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Donnerstag, 2. Februar 2012

Jesus liebt mich

Während ich diesen Roman von David Safier las, knickte ich, entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, nur ein einziges Eselsohr, was dieser Rezension nun auch zu lediglich einer einzigen Zitierung verhilft.

Als die Ich-Erzählerin Marie (übrigens ist mir aufgefallen, dass in den meisten Romanen der Autor seiner Hauptperson  seine eigene "Stimme" verleiht und auf diese Weise die Geschichte erzählt) bei Ihrer Trauung in der Kirche, die übrigens von keinem Geringeren als dem (ehemaligen) Erzengel Gabriel vorgenommen werden soll, einfach nur "JA" sagen muss, wie es doch schon Milliarden Menschen vor ihr getan haben, kommt sie (wie wahrscheinlich ein großer Anteil dieser Milliarden) ins Grübeln. Bevor Sie dann aufgrund ihrer Überlegungen den Mut zum "NEIN" findet (den hingegen nur die Allerwenigsten der oben erwähnten Menschenmassen aufbringen) sinniert sie über das allseits bekannte (und gefürchtete) 
"Bis das der Tod Euch scheidet..." :

"...war eine extrem weitreichende Zeitspanne. Das hatte man sich bestimmt damals ausgedacht, als die Christen eine Lebenserwartung von dreißig Jahren hatten, bevor sie in ihren Lehmhütten starben oder von einem Löwen im Cirkus Maximus verspeist wurden..."

Ist solch ein Versprechen noch zeitgemäß, wo wir heutzutage 80, 90 Jahre alt werden und es dementsprechend lange miteinander aushalten müssen? Oder ist es vielleicht gerade DESWEGEN so wichtig, dass man sich genau dieses Versprechen gibt?

Egal, mit diesem NEIN macht sie sich nun nicht nur ihren Verlobten Sven (dem sie kurze Zeit später als masochistisch veranlagtem Krankenpfleger wieder begegnet und ihm ob seiner tätlichen Spritzen-Angriffe einen kräftigen Tritt in die Eier gibt), sondern auch den Rest der Kleinstadt Malente zum Feind.

Gut nur, dass kurz darauf neben der jungen Weißrussin Swetlana, die Marie als "Wodka-Hure" betitelt, und die sich ihr seit über 20 Jahren keusch lebender Vater geangelt hat, der beeindruckende Zimmermann Joshua auftaucht. Von dessen Aussehen und insbesondere von seiner Aura und den unglaublichen Augen absolut geplättet, jedoch von seiner altmodischen, völlig ironielosen Art zu sprechen nur geringfügig verunsichert, ergreift Marie kurzerhand die Initiative und geht mit ihm dinieren. Das Joshua keine Pizza kennt (aber sofort liebt), belustigt sie nur, dass er jedoch einen Obdachlosen an den Tisch holt, um mit ihm "das Brot"  - repsektive die Pizza - zu teilen, verunsichert sie schon ein wenig mehr. Dass er sich dann von Sven, dem gehörnten Bräutigam, ordentlich verprügeln läßt (in dem er auch noch die andere Wange hin hält) findet sie dann doch nicht mehr lustig. Dennoch genießt sie den Abend und Josuhas Aufmerksamkeit auf ganz besondere Weise und verliebt sich nicht nur in seine Stimme, die er im lokalen Karaoke-Club auf betörende Weise einsetzt. Dass er sie nicht belogen hat, sondern in der Tat DER Jesus ist und nicht nur ein netter Spinner, der sich für den Messias ausgibt, glaubt sie erst, als er sie von ihrem gekenterten Tretboot über das Wasser laufend rettet. So treffend wie wohl für keine Frau zuvor trifft für Marie nun die alte Weisheit zu, dass sie sich immer in die falschen Männer verliebt.

