küche nichts tun können, außer zu hoffen, dass dieser Kelch an ihnen vorübergehen wird. Sehr eindrucksvoll beschrieben ist diese Szene und man zittert förmlich mit. Schlimm wird das Buch, als der Pflegevater den durchs Dorf getriebenen KZ-Häftlingen ein Stück Brot gibt und dafür unerbittlich geschlagen wird. Der Jude, mit dem Liesel im Keller einen Schneemann gebaut hatte, weil er Jahre lang nicht aus dem Haus durfte und der später um ein Haar an einer schlimmen Erkältung gestorben wäre, muß daraufhin sofort das Haus verlassen, weil die Nazis kommen werden. Als kurz darauf die Bomben auf das Dorf fallen, verliert sie nicht nur ihre Eltern (zum zweiten mal in ihrem kurzen Leben) sondern auch ihren geliebten Rudi. Man muß einfach weinen, wenn man davon liest. Und dennoch tut es gut, dass das Buch mit der Rückkehr des Juden aus Dachau endet, denn man weiß, wie seelenverwand die beiden sind und dass die den Neuanfang gemeinsam bewerkstelligen werden.

Die Frau des Zeitreisenden

Auf dieses viel gelobte Buch muss man sich einlassen, sich Zeit nehmen, eintauchen, und entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten nicht schnell weiterkommen wollen sondern immer wieder zurückblättern, vergleichen, überlegen. Denn was der Protagonist hier erlebt, entbehrt zwar einerseits jeder Grundlage, andererseits ist es faszinierend, ihn auf seinen Reisen und Erlebnissen zu begleiten, wenn man einmal die Tatsache akzeptiert und nicht in Frage stellt, dass er durch die Zeit reist. Immer wieder, ungewollt, ungesteuert und dadurch mit vielen Problemen konfrontiert. Ganz kompliziert für unseren logisch denkenden Geist wird es, wenn er sich selber in Vergangenheit oder Zukunft trifft und dann mit sich selbst Zeit verbringt. Oder wenn er seiner großen Liebe, die ihn schon kennt, seit sie ein kleines Kind war und er aus der Zukunft immer wieder zu ihr „zurückgereist“ war, das erste mal in der Gegenwart begegnet: Sie kennt ihn seit vielen Jahren, er weiß noch überhaupt nichts von ihr. Sie hat jahrelang auf diesen Augenblick gewartet und ist happy, ihn endlich zu treffen, hat auch schon mit ihm geschlafen und will das gern wieder tun. Er jedoch muß sie erst mal kennen lernen, sich an sie gewöhnen, schließlich beginnen seine Reisen zurück in ihre Vergangenheit erst in seiner Zukunft. Einfach ist es nicht für die beiden, schließlich verschwindet er auch immer wieder für einige Zeit aus ihrem Leben, taucht nicht auf der Arbeit auf, muss sich rechtfertigen, Klamotten besorgen (da er keine materiellen Dinge mitnehmen kann ist er immer nackt, wenn er verreist) und ist daher ein sehr geübter Einbrecher und ein bei der Polizei bekannter Ausbrecher (weil er ja immer wieder aus deren Gewahrsam verschwindet). Als die beiden versuchen ein Kind zu bekommen, erleidet Clare sehr viele Fehlgeburten: Das sich entwickelnde Kind will wohl auch schon zeitreisen und stirbt dabei. Irgendwann, nachdem er in ärztlicher Behandlung ist (wobei er den Arzt mit Fakten aus der Zukunft überzeugt, ihm zu glauben und ihm erklärt, mit welchem Mittel er ihm in der Zukunft helfen wird), wird doch eine gemeinsame Tochter geboren. Diese trifft er dann nach seinem Tod mehrfach wieder (in dem er aus einer Zeit in der er noch lebt in die Zukunft reist, was bei der Lehrerin für Konfusion führt), und die Tochter ist dann überglücklich. Nur Clare wird er vorerst nicht wiedertreffen, so sehr sie es sich wünscht. Allerdings hat er ihr einmal, nachdem er von einer Reise in die Zukunft zurückgekehrt ist, verraten, dass er sie als alte Frau mit grauen Haaren vor einem Fenster sitzend getroffen hat. Auf diesen Augenblick wartet Clare den Rest ihres Lebens…

