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Freitag, 1. Februar 2013

Reflexionen eines Suchenden – Oleander Auffarth


Mit Reiseberichten verhält es sich ja oft so, dass zwar von unglaublich interessanten Erlebnissen und Erfahrungen in fernen Ländern erzählt wird, dies jedoch nicht von einem Schriftsteller sondern von einem Reisenden. Den literarischen Erwartungen des Lesers werden daher nur wenige Werke dieses Genres wirklich gerecht.
Ein wenig verhält es sich so zwar auch mit den hier vorliegenden Reflexionen eines Suchenden, doch hebt sich diese Reisebeschreibung von ähnlicher Literatur dadurch ab, dass das Erlebte und Gesehene zudem genau betrachtet und analysiert wird. Hier ist deutlich zu erkennen, dass da einer schreibt, der uns nicht nur auf eine Reise in den Kaschmir und nach Indien mitnehmen will sondern auch in sein Innerstes. Auffarth spart nicht mit eigenen Gedanken, Gefühlen, Emotionen und philosophisch angehauchten Überlegungen über den Zustand der Welt sowie des Lebens an sich. Man spürt regelrecht, dass hier einer aufgebrochen ist, um ein Dasein jenseits von Kommerz, Statik, Bürgerlichkeit und festgesetzten Glaubensmustern zu suchen. Einer, der nicht weiß, wohin er gehört – dies aber im Gegensatz zu so vielen Menschen auch offenherzig zugibt. So wird im umfangreichen ersten Kapitel sehr ausführlich über die Lebensumstände und großen Lebenskrisen des jungen Autors berichtet, die oft in Alkohol- und Drogenexzessen endeten. Diese einführenden Erläuterungen werden möglicherweise den einen oder anderen Leser abschrecken und hätten sicherlich ein wenig kürzer gehalten werden können. Gleiches gilt für den ersten Teil des Abenteuers, das nach Griechenland und Istanbul führt. Doch kann man nur durch Sätze wie diesen, der die Erlebnisse einer vorangegangenen Afrikareise und die erschreckenden Lebensumstände der dortigen Bevölkerung reflektiert, verstehen, was den Autor antreibt, warum er so unzufrieden ist und wonach er sucht: „Wie konnte ich glücklich sein im Angesicht ihres Elends? Wie konnte überhaupt jemand glücklich sein?“



Solcherlei nahegehenden  Betrachtungen sind wohl notwendig, um den Grund für Auffarths erste Asien-Reise, die den radikalen Ausbruch aus seinem bisherigen Leben begründet, und das dabei Erlebte besser einordnen zu können. Schließlich werden in diesem Werk, das mit zunehmender Seitenzahl immer spannender zu lesen wird, nicht einfach Fakten über Sehenswürdigkeiten und Fahrtrouten aneinander gereiht. Vielmehr werden wir Teil der Suche nach Lebenssinn, auch wenn fraglich ist, ob dieser wirklich nur an einem einsamen Strand in Goa unter gleichgesinnten Aussteigern und Weltenbummlern zu finden ist. Dass Auffarth sich dort das erste Mal seit seiner Kindheit wirklich verstanden fühlt und mit sich und der Welt im Reinen das Hier und Jetzt genießen kann, weshalb es für ihn definitiv der richtige Ort ist, wird während der Lektüre sehr anschaulich, wenn er schreibt: : „…die Sonne fand den Weg in mein Herz.“

