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Samstag, 11. Februar 2012

Das läßt sich ändern


Eine kleine Rezension über ein kleines kluges Büchlein, das unsere Gesellschaft zwar kritisiert aber dies ohne Zeigefinger tut und sogar einen Ausweg aus dem Dilemma aufzeigt. Es handelt davon, „Drinnen“ oder „Draussen“ zu sein, also Geld, Arbeit, Job und Anerkennung zu haben – oder aber nicht.

Was ich, neben der zum Nachdenken anregenden Geschichte von Adam (der von „Draussen“ kam und auch niemals „Drinnen“ sein wollte) und der ohne Namen bleibenden Ich-Erzählerin besonders mochte, war der angenehme und interessante Schreibstil. Fragen kommen ohne Fragezeichen aus und Zitate werden nicht in Anführungszeichen gequetscht, die in vielen Büchern längere Dialoge oft unangenehm unübersichtlich erscheinen lassen. Darüber, dass sich der Autorin Birgit Vanderbeke an einer einzigen Stelle dann doch einmal die üblicherweise verwendeten An- und Ausführungszeichen eingeschlichen haben, was anscheinend auch dem Lektor nicht auffiel, kann ich gern hinwegsehen.

Dafür ist die kurzweilig erzählte Handlung von einer Familie, die sich dem immer stärker um sich greifenden und ausufernden Konsumverhalten der alten Bundesrepublik verwehrt, sowie deren sympathischen Kindern, Nachbarn und Freunden einfach zu schön um wahr zu sein.

Adam hat es schon seit seiner Jugend gewusst: die Gesellschaft verblödet, ihre Menschen passen sich an, prostituieren sich, vergessen, wie man mit den eigenen Händen etwas erschaffen kann und kaufen, kaufen, kaufen. Als seine Freundin für den gemeinsamen Sohn ein Plastik-Rutschauto erwirbt, fällt er aus allen Wolken und es kommt zu einer Grundsatzdiskussion. Wunderschön jedoch, wie der Streit beendet wird, kurz bevor er richtig eskaliert: Adam sagt leise und mit weicher Stimme Ich streich den Himmel blau für Dich, ein Zitat von Ton Steine Scherben. Nur kaufen, sagte Adam sanft und bestimmt, kann ich sie nicht, nicht den Himmel, nicht den Mond und nicht die Sterne.

Und dies wird fortan zum Lebensmotto der jungen Familie. Mit einer alten Freundin, die ein wirklich altes Haus auf dem Land geerbt hat, ziehen sie auf’s Dorf und freunden sich dort auf der Suche nach einem Bohrer mit dem etwas grießgrämigen Bauer Holzapfel an, welcher fortan für die Kinder zum Ersatzopa wird. Adams unerschöpfliche schöpferische Kraft, sein unglaubliches handwerkliches Geschick und sein großer Intellekt (erkennt hier irgendwer gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Rezensenten?) verhilft dem gemeinsamen Haus zu einer Schönheitskur und dem alten Kuhstall des Bauern zu einer beträchtlichen Anzahl von Pferdeboxen für die Vierbeiner der reichen Städter, die mit ihren Jeeps am Wochenende auf’s Land flüchten. Und gleichzeitig zu neuer Lebenskraft und einer Verjüngungskur des alten Bauern, der den Hof schon abgeschrieben hatte, sich aber nun mit der Lebensenergie seiner Nachbarn ansteckt.

Nachdem Fritzi mit ihrer pragmatischen und un-dogmatischen Art ein taubstummes Kind das Sprechen und ein schreibunfähiges das Schreiben gelehrt und sich in den italienischen Ex-Programmierer, Neo-Künstler und begnadeten Koch Massimo verliebt hat, der die Wohngemeinschaft vervollkommnet und abrundet, fängt die Idee des „Basislagers“ an zu reifen. Und da ist es überhaupt kein Widerspruch, dass mit Massimo, der einst als kleiner Knabe von seiner Mama das Kochen gelernt hat und seine Mitbewohner nun auf die feinsten kulinarischen Reisen mitnimmt, der Hedonismus im Dorf einzieht. Vorher wird noch die Familie des Imbissbesitzers Özyilmaz samt Cousins und Cousinen ins Boot geholt, der in einem Nebenraum des Pferdestalls die leckersten Hühner der Welt (und das von einem Veggie!) halal schächten darf. Was sogleich von den Dorfbewohnern, die nun, nachdem es den Feind im Osten nicht mehr gibt, die ausländischen Mitbürger zum Ziel ihrer Unzufriedenheit und ihres Hasses erklärt haben, zur Anzeige gebracht wird. Dies stört indes keinen der bunt zusammen gewürfelten Gemeinschaft, die sich eine Jurte baut, auf Schuhe verzichtet, Gemüse anbaut (während aus den Ghettoblastern der türkischstämmigen Jugendlichen feinster Rap über die Streuobstwiese schallt) und mit anderen Gleichgesinnten, die sich vom Konsum-Wahn abkoppeln und selbst ernähren, vernetzt.

Ist es also doch möglich, dieses freie Leben? Frei von der allgemeinen Kaufgeihlheit, frei von Ärzten, die unsere aufgeweckten Kinder mit Ritalin vollstopfen, statt ihnen Platz zum Toben zu geben, frei von Lehrern, die durch ihre Entscheidungen Kinder nach „Drinnen“ oder „Draussen“ schicken? Es scheint so. Laßt uns die Suche nach diesem Paradies beginnen!

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