Follow by Email

Mittwoch, 17. April 2013

Was scheren mich die Schafe – Anke Richter



Die im neuseeländischen Christchurch lebende deutsche Journalistin Anke Richter hat in diesem amüsanten und lehrreichen Buch ihre TAZ-Kolumnen zusammengestellt, die sich wirklich sehen lassen können. Natürlich sind die Geschichten, die einen sehr tiefen Blick in die Seele der Kiwis  - aber auch in die der Auswanderin – werfen, insbesondere für Neuseelandfreaks und Weltenbummler gedacht. Aber auch der normale Durchschnittsdeutsche oder die Träumerin, die ihr Leben lang davon phantasiert, ans andere Ende der Welt umzusiedeln, kommen auf ihre Kosten und erhalten kluge Einsichten in eine Kultur, die unserer zwar in Vielem ähnelt, sich aber auch oft sehr stark vom Deutschen unterscheidet.



Hätte der Rezensent diese als Erklärung und Warnung vor mancher Kultur-Falle zu verstehenden Texte doch nur vor seinem Neuseeland-Jahr studiert! Dann hätte er dort nicht täglich erneut den Fehler begangen, auf die sich wie ein Mantra wiederholende Frage nach seinem Befinden (How are you?) höflich zu einem längeren Monolog über die Gesamtsituation der Familie und deren Unternehmungen der letzten Tage auszuholen. Und er wäre dann auch nicht immer wieder über das gelangweilte Gesicht des Fragestellers verwundert gewesen, der lediglich ein knappes, gelogenes „fine“ erwartet hatte.

Faszinierend an den Einsichten und Gedanken Richters ist insbesondere die Tatsache, wie ehrlich sie davon berichtet, sich oft für ihr Deutschsein zu schämen und warum sie vermeidet, sich vor Landsleuten zu erkennen zu geben. Und wie sie dann doch den Kontakt zu den vor Ort lebenden Germanen sucht. All dies erinnert an die gleichen Gefühle, Gedanken und Handlungen, die den Rezensenten während seiner Zeit in Auckland befielen. Eigentlich will man mit den peinlichen und meckernden Deutschen so überhaupt nichts zu tun haben. Doch nach einer Weile weiß man deren Verlässlichkeit und Backkünste dann doch wieder zu schätzen und lästert gemeinsam über die eigentümlichen Kiwis mit ihren Themenparties und seltsam unfestlichen Weihnachtsumzügen.

Richters durch die deutsche Brille gefilterte Einblicke in die neuseeländische Gesellschaft sind oft urkomisch und immer grundehrlich, auch wenn dem Leser manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt. Etwa beim Bericht über eine Gegendemonstration zu einem kleinen Naziaufmarsch, von dem sie berichtet, dass auch ein Maori auf der Seite der Rechten steht. Richters verblüffter, schwarzhumoriger Kommentar: „Ich glaube, hier sind selbst die Neonazis bikulturell.“

Doch wenn die Ausgewanderte dann über eine neuseeländische Single-Party auf dem Lande berichtet, entfernt sie sich zum Glück schnell wieder von den deutschen Eigenschaften des Hinterfragens und der alles bestimmenden Ernsthaftigkeit und berichtet von den Erfahrungen einer Freundin, die das Experiment eines Dialogs mit den teils gut aussehenden Landeiern bereits unternommen hatte: „…versuch mal eine Konversation mit denen. Dagegen kommt dir Kaspar Hauser wie Goethe in Höchstform vor. Und falls sie den Mund aufkriegen, ist ihr größtes Kompliment: ‚Nice tits’“. Begründet wird die seltsam unmodern anmutende Verklemmtheit der Kiwis mit deren prüder Erziehung. Diese dürfte letztendlich auch am hemmungslose Verhalten der Vertreter beider Geschlechter Schuld sein, das diese an den Tag legen, wenn der Damm erst einmal gebrochen ist. Da kann auch die an die deutsche Freizügigkeit gewohnte Autorin nur noch schulterzuckend konstatieren: „Auch ich habe eine Schamgrenze“, wenn die übriggebliebenen Partiegäste sich zum „Resteficken“ an den dunklen Strand aufmachen.

Und auch für einen kleinen Einblick in die Maori-Kultur eignet sich diese Kolumnen-Sammlung hervorragend. Richter berichtet von einem sogenannten Marae, einem Einführungskurs in die Kultur der Ureinwohner, den sie zusammen mit einigen gelangweilten Studenten und ihrer übereifrigen deutschen Freundin Eva besucht. Diese wird im Verlaufe des mehrtägigen Kurses so stark vom Maori-Virus infiziert, dass sie sich vor versammelter Mannschaft begeistert den Namen ‚Aroha’ gibt. Das bedeutet Liebe und dient dazu, :“das Unrecht der Kolonialisierung gutzumachen“ .Wenn sich Eva damit mal nicht zu viel vorgenommen hat! Wahrscheinlich brauchte sie nur endlich mal einen Gegenpol zu ihrem Ehemann, dem Mäckerbäcker, und fühlte unter den Maoris das erste Mal, dass sie nach vielen,  langen Monaten endlich nun in Neuseeland angekommen war.



‚Was scheren mich die Schafe’ ist sicherlich kein Buch, das man in einem Stück verschlingt, weil man unbedingt wissen will, wie die Handlung fortschreitet. Es ist ja auch kein Roman. Aber es ist die ideale Urlaubsvorbereitung bzw. Urlaubslektüre. Nicht nur für Menschen, die sich ins Land der großen weißen Wolke sehnen oder Aotearoa bereits kennen lernen durften, sondern für alle, die den trockenen Humor der Autorin sowie die lässige Art der surfenden und beneidenswert entspannten Kiwis zu schätzen wissen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen