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Mittwoch, 2. November 2011

Und Nietzsche weinte

Was für ein Buch! Wahrlich keine leichte Kost aber lohnenswert und sehr bereichernd, was uns Nietzsche, Freud und der Wiener Arzt Dr. Breuer hier zu sagen haben. Auch wenn es sich hierbei um einen Roman und keine Autobiografie handelt, und die langen Dialoge, die man oft mehrfach lesen muss, um sie wirklich zu verinnerlichen, sicherlich nicht genau so stattgefunden haben, so ist es doch gut vorstellbar, dass diese Gespräche zwischen den Beteiligten so oder ähnlich geführt worden sind. Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt: Die betörende Russin Lou Salome (wie alle anderen Protagonisten eine historisch belegte grossartige Persönlichkeit) überzeugt Kraft Ihrer einnehmenden, unkonventionellen und fordernden Art den Wiener Arzt Dr. Breuer, dass dieser ihren Freund Friedrich Nietzsche in Wien behandeln möge. Nietzsche leidet seit Jahren unter heftigsten, sehr lang anhaltenden Migräne-Attacken, die weniger starke Menschen längst umgebracht hätten. Keiner der vielen von ihm aufgesuchten Ärzte konnte ihm bisher helfen und nun soll es Dr. Breuer richten. Dieser fühlt sich von der Russin geschmeichelt und überredet Nietzsche mit unglaublicher Geduld und Überzeugunskunst zu einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt, in dem er vorgibt, er brauche Nietzsches Rat und Hilfe bezüglich ungenlöster persönlicher Probleme. Nur weil Breuer sehr erfolgreich einen neuerlichen Migräneanfall Nietzsches viel schneller und erfolgreicher zu lindern in der Lage ist, als es alle anderen Ärzte und deren Medizin bisher vermocht hatten, stimmt dieser schliesslich zu und macht sich mit grossem Eifer an die "Behandlung" von Breuer. Dieser hat endlich einen Menschen gefunden, dem er ausführlich von seiner Obsession für die ehemalige Patientin Bertha (die im Übrigen den gleichen Namen wie Breuers früh verstorbene Mutter hat, wie Nietzsche zu gegeben Zeitpunkt feststellt) berichten, ja beichten kann. Schnell stellen beide Männer fest, dass sie die gleichen Fragen nach dem Sinn des Lebens in sich tragen, von einem ähnlich starken Freiheitsdrang beseelt sind und sich den geltenden Konventionen nur ungern beugen, wobei auch klar wird, dass Nietzsche hier weitaus weniger bereit ist, Kompromisse einzugehen, als Breuer (in dem auch ich mich in gewisser Weise Wieder finden kann). Die Grundidee des Arztes, während der "Redekur" genannten Gespräche oder Sitzungen langsam die Zunge des Philosophen zu lockern und so den Gründen seiner schweren Krankheit auf den Leib zu rücken, wird von dessen extremer Verschlossenheit konterkariert, da Nietzsche fortan den Arzt als Patienten sieht und dementsprechend behandelt. Doch mit jeder Sitzung, die allesamt philosophischen Diskussionen entsprechen, verstärkt sich die Freundschaft zwischen den Beiden, und so gelingt es Nietzsche, den Kern der Breuerschen Probleme offen zu legen und damit den Anstoss zu dessen Selbstheilung zu geben, welche in einer Trance-ähnlichen Erfahrung während einer Hypnose durch Siegmund Freud geschieht. Kaum hat Breuer erkannt, dass sein Problem weder die Ehe mit seiner schönen Frau Matthilde und der damit verbundenen Pflichten, die in ihm ein Gefühl der Unfreiheit hervorrufen, noch die Besessenheit zu Bertha zu Grunde liegen bzw. dass diese nur die Symptome weiter zurück liegender, nicht aufgearbeiteter Probleme darstellen, schafft es Breuer, dem begeisterten Nietzsche, den ähnliche Probleme quälen, endlich die Zunge zu lockern. Weinend berichtet dieser nun endlich, wie auch ihn die Russin Lou in ihren Bann zog. Als er dann von Breuer erfährt, dass Lou diesen mit den gleichen Gesten und Berührungen zu verführen verstanden hat (allerdings nicht im sprichwörtlichen Sinne), geht es ihm wie Breuer, der seine Bertha während der Hypnose in den Händen eines anderen Arztes gesehen hatte: Beiden Männern wurde bewusst, dass sie für die jeweilige Frau längst nicht das bedeutet hatten, wessen sie sich lange Zeit so sicher gewesen, dass sie für diese auswechselbar statt unvergleichlich waren. Was für ein nachvollziehbarer, welche heilvoller Schock!

