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Freitag, 9. November 2012

Im Spinnhaus – Kerstin Hensel


Ein wenig half mir dieses etwas eigenartige aber auch außergewöhnliche und interessante Büchlein, mich mit der Herkunftsregion meiner Familie zu versöhnen. Das Spinnhaus steht seit 1860 tief im Erzgebirge, nahe der Kreisstadt Schwarzenberg, in der meine Eltern groß geworden sind und wo ich viele Monate meiner Kindheit verbrachte.

Vieles dort störte mich damals schon und je älter ich wurde, entdeckte ich immer mehr unangenehme Eigenarten der dortigen sächsischen Population. Viele meiner Beobachtungen fand ich nun bei der Lektüre dieses Romans bestätigt – aber ich durfte auch Charaktere kennen lernen, denen die Enge und Engstirnigkeit des Waldes ebenfalls als zu klein für ihr Leben erschienen. So wie meinen Eltern, die, Gott sei’s gedankt, rechtzeitig vor meiner lustvollen Zeugung den Absprung in die Zivilisation schafften.
 
Weder das Spinnhaus als Gebäude noch das Buch erfüllen unsere Erwartungen an die bekannten Exempel ihrer jeweiligen Gattung. Im Haus, abseits des Dorfes, wohnen von Anfang an fast ausnahmslos die Stranger der damaligen Zeit: Vertriebene, Stumme, Schrullige, Außenseiter, Alleinerziehende… Das Buch erzählt von diesen Gestalten, aber nicht chronologisch, und zumindest auf den ersten Blick fehlt den einzelnen Geschichten der Zusammenhang. Doch wird man bald feststellen, dass die Schicksale der einzelnen Familien eng miteinander verknüpft sind und so kann man Personen, die man bereits kennt später oft in einer anderen Episode wieder treffen.

Umrahmt werden die einzelnen Erzählungen vom wiederholten Auftauchen eines Bären, der immer wieder seinen Weg aus Böhmen durch den dichten Wald nach Neuwelt findet. Auch wenn dieses Szenario sehr unwahrscheinlich ist (der letzte Bär des Erzgebirges wurde bereits im frühen 18. Jahrhundert erlegt) so gibt dies doch dem Roman ob seiner damit einhergehenden Mystik auch eine ganz eigene Würze.

Doch kommen wir nun zu den eigenartigen Menschen, von denen dieses Büchlein handelt und lebt. Was wir über diese lesen, geht mitunter sehr weit über die objektive Wahrheit (mal angenommen, es gäbe diese überhaupt ) hinaus. Oft greifen Vorurteile der Mitmenschen, vom Neid böse beeinflusstes Getratsche und hinterwäldlerische Unkenntnis der Welt in die Geschehnisse mit ein. So erfahren wir, dass die 59-jährige Uhlig-Trulla, von einem Bären geschwängert, bis ins hohe Alter hinein trächtig bleibt ohne je zu gebären, wir lesen davon, wie die kleine Zschiedrich-Lotte von den alten Weibsen des Spinnhauses gequält wird, erleben mit, wie deren Tochter viele Jahre später pilzvergiftet eingeht und werden in die vielfältigsten Verstrickungen, die 2 furchtbare Weltkriege mit sich bringen, verwickelt. Es war ein schweres Leben, das die „armen Leit“ hier fristeten. Doch wenn dann Weihnachten herankommt, ahnt man etwas vom Besonderen der erzgebirgischen Adventszeit. Wenn die drei ältesten Weibsen des Spinnhauses ihre herrlich feuchten und zentimeterdick mit Zucker und Butter bestrichenen Stollen auf dem Schlitten ins „Rilpsstübel“ bugsieren, kommen auch in mir kindliche Erinnerung an abendliche Spaziergänge durch lichterbogenerleuchtete Straßen und knirschenden Schnee zum Vorschein. Dann schmecke ich das Weihnachtsgebäck förmlich und werde friedvoll.

Denn wenn ich an die Menschen und ihre Eigenarten in dieser seltsam rückständigen Region denke („Jaja, die Neecher sinn itze ieberall“) fällt mir das Versöhnliche nicht immer leicht. Auch heute noch ist es hier unabdingbar, dass die Fenster jederzeit blitzeblank geputzt sind (damit man die Nachbarn immer gut beobachten und über sie lästern kann), der Grabstein der teuerste ist und man im Advent in jedem Fenster einen Schwibbogen stehen hat. Wehe dem, der sich diesen Gesetzen widersetzt!
Doch kommt dann die Weihnachtszeit heran, wird für kurze Zeit alle Missgunst zur Seite geschoben: „Einmal im Jahr rückte man hierorts so zusammen, dass man glauben wollte, nur für diese Stunde zu existieren“.







Mittwoch, 7. November 2012

Tausend strahlende Sonnen – Khaled Hosseini


Wegen des Titels habe ich mir diesen Roman bestimmt nicht ausgeliehen, der passt weder zu mir noch zu dem vorliegenden Buch. Nein, es war der mir geläufige Name des Autors, der mich zugreifen ließ. Wer kennt nicht den anrührenden Film „Drachenläufer“, der nach einer Vorlage von Hosseini entstanden ist und der auch mich wirklich stark bewegt hat?

Der Plot ist ein ähnlicher, spielt die Handlung doch zur gleichen Zeit im selben Land (und zwar Afghanistan). Allerdings wird hier nun die Geschichte des Landes im Gegensatz zum Drachenläufer aus der Sicht zweier Frauen erzählt. Und die haben wahrlich nichts zu lachen!

Zum einen lesen wir von Mariam, einem unehelich geborenen Kind, das zusammen mit seiner verbitterten Mutter vom Erzeuger in eine winzige Hütte außerhalb eines kleinen Dorfes abgeschoben wird. Schließlich hat der reiche Jalil bereits drei rechtmäßige Frauen und wollte sich womöglich den vierten und damit letzten Platz in seinem Bett sicherheitshalber noch freihalten. Man weiß ja nie, wer einem noch so über den Weg läuft. Einmal pro Woche besucht der Vater das Kind, spielt mit ihm und beschenkt es mit kleinen aber für das Mädchen unheimlich wertvollen Dingen und erkauft sich damit die Liebe der Tochter. Den Hass der Mutter hatte er sich schon vor langer Zeit unwiederbringlich zugezogen. In eine Schule darf Miriam nicht gehen, auch das Haus ihres Vaters kennt sie nicht. Ihrem größten Wunsch, einmal gemeinsam mit ihren Halbgeschwistern in dessen Kino zu gehen, kann Jalil aufgrund der  geltenden Normen nicht nachkommen und so läuft das Mädchen schließlich als 15-jährige das erste Mal alleine ins nahe gelegene Herat. Doch der Vater lässt sich verleugnen und Miriam vom Fahrer zurück in die ärmliche Hütte bringen. Dort hat die Mutter ihre Drohung wahr gemacht und sich an einem Baum erhängt. Also hilft es alles nichts, das Mädchen zieht vorübergehend ins Haus des Vaters, wird aber kurzerhand an einen 30 Jahre älteren Kabuler Schuhmacher verheiratet. Was sie in Raschids Haus und Bett nun zu erdulden hat, reicht allein schon für ein Drama erster Güte. Mit jeder Fehlgeburt verschlimmert sich Miriams Situation, schlimmste Gewalt wird Alltag und der letzte Rest Hoffnung schwindet zusehends aus ihrem Leben.