Psychovertikal: Wenn Klettern zum Leben wird

Beim Lesen dieses Buches habe ich mich selbst immer wieder entdeckt. Auch ich zweifle viel und suche nach Abenteuern, statt mein ruhiges, angenehmes Leben zu genießen. Der Autor ist ein unglaublich harter Kerl, der wahnsinnige Klettertouren im Winter unternimmt und die höchsten Wände der Welt, teilweise allein, besteigt. Dabei schläft er tagelang in der Wand, auf einem kleinen Campingbett, das im Bohrhaken eingehängt wird. Er beschreibt nicht nur die Touren (und Torturen) an sich (übrigens sehr eindrucksvoll, plastisch und nachvollziehbar) sondern auch seine Gedanken und Gefühle, seine Zweifel und Ängste. Obwohl ich nicht im Geringsten an seine Kletterkünste und seinen Mut heranreiche, kenne ich ganz genau dieses Gefühl, wenn man sich ungesichert an einer Stelle befindet, in der es nicht weiterzugehen scheint. Der Absturz droht und man hat einfach nur Angst. Zweimal habe ich das in der Sächsischen Schweiz selber erlebt und da macht es keinen Unterschied, ob es 8 Meter nach unten geht oder 1000.  Beeindruckend, wie er von sehr vielen Grenzerfahrungen in wirklich lebensbedrohlichen Situationen und von großen Abstürzen berichtet (die er alle überlebt, wie sonst hätte er sonst darüber schreiben können?). Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut sondern hangelt sich an einer Solobesteigung im Yosemite-Nationalpark entlang; nach jeder Seillänge werden andere Abenteuer dazwischengeschoben und oft schweift er auch während dieser Berichte ab nach Hause zu seiner Familie. Er fragt sich, warum er seiner Frau und den Kindern das alles überhaupt antut, weiß aber, dass er nicht anders kann und bald zum nächsten Abenteuer aufbrechen muß. Der große Unterschied zwischen uns beiden ist der, dass ich nicht so genau weiß, was ich suche aber dennoch eine ähnlich starke Kraft in mir spüre. Klar hätte ich Lust, richtig Klettern zu lernen aber auch die Antarktis, das Leben in der Wagenburg, auf einem einsamen Grundstück in Neuseeland, eine monatelange Radtour oder eine Motorradfahrt nach Neuseeland locken mich.

