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Samstag, 3. September 2011

Heimweg

Ich dachte immer, Harald Martenstein schreibt nur Kolumnen – aber nein, auch einen echten Roman hat er verfasst. Zu Beginn der Lektüre denkt wohl jeder, dass es sich um eine autobiographische Erzählung handelt aber spätestens im letzten Teil wird klar, dass dies wohl höchstens ansatzweise der Fall sein kann. Wer kann schon solch pikante Details aus dem Leben seiner Großeltern erzählen, wie diese, die er hier öffentlich macht (z.B. welche Worte der Großvater, ein eigentlich symphatischer, ruhiger Mensch, sagte, als er im Krieg ohne Grund einen 14 jährigen Jungen erschoss oder was seine Großmutter Katherina spürte, als sie ihrer ersten großen Liebe – der ersten von zahllosen Liebschaften, im Liebesspiel in die Augen schaute). Eher handelt es sich um eine Phantasieerzählung, die bis zurück zu seinem Ururur-Großvater, einem Räuber und verurteilten Müßiggänger geht.
Nur selten und gering dosiert, aber nicht ohne den typischen Martensteinhumor, schmückt der Roman Ernstes mit weniger Ernstem, was einen manchmal kurz innehalten und nachdenken lässt, ob man hier jetzt überhaupt schmunzeln darf. Etwa wenn er beschreibt, dass der dem Zug aus der russischen Gefangenschaft entstiegene Großvater (der im Übrigen niemals ein Kind gezeugt hat, wie das?, fragt man sich) von seiner Rußlandreise zwei steife Finger, einen Lungendurchschuß und eine nicht genau zu bestimmende Anzahl von Lungenstecksplittern mitgebracht habe und er damit in Topform war, verglichen mit einigen anderen armen Teufeln.
Ziemlich realistisch wird das Nachkriegsdeutschland im Westteil beschrieben, wobei doch einige Erinnerungen auch an unsere Kindheit mit Hausmeistern, die fußballspielende Kinder vom Hof scheuchten, grauem, spiessigen Alltag, Neubauten mit dünnen Sperrholztüren und dergleichen wach werden.
Dass in der Familie der Großmutter die Schizophrenie als Krankheit eine bedeutende Rolle spielte, der z.B. ihr kleiner Bruder Otto zum Opfer fiel, genauso wie dessen „Mörder“, Katharinas Vater, der unter den Nationalsozialisten wie fast alle psychisch Kranken an „Herzversagen“ starb, bekommt gegen Ende des Romans sogar etwas Versöhnendes. Als der Großvater, der seiner Frau zeitlebens im Grunde nicht gut genug war, deren „Besucher“, die nur sie sieht (u.a. der kleine Bruder Otto, der Fernsehmoderator Kuhlemkampf und einige andere Verblichene) und die täglich mehr werden, mit einem Mal mit gespielter Aufmerksamkeit entgegentritt, kehrt endlich eine Art häußlicher Frieden ein. Frieden und Versöhnung bis hin zur Begegnung zwischen dem „Enkel“ und dem vom Großvater in Russland erschossenen Kommissar der Sowjetarmee, die sich „…gut verstehen, obwohl wir nicht an den gleichen Gräbern trauern“.

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