Spielend leicht schafft es Hosseini, uns in das dunkle Haus zu entführen, die düstere und bedrückende Stimmung selbst zu erleben und Miriams unglaubliche Hoffnungslosigkeit am eigenen Leib zu spüren. Man sollte daher das Buch nicht unbedingt an einem grauen Novembertag lesen sondern am Besten in der Sonne am Meer, damit man, was Miriam leider nie vergönnt war, hin und wieder den Blick schweifen lassen und in die paradiesische Realität zurückkehren kann. Denn im zweiten Teil des Buches wird uns nun die politische Situation des Landes mit all ihren Kriegen, Märtyrern, Königen, Präsidenten und falschen Hoffnungsträgern näher gebracht. Dieser Abschnitt beinhaltet eine sehr kurzweilige Abhandlung über die jüngere Geschichte Afghanistans, die anhand von Leila und deren kabuler Mittelstandsfamilie aufgezeigt wird. Ende der 80er Jahre erkennen die Russen, genauso wie einige Zeit vorher die Amerikaner in einem anderen asiatischen Land,  dass der Krieg gegen die Bevölkerung nicht zu gewinnen ist. Schlimm nur, dass die Abwesenheit der russischen Soldaten einher geht mit der Abwesenheit von Recht und Ordnung. Einschlagende Raketen, Mord und Totschlag, aufgeschlitzte Kehlen und Vergewaltigungen sind über einen mehrere Jahre andauernden Zeitraum an der Tagesordnung. So gesehen ist es vollkommen verständlich, dass sich die Menschen darauf freuen, dass die sich gegenseitig auf dem Rücken der Zivilbevölkerung bekämpfenden Warlords endlich durch die islamistischen Bartträger auf ihren roten Toyota Pickups vertrieben werden. Parallelen zur islamischen Revolution im Iran, die dem Abdanken des tyrannischen Schahs folgte, werden erkennbar, weil man wirklich nachvollziehen kann, wie sich die Menschen erst auf die Vertreibung der Russen, später auf die der Mujaheddin und die anbrechende neue Zeit freuen. Doch jedes Mal werden sie mit ihren falschen Hoffnungen enttäuscht und es kommt noch viel schlimmer. Liest man die Liste der neuen Verordnungen und Gesetze, die die Taliban kurz nach ihrer Machtübernahme veröffentlichen, kommen dem Leser unwillkürlich die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte mit ihren grausigen Rassengesetzen in Erinnerung. Nachdem erst Tarik, Leilas Jugendfreund und heimliche Liebe, ins Exil gegangen ist, packt nun schließlich auch deren Familie die Koffer. Doch leider schlägt kurz vor der Abfahrt eine Rakete ins elterliche Haus und von der Familie bleibt nichts übrig, als ein verletztes und verwaistes 14-jähriges Mädchen. Welches fortan von Miriam gesund gepflegt wird. Und von Raschid geehelicht. Denn dieser will unbedingt noch einen Sohn zeugen, hatte er doch weit vor der Hochzeit mit Miriam im Suff seinen verloren. Das erste Kind, das Leila auf die Welt bringt, ist nun aber ein Mädchen. Und es ist das Abschiedsgeschenk vom geliebten Tarik. Was Raschid zwar nicht weiß aber doch bald ahnt. Mit zielstrebigem und hartnäckigem Einsatz kommt dieser dann doch noch zu seinem Sohn, und wir müssen staunend feststellen, dass dieses Monster doch zu Gefühlen fähig ist, die irgendwie mit Liebe verwandt sind, die er natürlich ausschließlich seinem Jungen angedeihen lässt.

Wie es im Land nach Nine eleven weiterging, das wissen wir alle. Doch was die Zeit mit der mittlerweile 5-köpfigen Familie anstellte, das wird an dieser Stelle nicht en détail verraten. Es sei lediglich der Hinweis gestattet, dass die Lebenssituation der beiden Frauen, die lange brauchten, um sich einander anzunähern und schließlich herzlich zu befreunden, nicht bunter sondern eher grauer und schwärzer wurde. Zumindest bis zum finalen Höhepunkt der häuslichen Gewalt, nach dem sich dann die Wege der Familienmitglieder trennen. Allerdings bringt diese Freundschaft der Leidensgenossinnen auch einige lichte Momente mit sich. Erstmals seit dem Tod ihrer Mutter vor ca. 20 Jahren hat Miriam mit den Kindern und Leila wieder Menschen an der Seite, denen sie nicht ängstlich aus dem Weg gehen muss sondern die ihre Liebe zu schätzen wissen und dieser dadurch ein paar kurze Glücksmomente schenken, von denen sie schon ewig nicht mehr geträumt hatte. Bis dahin war sie von der Einsicht geprägt, „dass die Liebe ein gefährlicher Fehler ist und ihre Komplizin, die Hoffnung, eine trügerische Illusion“. 