Freelander

Es gibt Bücher, da freut sich der Rezensent bereits während der Lektüre auf das baldige Verfassen seiner Kritik. Bei FREELANDER verhielt es sich genau gegensätzlich: Mir schwirrte beim Lesen so manches Mal der Kopf vor lauter kroatischen, serbischen, bosnischen und albanischen Wörtern, Ausspracheregelungen sowie geographischen und historischen Details. Welcher Mitteleuropäer weiß schon, wo genau die Grenzen der verschiedenen ehemaligen jugoslawischen Republiken verlaufen und vor Allem, welche Ethnien in welchem dieser Länder lebt (oder auch nicht mehr)? Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass von diesem Roman abgeraten wird. Im Gegenteil: Gut wäre es nur, sich zumindest kurz einen aktuellen Atlas zur Hand zu nehmen um sich mit der Lage dieser Staaten vertraut zu machen und sich kurz zu vergegenwärtigen, wo Zagreb und Sarajewo liegen. Denn zwischen diesen beiden Städten wird der Roman aufgesponnen; während einer Reise des etwas in die Jahre gekommenen Prof. Adum, die dieser antritt, um ein Stück vom Erbteil des fast hundertjährig verstorbenen Onkels abzubekommen (obwohl er fast davon überzeugt ist, dass die Einladung nach Sarajewo eher eine Falle ist denn ein Geldsegen, weshalb er sich eine Pistole besorgt, mit der er sich ungemein sicher und endlich den anderen überlegen fühlt). Während der Fahrt, kurz davor und in den Tagen nach dem Eintreffen in Sarajewo, wird nicht nur das Leben von Karlo Adum sondern ein ganzes Stück der „jugoslawischen“ Geschichte aufgespannt, in dem der Autor (der im Übrigen selbst in Sarajewo geboren wurde und nun in Zagreb lebt, ganz wie der Protagonist im Roman!) immer wieder zu Begebenheiten aus seinem verstrichenen Leben abschweift. So erfahren wir u.a., dass seine Mutter unter jeder Besatzungsmacht immer die „richtigen“ und wichtigen Männer fand und sich hundertprozentig mit einigen wirklich sehr gut „verstand“, während der Vater sich die nach einem Streit mit dessen Bruder (dem verstorbenen Onkel) verbliebenen 4 Finger blutig kratzte bis es nichts mehr zu kratzen gab. Und wir lesen während dieser Abschweifungen, warum der Professor als Junge Sarajevo in Richtung Zagreb verlassen musste und erkennen darin, dass dieses Herausgerissenwerden ihn lebenslang als heimatlos, staatenlos, als Freelander kennzeichnen wird. Und dass genau so im Übrigen auch die Jeeps genannt werden, die mittlerweile überall im ehemaligen Jugoslawien von ausländischen Soldaten gefahren werden (und dabei auch gern einmal einen alten Volvo von der Straße abdrängen und beschädigen, was nur der Anfang vom Ende des 30 Jahre alten, von Adum geliebten Wagens ist). Wunderbar zu lesen sind die bis ins kleinste Detail beschriebenen Restaurantbesuch des reisenden Professors (incl. kleiner philosophischer Einlagen die verschiedenen Ethnien und Kulturen betreffend) sowie die Schilderung eines von ihm spontan besuchten Fußballspiels und dessen köstlicher und balkantypischer Vorgeschichte.
Schön auch die von Adum aufgedeckten Lebensweisheiten, von denen der Autor meint, es gäbe nur 10 bis 15 solcher nackte Wahrheiten im Leben wie z.B.: „Nur ein altes Auto ist noch weniger Wert als ein alter Mensch“.
Wie anfangs schon angedeutet; es ist wohl kein Buch für jedermann und auch nicht für jederzeit. Mann muss eintauchen, sich ein wenig mehr Zeit nehmen und nicht einfach nur Seiten schrubben und sich bestenfalls ein klein wenig mit der heutigen und der vergangenen Balkangeographie und –historie befassen. Dafür wird man mit spannenden Einblicken, grotesken Geschichten und unglaublichen Begebenheiten belohnt. Was im Übrigen auch der Fall ist, wenn man den Geographie- und Geschichtsunterricht vor der Lektüre ausfallen und sich statt dessen vom Buch selber aufklären und einfangen lässt.

Heimweg

Ich dachte immer, Harald Martenstein schreibt nur Kolumnen – aber nein, auch einen echten Roman hat er verfasst. Zu Beginn der Lektüre denkt wohl jeder, dass es sich um eine autobiographische Erzählung handelt aber spätestens im letzten Teil wird klar, dass dies wohl höchstens ansatzweise der Fall sein kann. Wer kann schon solch pikante Details aus dem Leben seiner Großeltern erzählen, wie diese, die er hier öffentlich macht (z.B. welche Worte der Großvater, ein eigentlich symphatischer, ruhiger Mensch, sagte, als er im Krieg ohne Grund einen 14 jährigen Jungen erschoss oder was seine Großmutter Katherina spürte, als sie ihrer ersten großen Liebe – der ersten von zahllosen Liebschaften, im Liebesspiel in die Augen schaute). Eher handelt es sich um eine Phantasieerzählung, die bis zurück zu seinem Ururur-Großvater, einem Räuber und verurteilten Müßiggänger geht.
Nur selten und gering dosiert, aber nicht ohne den typischen Martensteinhumor, schmückt der Roman Ernstes mit weniger Ernstem, was einen manchmal kurz innehalten und nachdenken lässt, ob man hier jetzt überhaupt schmunzeln darf. Etwa wenn er beschreibt, dass der dem Zug aus der russischen Gefangenschaft entstiegene Großvater (der im Übrigen niemals ein Kind gezeugt hat, wie das?, fragt man sich) von seiner Rußlandreise zwei steife Finger, einen Lungendurchschuß und eine nicht genau zu bestimmende Anzahl von Lungenstecksplittern mitgebracht habe und er damit in Topform war, verglichen mit einigen anderen armen Teufeln.
Ziemlich realistisch wird das Nachkriegsdeutschland im Westteil beschrieben, wobei doch einige Erinnerungen auch an unsere Kindheit mit Hausmeistern, die fußballspielende Kinder vom Hof scheuchten, grauem, spiessigen Alltag, Neubauten mit dünnen Sperrholztüren und dergleichen wach werden.
Dass in der Familie der Großmutter die Schizophrenie als Krankheit eine bedeutende Rolle spielte, der z.B. ihr kleiner Bruder Otto zum Opfer fiel, genauso wie dessen „Mörder“, Katharinas Vater, der unter den Nationalsozialisten wie fast alle psychisch Kranken an „Herzversagen“ starb, bekommt gegen Ende des Romans sogar etwas Versöhnendes. Als der Großvater, der seiner Frau zeitlebens im Grunde nicht gut genug war, deren „Besucher“, die nur sie sieht (u.a. der kleine Bruder Otto, der Fernsehmoderator Kuhlemkampf und einige andere Verblichene) und die täglich mehr werden, mit einem Mal mit gespielter Aufmerksamkeit entgegentritt, kehrt endlich eine Art häußlicher Frieden ein. Frieden und Versöhnung bis hin zur Begegnung zwischen dem „Enkel“ und dem vom Großvater in Russland erschossenen Kommissar der Sowjetarmee, die sich „…gut verstehen, obwohl wir nicht an den gleichen Gräbern trauern“.

