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Donnerstag, 23. Februar 2012

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten - Christian Kracht

Sehr seltsam, dieser laut Klappentext „grosse Schweiz-Roman“ von Christian Kracht. Die Grundidee, die hinter der Geschichte steht, ist durchaus interessant und ziemlich ausgefallen, jedoch die story lässt zu wünschen übrig. Für meinen Geschmack zumindest:

Weil Russland seit dem Tunguska-Meteoriteneinschlag verstrahlt und unbewohnbar ist, kam Lenin eben in die Schweiz, um dort seine Revolution zu veranstalten und seine Ideen vom Kommunismus zu verwirklichen. Er gründet die SSR (Schweizer Sowjet Republik), was zur Folge hatte, dass sich die Parteimitglieder hier nun gegenseitig mit „Eidgenosse“ ansprachen. Ein durchaus gewitzter, gelungener Einfall dies. Ebenso wie jenes Umkrempeln der tatsächlichen Gegebenheiten hinsichtlich des afrikanischen Kontinents. Dort herrschen in diesem Roman keineswegs Hunger, Elend und Korruption sondern Wohlstand und Nahrungsüberfluss; Schweizer Architekten haben die modernsten Großstädte hochgezogen, große Straßen sowie tausende Kilometer Eisenbahnlinien gebaut und vielerorts Militärakademien gegründet. In diesen wurden dann, ganz dem Kampf gegen Rassismus entsprechend, kleine Afrikaner zu großen Militärs ausgebildet, die später in dem zum Zeitpunkt der Erzählung bereits seit fast 100 Jahren andauernden Krieg helfen sollten, die miteinander verbündeten deutschen und britischen Faschisten zu besiegen. Soweit kann man ja vielleicht noch folgen und diese originelle Idee sympathisch finden. Doch welche Rolle genau das „Großaustralische Reich“, die „Hindustanies“ oder die „Koreaner“, die aus Pjönjang heraus operieren und anscheinend eine Führungsrolle in der Welt eingenommen haben, genau in diesem Krieg und in dem Roman spielen, wurde mir leider nicht ganz klar.

Ebenso wenig wie der Grund dafür, dass der farbige Parteikommisär, der eigentlich einen Abweichler verhaften soll, von seiner Aufgabe, abkommt und immer weiter Richtung Süden wandert, bis er schließlich wieder in Afrika ankommt, wo die Menschenmassen aus den Städten zurück in die Dörfer gehen. Wahrscheinlich haben sie einfach nur die Nase voll von Kommunismus, Wohlstand und Gleichheit und sehnen sich nach ihrem ärmlichen Dorfleben zurück.

Ich könnte an dieser Stelle viele weitere Details ausführen, die mich verwirrt zurück ließen (Wieso wusste die Ehefrau des Abweichlers, die eben noch mit dessen Verfolger geschlafen hatte, dass die deutsche Granate genau an dieser Stelle eintreffen würde und warum hat sie sich nicht aus dem Staub gemacht anstatt sich in selbigen zu verwandeln? Wieso rettet ein seltsames Männchen den Parteikommissär vor dem sicheren Tod, in dem es dessen Fuß von der Mine nimmt und seinen darauf stellt, obwohl es weiß, dass es dadurch sterben wird…) aber mir scheint es nicht wirklich lohnenswert, auf die Spinnereien des Schweizer Autoren Christian Kracht näher einzugehen. Wäre ich ein noch bedeutender Literaturkritiker, ja dann würde ich das Buch vielleicht im Sinne eines Reich-Ranicki verreißen. Aber so bleibt mir nur, schnell zur nächsten Lektüre zu greifen (was ich bereits getan habe und ich sage Euch: Freut Euch mit mir auf einen wunderbaren Roman und dessen hoffentlich ebenso wunderbare Besprechung!) und allenfalls noch ein wenig darüber zu sinnieren, dass das Weltgeschehen auch ganz anders hätte verlaufen können.

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