Follow by Email

Samstag, 3. September 2011

Die Kunst frei zu sein

Mit großem Interesse und voller Neugier habe ich das „Handbuch für ein
schönes Leben
“ über eine relativ lange Zeit hinweg gelesen und dabei
wirklich vieles Interessante für mich und mein Leben gefunden. Oft konnte
ich nur zustimmend nicken, manchmal leicht zweifelnd fragen, ob diese
Vorschläge auch für mein Leben funktionieren, und an einigen Stellen habe ich
einfach nur die naive Art bestaunt, mit der Tom Hodkinson auf das
Mittelalter zurückblickt und dem Leser zu vermitteln sucht, dass damals
alles besser, die Menschen, auch die Leibeigenen, viel freier und
glücklicher gelebt hätten als wir heute und dass die ach so schlimme
Reformation diesem schönen Leben mit seinem Puritanismus ein jähes Ende
gesetzt hätte. Aber wenn man mal die Frage nach dem Reichtum der
mittelalterlichen Allgemeinbevölkerung ausklammert, ist es zumindest einmal ein neuer Denkanstoß, wenn die negativen Seiten der Reformation und die
puritanisch-freudlose Art eines John Wesley-Methodismus hinterfragt werden,
die für mich bisher nie auch nur den kleinsten negativen Anstrich hatten.

Am Ende eines jeden Kapitels versucht der Autor in einem Satz die
Grundessenz des gesagten zusammenzufassen, was zwar nicht immer gelingt bzw. sehr teilweise sehr seltsam ausgedrückt ist, aber dennoch eine schöne
Gedankenstütze bietet. Deshalb an dieser Stelle die 29 Kapitelüberschriften
und die zusammenfassenden Anleitungen für ein glückliches Leben:

1. Verjag die Angst, sei sorglos: Fahr Rad
2. Wirf die Fesseln der Langeweile ab: Spiel Ukulele
3. Die Tyrannei der Rechnungen und die Freiheit des Einfachen: Kündige alle Daueraufträge
4. Pfeif auf die Karriere und all ihre leeren Versprechungen: Finde Deine Begabung
5. Raus aus der Stadt: Pachte einen Schrebergarten
6. Schluss mit dem Klassenkampf: sei ein Bohemien
7. Wirf Deine Uhr weg: Schmeiß deine Uhr auf den Müll
8. Hör auf mit dem Konkurrenzkampf: Gründe eine Gilde
9. Entkomme den Schulden: Zerschneide deine Kreditkarte
10. Tod dem Einkaufen oder Flucht aus dem Gefängnis der Konsumsucht: Wirf den Fernseher weg

11. Spreng die Ketten der Furcht: Fahr mit dem Feuerwagen
12. Vergiss die Regierung: Hör auf zu wählen
13. Leg Dein Schuldbewusstsein ab und befreie Deinen Geist: Sag ja
14. Das Ende der Hausarbeit oder die Macht des Kerzenscheins: Zünde eine Kerze an
15. Schluss mit der Einsamkeit: Öffne deine Türen
16. Unterwirf dich nicht länger der Maschine, benutze Deine Hände: Benutze eine Sense
17. Ein Lob auf die Melancholie: Schmeiß deine Tabletten weg
18. Jammer nicht, sei fröhlich: Sei dankbar für das, was du hast
19. Leb ohne Hypothek, sei ein beschwingter Wanderer: Teile dein zuhause mit andern
20. Die Anti-Kleinfamilie: Lass die Kinder in Ruhe
21. Entwaffne den Schmerz: Akzeptiere die Mühsal
22. Hör auf, dich um Deine Rente zu sorgen, lebe: Sag ja zum Leben
23. Verlass die Welt der Grobheit, tritt in eine neue Ära der
Liebenswürdigkeit, Höflichkeit und Anmut ein: Sei anmutig
24. Selbstgefällige Puritaner müssen sterben: Wir sind nichts
25. Befreie dich von den Supermärkten: Pflanz Gemüse an
26. Die Herrschaft des Hässlichen ist vorbei, lang leben Schönheit, Qualität und Brüderlichkeit!: Ein hoch auf den Meisel
27. Stürze die Tyrannei des Reichtums: Wünsch dir weniger
28. Verschwende nichts, sei Sparsam: Schaufel Scheiße
29. Hör auf zu arbeiten, fang an zu leben: Spiele


