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Mittwoch, 25. Juli 2012

Winter im Sommer – Frühling im Herbst – Joachim Gauck

Auch wenn politische Literatur nicht zu meinen Favoriten gehört – immer mehr eigne ich mir die Meinung an, dass mir Politiker und das, was sie tun, gestohlen bleiben kann – so stufe ich diese Autobiografie unseres Bundespräsidenten als wirklich lesenswert ein. Authentisch ist sie insbesondere deshalb, weil sie zwei Jahre vor seiner 2012 erfolgten Wahl zum Staatsoberhaupt fertiggestellt wurde und daher keinerlei Rücksichten auf das Amt nehmen musste.

Idyllisch war zwar der Ort, an dem Gauck aufwuchs (ein kleines Dorf auf der Halbinsel Darß) aber nicht die Zeit, in der er dies tat. Geboren im Kriegswinter 1940 gehört er dem gleichen Jahrgang wie mein Vater an, hatte aber am Ende des Krieges nicht so viel Glück mit seinem Erzeuger wie meiner mit seinem. Mein Großvater hatte es nämlich irgendwie geschafft, in den letzten Kriegstagen ganz nah seiner Heimatstadt zu desertieren, wodurch ihm die Kriegsgefangenschaft erspart blieb. Nicht so der alte Gauck, der für ein Jahr unter englischem Kommando ehemalige polnische Kriegsgefangene per Schiff zurück in ihre Heimat schaffen musste. Nicht das schlimmste Los, wie er nur einige Jahre später erfahren musste, als er 1951 völlig grundlos verhaftet und in ein russischen Gulag gebracht worden war. Dieses Ereignis und die dadurch geprägte Kindheit als „Sohn eines Verräters“, obwohl der Vater überhaupt keinen Verrat begangen hatte und ihm nichts wirklich Staatsfeindliches zur Last gelegt werden konnte, sind sicherlich die  wichtigsten Ursachen für Joachim Gaucks spätere Einstellung gegen die sozialistische DDR. Wer einem Kind grundlos den Vater nimmt, kann nicht am Wohle der Familie und an einer besseren Welt interessiert sein. Gaucks Eltern waren schon Mitläufer im Nazi-Deutschland und begeistert von den Ideen des Führers, was nicht im Mindesten verleugnet oder ausgespart wird, aber es wird glaubhaft klar gemacht, dass sie während des Nationalsozialismus weder Entscheidungsträger waren noch irgendwelche andere als die Kollektivschuld auf sich geladen haben.

Zwei Jahre schuftet Vater Gauck im sibirischen Gulag und erfährt dort, während er die gefrorene Scheiße unter dem Donnerbalken entfernt, vom Tode Stalins. Als er dann endlich wieder nach Hause kommt, bringt aber natürlicherweise seinen Groll gegen diese Form des Sozialismus/Kommunismus mit und pflanzt damit sicherlich das Pflänzchen, dass dem Sohn später zum mutigen Bürgerrechtler machen wird. Eindrücklich erzählt Gauck von der Schizophrenie des DDR-Alltags und den zwei Gesichtern, die fast jeder Systemkritische mit sich herum trug. Das, welches man in der Schule oder im Betrieb zur Schau trug und das „wahre“, das sich nur im privaten Raum zeigen konnte. Und er erzählt anhand mehrerer Beispiele von den vielfältigen Problemen, die man bekam, wenn man genau das nicht tat und sich der Anpassung verweigerte. Auch der junge Gauck war, so erzählt er mehrfach, ein recht aufmüpfiger Schüler und ziemlich frecher Jüngling, der es seinen Lehrern sicher nicht immer einfach machte (was er letztendlich mit ihnen gemein hatte). Auch ich habe während meiner sozialistischen Schulzeit an mir selbst und in meinem Umfeld festgestellt, dass der staatliche verordnete Antifaschismus uns nicht erreicht und bei Manchem vielleicht sogar das Gegenteil hervorgerufen hat. Wir wurden, so schreibt Gauck, immun gegen die Aussagen von Anna Seghers‘ „Das siebte Kreuz“ oder gegen den Märtyrertod von Ernst Thälmann. „Wenn Falsche das Richtige sagen, wird leicht auch das Richtige falsch“.