Tee mit dem Teufel

Einige Wochen lang zog ich mir vom Bücherstapel die unteren Bände hervor, um die Lektüre dieser bestimmt recht trockenen Berichterstattung über einen Arzt in Afghanistan noch ein wenig hinauszuzögern, auch wenn sich diese immer wieder auf unerklärliche Weise nach oben kämpfte. Was sollte ich, als „borderline Pazifist“ (ich hatte erst vor wenigen Tagen gelernt, dass Vegetarier, die ab und an eine Ausnahme von der fleischlosen Kost zulassen, wie ich es handhabe, als „borderline veggies“ betitelt werden, was mir so gut gefiel, dass ich nun diese Beschreibung auch auf meine grundsätzlich pazifistische Einstellung, die aber eben nicht radikal und weltfremd ist, anwenden möchte) schon von einem Major der Bundeswehr halten, der mit den Taliban Tee trinkt?! Ich hätte mir dieses kluge, spannende Buch schon viel eher vornehmen sollen! Als ich soeben, an einem herrlich warmen Sommerabend in der Hängematte liegend, das letzte Kapitel verschlingen wollte und auf den letzten Seiten nur noch ein paar Fotos entdeckte statt einer weitern fesselnden wahren Begebenheit, war ich tatsächlich ein wenig enttäuscht, dass das Buch schon wieder leer gelesen war.

Ende der 80er Jahre ging der Autor (der im Übrigen und im Gegensatz zu vielen Autoren, die über vergangene Reisen in einem eher langweiligen und wenig mitreisenden Ton berichten, der klare Abgrenzungen zwischen Reisendem und Schriftsteller aufzeigt, eine ansprechenden Ton und eine angenehme Sprache findet) mit Frau und 4 Kindern nach Peschawar in Pakistan. Und das, obwohl die Stadt von Dreck und Hitze geprägt war und täglich durchschnittlich zwei Bomben hochgingen. Dass die Ehefrau des Bundeswehrarztes und nicht er selber davon berichtet, wie die Familie für ihren Einsatz an mehreren Fronten in Pakistan und Afghanistan einen sehr hohen Preis bezahlen musste (der zweijährige Sohn starb an einer Durchfallerkrankung) macht ihn mir so recht sympathisch, zeigt es doch, dass dieser persönliche Schicksalsschlag auch 20 Jahre später für ihn zu schwer ist, um selbst darüber zu berichten. Überhaupt ist es äußerst selten und umso herausragender, dass das Geleistete und der persönliche Einsatz immer hinter der Sache an sich und hinter der überaus positiven Schilderung afghanischer Eigenschaften, Persönlichkeiten und Schicksaale zurückstehen. Selbst seine Begegnung mit seinem Nachbarn Osama bin Laden (dessen Gesicht ihn, welch köstlicher, welch ungewollt blasphemischer Vergleich! an die Jesusbilder seiner Kindheit erinnert) wird ganz nebenbei erwähnt. Ein anderer hätte daraus DIE story überhaupt gemacht. Schliesslich wäre diese um ein Haar entscheidend für den weiteren Verlauf der Weltgeschichte gewesen.