Und hier jetzt einige Textbeispiele, die allesamt von der großen Intelligenz und der Suche nach DER Wahrheit künden:

Sterben ist schwer. Ich habe stets empfunden, dass das Vorrecht der Toten ist, nicht mehr sterben zu müssen.

Er (Nietzsche) behauptet, um die Wahrheit zu finden, müsse man zuerst sich selbst ganz kennen. Und dazu müsse man seinen gewohnten Sehwinkel verlassen, sein Jahrhundert, sein Heimatland - um sich selbst dann aus der Ferne zu studieren.

Niemand tut etwas ausschliesslich für andere. Alles tun ist auf sich selbst gerichtet, aller Dienst dient dem Selbst, alle Liebe ist Selbstliebe....

Nietzsche sagt zu Breuer: Was Sie lieben ist die angenehme Empfindung, die eine solche Liebe in Ihnen selbst weckt! Man liebt zuletzt seine Begierde, nicht das Begehrte!

Zitat Nietzsche: Er (Breuer) möchte meinen Weg entdecken und ihn selber gehen. Noch versteht er nicht, dass es meinen und deinen Weg gibt, nicht aber DEN Weg....Er will nur das JA, das Zustimmende der Wahl, nichts vom Nein, vom Verzicht. Er ist ein Selbstbetrüger. Er trifft Entscheidungen, will jedoch nicht derjenige gewesen sein, der entschied. Er weiss, dass er unglücklich ist, doch er will nicht sehen, dass er ob des Falschen unglücklich ist.

Breuer sagt: Das Leben ist eine Prüfung ohne richtige Antworten. Hätte ich mein Leben noch einmal zu leben, ich fürchte, ich würde alles genauso machen, die nämlichen Fehler machen. Stellen Sie sich einen Mann mittleren Alters vor, der von einem Flaschengeiste aufgesucht wird, welcher ihm in Aussicht stellt, sein Leben noch einmal leben zu dürfen...Er stellt fest, dass er das gleiche Leben lebt, die gleichen Entscheidungen trifft, die gleichen Fehler begeht, den gleichen Zielen und Göttern huldigt…Ziele entspringen der Kultur, der Atmosphäre, mit der Luft atmet man sie ein. Alle Knaben mit denen ich aufwuchs, hatten die gleichen Ziele... Der einzelne wählt seine Lebensziele nicht bewusst, sie sind Wechselfälle und Umstände der Zeit. Darauf Nietzsche: Einst riet ein weiser jüdischer Lehrmeister seinen Jüngern, wenn sie frei werden wollten, müsse ihnen die Stunde kommen, wo sie vor ihren Liebsten flöhen.

Ein sicheres Leben ist gefährlich. Ich laufe Gefahr, mein wahres Selbst zu verlieren, nicht der zu werden, der ich bin. Doch wer bin ich?

Dostojewski sagt, es gibt Dinge, die gesteht man nur Freunden; andere nicht einmal diesen, und dann gebe es noch Dinge, die man nicht einmal sich selbst gestehe!

Nietzsche: Stirb zur rechten Zeit! Wer zur rechten Zeit stirbt, wer vollbringend lebt, für den verliert der Tod seinen Schrecken. Wer nie zur rechten Zeit lebt, wird nie zur rechten Zeit sterben können. Daraufhin Breuer: Nein, ich habe nicht gewollt! Nein, ich habe das Leben nicht gelebt, das ich hätte leben wollen! Ich habe das Leben gelebt, das mir bestimmt wurde. Ich - mein wahres Ich - bin in meinem Leben eingeschlossen.

Und hier die wohl wichtigste Aussage des Buches, die aufzeigt, dass Nietzsche nicht nur eine wirklich fatalistische Weltanschauung vertritt, die u.U. in Depressionen führt, sondern eine, die in gewisser Weise allen Menschen einen Ausweg aufzeigen kann. Natürlich muß man auch weiterhin immer wieder das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen, soweit es eben möglich ist, gewisse Dinge jedoch als gegeben hinnehmen. Diese Grenze zu finden, das ist das Schwierige, die größte Herausforderung:

Amor fati: Liebe dein Schicksal. Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt darin, das Unumgängliche zu wollen und dann das gewollte zu lieben. Die Verzweiflung überwinden, in dem man das "so war es" zum "so wollte ich es" macht.









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