Vor dem Mauerbau bereiste Gauck bereits den Westen und fuhr sogar bis nach Paris. Aber immer wieder kehrte er gern nach Hause zurück. „Meine Heimat liebte ich seriös, meinen Westen wie eine Geliebte“, was mit Sicherheit nicht abwertend gemeint ist. Wenn er seinen mittlerweile in einer Westberliner WG lebenden Cousin besuchte, ging Gauck oft mit Freunden dort ins Kino. Niedlich, wie er schreibt, dass viele Ostdeutsche zur Legitimation ihren FDJ- oder Pionierausweis vorlegten, weil sie dadurch die Eintrittskarte mit Ostgeld erwerben konnten.

Nach dem Mauerbau „…nistete sich die Sehnsucht in unsere Herzen ein. Der Westen war wie eine Frau, die man als Siebzehnjähriger auf den Sockel hebt und anbetet. Da können Jahrzehnte und Jahrhunderte vergehen, ihre Schönheit bleibt erhalten.

So wie ich noch heute regelmäßig von Neuseeland träume, träumte Gauck oft vom Westen, was bei ihm immer ein Gefühl der „totalen Erleichterung und Entlastung“  hervorrief. Wie es ihm wohl ging, wenn er dann am Morgen nach solch einem Traum in seiner DDR-Gefängnis aufwachte? Ich habe heute (theoretisch zumindest) die Möglichkeit, mich in den nächsten Flieger nach Auckland zu setzen, für ihn wie für die anderen 17 Millionen DDR-Bürger war es undenkbar, seine Freund im nahegelegenen und doch so unendlich weit entfernten Westberlin zu besuchen. Natürlich, und das gibt Gauck auch unumwunden zu, wurde in diesen Träume der Westen total verklärt, was bei Zusammenkünften mit dort Lebenden häufig zu Kontroversen führte, „… in denen wir DDR-Bürger den Westlern den Westen erklärten und sie uns den Sozialismus“.

 Warum Joachim Gauck sich als junger Erwachsener entschließt, Theologie zu studieren, bleibt zwar ein wenig im Ungewissen, dass es anscheinend aber die richtige Entscheidung für ihn war, kann man im Folgenden nachlesen. Die erste Pfarrstelle in einem kleinen mecklenburgischen Dorf ist für die Familie Gauck mit ihren 3 kleinen Kindern ein richtiges Paradies, zumindest im Sommer: Ein kleines Pfarrhaus mit einem großen Garten in friedlicher Umgebung, in der die Kinder tun und lassen konnten, was sie wollten und in dem Joachims Frau Hansi fast alles anbaute, was die Familie zum Leben brauchte. Manch ein Besucher war zwar über die primitiven Lebensbedingungen entsetzt, insbesondere wenn er im Winter zu den Gaucks kam. Doch scheint es, zumindest in den Erinnerungen des in die Jahre gekommenen Familienvaters, ein schönes, wenn auch bescheidenes Leben gewesen zu sein. Dass der Herr Pfarrer den Scheißeimer der ganzen Familie selbst im Garten entsorgen musste, hat ihn scheinbar kaum angefochten. Irgendwie finde ich es eine sehr amüsante Vorstellung, dass unser Herr Bundespräsident vor noch gar nicht einmal so langer Zeit solch niedrigen Tätigkeiten nachgegangen ist. Wenn das die Adligen, Botschafter und Staatsoberhäupter dieser Welt wüssten, die Gauck heutzutage in seiner Residenz bewirtet und die ihre verwöhnten Ärsche im pikfeinen Schlossklo entleeren…!

Keiner dieser illustren Gäste kann sich wahrscheinlich auch vorstellen, wie das Leben der Gaucks dann im Rostocker Neubaugebiet Evershagen aussah: Das Wohnzimmer der Plattenbauwohnung war gleichzeitig das Arbeitszimmer des Pfarrers, der Weg zu ihr war nicht mit roten Teppichen ausgelegt sondern schlammig und dreckig wie ein Trampelpfad im Dschungel während der Regenzeit, und eine Kirche zum Predigen gab es auch nicht. Welch schwere Umstellung für die natur-verwöhnte Familie! Gauck lief hier von Wohnung zu Wohnung, um zugezogene Lutheraner zu finden und für die Idee einer eigenen Gemeinde zu begeistern, wobei er streng auf seine Wortwahl achten musste, um nicht mit den zahlreichen Parteimitgliedern anzuecken oder sich strafbar zu machen. Doch schaffte er es mit der Zeit in dieser kirchenfeindlichen Umgebung, einige Leute um sich zu scharen und baute die für so viele Jugendliche zur wichtigsgten Anlaufstelle werdende Junge Gemeinde auf. Dort scheint er außerordentlich beliebt gewesen zu sein, so dass er zum Stadtjugendpfarrer aufstieg.