Während des Krieges der Mudschaheddin gegen die russischen Besatzer, über den wir nie geahnte, schreckliche Details erfahren, die weder ich noch mein ahnungsloser Lehrer, den ich zur gleichen Zeit im Unterricht mit der Frage nach dem Sinn dieses Feldzuges beschämte, kannten, geht der Arzt immer wieder unter Einsatz seines Lebens über die Berge in die umkämpften Gebiete, um dort wenigstens sporadisch in einigen Dörfern so manchem Menschen medizinische Hilfe angedeihen zu lassen. Oft fragt man sich, ob dieser „Tropfen auf den heißen Stein“ dieses Risiko überhaupt Wert war; wenn man sich dann aber klar macht, dass der Doc in dieser Zeit mehreren hundert Menschen das Leben gerettet und vielen Tausend die Schmerzen gelindert hat, verliert man diese westlich-überheblichen Ansichten schnell und schämt sich insgeheim dafür. Ein sehr plastisches Beispiel für unser aller Fehleinschätzungen ist das Gespräch, das die Frau des Autors mit einem afghanischen Mann in einem Flüchtlingslager führt, nachdem ihr Sohn gestorben war: Der Vater zweier gefallener Jungen fragt, ob denn nicht der viele Wohlstand sie recht gut über den Verlust hinwegtrösten könne während sie sich denkt, dass für den Afghanen der Tod der Söhne bestimmt viel einfacher zu verkraften wäre, da Sterben und Tod, auch von Kindern, für ihn schon immer zum Leben dazugehören.

Sehr verständlich und nachvollziehbar wird uns anhand einiger Beispiele die afghanische Mentalität erklärt, von der wir immer dachten wir kennen sie bereits (schicksalsergeben die Frauen oder wild und haßerfüllt die Taliban). Dass die afghanische Kultur doppelt so alt ist wie unsere mitteleuropäische, dass das Afgahnistan der 20er bis 70er Jahre ein moderner Staat mit heute ungeahnten Freiheiten war, dass die gebildeten Afghanen nicht mit Hass sondern mit innerer Überlegenheit auf Amerika schauen wird genau so beschrieben wie die Rechtssprechung im Kreise einer Shura und die Art der Gesprächs- und Verhandlungsführung. Herrlich, wie der Autor einen Taliban-Kommandeur mit viel Geschick und Erfahrung in solcherlei Gesprächen die Erlaubnis abringt, eine Mädchenschule für die Flüchtlingskinder betreiben zu dürfen, in dem er erst einmal über Stunden hinweg ein typisch afghanisches Gespräch führt, bevor er erst am nächsten Tag fast wie nebenbei den Taliban mit seinen eigenen Waffen schlägt als sein Anliegen mit dem Koran begründet. Anschaulich wird vom Besuch eines anderen deutschen Arztes berichtet, der es nur gut meint aber aufgrund seiner westlichen Vorstellungen und Verhaltensweisen um ein Haar als russischer Spion erschossen wird, weil er sich einfach nicht auf die Kultur des Landes eingelassen hat.

Ein Brief eines seiner besten Freunde in Peschawar sagt sehr vieles über den Autor und Doktor Reinhard Erös aus:

„Du hast gelebt wie ein Afghane, du hast mit uns gekämpft, wie ein Afghane, du hast mit uns gelitten wie ein Afghane, du hast dich gefreut wie ein Afghane, aber selbst, wenn du noch hundert Jahre bei uns geblieben wärst, du wärst doch immer ein DEUTSCHER Afghane geblieben.“

Dass der Freund damit den Nagel auf den Kopf trifft und es sich weder um Über- noch um Untertreibung handelt, weiß der Leser instinktiv. Denn so sehr sich Erös den Gegebenheiten und Gewohnheiten anpasst, so wenig kann er sich doch an die Auge-um-Auge-Mentalität gewöhnen und muß nach schrecklichen Kriegserlebnissen für mehrere Wochen in psychische Behandlung. Schließlich wird er nicht nur Mehrfach Zeuge und Leidtragender von russischen Bombardements, sondern ebenso von schlimmsten Misshandlungen und Folterungen sowjetischer Gefangener. Den Rest gibt ihm dann der Tod seines besten kleinen Freundes in einem Bergdorf, den er wie einen Sohn ins Herz geschlossen hatte, der verhindert hätte werden können, wenn der Vater des Jungen einer Operation in einem russischen Krankenhaus zugestimmt hätte. Da aber der Haß auf die Russen so groß war, musste der Junge qualvoll in den Armen der beiden Männer sterben.