Für uns hier, die wir uns nicht im Ansatz das düstere Leben von zwangsverheirateten Frauen in einer solch extrem patriarchischen Gesellschaft vorstellen können, mag dieser Satz zynisch klingen. Für die Frauen, die in ständiger Angst vor Gewalt, physischem und psychischem Schmerz leben müssen und die nicht einmal allein auf die Straße gehen können, ist jedoch die Aufgabe aller Hoffnung ein notwendiger Schutzmechanismus, um nicht zu Grunde zu gehen. Andererseits wird nur durch Hoffnung Veränderung möglich. Und diese wünsche ich diesem gequälten Land, seinen gequälten Menschen und vor Allem allen unterdrückten Frauen dieser Welt. Amen!

Freitag, 2. November 2012

Der Garten Eden – Ernest Hemingway

Genau dort, im Paradies, befindet sich unser Held. Man lehne sich in seinem Sessel zurück, schließe die Augen und stelle sich folgendes Situation vor: Es ist Sommer im Südfrankreich der 20er Jahre. David, ein amerikanische Schriftsteller, verbringt einen nicht enden wollenden Urlaub an unterschiedlichen Orten am Mittelmeer und zwar zusammen mit seiner unglaublich schönen und sexuell aktiven jungen Frau Catherine. Gleich nach dem Aufwachen lieben sich die Beiden, dann wir gut gegessen, an einer einsamen Bucht nackt geschwommen und sonnengebadet, dann werden die ersten Drinks gemixt, anschließend folgt die Siesta, die meist ebenfalls mit sexueller Aktivität eingeläutet wird. Am Nachmittag fahren die Beiden mit ihren Bugatti ins noch nahezu jungfräuliche, natürliche Cannes (oder eine beliebige andere Mittelmeerstadt), trinken in einem niedlichen Cafe ein paar weitere Drinks um dann zurück zu ihrer romantischen Unterkunft zu fahren, wo wieder gemixt, gegessen und gevögelt wird, was das Zeug hält. Finanzielle Sorgen ist David seit seiner Hochzeit los, einerseits, weil er reich geheiratet hat, andererseits, weil sein eben veröffentlichter Roman sich richtig gut verkauft. Wenn es den beiden so gefällt, packen sie ihre Sachen und fahren weiter; bis nach Madrid führt sie ihr kleiner Sommerausflug. Wenn David Lust und Muse dazu verspürt, schreibt er ein paar Stunden, schließlich freut sich Catherine auf den Bericht dieses gemeinsam verbrachten paradiesischen Sommers. Es ist in der Tat der sprichwörtliche Garten Eden, in dem sich die beiden befinden und es juckt mich, der ich auch gern schreibe, es den beiden gleich zu tun und einen ganzen Sommer auf eben diese Weise zu verbringen wie sie.

Doch wissen wir aus der Erfahrung und der Literatur, dass in jedem Paradies die Schlange ihre Verführungskünste einsetzt und ihr Unwesen treibt, auch wenn sie oft mit einer cleveren Tarnung daher kommt, damit wir ihr so vertrauen wie der Schriftsteller seiner dunkel gebräunten und unverfroren hell gefärbten Frau. Die verbotene Frucht ist im Fall der beiden Frischvermählten denn auch kein schnöder Apfel sondern sieht viel appetitlicher aus: Ein wunderschönes Mädchen (noch dazu stinkreich) gesellt sich auf Bitten und Drängen der unersättlichen Catherine zu dem glücklichen Paar, damit dieses noch ein wenig glücklicher werde. Der Traum der meisten Männer scheint für David nun mit dieser ménage à trois in Erfüllung zu gehen, auch wenn dieser sich anfangs noch sehr schwer damit tut und (wie dumm muss man sein!) dagegen wehren will. Doch weiß Catherine all ihre Wünsche gegenüber ihrem Gatten durchzusetzen und so zieht „Die Erbin“ kurzerhand mit in das kleine, abgelegene Hotel, in dem keine weiteren störenden Gäste anwesend sind. Praktischerweise verfügt Davids Arbeitszimmer über eine Tür zu dem von Marita, und so lässt er sich erweichen und tut seiner Frau den Gefallen, aller zwei Tage die Betten zu wechseln. Schnell findet er Gefallen an der ihn abgöttisch liebenden jungen Frau, welche vorher bereits mit Catherine für eine Nacht das Bett geteilt hatte, womit diese sich einen langjährigen Traum erfüllen konnte. Kaum hat er das Mädchen ein wenig genauer kennen gelernt, erliegt er einem Gefühl, welches wir wohl alle kennen und an das wir uns sehnsüchtig seufzend gern selbst zurück erinnern. Als sie einmal kurz die Bar verließ, sah er ihr Glas und „…nahm es in die Hand, hob es an die Lippen, und als es seine Lippen berührte, merkte er, dass ihn das erregte, weil es ihr Glas war.“