In dieser Funktion kam Gauck natürlich mit vielen Jugendlichen in engen Kontakt, die Probleme mit dem Staat hatten und unterstützte diese mit vielerlei Tipps und praktischer Lebenshilfe. Seine Kinder, die bis auf die kleine Nachzüglerin nach und nach alle in den Westen wollten, nahmen es ihm übel, dass er sich für verhaftete Oppositionelle beim damaligen Bundespräsidenten Weizäcker einsetzte, damit diese von der Bundesrepublik aus dem Gefängnis freigekauft würden, während er seine Söhne nicht in ihren Bemühungen, das Land zu verlassen, unterstützte. Was wieder einen beeindruckenden Charakterzug Gaucks offenbart, nämlich die Selbstlosigkeit, sich selbst und seiner Familie durch seine Beziehungen nicht besser zu stellen als diejenigen, die dieser Hilfe noch mehr bedürfen. Wer kann das schon? Dennoch reisten die beiden Jungs Mitte der 80er Jahre in den Westen aus und auch die große Tochter verließ schließlich wegen der Liebe das Land.

Sehr schön aufbereitet lesen wir von Zusammenkünften westlicher und östlicher Pastorenkollegen. Mit einem Abstand von über 20 Jahren kann man heute dem bayerischen Pastor fast sogar ein wenig Recht geben, der sich echauffiert, wenn die Ossis sich über Honecker beklagen, schließlich hätten sie den Franz-Joseph Strauß, einen richtig korrupten Politiker. Dagegen sei der ostdeutsche Regierungschef doch wirklich harmlos. Was zwar nicht ganz stimmt aber dennoch eine niedliche Darstellung der unterschiedlichen Blickwinkel aufzeigt. Und obwohl Gauck während solcher Diskussionen oft eine Entfremdung zwischen den Kollegen feststellte, erklärt er damit auch sehr eindrücklich das Paradoxon, was auch mich in der Wendezeit und darüber hinaus bewegt hat, nämlich dass breite Kreise (in der ostdeutschen evangelischen Kirche) links wurden, obwohl sie mit der angeblich linken Regierung ihres Landes im Clinch lagen. Warum sollten wir gegen die sozialistische Idee sein, wenn ein zukünftiger, besserer Sozialismus die Menschen- und Bürgerrechte gewähren und wirkliche Freiheit für jeden Bürger ermöglichen würde? Schließlich beinhaltet das marxistische Zukunftsideal  auch Züge eines Glaubens und ist der christlichen Lehre mit seiner Idee von  Solidarität und Miteinander oft näher als der egoistische, unsoziale Kapitalismus. Das Sympathische und Wahrhaftige an Gauck ist, dass er selbstkritisch eingesteht, der intellektuellen Verführung einer radikalen Kritik am Kapitalismus und dem Glauben an eine positive Zukunftsvision auf dem Weg zur vollendeten (sozialistisch-kommunistischen) Gesellschaft erlegen zu sein.