Zum Schluss werden wir, als der Kreis sich schließt und die Familie Erös etliche Jahre später erneut Schulen in Pakistan und Afghanistan aufbaut, wie schon in den 80er Jahren, als aus der Unzufriedenheit über die amerikanische Schule in Peschawar kurzerhand eine eigene gegründet wurde, mit einem Augenzeugenbericht einer kurz zuvor vor den Taliban aus Kabul geflohenen Frau konfrontiert, der das unmenschliche Regime genau beschreibt. Dort lesen wir zum Beispiel, dass Witwen, die keine erwachsenen männlichen Familienangehörigen haben, die sie zum Einkaufen begleiten, müssen nachts heimlich unter größten Gefahren etwas Brot erbetteln, wenn sie nicht verhungern wollen.

Ein absolut kurzweiliges und unbedingt lesenswertes Buch also, das unsere Gedanken ein wenig von uns und unseren eigenen „Nöten“ hin zu wirklichem Leid und Elend lenkt, dabei jedoch immer spannend und teilweise unterhaltsam zu lesen ist!

Klick

Laut Klappentext das beste russische Buch des Jahres 2000, doch ich hatte schon ein paar Probleme, bis zum Schluss durchzuhalten. Zumindest war es nicht so fesselnd wie erwartet. Teilweise in einer sehr intellektuellen, komplizierten Sprache geschrieben, partiell rasant, manchmal über Seiten hinweg recht einschläfernd, wird über die „Beziehung“ zwischen Tjoma und der hochschwangeren Marina erzählt. Dabei wird total außer Acht gelassen, dass eine kurz vor der Niederkunft stehende junge Frau sicher nicht mehr jede Nacht durch Diskos und Clubs zieht, arbeiten geht (Leichen für die Trauerfeier präparieren) und haufenweise Drogen einwirft. Dennoch sind die wilden 90er in Russland anhand überspitzter Beispiele und Mafia-Morde, in die die beiden nicht ganz unfreiwillig „hineingezogen“ werden, gut dargestellt. Auf jeden Fall wird einem wieder mal klar, dass unsere westlich hochnäsige Sichtweise auf die Ostblock-Länder völlig fehl am Platz ist. (Auch) dort pulsiert das Leben, haben Menschen Beziehungs- und existenzielle Lebensprobleme, versuchen sich in der Literatur und unterscheiden sich stark von ihrer Eltern- und Großelterngeneration, in dem sie das Leben leicht nehmen, genießen und im Vollrausch entdecken wollen. Da wird schon mal ein orthodoxer Priester oder eine Fast-Geliebte mit einer Pumpgun zur Strecke gebracht, da herrschen anarchische Zustände, wie sie wohl beim Übergang der DDR nach Deutschland nicht ansatzweise zu beobachten waren. Gut so, dass hier bei uns alles ein wenig gesitteter verlaufen ist.