Die Einteilung des Lebens in Arbeitszeit und Freizeit bemängelt der Autor
und ermuntert alle Leser, mit weniger Geld auszukommen, wodurch man auch
viel weniger arbeiten müsse. Und vor Allem soll man nur das tun, was einem
wirklich Spaß und Freude macht. Um herauszufinden, was das ist, soll man
mindestens 6 Monate, besser ein Jahr lang, gar nichts tun. Er vergleicht
diese Suche nach seiner Begabung mit einem Garten, den man übernimmt und den man ein Jahr lang erst mal überhaupt nicht bearbeiten soll, um zu sehen, was denn überhaupt alles so in seinem Boden ist und gedeiht, bevor man ihn dann sanft anfasst. Ein sehr treffender Vergleich, suche doch auch ich nach einer Arbeit, die mich wirklich ausfüllt und befriedigt und wusste bisher nie, wie ich diese finde: Ein Jahr Pause (evtl. bei Inge in NZ) und ich weiß, was ich
kann und was ich will. Laßt uns experimentieren, um herauszufinden, was der
richtige Weg für uns ist:
„Abgesehen von dem Nutzen des Wortes „Experiment“  als Euphemismus macht es Spaß, sein Leben in eine Reihe von Experimenten zu verwandeln. Es kommt nicht darauf an, ob es scheitert – du versuchst einfach ein anderes." Ach, wenn es nur so einfach wäre… Wichtig ist es, bei alledem niemals irgendwelche Schuldgefühle zuzulassen (übrigens wird an anderer Stelle nachgewiesen, dass Schuldbewusstsein ein erlerntes, kein angeborenes Gefühl ist); wir sind nicht davon abhängig, was andere über uns denken sondern nur uns selbst Rechenschaft schuldig.

Schön auch, wie Tom davon erzählt, dass er allen Menschen mit Achtung und
Respekt gegenübertritt und eigentlich irgendwie alle liebt (außer Spießer
und Puritaner)
„: …als Müßiggänger und Anarchist liebe ich Menschen aus
allen Schichten, die für die Freiheit kämpfen. Ich liebe die Aristokraten,
ich liebe die Unterschicht, und ich liebe die bourgoise Boheme. Ich liebe
die Drogensüchtigen. Es ist ganz einfach, sich den Auserwählten, den
Farbenfrohen, den Kreativen anzuschließen. Schaff Deine eigene Welt. Wirf
den Groll ab. Verdränge den Gedanken des
„Müssens“. Du musst gar nichts tun. Du besitzt Willensfreiheit. Übe sie aus!

An mehreren Stellen habe ich mich mit meinen Ansichten sofort
wiederentdeckt, z.B. wenn er über das Fernsehen und die damit verbundene
Zeitverschwendung herzieht, wenn vorgeschlagen wird, die Kinder in Ruhe zu
lassen und nicht ständig zu bevormunden und zu bespaßen, oder wenn er
vorschlägt, Deine teure Armbanduhr wegzuwerfen (ich habe seit 15 Jahren
keine und bin doch immer pünktlich). Sein Argument: Wie kann man nur
für das Tragen des Symbols der Sklaverei so viel Geld ausgeben und damit das zu einem Statussymbol erheben, was uns an das moderne Industrietempo fesselt? Und vollkommen zu Recht prangert er die heute allgemein akzeptierte Floskel
„Zeit ist Geld“ als Sünde an, denn wie kann man die Zeit, dieses Gottesgeschenk, das jeder Mensch jeden Tag neu erhält, mit Geld abwiegen wollen? Banker, die sich auf unsere Kosten bereichern und selbst aus Krisen, in denen wir unserbescheidenes Vermögen verlieren, bereichert hervorgehen, werden von uns verehrt. Verachten sollten wir sie und ihnen durch unseren Müßiggang beweisen, dass wir die glücklicheren Menschen sind (wenn es nur so wäre…!). Nicht Geld und Wohlstand sollten unsere Ziele sein, sondern zu lieben, freudig zu leben, das Leben zu genießen!

Leidenschaftlich wird auch gegen die übliche Kleinfamilie gewettert, in der
4 Personen, sie sich nicht leiden können, unter einem Dach zusammen leben.
„Die moderne Familie steht lediglich für eine finanzielle Belastung – mit
anderen Worten, sie ist das Motiv dafür, Beschäftigungen zu übernehmen, die
uns nicht gefallen. Ab und zu die Familie in kleinere Gruppen zu spalten,
weil sich die Kinder dann vorbildlich benehmen, ist auch mir schon als
probates Mittel gegen Kinderstreß aufgefallen. Und wenn Du so oft wie möglich Leute mit anderen Kindern einlädst, kannst du zusammen mit ihnen in der Küche bechern, während die ganze Bande im Haus oder Garten gemeinsam
rumtobt! Wir sollten Gemeinschaften gründen, ständig Freunde zu Besuch
haben und mit ihnen gemeinsam essen, trinken und feiern (wir sollten z.B. in
eine Wagenburg ziehen ;-))

Ein Widerspruch in diesem Buch besteht sicherlich darin, dass einerseits für
das Anschaffen eines eigenen Hauses mit Garten (zum Gemüseanbau) plädiert
wird, andererseits aber gegen
„Sklavenarbeit“ (30-40 Stunden im Büro) und
Hypotheken. Ein wenig naiv aber durchaus sympathisch dann die
Schlussfolgerung:
„…(du sollst begreifen), dass Schulden nicht wirklich
existieren, denn wie kannst Du durch ein Fantasieprodukt versklavt werden?
Pfeif auf die Wucherer. Warum solltest du Dir etwas aus ihnen machen? Sie
sind ja sowieso zur Hölle verdammt! Grinse über ihre Drohbriefe, lache über
ihre kümmerlichen Gestalten, kichere über ihr langweiliges Leben und die
Verdammung, die sie erwartet
“.

