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Samstag, 3. September 2011

Befreiung

In kürzester Zeit sofort nach Ende des 2. Weltkrieges geschrieben
verarbeitet der Autor in diesem Buch seine Erlebnisse während der letzten
Jahre, wie im Nachwort anhand mehrerer Beispiele deutlich gemacht wird.
Befreiung beginnt und endet mit ebendiesem Geschehnis, wie es die junge
Erzsébet im von den Russen belagerten und schliesslich eingenommenen
Budapest um Weihnachten 1943 erlebt. Während sie im Luftschutzkeller
sitzt (zum ersten Mal habe ich bei der Lektüre detaillierte Einblicke in das
Leben der Menschen unter der Erde, wie es sich so oder ähnlich millionenfach
tatsächlich ereignet hat, erhalten) wird ihre Geschichte seit der Okkupation
Ungarns durch die Deutschen 10 Monate vorher, erzählt. Und die ihres Vaters,
eines anerkannten aber von den Deutschen gesuchten Wissenschaftlers, der
sich mit Hilfe seiner Tochter an unterschiedlichen Orten versteckt und nur
äußerst knapp und durch großen Zufall der Gestapo bzw. deren ungarischen
Gehilfen, den Pfeilkreuzlern, entkommt. Die letzten 3 Wochen verbringt er in
einem äußerst engen Kellerverlies, in das er mit 6 anderen Versteckten
eingemauert wurde. Ob er tatsächlich überlebt hat, wird zwar nicht explizit
erwähnt (das Buch endet in dem Moment, in dem Erzsébet aus
Ihrem“ Keller zu
seinem“ geht, nachdem die Straße von den Russen befreit wurde), darf aber
angenommen werden. Beeindruckend waren für mich die Gedanken und Gefühle der
jungen Frau im expliziten Moment der Befreiung, die sehr detailliert
beschrieben werden, was nur gelingen kann, wenn man Gleiches erlebt hat.
Etwas Altes war zu Ende, etwas Neues beginnt und genau dazwischen erlebt sie
ganz klar den Moment der Befreiung als eine konkrete Zeitspanne, obwohl doch
die Gegenwart eigentlich überhaupt nicht zu fassen ist (ist sie doch im
Moment, in dem wir uns darüber klar zu werden versuchen, bereits
Vergangenheit). Natürlich hat sie keine Ahnung, was genau die Befreiung mit
sich bringt und ob die Zukunft tatsächlich besser wird als die
Vergangenheit. Aber sie ersehnt wie alle anderen, auch die Pfeilkreuzler,
Deutschen, Versteckten, die Arbeiter und die Aristokraten, die Bürgerliche,
die Reichen und die Armen, diesen Moment und erlebt ihn dann ganz bewusst.
Überhaupt besticht die Beschreibung des Lebens im Keller, wo alle diese
unterschiedlichsten Leute zusammen leben müssen, durch die Darstellung der
Umgangsformen untereinander und der zur Schau gestellten Freundlichkeit, die
die Oberschicht, jetzt zum gleichen Los wie die Ärmsten verbannt, gegenüber
diesen in Erwartung neuer Kräfte- und Gesellschaftsverhältnisse, an den Tag
legt.

Auch Ersebets Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten und wie sie
damit umgeht, ist sehr berührend aber nicht sentimental oder anklagend
geschildert. Und wenn sie nur kurze Zeit später ihrem soeben erschossenen
Vergewaltiger das Blut vom Kopf wäscht, bevor sie dann endgültig ihren Vater
holen geht, unterstreicht sie ihre wenige Stunden zuvor gegenüber einem
jüdischen Professor im Keller verteidigte Einstellung, nach der die Menschen
durch dieses extreme Leid und die schlimmen Erfahrungen ihre Lehren ziehen
und sich bessern werden müssen, durch ihre vergebende Handlung an dem toten
Körper.

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