Doch leider, leider: Auch in dieser von beiden Frauen genau so gewünschten Dreiecksbeziehung zeigen sich schnell die ersten Risse. Catherine stichelt und stänkert immer wieder, doch meist geht es ihr dabei gar nicht in erster Linie um „Das Mädchen“, wie Marita meist genannt wird. Der Leser versteht genau so wenig wie die 3 Beteiligten, was genau Catherine stört, war sie es doch, die dieses Abenteuer zu Dritt initiiert und eingefädelt hat. Als dann das erste Mal von einem eidgenössischen Arzt die Rede ist, zu dem David seine Frau begleiten möchte, ahnt man, dass diese von einer psychischen Krankheit betroffen sein könnte, die Siegmund Freud vielleicht als Hysterie bezeichnet hätte. Oder hieß das Nymphomanie? Wahrscheinlich war es Keines von Beidem oder Beides in Einem doch überlassen wir die genaue Diagnose den Psychiatern. Wir erfahren also auch bei dieser Frau nicht, was in ihr vorgeht, was sie antreibt, warum sie so handelt und ob sie überhaupt von einer Krankheit heimgesucht wurde. Immer wieder bereut sie ihre bösen Worte und mutiert wieder zu der verständnisvollen, liebenden und charmanten modernen Frau, die sie zweifelsohne ist.

Beneiden kann man David dennoch, nicht nur um seine erotischen Erlebnisse sondern auch um seine Einstellung zu dieser von der Gesellschaft abgelehnten und von den Meisten als unmöglich erachteten Konstellation, nämlich der gleichwertigen und gleichzeitigen Liebe zu zwei verschiedenen Menschen: „Er dachte ganz arglos an die Beiden, ohne irgendwelche Probleme mit Liebe oder Zuneigung oder Verpflichtungen zu wälzen oder über Geschehens oder Zukünftiges, über gegenwärtige oder zukünftige Schwierigkeiten nachzudenken, sondern er dachte einfach nur, wie sehr er sie vermisste.“

Auch hat mich fasziniert (und damit auf den Boden der Realität zurück geholt), dass nicht erst in unserer von sexueller Medienflut bestimmten Gesellschaft die Hauptantriebskraft für die meisten Handlungen der meisten Menschen direkt oder indirekt von sexuellen Wünschen und Begehrlichkeiten hervorgebracht wird. Nein, auch schon vor 100 Jahren und höchstwahrscheinlich schon seit wir in Höhlen um das Feuer herum hockten, war und ist die (körperliche) Liebe die stärkste, wenn auch nicht die einzige Antriebskraft für uns Menschen, auch wenn uns das vielleicht nicht immer so bewusst ist. Nur fühlen wir uns heutzutage viel offener und experimentierfreudiger als wir es unseren Vorfahren zugestehen – was mitnichten zutreffend ist, wie sich hier wieder einmal zeigt.

