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Dienstag, 3. Juli 2012

Die Fremde – Sándor Márai




Durch Zufall ist mir „Die Fremde“ in der Bibliothek über den Weg gelaufen (oder war es vielleicht so, dass ich ihr in die Arme lief?) und da mir „Befreiung“ vom gleichen Autor recht gut gefallen hatte, nahm ich sie kurz entschlossen mit nach Hause um sie mir näher bekannt zu machen. Ein wenig enttäuscht wurde ich dann: Nicht, weil man über die Fremde so gut wie gar nichts erfährt (dafür umso mehr über den Mann, der die letzten Minuten ihres Lebens mit ihr verbringt) sondern weil sich der Roman doch zeitweise so schwer tut wie die deutschen Touristen, von denen kurz berichtet wird, welche irgendwo an der heißen Mittelmeerküste träge in der Hitze lungern. Doch lasst Euch nicht abschrecken sondern nehmt dieses Buch dennoch zur Hand. Denn zumindest den Epilog sollte man gelesen haben: Das Gespräch des Antihelden, eines pariser Gelehrten mittleren Alters, mit seinem Schöpfer.

Bevor Viktor Henrik Askenasi diesen Monolog mit Gott führt, führte er 47 Jahre lang das Leben, das man von ihm erwartete. Und dann noch ein paar Monate lang eines, das man nicht nur nicht von ihm erwartete, sondern welches ihm Freunde, Bekannte und Kollegen sogar auszureden versuchten. Vergebens. Der mit Anna verheirate Professor und Vater einer kleinen Tochter lernt durch Zufall, dem er allerdings tüchtig unter die Arme greift, die junge Tänzerin Eliz kennen, schwänzt seine Vorlesung und kommt erst am folgenden Tage gegen Mittag zu seiner auf ihn warteten Frau zurück. Diese weiß ganz genau, was dies zu bedeuten hat und so schweigen die beiden sich stundenlang, einander gegenübersitzend, an und sagen sich dabei mehr als in den 15 Jahren zuvor: „Er hatte das Gefühl, noch nie und mit niemand so gut vorbereitet, so intensiv und mit einer solchen Fülle von Argumenten disputiert zu haben wie während dieses Schweigens.“ Glänzend beschrieben vom unsichtbaren Beobachter, diese Szene: „Eine schöne Frau, dachte er mit anerkennender Ritterlichkeit. Sehr schön sogar. Viel schöner als die andere.“ Viktor packt ein paar Sachen und zieht ins Hotel der Tänzerin, genießt die Liebe und das Leben und tut damit das, was man(n) in der Zeit, als der Roman spielt (höchstwahrscheinlich zwischen den Kriegen) eben nicht tat. Denn das tat man nachmittags zwischen 4 und 6, bevor man vom Schoß seiner Geliebten in den seiner Familie zurückkehrte. Nicht so Viktor, der Frau und Kinder sitzen lässt und mit seiner neuen Freundin ein wildes Leben zwischen Bett, Restaurantbesuchen, Partys und Müßiggang führt. Und eben weil er, im Gegensatz zu den vielen Menschen, die ähnliche Probleme und Fragen haben, konsequent handelt, wird er von seiner Umwelt überhaupt nicht verstanden: „Die Menschen sind bequem... und es wird schwer werden, es ihnen zu erklären. Sie haben ein paar fertige Begriffe: Freundschaft, Liebe, Ehe, Abenteuer, Verhältnis; und sie glauben, das Leben passt in diese fertigen Begriffe hinein. Mitnichten passt es hinein.“

Doch als feiner Beobachter merkt er dann bald, dass Eliz ihn zwar gelehrt hat, die alles entscheidende Frage zu stellen bzw. ihm hilft, diese überhaupt erst einmal für sich zu formulieren, ihm aber wohl nicht die Antwort auf dieselbe geben wird. Diese wird er, wie ein jeder von uns, ganz auf sich allein gestellt finden müssen. Daher begibt er sich, auch unter dem Druck der Freunde, die diese Art von Beziehung überhaupt nicht gut heißen, auf eine Reise nach Südeuropa. Hier wird ihm klar, dass es kein Zurück zu seinem alten, heuchlerischen Leben gibt, und so kündigt er seiner Frau endgültig die Ehe auf, die er im gleichen Moment der Tänzerin anbietet. Welche allerdings in der Zwischenzeit nach Südamerika abgereist ist, in männlicher Begleitung, versteht sich. So kommt seine Einsicht: „Es ist zweifelsfrei erwiesen, dass ich ungeachtet meines guten Willens und wider besseres Wissen nicht ohne sie leben kann“ wohl ein wenig zu spät und er sitzt ohne Frau, ohne Geliebte und ohne Antwort im einsamen Hotelzimmer.