Dumm nur, dass Gott andere Pläne hat und es sich nicht so einfach gefallen läßt, dass sich sein Sohn mit einer mittelmäßigen Mittdreißigerin einlässt, statt die Welt im Endkampf gegen Satan, der mittlerweile ebenfalls in Malente, und zwar in Form eines Schwarzen Schwans, angekommen ist, zu führen. Und so zitiert Gott nun Marie als ersten Menschen seit Moses zu sich, um sie davon zu überzeugen, die Hände von Jesus zu lassen, damit dieser seine Aufgabe erfüllen kann. Dieser Dialog (in dem Gott im Übrigen als Frau auftritt) gehört sicherlich zum Besten, was dieses Roman zu bieten hat. Denn Marie denkt nicht daran, klein beizugeben, sondern fordert Gott heraus, in dem sie ihm ein paar wichtige Fragen stellt, die dieser geduldig beantwortet: Ist Gott nun der strafende oder der liebende? (natürlich ist er beides in Einem, wußtet Ihr das nicht???) Wieso droht Gott den Menschen mit solch furchtbaren Strafen wie ewigem Fegefeuer? (weil der Erziehungsberechtigte nun mal seine Kinderchen ein wenig beeindrucken muß, um sie den rechten Weg gehen zu lehren), und warum hat er es zugelassen, dass Jesus so furchtbar leiden mußte, als man ihn ans Kreuz genagelt hat, statt ihn mittels eines Schlaftrunks friedlich aus dem irdischen Leben scheiden zu lassen? (weil es die Menschen waren - und denen wurde nun mal der freie Wille gegeben). Scheinbar hat Gott es nun mit Überzeugung (die auch ich schon immer für die beste aller Erziehungsmethoden halte) geschafft, Marie dahin zu bringen, ihren freien Willen dahingehend zu nutzen, mit Jesus "Schluss" zu machen.

Typisch Frau (dieser typisch männliche Einwurf sei mir an dieser Stelle gestattet) erklärt sie dem verblüfften Joshua nun, dass sie sich geirrt habe, und läßt ihn traurig am See zurück, nur um es sich kurz darauf anders zu überlegen und ihn abzufangen, bevor er wieder Richtung Jerusalem aufbricht, wo die Endschlacht beginnen soll. Dumm nur, dass gerade in dem Augenblick, als sie sich endlich küssen wollen, Satan mit seinen Reitern auftaucht, der, clever wie er ist, nicht nur den Ort des Geschehens von Jerusalem nach Malente, sondern auch den Beginn der Schlacht auf just diesen Moment verschiebt. Nun muss sich Jesus erst einmal mit Satan, dem Tod (der die Gestalt Maries angenommen hat), der Krankheit (Maries Schwester Kata, die einfach nur ihren beschissenen Gehirntumor loswerden wollte), dem Krieg (wer wäre hierfür besser geeignet als Maries ehemailger Verlobter Sven) und dem Hunger(Turnschuhpfarrer Dennis) auseinandersetzen.

Einzelheiten über dieses seltsame Geschehen in der Malenter Fußgängerzone, über die die Autoren der biblischen Offenbarung sicher nur ein müdes Lächeln übrig haben, erspare ich meinen Lesern an dieser Stelle. Nur so viel: Gott ist so schwer von Maries Liebe zu Jesus beeindruckt, die sich darin äußert, dass sie sich uneigennützig zwischen diesen und Satan stellt, dass er den Kampf abrupt beendet und den beiden seinen Segen gibt. Statt nun aber Jesus' Traum von einer eigenen Familie, den ihm damals schon Maria Magdalena verwehrte und der im Übrigen auch Maries Traum ist, Realität werden zu lassen, macht sie erneut eine Kehrtwende und erklärt dem nun vollends verdadderten Mann, dass beider freier Wille sich gegen diese Liebe entscheiden müsse, weil Jesus dadurch sterblich würde. Schließlich habe die ganze Menschheit einen Anspruch auf Jesus uneingeschränkte Liebe, wie könne sie diese nur allein auf sich konzentrieren?

Diese vielen Tricks und Kuhhändel, die sämtliche Protagonisten in dieser Geschichte gegenüber Gott bzw. Satan geltend machen, (und da habe ich noch nicht einmal erklärt, warum der Erzengel Gabriel seine Flügel abwarf und Mensch mit riesigen Rückennarben wurde!) erinnert mich irgendwie an einen türkischen Basar. Läßt sich Gott tatsächlich auf so etwas ein???

Jesus nun, voller Liebe zu seinem Vater, zu Marie und dem Rest der Menschheit, muss nun Maries Entscheidung respektieren  - was bleibt ihm auch anderes übrig? Hier ist er nun wirklich ganz Mensch und mir sehr nah, als er sich, verklausuliert, dieses beschissene "aber wir können ja Freunde bleiben" anhören und lächelnd "aber gern" antworten muss. Gottseidank hat er immer noch übermenschliche Fähigkeiten und so schafft er, was auf Erden sonst leider niemand kann: Mit einem keuschen Wangenkuß vertreibt er allen  Liebeskummer und Maries Trauer über diese unerfüllte Liebe ihres Lebens. Schade, dass nur Jesus solches zu tun vermag und er nie da ist, wenn man so ein Wunder benötigt...

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