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Mittwoch, 15. Mai 2013

Roman eines Schicksallosen – Imre Kertész




Wie kann man über die Schrecken von Auschwitz, die doch nun wirklich nicht in Worte zu fassen sind, nur so schreiben? Wie kann einer, der direkt aus einem Budapester Bus heraus deportiert worden ist, über seine Erlebnisse mit einer derart naiven Sichtweise berichten, dass sein eigenes ungläubiges Staunen ob der Unmöglichkeit seiner Erlebnisse in jedem Satz offensichtlich wird, ohne dass der Leser das Buch entgeistert zurück ins Regal stellt? Was Imre Kertész hier vor Jahrzehnten niederschrieb, ist nicht nur bewegende Weltliteratur, sondern gleichzeitig einzigartiges Zeugnis menschlicher Größe!



 
Der „Roman eines Schicksallosen“ reiht sich nicht nur ein in die ehemaligen Pflichtlektüren „Werner Holt“ und „Das siebte Kreuz“, er berichtet nicht anhand einer teilweise erfundenen Geschichte wie in „Die Mütze“ über die Schrecken der KZs, sondern er schafft etwas, was einzigartig in der Holocaustliteratur ist: Er macht das Lesen dieser Unglaublichkeiten erträglich und, man darf es eigentlich kaum schreiben: fast schon angenehm. Es ist wohl diese besondere Art der Ironie in Kertész’ Sprache, die dieses Faszinosum ermöglicht und wofür wir ihm dankbar sein sollten. Man kann natürlich vom grausamen Hunger in anklagenden Worten berichten,  aber man kann auch durch viel subtilere Sätze wie diesen, der überhaupt nichts schönredet, die Gefühle und Erfahrungen der Häftlinge deutlich machen:
„Überhaupt war ich von der Verpflegungsordnung in Auschwitz einigermaßen befremdet  so hatte ich dann bis zum dritten Tag schon eingehend Bekanntschaft mit dem ärgerlichen Gefühl des Hungers gemacht …“

Böswillige Kritiker könnten dem Schriftsteller möglicherweise entgegenhalten, er wäre nicht einmal 4 Tage in Auschwitz gewesen und hätte keine Ahnung vom Lagerleben und ‑sterben. Doch was 3,5 Tage sowie die unvorstellbaren "Reiseumstände" in einem Menschen anrichten und auszulösen vermögen, davon kann sich wohl heute kein Mensch eine Vorstellung machen. Und schließlich war Buchenwald auch kein Urlaub vom Grauen, auch wenn manche Aussagen ganz bewusst diesen Eindruck erwecken wollen; nicht um das Verbrechen KZ zu relativieren, sondern nur um die absolute Perversion der Menschenvernichtung zu untermauern: „Ich kann sagen,  auch ich habe Buchenwald bald liebgewonnen“.
Klug und mit einer gewissen Spur von Humor berichtet der Held (wann, wenn nicht hier dürfte man dieses Wort benutzen?!) von seinem Unbehagen hinsichtlich seiner Herkunft. Als nicht praktizierender Jude hatte er nie Jiddisch gelernt, weshalb er von den Juden im Lager genauso geschnitten wurde wie von seinen Mitmenschen als Träger des gelben Sterns in den Straßen von Budapest. Er fühlte sich in beiden Situationen als der Ausgegrenzte, als „Der Jude“. Dabei fragte er sich, wieso seine Mitgefangenen „… derart unsinnig auf etwas bestanden, das ihnen ja sehr viel mehr zum Schaden gereichte und bei dem sie doch so viel mehr draufzahlten, als sie herausholten …“
Der Protagonist wurde bald nach seiner Ankunft in Buchenwald zum Arbeiten ins Außenlager Zeitz geschickt, wo er schließlich wegen eitriger Abszesse auf der Krankenstation landet. Halbtot wird der junge Mann schließlich zurück ins Hauptlager gebracht, er weiß, dass das Leben vorbei ist, und er hat sich mit dieser Tatsache eigentlich schon abgefunden. Doch dann sieht er (neben verdächtigen Rauchschwaden) auch dampfende Kessel mit Essbarem und so regt sich ein letzter Überlebenswille, dem Hunger geschuldet: „in mir war die verstohlene, sich ihrer Unsinnigkeit gewissermaßen selbst schämende und doch immer hartnäckiger werdende Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören: ein bisschen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“ Niemand darf so einen Satz schreiben! Niemand außer den Überlebenden, einem wie Kertész, dem es gerade durch solche Sätze gelingt, den durch späte Geburt gesegneten den Lageralltag für die Nachwelt sichtbar zu machen, ohne den Horror auch nur im Mindesten kleinzureden.
Wegen dieser absolut gelungenen autobiographischen Erzählung, die uns heute so weit entfernt und vollkommen irreal erscheint, sollte jeder Schüler den „Roman eines Schicksallosen“ lesen. Auch jeder ehemalige Schüler!

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