Der Leser wird nun nicht nur in die Gedanken- und Gefühlswelt des einsamen Suchenden mitgenommen sondern auch auf diese Reise, an deren Endpunkt Viktor erst auf die treffend und vorzüglich beschriebenen Deutschen, dann auf Die Fremde und schließlich auf Gott stoßen wird. Nicht, dass er hier zum christlichen Glauben findet, nein, eher das Gegenteil ist der Fall: Nachdem er die aschblonde Frau, die ihn auf sein Zimmer einlud, dort besucht und nach nur wenigen Minuten leblos fallen lassen hat, trifft er in einer Kirche auf einen so sicher auftretenden und offenkundig im Glauben die Antwort auf die Frage gefunden habenden Mönch, dass er mit Gott hadert und diesem vorwirft, von ihm betrogen worden zu sein.

Kurze Zeit, nämlich so lange, bis er diesen Mönch trifft, scheint es so, als ob Victor in dieser wahnsinnigen Tat endlich die Antwort auf seine Frage („ob es Befriedigung gibt, das heißt, ob das Leiden einen Sinn hat“) gefunden hat, denn er fühlt sich das erste Mal in seinem Leben so richtig zufrieden mit sich und mit der Welt im Reinen. Doch dann, in gelassener Erwartung seiner Verhaftung und seines möglichen Endes, beginnt er diesen Disput mit Gott, aus dem ich gern einige Auszüge zitieren möchte und die das Buch am Ende dann doch richtig lesenswert machen:

 „...weil man ständig das Gefühl hat, sich beeilen zu müssen, man hat etwas zu tun, etwas Unaufschiebbares, irgendeine großartige und wichtige Aufgabe, die ohne einen nicht zu lösen ist…Man wird bereits erwartet, darf sich nicht verspäten…doch Du musst so tun, als hättest Du es eilig, selbst wenn du allein bist…

Köstlich, wie Viktor sich bei Gott über kleine Problemchen des Alltags, wie z.B. schmutzige Kämme oder verrutschende Schuhlaschen beklagt und dann schlussfolgert:
„Möglich, dass das ganze Werk vollkommen ist, ich weiß es nicht. Aber die Einzelheiten sind unvollkommen.“

So richtig philosophisch wird Victor, als er über das Lügen sinniert:
„Du hast einmal jemand belogen, du weißt gar nicht, warum, die Situation war danach, vielleicht wolltest Du klüger oder vornehmer erscheinen... Schließlich holt dich die Lüge ein, es lebt irgendwo ein Mensch und weiß etwas von dir…Sag, kann es nicht sein, dass für Dich dieser Jemand der Teufel ist…? Er sitzt in der Hölle und lächelt vor sich hin, weil er von Dir etwas wie. Könnte das nicht sein?“

Und am Schluss dann behandelt er in seinem Gespräch mit Gott DAS Thema, welches ihn (und so viele andere) zeitlebens beschäftigt, und es tut gut zu lesen, dass es auch anderen so geht:
„Weißt Du, es war so, ich habe immer an die Frauen gedacht... deswegen habe ich gelernt, deswegen bin ich gereist. Gar nicht mal an die Frauen, sondern an die Sache selbst... Ja, ich gebe es zu, ich habe alles nur deswegen gemacht ... Ich habe mich wirklich dagegen gewehrt, habe sie [die Worte] verscheucht, die Bücher hervorgeholt... Stell Dir vor, ich habe sogar Sport getrieben und ich bin der radikalsozialistischen Partei beigetreten... Und außerdem habe ich mich lange davor gefürchtet, weil ich geglaubt habe, dass es Sünde ist... Das war das Seltsamste... Diesen körperlichen Teil der Sache habe ich lange nicht verstanden... Auch ich habe geglaubt, es ist nur eine Begleiterscheinung, man muß es nur hinter sich bringen, es gehört dazu, aber im Grunde geht es nicht darum sondern um das Gute, Hingabe, Liebe... Eben nicht! Eben nicht! Es ist nicht wahr! Du hast mich betrogen!“

„Sag mir doch...: Warum hast Du mich betrogen?“ ... „Siehst Du, siehst Du... nicht wahr, Du weißt keine Antwort. Und da sitzen wir nun im Schlamassel.“

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