Wer auf seinen Urlaubsfahrten schon ähnlich zwielichtigen Gestalten begegnet ist wie unser Suchender oder die aufregende Unsicherheit kennt, die Backpacker-Reisen in fremde Länder und Kulturen mit sich bringen, kann insbesondere die Erlebnisse im mittlerweile viel friedvolleren Kaschmir nachvollziehen. Denn der Autor lässt eigene Fehler in der Reiseplanung und der Bewertung von bestimmten Situationen vor Ort nicht einfach aus, sondern hadert öffentlich mit sich selbst und erklärt dann später, wie gerade diese schlechten Erfahrungen dann zum Gesamterfolg der Reise beitrugen. Denn solcherlei negative Erlebnisse sind einfach Teil eines lebenslangen Lernprozesses. Somit ist dieser Lebens- und Reisebericht nicht nur für alle zukünftigen Indientouristen empfehlenswert sondern ebenso für alle Suchenden. Äußerst einfühlsam werden hier Einblicke in die indische Gesellschaft vermittelt, wobei von Verurteilungen oder abschätzigen Bemerkungen gänzlich abgesehen wird. Respekt den Menschen und deren meist vollkommen anderen Lebensumständen gegenüber stehen im Vordergrund. Sehr achtsam aber durchaus ehrlich bekennt Auffarth dann auch, dass ihn die oft in großen Gruppen anzutreffenden Israelis am meisten zu schaffen machten, was überhaupt nichts mit Rassismus oder gar Antisemitismus zu tun hat sondern lediglich das Extrakt seiner Erfahrungen und Erlebnisse mit eben dieser Backpacker-Spezies darstellt. Schließlich versucht er, deren Verhalten zu er- und begründen und schließt sofort an, dass fast jede größere Gruppe ein besonderes, meist nicht sehr sensibles Verhalten an den Tag legt, weshalb er es vorzieht, größtenteils allein zu reisen. Ein wenig schmalzig erscheint dann zwar die Aussage „Ich fühlte mich eng mit den einfachen und quicklebendigen Menschen verbunden. Sie waren nichts anderes als meine Brüder.“ doch zeigt sie eben genau, was den Unterschied zwischen Tourismus und Reisen ausmacht. Allein die Welt zu erkunden, das ist die beste Schule fürs Leben, zumindest, wenn man dies mit offenem Auge, wachem Verstand und einer positiven, relaxten Einstellung angeht.

Wer würde schon, wenn er einmal im Leben die Chance hat, an einem Teaching des Dalai Lama höchstpersönlich teilzunehmen, darauf verzichten? Auffarth trifft diese Entscheidung ganz bewusst, weil er sich, trotz großer Anerkennung für dessen Lebenswerk, nicht in die Reihe abertausender Indientouristen einreihen will, die allein in Yoga und klugen Worten die Erleuchtung zu finden hoffen. Und dennoch oder gerade deswegen lernt er hier in Dharamsala am Ende einer dieser Veranstaltungen eine wichtige Lektion: „Während die Touristen tief in Gedanken versunken waren, verließen die Mönche lachend den Ort. Scheinbar ließ sich die Botschaft des Dalai Lama besser mit dem Herzen verstehen als mit dem Verstand.“

Ähnlich verhält es sich mit der Bereitschaft, das für die meisten Mitteleuropäer unvorstellbare Gewusel und Gedränge, das in den meisten indischen Großstädten herrscht, nicht einfach nur zu ertragen, sondern sogar zu lernen, es lächelnd zu genießen. Genauso wie der Autor erlebte auch ich das drückend heiße Delhi: „Doch inzwischen empfand ich eine geradezu irre Freude, Teil dieses Chaos zu sein.“

Ein wenig schade, doch nicht wirklich wichtig für die Gesamtbewertung dieses Buches ist die Tatsache, dass der Lektor recht ungenau gearbeitet und häufig fehlende Wörter oder schlecht kombinierte Wechsel der Zeitform nicht korrigiert hat. Hier wünscht man sich für das geplante Folgebuch mehr Achtsamkeit und Sorgfalt, damit die Lektüre dann auch wirklich zu einem echten Lesevergnügen wird.

Bei der Beschreibung einer Szene, die eigentlich sogar recht gefährlich war, kann man schließlich einmal schön zum Schmunzeln kommen. Als Auffarth mit dem Finnen Frank einen Bhang Lassi trinkt, der anscheinend aus hochkonzentriertem Marihuana gemacht wurde, und die beiden völlig desorientiert, paranoid und reizüberflutet in einer total überfüllten, dunklen Stadt nach ihrem Hotel suchen, lacht der Finne immer wieder lauthals über ihre aussichtslose Situation. Als sie schließlich irgendwann dann doch noch der zähen Masse aus Händlern, Pilgern und Rikschas  entkommen waren, schaffte Frank es … „noch auf die Dachterrasse und konnte sich knapp zwei Stunden nicht mehr bewegen und lachte ohne Pause.“ Reiche mir doch einer dieses Lassie!

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