Unseren Schriftsteller scheint die freie und oft praktizierte Liebe im sommerlichen Südfrankreich zu neuen Glanzleistungen zu animieren. Er unterbricht seinen Bericht über dieses Sommerabenteuer und schafft es, mehrere Stories niederzuschreiben, die er schon lange mit sich herumträgt. Ein weiterer Beweis für die Schaffenskraft sexueller Energie. Und ein weiterer Beweis für Hemingways Genialität (der sich durch diesen posthum veröffentlichen Roman wohl in David ein Denkmal geschaffen hat). Es gelingt den beiden Männern, uns in kürzester Zeit von der warmen Steinterrasse des Sommerdomizils ins heiße Afrika und zurück zu beamen. Hier nämlich handelt die gewichtigste seiner Kurzgeschichten: Zusammen mit seinem Vater hatte der kleine David dort an einer detailliert nachzulesenden Elefantenjagd teilgenommen, welche inklusive Ausflüge in die kindliche Gefühlswelt äußerst spannend und unglaublich plastisch nacherzählt wird. Wie hierbei die Gedanken des jungen Elefantenjägers und des erwachsenen Schriftstellers fein ineinander gewoben wiedergegeben werden, zeugt von der wahren Kunst des Schreibens.

Dumm nur, dass Catherine in einem neuerlichen Anfall nicht nur die Rezensionen über Davids kürzlich veröffentlichtes Werk verbrennt (ein Frevel an sich, entwürdigt sie hierdurch doch die Zunft der Kritiker!). Nein, sie macht auch vor den gerade abgeschlossenen Stories nicht halt und lässt nur den begonnenen Reisebericht übrig. Diesen zu veröffentlichen ist nunmehr ihre vordringlichste Aufgabe und sie legt sich ordentlich ins Zeug, wofür wir ihr sehr dankbar sein können, halten wir ihn doch gerade jetzt in unseren Händen.

Nun tut sich der Kritiker natürlich ein wenig schwer, den berühmten Nobelpreisträger Hemingway auch wirklich zu kritisieren. Ansatzpunkte fände er schon einige: So fühlt sich der Roman zumindest in der ersten Hälfte teilweise ein wenig langatmig an und die meiner Meinung nach zu häufig benutzten französischen Vokabeln tragen Ihres dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Zumindest für Menschen ohne frankophonen Hintergrund dürfte so manche Passage recht unverständlich bleiben. Doch sei’s drum: Auch wenn über weite Strecken nicht viel mehr zu lesen ist als ein Bericht über Schwimmen, Essen, Ficken und Saufen, so sollte man immer bedenken, dass es im erträumten Garten Eden nun einmal genau so zugeht. Wozu die Geschichte also unnötig aufblähen? Zumal einige Dialoge wahrhaftig großartig sind. Immer wieder ist es überaus beeindruckend, die Wortwechsel zwischen Catherine und David mitzuverfolgen. Dessen unglaubliche emotionale Beherrschung gegenüber seinem Teufel (wie er seine Frau zu Recht von Anfang an immer wieder nennt, ohne zu ahnen, wie treffend diese Bezeichnung wirklich ist) sollte uns allen als Beispiel für edle  Konversation dienen. Selbst nach wüsten Beleidigungen und sogar unmittelbar nach der erschütternden Erkenntnis, dass all seine Stories unwiederbringlich verloren sind, begegnet David der Zerstörerin mit einer solchen Ruhe und Nonchalance, wie sie wohl keiner von uns in einer ähnlichen Situation aufbrächte.

Erneut hat mir übrigens ein Hemingway allerhand wertvolle Ratschläge zum Schreiben vermittelt. Während sich David beim Schreiben immer wieder in die Zeit der Jagd mit seinem übermächtigen Vater hineinversetzt, lässt er uns auch an seinen Gedanken hinsichtlich des Niederschreibens von Vergangenem teilhaben. Doch wer diese Tipps nun aufsaugen und für sich selbst verwendet möchte, sollte „Der Garten Eden“ lieber selbst zur Hand nehmen. Dieser Ratschlag gilt natürlich auch für alle, die es interessiert, ob und wie die Geschichte von David und seinen beiden hübschen Frauen nun ausgeht.