Obwohl in dem vorliegenden Buch gegen Maschinen (Rasenmäher, Geschirrspüler, Autos, Fernseher) plädiert und unser gesamtes Konsumverhalten grundlegend in Frage gestellt wird, werden Genüsse und Annehmlichkeiten keineswegs verachtet:
„Entscheidend ist nicht, dass man alle Genüsse aufgibt, sondern dass man die Herrschaft über sie behält“. Wie bei vielen Dingen, geht es also erst einmal um unsere prinzipielle Einstellung. „Es ist wichtig, zwischen den realen, physischen Genüssen (Speisen, Getränke) und der bloßen Verheißung von Genüssen zu unterschieden, die durch Werbung vermittelt wird.“ Wir begehren Dinge, von denen wir annehmen, dass sie uns glücklicher machen werden und sind dann enttäuscht, wenn wir uns diese Dinge zugelegt haben und doch nicht recht zufrieden damit sind. Wie wahr, wie wahr!

Dass die Pharmaindustrie mit ihren Versprechungen vom schmerzfreien Leben
durch Einnahme vieler verschiedener Pillen gegen alle möglichen
„Krankheiten“ eine ganz schlimme Rolle inmitten der vielen Konsumangebote
spielt, wissen wir alle oder ahnen es zumindest. Dennoch kann ich die Argumentation, auf (fast) alle medizinische Behandlung und Arznei zu verzichten, nicht so unterschreiben. Doch die Freiheit eines jeden Einzelnen besteht ja gerade darin, sich die für ihn passenden Thesen herauszusuchen, anzueignen und zu verinnerlichen. Wenn mir Tabletten gegen eine Erkältung helfen und ich meist dadurch gar nicht erst richtig krank werde, warum sollte ich es dann sein lassen?

Schön auch die Ansicht zum Thema Hausarbeit, die auch eine
Einstellungsfrage ist und an der man seine Freude haben kann, wie es an
mehreren Beispielen gezeigt wird. Insofern ist dieser Satz sicher auch halb
ironisch gemeint, was ihn nicht weniger richtig werden lässt:
„Letzten Endes
könnte das Reinemachen einfach eine Beleuchtungsfrage sein. Wer ein sauberes Haus haben möchte, sollte einfach die Lichter ausknipsen und eine Kerze anzünden.


Ähnlich verhält es sich mit dem Gedicht
„Regime de vivre“ von Wilmot:


Ich steh
’ auf um elf, ich esse um zwei,

Ich betrink
’ mich vor sieben; und wenn das vorbei,

Ruf
’ ich meine Hure, und aus Angst vor schlimmem Los

Ergieß ich mich in ihre Hand und spuck
’ in ihren Schoß.






Literatur/Internet:

Beat, Alan: A start in smallholding

Hoffmann, abbie: Revolution for the hell of it (Nieder mit den Spießern)

Rubin, Jerry: Do it!
(Bibel der Hippies, bekifft lesen!)

<http://www.idler.co.uk/> www.idler.co.uk

www.longnow.org <http://www.longnow.org/>

www.lazywoman.com <http://www.lazywoman.com/>

www.sqat.net <http://www.sqat.net/>

www.theplayethic.com <http://www.theplayethic.com/>

Kommentare:

  1. Leider habe ich das Buch noch nicht gelesen. Es scheint zeimlich interessant zu sein. Ich werde es lesen sobald ich Zeit habe.

    AntwortenLöschen
  2. Das ist keine Frage der Zeit. Dieses Buch muß man einfach lesen, wenn man sich fragt, ob man sich in diesem Arbeitssystem gut aufgehoben fühlt oder ob man das Gefühl hat, die Arbeit stiehlt einem die zeit. Da beißt sich nämlich die Katze in den Schwanz. Keine Zeit zum Buch-Lesen, dann kannst Du Dein Leben nicht ändern. Aber ich weiß, was Du meinst, ich hab ja auch nicht genug Zeit zum Lesen der vielen Bücher, die auf meiner Liste stehen. Jedenfalls kannst Du das Buch in der Leipziger Stadtbibliothek ausleiehn. Viel Sapß!

    AntwortenLöschen