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Mittwoch, 11. Juli 2012

Das Leben der Wünsche – Thomas Glavinic


 Wie bekannt, wie schön, wie unrealistisch ist die Vorstellung, dass uns ein Unbekannter nach unseren geheimsten Wünschen fragt und uns anbietet, diese zu erfüllen. Wie gut, dass so etwas immer nur Märchengestalten, Buchhelden oder Filmfiguren passiert. Denn das, was Jonas in diesem Roman zustößt, wollen wir vielleicht dann doch nicht selber erleben. Auch wenn es auf den ersten Blick so verlockend klingt. Denn nicht die laut von ihm ausgesprochenen Wünsche werden Realität (Verstehen! Weltfrieden!) sondern seine innersten, dunkelsten. Und so dauert es gar nicht lange, bis in diesem sich anfangs sehr flott weglesenden Roman Jonas’ Frau Helen, tot in der Badewanne liegt. Nein, so hatte sich der in die ebenfalls verheiratete Marie verliebte aber bei seiner Familie mit den beiden wilden Jungs lebende Ehebrecher das nicht vorgestellt. Da können einem schon schnell die Haare zu Berge stehen, so wie dem nun alleinerziehenden Vater, der fortan die seltsamsten Begebenheiten durchlebt. Geschickt gemacht vom Autor: Anfangs begreift man gar nicht, dass Jonas’ während schlafloser Nächte erlebte Abenteuer mit dem nach Bier riechenden, unrasierten Fremden vom Anfang der Geschichte zusammen hängen. Genau wie Jonas geht dem Leser (und der geneigten Leserin) dann so ganz langsam ein Licht auf. Doch im Gegensatz zum Protagonisten, der versucht, die Gedanken gar nicht erst nicht zu denken, die seine Ausflüge ins Weltall, in Vergangenheit und Zukunft, in dunkle Wälder und auf hohe Berge vielleicht erklären könnten, dürfen wir uns ruhig im Sessel zurück lehnen und dem weitern Verlauf der Dinge harren. Welche sich recht abwechselnd gestalten: So machen dem durch den Tod seiner doch irgendwie geliebten Frau arg Gebeutelten nun sämtliche Damen seine Aufwartung mit eindeutigen Angeboten. Sogar sein (wahrscheinlich nie ausgesprochener) Wunsch von einem flotten Dreier geht in Erfüllung. Wenn auch nicht ganz in der Konstellation, wie Mann sich das im Allgemeinen und Geheimen wünscht. Dann erklärt ihm Marie in einem sehr schön geschriebenen Brief, dass ihre Liebesbeziehung eine Pause einlegen müsse (und das, wo er nun endlich ohne Lügen und sogar in der eigenen Wohnung mit Ihr zusammen kommen könnte). Doch da deren Mann sich völlig grundlos (wirklich?) dazu entscheidet, in einer Söldnertruppe zu kämpfen, dauert es nicht sehr lange und sie nimmt Jonas an die Hand, führt in zum Auto, in den ersehnten gemeinsamen Urlaub, ja, bis hin ins gemeinsame Paradies. Und was wünscht man sich wohl, wenn man dort mit seiner Liebsten angekommen ist…?

Was ist das für ein Typ, dieser Jonas? Warum geht er fremd, warum entscheidet er sich nicht für Marie und gegen seine Familie oder eben genau konträr? Leicht aber einfältig wäre es, ihn, der da fragt: „Ist man schuld an Gefühlen?“ vorschnell abzuurteilen. Denn es wird sehr schön beschrieben, welche Gefühle in ihm toben, wie sehr er Marie liebt und sich sicher ist, in ihr die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Aber auch (insbesondere nach dem Tod seiner Frau), was er an Helen fand, warum sie ihm nicht gleichgültig war: „Ich habe Dich lieb gehabt. So sind die Dinge. Jemanden lieb zu haben ist nicht gerade wenig. Aber vielleicht ist es zuwenig.“ Oder auch, was ihm seine beiden, oft sehr anstrengenden Jungs bedeuten. Wie hin- und hergerissen Jonas ist, welch gequälte Persönlichkeit. Nein, er ist kein unsympathischer Auswärtsficker und Frauenheld sondern ein Mann, der sich sehr wohl Gedanken um das Leben macht und dieses recht erfolgreich versucht, auf Fotografien festzuhalten, welche man förmlich sehen kann, wenn man von ihnen liest. Sehr einfallsreich und aufwendig ist seine seit 10 Jahren fortwährende Fotoserie, in der er sich einmal im Monat vor neutralem Hintergrund selbst ablichtet. Marie ist von diesem „Daumenkino“ total begeistert und auch ich überlege, ob ich mir diese Idee nicht aneignen sollte.

Obwohl Jonas alles hat, was er zum Glücklichsein braucht, und noch viel mehr, peinigen ihn die Gedanken an Marie, an die Liebe: „Antworten auf die Fragen des Lebens... hatte er schon immer in der Liebe gesucht... Ob es einen Gott gab, hatte ihn weniger beschäftigt als die Frage, ob ihn eine bestimmte Frau liebte und was er für sie empfand, denn die Antwort auf jene Frage konnte für ihn in dieser enthalten sein.“

Wenn nun der Rezensent am Ende seiner Ausführungen gebeten würde, den Daumen nach oben oder nach unten zu halten, es fiele ihm nicht leicht, sich zu entscheiden. Denn zugegebenermaßen hat ihn die Handlung nicht nur einmal überfordert, sind Fragen offen geblieben. Dies macht zwar einerseits ein gutes Buch aus, hingegen können zu viele Ungereimtheiten auch schnell zum Verdruss führen. Aber da hier nicht nur die interessante Geschichte eines Mannes erzählt wird, der unser Nachbar, unser bester Freund sein könnte, sondern zudem viele wichtige Lebensfragen gestellt werden, über die nicht nur Jonas grübelt,  bewegt sich der Daumen wohl doch eher in Richtung Himmel. Die uns alle beschäftigende Frage nach der Sinnfälligkeit von Treue beantwortet Jonas für sich mit dieser Gegenfrage:
„Bedeutet Treue, bei jemandem zu bleiben, auch wenn man ihn nicht mehr liebt? Bedeutet Treue, seine wahren Gefühle zu unterdrücken, damit etwas, was einmal gewesen ist, nach außen hin weiterschimmern darf? Bedeutet Treue, einen Moment seines Lebens zu fotografieren und dieses Bild sein Leben lang anzubeten?“

Zugegeben, dies ist eine recht eindimensionale Antwort. Wie lautet Deine?

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