Liebespaarungen

Für diese engbedruckten 580 Seiten muss man schon ein wenig mehr Zeit einplanen, wenn man nicht gerade einen herrlich ruhigen und ereignislosen Urlaub dazu verwenden kann, das Buch in knapp 3 Tagen zu lesen. Denn eigentlich ist es nicht nur ein Buch, es sind zwei. Sie erzählen beide wechselseitig die Geschichte(n) von Irina, der in Amerika aufgewachsenen, russischstämmigen Buchillustratorin, die mit ihrem recht langweiligen aber gutmütigen Mann Lawrence (der sie nie offiziell geheiratet hat) in London lebt. Es handelt sich um zwei Geschichten, weil Irina eines Tages vor einer wichtigen Entscheidung steht, als sie nach einer netten Geburtstagsfeier und einem kleinen Joint mit Ramsey, dem gutaussehenden Snooker-Profi, das unbändige Bedürfnis verspürt, diesen leidenschaftlich zu küssen. Durch diesen Kuss verändert sich ihr Leben, will doch Ramsey keine Affäre sondern eine ihn liebende und begehrende Frau, die ihn zu seinen vielen Tournieren begleitet und unterstützt. So dauert es nicht lange und Irina trennt sich schweren Herzens von Lawrence, der ihr mit einem Hundeblick hinterher schaut, als sie ohne Koffer oder andere persönliche Gegenstände zu Ramsey in ein Nobelhotel zieht und sich dort mit ihm „die Seele aus dem Leib“ vögelt. Das hat sie einfach nach fast 10 Jahren eintönigem Sex mit Lawrence gebraucht (er immer auf der Seite liegend hinter ihr und sie den Blick zur Wand gerichtet, wobei ihr einige Phantasien sehr erfolgreich dazu verhalfen, regelmäßig zu kommen) und so genießt sie dies voll und ganz, trotz häufiger wilder Streitereien mit dem eifersüchtigen Ramsey, die sie zwar ab und zu an der Richtigkeit ihrer Entscheidung zweifeln lassen, die aber letztendlich wohl zu einer leidenschaftlichen Beziehung dazugehören. Leider nur, das wird ihr bald klar, gehört zu einer Beziehung noch ein wenig mehr, und die langweiligen Abende mit seinen Snooker-Kollegen an den verschiedensten Hotelbars weltweit öden sie sehr schnell an, schließlich gibt es dort wirklich nur ein einziges Thema. Außerdem geht Ramsey viel lieber essen, statt sich von ihr einfallsreiche Gerichte kochen zu lassen, was ihr immer Freude und  Bedürfnis war, und aufgrund der vielen Reisen hat sie keine Zeit mehr, ihrer künstlerischen Arbeit nachzugehen. Zwar hat sie dann doch noch einen späten Erfolg vorzuweisen, kann diesen aber wegen der Streitereien mit Ramsey gar nicht richtig genießen. Als dann noch Geldsorgen hinzukommen (Ramsey hat wohl seine ganzen Millionen verzockt) und Prostatakrebs im letzten Stadium diagnostiziert wird, ist das Ende nahe, und das einzig wirklich verbindende Element, die extreme körperliche und sexuelle Anziehungskraft, kann nur noch einmalig durch eine blaue Wunderpille ausgelebt werden.
Was nun jedoch passiert wäre, wenn sie ihrem Verlangen nach einem Kuss nicht nachgegeben und statt dessen brav nach Hause gegangen wäre, das wird, verschachtelt in die eben beschriebene Version, parallel zu dieser berichtet: Sie liebt ihren Lawrence, den Terrorismusforscher, trotz dessen seltsamer Verhaltensweisen (Gesprächen über neue Stellungen beim Sex verweigert er sich ebenso wie der Frage nach einer richtigen Hochzeit, so wie er im Prinzip allen wichtigen Diskussionen aus dem Weg geht). Der Leser ahnt es schon Jahre vor Irina, die vor Liebe blind ist und ihn erst dann, als selbst ihr die offensichtlichen Anzeichen nicht mehr entgehen und sie ihn endlich darauf anspricht: Der brave, treue Lawrence hat seit Jahren ein Handy! Und zwar, um damit jederzeit Bethany, seine sexy Kollegin mit den „nuttigen“ Klamotten anrufen und Absprachen für geheime Treffen verabreden zu können. Nach dem Streit gibt es zwar noch ein letztes mal den gewohnten Sex aber am nächsten Morgen geht Lawrence, ohne Koffer oder andere persönliche Gegenstände, zu Bethany (mit der er im Übrigen, so wird es ganz am Ende klar, auch nicht auf Ewig zusammen bleiben wird).
Und genau hier liegt einer der Reize des Buches: Immer wieder tauchen bestimmte Verhaltensmuster, Abläufe und Geschehnisse in beiden Geschichten auf, die zwar teilweise anders verlaufen oder von anderen Personen erlebt werden, aber den Betrachter immer wieder wissend lächeln lassen, weil er das so oder ein wenig anders bereits gelesen hat. Etwa wenn Irina und Ramsey, betrunken im Flugzeug nach New York, unter der Flugzeugdecke rumfummeln, dass es keinem entgehen kann und ohne dass es sie einen Dreck stört, und später dann, in der anderen Geschichte, sich Lawrence laut darüber beschwert, dass zwei Mitreisende unter der Decke so laut stöhnen (was Irina eher neidisch auf das Paar blicken lässt, statt sich darüber zu echauffieren).
Aber das Buch hat noch mehr zu bieten, es regt nämlich zum Nachdenken über das Leben und dessen wichtige Entscheidungen an. Was ist richtig und was ist falsch? Ist es im Prinzip egal, wie wir uns in einer bestimmten Situation entscheiden? Sind Sicherheit und Gewohnheit nicht der verführerischen Wildheit des Neuen vorzuziehen? Oder ist es genau umgekehrt?
Darauf gibt dieses Buch keine Antwort. Denn obwohl die aus ihrem bürgerlichen Leben ausgebrochene Irina ihren todkranken Ramsey liebevoll pflegt und ihm versichert, dass sie ihn trotz allem heute wieder genauso küssen würde wie damals, bleibt ein bitterer Beigeschmack, weil sie sich die ganzen Jahre über immer wieder nach ihrem alten, gemütlichen und sicheren Leben sehnt (und sogar manchmal heimlich in die alte Wohnung zurückkehrt, nur, um sich zu erinnern) und am Ende doch allein da steht (was sicherlich auch ohne Ramseys Erkrankung geschehen wäre). Da jedoch die Entscheidung, bei Lawrence zu bleiben und über alle ihre Beziehung betreffenden Probleme hinwegzusehen, anscheinend auch nicht die richtige war und sie auch hier am Ende alleine dasteht, könnte das Buch suggerieren, dass jede Entscheidung die Falsche ist. Das dem nicht so ist, müssen wir selbst in Erfahrung bringen.