Dass er im Jahr 2012 mit dieser abschätzigen Beurteilung des real existierenden Kapitalismus und der Hoffnung auf ein kommunistisches Deutschland kaum Bundespräsident hätte werden können, versteht sich von selbst. Sehr glaubhaft und für mich auch irgendwie versöhnlich begründet Gauck, wieso er schon während der Wendezeit, die er mit stimmigen Erklärungen als Revolution definiert und an der er in seinem Einflussbereich maßgeblich beteiligt war (auch wenn die Mecklenburger mit ihren späten Demonstrationen ein wenig hinterherhinkten, was aber ganz einfach dem Charakter der dort lebenden Menschen geschuldet ist), schnell auf die Seiten derer wechselte, die eine Verbesserung der existierenden Gesellschaftsordnung als unrealistisch einschätzte. Stattdessen wusste Gauck sehr frühzeitig, dass nur durch eine Vereinigung mit der Bundesrepublik die Massenabwanderung aus Ostdeutschland zu beenden sei und die Verbesserung der Lebensverhältnisse möglich wäre. Wie wütend war ich selbst, als kurz nach dem Einläuten des friedlichen Umbruchs auf den Leipziger Montagsdemonstrationen die Deutschlandfahne auftauchte und die Wiedervereinigung gefordert wurde! Im Nachhinein und mit den Ausführungen des ehemaligen Bürgerrechtlers Gauck nun vertraut, muss auch ich zugestehen, dass die schnelle Vereinigung damals wohl der einzig gangbare Weg gewesen ist. Was natürlich nicht heißt, dass man die hierbei gemachten Fehler nicht geißeln, die dadurch offenkundig gewordene plumpe Annäherung vieler Ostdeutscher an nationalistische Ideen nicht ablehnen und bekämpfen sollte! Gauck überzeugte viele Mitstreiter im Neuen Forum davon, dass man nicht Lehrer des Volkes sei sondern in erster Linie Teil des Volkes (welches nun einmal in der Mehrheit die Vereinigung herbei sehnte). Er spricht von einem Wachstumsprozess, den die Bürgerrechtler begleiten und mitbestimmend prägen sollten, wobei „beide Teile der Nation dabei je eigene Teile zu erlernen und zu verlernen“ haben werden. Was bis heute ein Großteil der Deutschen nicht begriffen hat.  Über das Neue Forum kam Gauck zum Runden Tisch, obwohl für ihn der nun von Seiten des Staates gewünschte Dialog überflüssig, weil viel zu spät gekommen war. Über den Runden Tisch und die erste freie Wahl in Ostdeutschland seit 1933 wurde Gauck als Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen in die letzte DDR-Volkskammer und wurde dort dann zum Vorsitzenden des Ausschusses für die Auflösung der Stasi gewählt. Im Nachhinein ist es sicher eine logische Konsequenz, dass Gauck dann auch die Leitung der mit der Wiedervereinigung erschaffenen Behörde zur Stasiaufarbeitung übertragen wurde. Damals war es für ihn ein enorme Wertschätzung und gleichzeitig eine extrem herausfordernde Arbeit. Spannend ist es zu lesen, was Gauck und seine Mitarbeiter während der jahrelangen Arbeit alles aufdeckten und herausfanden. Unglaublich z.B., wie viele Pastoren und sogar Mitglieder der Kirchenleitung als Inoffizielle Mitarbeiter (IM’s) die Kirche und deren Mitglieder ausspionierten. Ich dachte immer, es gab einige Wenige, die sich hatten verführen lassen, nach der Lektüre von Gaucks Erinnerungen weiß ich nun, dass es eine nicht unbeträchtliche Anzahl war. Dass tatsächlich so viele Pastoren, Superintendenten und sogar Bischöfe auf den Gehaltslisten der Stasi standen hatte ich niemals für möglich gehalten. Sehr interessant sind dann auch Gaucks detaillierte Ausführungen zum Thema Stasi-Aufarbeitung und über die Tatsache, wie schwer es war, diese überhaupt durchzusetzen. Ich wusste nicht, dass fast die gesamte westdeutsche Politik-Elite einschließlich Helmut Kohl, die Meinung vertrat, dass es nicht notwendig bzw. sogar gefährlich sei, den Ausspionierten den Zugang zu ihren Akten zu ermöglichen. Doch führt Gauck anhand vieler Einzelbeispiele, darunter auch durch Betrachtungen der betreffenden Regelungen in anderen osteuropäischen Staaten, auf, warum das von der letzten DDR-Volkskammer so vehement geforderte und schließlich ein Jahr nach der Wiedervereinigung verabschiedete Stasi-Unterlagengesetz so wichtig und gut ist. Doch solange dieses Gesetz noch nicht verabschiedet und nur eine Übergangsregelung aus dem Einheitsvertrag gültig war, setzte sich Gauck mit eindrücklicher Konsequenz  für die erkämpfte Demokratie und deren Regeln ein. So verurteilte er beispielsweise die Besetzung der Stasi-Zentrale durch Bürgerrechtler im September 1990 sowie die (noch) nicht durch Gesetze gedeckte Aufdeckung der Spitzeltätigkeit des letzten DDR-Ministerpräsidenten De Maiziere, in dem er die uneinsichtigen Verantwortlichen von ihren Aufgaben in der Stasi-Unterlagenbehörde entband. Man kann durchaus Sympathie mit Bärbel Bohley und ihren Mitbesetzern empfinden und auch deren Einstellung, dass die Radikalität beibehalten werden müsse, teilen – mir liegt diese Meinung viel näher als Gaucks unbedingte Gesetzeskonformität. Aber eben weil er sich so vehement für die Einhaltung der nun geltenden Gesetze einsetzte und sich dafür mit seinen Bürgerrechtskollegen anlegte, hat er sich letztendlich als Bundespräsident qualifiziert. Auf das historisch gesehen wohl einmalige Stasiunterlagengesetz und die durch die Behörde (bis heute) geleistete Arbeit ist Gauck zu Recht stolz. Dass der Widerstand gegen diese Aufarbeitung aus unterschiedlichen Ecken der Gesellschaft kam, kann er nachvollziehbar erklären, wobei er die Argumente der Gegner gekonnt auseinander- und unter die Lupe nimmt. Immerhin, so lesen wir, hatte die bei uns praktizierte konsequente Aufarbeitung der Vergangenheit den Vorteil gegenüber der nach dem Krieg durchgeführten Entnazifizierung bzw. der in Tschechien ausgeübten Entkommunisierung, dass nicht alle IM oder Parteimitglieder aus öffentlichen Funktionen entfernt werden mussten. Je nach Schwere der Schuld durften Einige durchaus weiter im Schuldienst verbleiben oder, wie bei einem glaubhaft einsichtigen ehemaligen Stasioffizier, sogar in einer wichtigen Position innerhalb der Stasibehörde beschäftigt werden. Dieser differenzierte Umgang mit den Tätern hat sicherlich ganz entschieden zu einer Versöhnung im Land beigetragen, eben weil das Thema weder totgeschwiegen noch polemisch aufbereitet wurde. So kann es Gauck, seinen Mitarbeitern und den Mitkämpfern für die geordnete Offenlegung der Stasiunterlagen das Verdienst zugesprochen werden, dass es keinerlei Fälle von Selbstjustiz gegeben hat. Natürlich fordert Gauck immer wieder von den ehemaligen Spitzeln, dass sie sich klar zu ihren Taten bekennen, ihre Schuld eingestehen und um Vergebung bitten. Wo ihm dies widerfahren ist, konnte Gauck dann spontan einen ehemaligen Stasi-Zuträger umarmen oder durch den Plenarsaal auf einen anderen Spitzel zugehen um ihm die Hand zu reichen („nicht wegen damals, aber wegen jetzt“) . Dies zeugt von moralischer Überlegenheit aber auch von großer menschlicher Stärke.

