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Samstag, 3. September 2011

Tee mit dem Teufel

Einige Wochen lang zog ich mir vom Bücherstapel die unteren Bände hervor, um die Lektüre dieser bestimmt recht trockenen Berichterstattung über einen Arzt in Afghanistan noch ein wenig hinauszuzögern, auch wenn sich diese immer wieder auf unerklärliche Weise nach oben kämpfte. Was sollte ich, als „borderline Pazifist“ (ich hatte erst vor wenigen Tagen gelernt, dass Vegetarier, die ab und an eine Ausnahme von der fleischlosen Kost zulassen, wie ich es handhabe, als „borderline veggies“ betitelt werden, was mir so gut gefiel, dass ich nun diese Beschreibung auch auf meine grundsätzlich pazifistische Einstellung, die aber eben nicht radikal und weltfremd ist, anwenden möchte) schon von einem Major der Bundeswehr halten, der mit den Taliban Tee trinkt?! Ich hätte mir dieses kluge, spannende Buch schon viel eher vornehmen sollen! Als ich soeben, an einem herrlich warmen Sommerabend in der Hängematte liegend, das letzte Kapitel verschlingen wollte und auf den letzten Seiten nur noch ein paar Fotos entdeckte statt einer weitern fesselnden wahren Begebenheit, war ich tatsächlich ein wenig enttäuscht, dass das Buch schon wieder leer gelesen war.

Ende der 80er Jahre ging der Autor (der im Übrigen und im Gegensatz zu vielen Autoren, die über vergangene Reisen in einem eher langweiligen und wenig mitreisenden Ton berichten, der klare Abgrenzungen zwischen Reisendem und Schriftsteller aufzeigt, eine ansprechenden Ton und eine angenehme Sprache findet) mit Frau und 4 Kindern nach Peschawar in Pakistan. Und das, obwohl die Stadt von Dreck und Hitze geprägt war und täglich durchschnittlich zwei Bomben hochgingen. Dass die Ehefrau des Bundeswehrarztes und nicht er selber davon berichtet, wie die Familie für ihren Einsatz an mehreren Fronten in Pakistan und Afghanistan einen sehr hohen Preis bezahlen musste (der zweijährige Sohn starb an einer Durchfallerkrankung) macht ihn mir so recht sympathisch, zeigt es doch, dass dieser persönliche Schicksalsschlag auch 20 Jahre später für ihn zu schwer ist, um selbst darüber zu berichten. Überhaupt ist es äußerst selten und umso herausragender, dass das Geleistete und der persönliche Einsatz immer hinter der Sache an sich und hinter der überaus positiven Schilderung afghanischer Eigenschaften, Persönlichkeiten und Schicksaale zurückstehen. Selbst seine Begegnung mit seinem Nachbarn Osama bin Laden (dessen Gesicht ihn, welch köstlicher, welch ungewollt blasphemischer Vergleich! an die Jesusbilder seiner Kindheit erinnert) wird ganz nebenbei erwähnt. Ein anderer hätte daraus DIE story überhaupt gemacht. Schliesslich wäre diese um ein Haar entscheidend für den weiteren Verlauf der Weltgeschichte gewesen.

Während des Krieges der Mudschaheddin gegen die russischen Besatzer, über den wir nie geahnte, schreckliche Details erfahren, die weder ich noch mein ahnungsloser Lehrer, den ich zur gleichen Zeit im Unterricht mit der Frage nach dem Sinn dieses Feldzuges beschämte, kannten, geht der Arzt immer wieder unter Einsatz seines Lebens über die Berge in die umkämpften Gebiete, um dort wenigstens sporadisch in einigen Dörfern so manchem Menschen medizinische Hilfe angedeihen zu lassen. Oft fragt man sich, ob dieser „Tropfen auf den heißen Stein“ dieses Risiko überhaupt Wert war; wenn man sich dann aber klar macht, dass der Doc in dieser Zeit mehreren hundert Menschen das Leben gerettet und vielen Tausend die Schmerzen gelindert hat, verliert man diese westlich-überheblichen Ansichten schnell und schämt sich insgeheim dafür. Ein sehr plastisches Beispiel für unser aller Fehleinschätzungen ist das Gespräch, das die Frau des Autors mit einem afghanischen Mann in einem Flüchtlingslager führt, nachdem ihr Sohn gestorben war: Der Vater zweier gefallener Jungen fragt, ob denn nicht der viele Wohlstand sie recht gut über den Verlust hinwegtrösten könne während sie sich denkt, dass für den Afghanen der Tod der Söhne bestimmt viel einfacher zu verkraften wäre, da Sterben und Tod, auch von Kindern, für ihn schon immer zum Leben dazugehören.