Meckels Messerzüge

Darf ein Rezensent das Buch zur Seite legen, wenn er nur ein Drittel davon gelesen hat? Ist mir doch egal. Ich habe es getan und schäme mich nicht dafür!
Dabei handelt es sich nicht mal um ein schlechtes Buch. Im Gegenteil, es ist sehr intelligent geschrieben und voller historischer und anderer Wahrheiten. Nur sollte auf dem Einband bereits darauf hingewiesen werden, dass der geneigte Leser zumidnest Grundkenntnisse der französischen und lateinischen Sprache sowie der Völkerschlacht und der Vor-Deutschen Geschichte mitbringen sollte, um Gefallen an der Lektüre zu finden. Und nicht zu zart besaitet sollte man sein, schließlich beginnt der Roman, der vor ca. 200 Jahren spielt mit der Präparation des berühmten aber leider verstorbenen Anatomen durch dessen Familie (incl. des 13-jährigen Erzählers). So wird detailliert von der Zerlegung der Leiche, die auf ausdrückliche Anweisung des ehemaligen Familienoberhauptes hin vorgenommen wird, berichtet, die letztendlich in der Aufstellung des präparierten Skelletes des alten Meckel aus Halle/Saale gipfelt, der fortan in einem Holzschrank in einem Arbeitszimmer zu bewundern ist und von den interessierten Besuchern, einschließlich des Bonaparte, der die Stadt eingenommen hat auch bewundert wird.
Der Erzähler begibt sich alsbald in den Krieg gegen den Franzosen und dessen Verbündete, in dem er sich als Freischärler Nr. 13 in Breslau dem Lützowschen Freikoprs anschließt und dort nicht nur den Tunrvater Jahn, den er allerdings eher verachtet als schätzt sondern auch alle die Männer kennen lernt, denen ich schon in meiner Kindheit bei Streifzügen durch meine Südvorstadt begegnet bin, wenn ich auch nicht viel mit deren Namen und Geschichten anzufangen wußte: Fichte, Arndt, Körner, Scharnhorst, Gneisenau sowie Ludwig Wucherer (zugegeben, diesen Herrn kenne ich aus Halle) und Blücher.
Die altmodische, fremde Sprache und das Unwissen über viele Zusammenhänge sowie längere Ausschweifungen zu den Themen Anatomie und Mißbildungen bei Föten und deren einzigartiger Schönheit machten es mir schwer, im gewohnten Tempo voranzukommen und so entschied ich mich heute schweren Herzens dazu, das Buch dorthin zurückzulegen, wo ich es hergenommen hatte um mich anderer Kost zu widmen. Lest selbst und erzählt mir, was ich verpaßt habe. Vielleicht schafft es ja jemand, mich davon zu überzeugen, die restlichen 230 Seiten des mir leider auf den ersten Blick ziemlich unsymphatisch Autors Wilhelm Bartsch (ich hätte als Verlag ein etwas freundlicheres Foto ausgewählt aber wer bin ich schon, darüber zu urteilen?!) in Angriff zu nehmen.