Gaucks Bericht über ein von ihm selbst initiiertes Treffen mit einem Stasi-Hauptmann (selbstverständlich war hierbei ein Pastoren-Kollege anwesend, um jedweden konspirativen Eindruck von vornherein zu vermeiden), liest sich heutzutage süffisant. Wie er sich in diesen finsteren Zeiten mit dem Stasi-Typen anlegte, ringt mir indes größten Respekt ab. Gauck wirft dem MfS vor, „…dass der Staat stalinistische Züge aufweise, keine Kritik vertrage und die Freiheit des Einzelnen unterdrücke“ und beschwert sich darüber, dass selbst Minderjährige für Spitzeldienste angeworben werden. Dass er hiermit die Leute von Staat und Partei sicherlich nicht zum Umdenken bewegen könne, war ihm dabei natürlich klar. Jedoch, dieses Gespräch musste einfach sein, wie Gauck mit seiner einnehmenden Art resümiert: „Das Ganze war nichts als Selbstbefriedigung, absolut sinnlos, aber der ganze Groll und die tiefe Empörung mussten einmal aus mir heraus.“

Die heutzutage oft anzutreffende Ostalgie mit ihrem Credo: „Es war doch nicht alles schlecht am Sozialismus“  setzt Gauck gekonnt in Beziehung mit der von unserer Großelterngeneration oft hervorgebrachten Entschuldigung: „Es war doch nicht alles schlecht beim Führer“ und begründet beide Aussagen mit der tiefgreifenden Angst vor kritischer Selbstreflexion. Er vergleicht die gesellschaftliche Aufarbeitung der schweren Vergangenheit mit der individuellen Psychotherapie. In beiden Fällen gehe es nicht ohne Schmerzen ab, und so entlarvt er die durchaus nachvollziehbaren Gründe für die Nostalgie mit dem klugen Satz: „Ganz ohne politischen Missbrauch ist sie äußerst beliebt, aber es ist nicht die Dummheit, die die Menschen an ihr lieben, sondern es ist die Freiheit von Schmerz.“

Interessant ist auch die Einstellung des Pfarrers Gauck gegenüber der  „Kirche von unten“, also den Christenmenschen, die sich von der offiziellen Kirche nicht wirklich verstanden und vertreten gefühlt und die während der Kirchentage eigene Veranstaltungen organisiert haben. So hat er diese oft sehr engagierten Leute, die um etwas zu bewegen manchmal mehr riskiert haben als den Kirchenoberen recht war, integriert und den Skeptikern in seiner Landeskirche, die um das gute Verhältnis zum Staat besorgt waren, zugerufen: „Die etablierte Christen- und Bürgergemeinschaft muss wohl lernen, ihren Unruhestiftern zu danken. Schließlich wächst Hoffnung nicht aus Haben sondern aus Sehnsucht nach Sein, sie riskiert etwas und ist umgeben von Veränderung statt von Idylle.“

Sehr sympathisch, nachvollziehbar und ehrlich ist es, wenn Gauck von seinen Zweifeln im Glauben an Gott berichtet. Wie bringt man einer Braut bei, dass Ihr Verlobter am Tag der Hochzeit mit dem Motorrad tödlich verunglückte? Wie kann man in solchen Situationen, wie kann man nach Auschwitz überhaupt noch an Gottes Güte glauben? Gauck blieb in solchen schweren Situationen vor den Trauernden stehen mit den gleichen Fragen wie sie und ohne bessere Antworten, überfordert durch die Tragik der Ereignisse. Seine hier dargestellte Logik sollten sich alle Zweifelnden zu Eigen machen: Die Welt erklärt sich leichter mit Gott als ohne ihn. Die in diesem Zusammenhang vorgebrachte Definition von Glaube als neben-vernünftig spricht mich sehr an, weil sie den Glauben nicht als unvernünftig herabwürdigt (kein vernünftiger Mensch könnte demnach an Gott glauben) sondern aufzeigt, dass wir neben unseren vernünftigen Gedanken und Theorien über das Leben und die Welt dennoch an Gottes guten Plan glauben dürfen.

Zu guter Letzt sind Gaucks Erinnerungen auch an Plädoyer für die Freiheit und, hier spricht er mir aus dem Herzen, für die Freude an ihr. Trotz aller „alltäglichen Unzulänglichkeiten, Mängel und Fehler der Freiheit“ , die wir in der heutigen, nicht gerade perfekten Gesellschaft erleben und die uns stören, sollten wir sie frohen Mutes nutzen und uns der Tatsache bewusst sein, dass das Leben in einem demokratischen Staat etwas Besonderes ist, auch wenn uns dies nicht immer so bewusst ist. Er vergleicht diese Situation vortrefflich mit den Berichten der aus Leipzig, Borna und Bitterfeld nach Rügen gereisten DDR-Bürger, die den Inselbewohnern erst vor Augen führen mussten, welch außergewöhnliche Luft diese atmeten. Gauck erklärt, warum er auch heute noch gern die mitleidigen Blicke mancher Westdeutscher aushält, die ihn ob seiner beständigen Freude an der westlichen Freiheit für naiv halten: „Doch ich wollte und will mir jene warme und tiefe Zuneigung zur Freiheit erhalten, die wohl nur versteht, wer sich lange und intensiv nach ihr gesehnt hat und in ihr magnetisches Feld geraten ist.“

Und dennoch, auch einen Joachim Gauck befällt noch manchmal die Traurigkeit über den Verlust dieses intensiven Erlebens während der Zeit der Diktatur, das auf großer Freude, viel Wärme und Nähe begründet war, wie es dies wohl heute kaum noch gibt: „So holt sie mich jetzt manchmal ein, die Sehnsucht nach der Sehnsucht, die ihr Ziel verlor, als die erträumte Freiheit Wirklichkeit wurde“. Ob auch ein Bundespräsident Joachim Gauck in seinem schicken Schloss noch ab und an von dieser Sehnsucht befallen wird? Ich bin mir ziemlich sicher, dass dem so ist. Und deshalb gefällt mir dieser Mann auch und gerade als Präsident dieses Landes so gut! Ebenso gut wie seine Erinnerungen.

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