Sehr verständlich und nachvollziehbar wird uns anhand einiger Beispiele die afghanische Mentalität erklärt, von der wir immer dachten wir kennen sie bereits (schicksalsergeben die Frauen oder wild und haßerfüllt die Taliban). Dass die afghanische Kultur doppelt so alt ist wie unsere mitteleuropäische, dass das Afgahnistan der 20er bis 70er Jahre ein moderner Staat mit heute ungeahnten Freiheiten war, dass die gebildeten Afghanen nicht mit Hass sondern mit innerer Überlegenheit auf Amerika schauen wird genau so beschrieben wie die Rechtssprechung im Kreise einer Shura und die Art der Gesprächs- und Verhandlungsführung. Herrlich, wie der Autor einen Taliban-Kommandeur mit viel Geschick und Erfahrung in solcherlei Gesprächen die Erlaubnis abringt, eine Mädchenschule für die Flüchtlingskinder betreiben zu dürfen, in dem er erst einmal über Stunden hinweg ein typisch afghanisches Gespräch führt, bevor er erst am nächsten Tag fast wie nebenbei den Taliban mit seinen eigenen Waffen schlägt als sein Anliegen mit dem Koran begründet. Anschaulich wird vom Besuch eines anderen deutschen Arztes berichtet, der es nur gut meint aber aufgrund seiner westlichen Vorstellungen und Verhaltensweisen um ein Haar als russischer Spion erschossen wird, weil er sich einfach nicht auf die Kultur des Landes eingelassen hat.

Ein Brief eines seiner besten Freunde in Peschawar sagt sehr vieles über den Autor und Doktor Reinhard Erös aus:

„Du hast gelebt wie ein Afghane, du hast mit uns gekämpft, wie ein Afghane, du hast mit uns gelitten wie ein Afghane, du hast dich gefreut wie ein Afghane, aber selbst, wenn du noch hundert Jahre bei uns geblieben wärst, du wärst doch immer ein DEUTSCHER Afghane geblieben.“

Dass der Freund damit den Nagel auf den Kopf trifft und es sich weder um Über- noch um Untertreibung handelt, weiß der Leser instinktiv. Denn so sehr sich Erös den Gegebenheiten und Gewohnheiten anpasst, so wenig kann er sich doch an die Auge-um-Auge-Mentalität gewöhnen und muß nach schrecklichen Kriegserlebnissen für mehrere Wochen in psychische Behandlung. Schließlich wird er nicht nur Mehrfach Zeuge und Leidtragender von russischen Bombardements, sondern ebenso von schlimmsten Misshandlungen und Folterungen sowjetischer Gefangener. Den Rest gibt ihm dann der Tod seines besten kleinen Freundes in einem Bergdorf, den er wie einen Sohn ins Herz geschlossen hatte, der verhindert hätte werden können, wenn der Vater des Jungen einer Operation in einem russischen Krankenhaus zugestimmt hätte. Da aber der Haß auf die Russen so groß war, musste der Junge qualvoll in den Armen der beiden Männer sterben.

Zum Schluss werden wir, als der Kreis sich schließt und die Familie Erös etliche Jahre später erneut Schulen in Pakistan und Afghanistan aufbaut, wie schon in den 80er Jahren, als aus der Unzufriedenheit über die amerikanische Schule in Peschawar kurzerhand eine eigene gegründet wurde, mit einem Augenzeugenbericht einer kurz zuvor vor den Taliban aus Kabul geflohenen Frau konfrontiert, der das unmenschliche Regime genau beschreibt. Dort lesen wir zum Beispiel, dass Witwen, die keine erwachsenen männlichen Familienangehörigen haben, die sie zum Einkaufen begleiten, müssen nachts heimlich unter größten Gefahren etwas Brot erbetteln, wenn sie nicht verhungern wollen.

Ein absolut kurzweiliges und unbedingt lesenswertes Buch also, das unsere Gedanken ein wenig von uns und unseren eigenen „Nöten“ hin zu wirklichem Leid und Elend lenkt, dabei jedoch immer spannend und teilweise unterhaltsam zu lesen ist!

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