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Mittwoch, 18. Januar 2012

Das wird mein Jahr

...stand nicht auf meiner Bücherliste, weil ich weder davon gehört noch darüber gelesen hatte und mir auch niemand empfahl, es mir vorzunehmen. Nein, ich bekam Sascha Langes zweiten Roman zu Weihnachten geschenkt. Und begann mit sehr kritischer Haltung darin herumzublättern. Warum? Weil mich sein Erstlingswerk, in dem es ausschließlich um Westpakte und Depeche Mode ging, nicht nur nicht vom Hocker gerissen hatte, sondern ich ziemlich enttäuscht darüber gewesen war. Daher freue ich mich umso mehr, an dieser Stelle nun verkünden zu dürfen, dass Sascha (ein Jugendfreund, kurzzeitiger Bandgenosse und konspirativer Entwickler der von mir aufgenommenen Fotos einer Leipziger Demonstration vom Mai '89 samt Stasispitzeln) sich weiterentwickelt hat. Zwar strotzt auch dieser Wenderoman von, mir leider unbekannten, Musiktiteln und Bands. Dies spricht aber nicht unbedingt gegen den Autor (dessen hauptberufliche Historiker-Tätigkeit nun einmal mit Jugendkulturen eng verquickt ist) sondern ist sicher auch ein Zeichen meines zur damaligen Zeit noch nicht einmal ansatzweise entwickelten Musikgeschmacks. Dafür ist es mir sehr leicht gefallen, mich in die Gedanken- und Gefühlswelt des Ich-Erzählers Friedemann Blumenstrauß (für diese schöne Namens-Kreation ein großes Lob, Sascha!) hineinzuversetzen. Denn es gibt erschreckend viele Parallelen zwischen Friedemann, mir und dem Autor. Auch ich war im Sommer 1989 in Ungarn und habe mich dort mit Freunden aus der BRD (sagt man ja heute gar nicht mehr) getroffen. Auch ich war zu dieser Zeit in eine Anke verliebt. Auch ich habe heimlich und nur mit einer Taschenlampe bewaffnet ein paar Gegenstände aus einer Wohnung geholt, deren Besitzer über Ungarn in den Westen geflüchtet war, bevor die Stasi anrückte. Hier hören zwar die Gemeinsamkeiten auf, denn ich ging weder sofort nach der Maueröffnung in den Westen (hätte es aber sicher Friedemann gleich getan, wäre auch in meinem Briefkasten die Einberufung zur Nationalen Volksarmee gelandet), noch baute ich je Gras an (Friedemann war als Gärtner geradezu prädestziniert dazu, im Auftrag eines Dorgendealers den Dachboden seiner auf der Esslinger Gärtnerei, in der er arbeitete, befindlichen Wohnung mit Unmengen von Pflanzkübeln und Kunstlicht auszustatten, was ihm jedoch mehr Ärger als Glück einbrachte). Ich warf auch nie mit Pflastersteinen auf Polizisten, die ein von mir und meinen Kumpels besetztes Berliner Haus räumten und hatte nie eine ältere, erfahrene Geliebte, die mich als Grünschnabel in die Geheimnisse der Liebe einführte. Dafür mußte ich zum Glück auch nie mit ansehen, wie die Bullen mit ihren schweren Einsatzfahrzeugen meinen geliebten VW-Campingbus zerstörten. Kurzum, ein Roman für alle, die Ihre Jugend gerade abschlossen, als es mit der DDR bergab ging und die das uns damals vereinnahmende Gefühl von Freiheit aber auch das von Ernüchterung ob der Tatsache, dass "im Westen" auch nicht alles Gold ist was glänzt, noch einmal nachvollziehen möchten, ohne in Ostalgie zu verfallen. Ob auch andere Zielgruppen wirklich großen Gefallen an dieser, doch recht einfach gestrickten und ohne spannende Wendungen oder Ideen dahin plätschernden Geschichte finden werden, kann ich nicht sagen, wiewohl ich es Sascha Lange natürlich wünsche. Der Aufbau-Verlag (der zufälligerweise auch die Bücher des lokal bekannten Autoren-Vaters, Kabarettisten UND ehemaligen Gärtners (!) Bernd Lutz Lange verlegt, an den ich mich dann wohl nach Fertigstellung meines Erstlingswerkes voller Zuversicht wenden werde) wird schon gut kalkuliert haben, bevor er die Entscheidung zum Druck dieses Buches getroffen hat. Alles andere wäre reine Spekulation. Warum jedoch in einer unwichtigen Nebenrolle ein ungarischer Mann mit dem Nachnamen Minor auftaucht, das muß ich bei Gelegenheit mal beim Schrifsteller erfragen. Um einen Zufall wird es sich wohl kaum handeln, schließlich kennen wir beide eine bedeutende Persönlichkeit gleichen Namens, dessen Schwester samt Familie in Ungarn lebt. Vielleicht lüfte ich das Geheimnis an dieser Stelle einmal zu einem späteren Zeitpunkt, wohlwissend, dass es nicht wirklich von Bedeutung für dieses Buch oder diesen Blog ist.

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